Meine Blog-Liste

Mittwoch, 3. Mai 2017

Denkstil ist umgezogen!

Der Blog Denkstil ist umgezogen. Ab heute ist er erreichbar unter http://denkstil.bankstil.de/.

Es werden hier keine neue Beiträge mehr veröffentlicht. Die Seite steht noch für einen Übergangszeitraum zur Verfügung. 

Sonntag, 23. April 2017

Das späte Mittelalter war in keiner Weise ein dunkles Zeitalter (Carl-Friedrich von Weizsäcker)

Das späte Mittelalter war in keiner Weise ein dunkles Zeitalter; es war eine Zeit hoher Kultur, von gedanklicher Energie sprühend. Jene Zeit übernahm die Philosophie des Aristoteles, weil er sich mehr als irgend ein Anderer der sinnlichen Wirklichkeit annahm. Aber die Hauptschwäche des Aristoteles war, dass er zu empirisch war. Deshalb brachte er es nicht zu einer mathematischen Theorie der Natur. Galilei tat seinen großen Schritt, indem er wagte, die Welt so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren. Er stellte Gesetze auf, die in der Form, in der er sie aussprach, niemals in der wirklichen Erfahrung gelten und die darum niemals durch irgendeine einzelne Beobachtung bestätigt werden können, die aber dafür mathematisch einfach sind. So öffnete er den Weg für eine mathematische Analyse, die die Komplexität der wirklichen Erscheinungen in einzelne Elemente zerlegt. Das wissenschaftliche Experiment unterscheidet sich von der Alltagserfahrung dadurch, dass es von einer mathematischen Theorie geleitet ist, die eine Frage stellt und fähig ist, die Antwort zu deuten. So verwandelt es die gegebene "Natur" in eine manipulierbare "Realität". Aristoteles wollte die Natur bewahren, die Erscheinungen retten, sein Fehler ist, dass er dem gesunden Menschenverstand zu oft Recht gibt. Galilei zerlegt die Natur, lehrt uns, neue Erscheinungen willentlich hervorzubringen, und den gesunden Menschenverstand durch Mathematik zu widerlegen. 
Quelle: Die Tragweite der Wissenschaft

Samstag, 15. April 2017

Die Doppel-Helix. Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Strutur (James D. Watson)

Von Ralf Keuper

Die Entdeckung der Doppel-Helix durch James D. Watson und Francis Crick gehört zu den Höhepunkten der naturwissenschaftlichen Forschung des vergangenen Jahrhunderts. Der Weg, der die beiden Forscher zu dem Modell der Doppel-Helix führte, entspricht eigentlich gar nicht so sehr den Vorstellungen, die Außenstehende sich häufig von der Arbeit im Labor machen. 

Eine wichtige Inspirationsquelle bei ihren Überlegungen und Experimenten war die Entdeckung der Alpha-Spirale durch Linus Pauling. In Die Doppel-Helix. Ein persönlicher Bericht über die Entdeckung der DNS-Struktur schreibt James D. Watson:
Ich kam bald dahinter, dass Paulings Leistung ein Produkt des gesunden Menschenverstandes und nicht das Ergebnis komplizierter mathematischer Überlegungen war. Hier und da hatte sich eine Gleichung in seine Beweisführung verirrt, aber in den meisten Fällen hätten Worte es auch getan. Der Schlüssel zu Paulings Erfolg war sein Vertrauen auf die einfachen Gesetze der Strukturchemie. Die Alpha-Spirale war nicht etwa durch ewiges Anstarren von Röntgenaufnahmen gefunden worden. Der entscheidende Trick bestand darin, sich zu fragen, welche Atome gern nebeneinander sitzen. Statt Bleistift und Papier war das wichtigste Werkzeug dieser Arbeit ein Satz von Molekülmodellen, die auf den ersten Blick dem Spielzeug der Kindergarten glichen. 
Das Vorgehen erinnert ein wenig an das seit einigen Jahren so beliebte Rapid-Prototyping.  

Watson und Crick beschlossen daher, den Spuren von Pauling zu folgen:
Alles, was wir zu tun hatten, war, einen Satz Molekülmodelle zu bauen und damit zu spielen - wenn wir ein bißchen Glück hatten, würde die Struktur eine Spirale sein. Jede andere Art der Anordnung würde sich als ungleich komplizierter erweisen. Aber solange die Möglichkeit einer einfachen Lösung nicht ganz auszuschließen war, wäre es ja verrückt gewesen, sich wegen etwaiger Komplikationen Sorgen zu machen. Pauling hatte seien Erfolge auch nicht dadurch erzielt, dass er das Haar in der Suppe suchte. 
Der Fortgang ihrer Experimente zeigte jedoch, dass die Lösung komplizierter war als bei der Entdeckung der Alpha-Spirale:
In der Alpha-Spirale ist eine einzige Polypetidkette (Polypetid = Ansammlung von Aminosäuren) zu einem spiralförmigen Gebilde eingerollt, das durch Wasserstoffbindungen zwischen Gruppen derselben Kette zusammengehalten wird. Aber nach dem, was Maurice Francis erzählt hatte, war der Durchmesser eines DNS-Moleküls größer, als dies der Fall sein würde, wenn nur eine einzige Polynukleotidkette (Polynukleotid = Ansammlung von Nukleotiden) vorhanden war. Das hatte ihn auf den Gedanken gebracht, das DNS-Molekül könne eine mehrsträngige aus mehreren untereinander geschlungenen Polynukleotidketten bestehende Spirale sein. 
Erst nach unzähligen fehlgeschlagenen Versuchen kam Watson die entscheidende Idee:
Plötzlich erkannte ich die möglicherweise ungeheure Tragweite einer DNS-Struktur, in der die Adenin -Reste Wasserstoffverbindungen bildeten, wie sie ganz ähnlich in Kristallen von reinem Adenin vorkamen. Wenn die DNS tatsächlich diese Eigenschaft hatte, dann bildete jeder Adenin-Rest zwei Wasserstoffbindungen mit einem anderen Adenin-Rest, der im Verhältnis zu ihm um 180 Grad gedreht war.  ... Trotz des verkorksten Skeletts begann mein Puls schneller zu gehen. Wenn die DNS wirklich so aussah, und ich meine Entdeckung bekannt gab, würde die Nachricht wie eine Bombe einschlagen. Die Existenz zweier verschlungener Ketten mit identischen Basenfolgen konnte kein bloßer Zufall sein. 
An der Entdeckung der Doppel-Helix waren neben Watson und Crick noch andere Forscher - direkt oder indirekt - beteiligt. Neben Pauling waren das Erwin Chargaff, der übrigens kein gutes Haar an Watson und Crick ließ, Maurice Wilkins und vor allem Rosalind Franklin.  Einige halten Franklin für die eigentliche Entdeckerin der Doppel-Helix. Der Beitrag Die vergessene Entdeckerin der Doppelhelix ist dafür stellvertretend. 

Vor einigen Jahren sorgte James Watson für Empörung, als er sich mit der Aussage zitieren ließ, die Intelligenz der verschiedenen Ethnien sei unterschiedlich,  woraufhin ihm das Cold Spring Harbor Laboratory die Position als Kanzler entzog. 

Wir und die Maschinen, die wir geschaffen haben, bilden ein Kontinuum (Bruce Mazlish)

Unsere Hybris, die nach Freuds Einsichten in die Tiefe der Seele erneut (nach Darwin) erschüttert worden ist, könnte noch weiter schwinden mit der Erkenntnis, dass wir und die Maschinen, die wir geschaffen haben, ein Kontinuum bilden, selbst wenn dieses Kontinuum ein anderes ist, als das, was uns mit den Tieren verbindet. Die Kontinuität, von der ich spreche, entsteht mit der Anerkennung der biologisch-kulturellen Evolution der Menschheit, die uns zu dem Bewusstsein zwingt, dass Werkzeuge und Maschinen von unserem, nach Entwicklung drängenden Wesen nicht zu trennen sind. Durch die im Computer gipfelnde technische Entwicklung ist unübersehbar geworden, dass die Erklärungsmodelle der Mechanik auch dem Verständnis des menschlichen Tieres dienen - und umgekehrt, insofern unsere Einsichten in das menschliche Gehirn Licht werfen auf die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Dieser Blick auf die Koevolution von Mensch und Maschine hat nun seinerseits etwas Erhabenes, bei allen Gefahren, die auch in Zukunft auf uns lauern. Nur handelt es sich diesmal um Gefahren, die wir uns selbst geschaffen haben.
Quelle: Faustkeil und Elektronenrechner. Die Annäherung von Mensch und Maschine 

Samstag, 8. April 2017

Der Wert der wissenschaftlichen Entdeckung bemisst sich nicht nach ihrer bürgerlichen Nützlichkeit (Franz Marc)

Der Wert der wissenschaftlichen Entdeckungen bemisst sich nicht nach ihrer zufälligen und ihnen heimlich abgelockten, bürgerlichen Nützlichkeit, sondern durchaus nach dem Grade, mit dem sich unser geistiges Auge neu orientiert. Alle Entdeckungen sind nur rein geistige Wandlungen und Verschiebungen der Erkenntnisbasis. 
Wir zerlegen heute die keusche, spröde, immer täuschende Natur und fügen sie nach unserem Willen wieder zusammen. Wir blicken durch die Materie und der Tag wird nicht ferne sein, an dem wir durch ihre Schwingungsmasse hindurchgreifen werden wie durch Luft. 
Stoff ist etwas, das der Mensch höchstens noch duldet, aber nicht anerkennt. Wir müssen verlernen, in diesen Dingen nur glänzende Tricks und Exzentriks unseres praktischen Wissens zu sehn statt Geist, révélation, Offenbarung. 
Stoff und Raum verlieren für uns ihre Grenzen, ihre gotische Begrenztheit. 
Alles ist für unser Auge neu figuriert. 
Quelle: Franz Marc Schriften, hrsg. von Klaus Lankheit

Wirtschaftliche Einigung Europas (Raymond Aron)

Die Schaffung regional ausgeglichener Wirtschaftsräume ist die Antwort auf den Zusammenbruch der freien Weltwirtschaft. Sie wurde von Theoretikern und Wirtschaftsplanern erfunden, die ihre gedachte und errechnete Ordnung nicht mehr im Rahmen einer nationalen Wirtschaft unterbringen konnten und deshalb in Wirtschaftszonen zu denken begannen. So wurde Europa kurzerhand aus politischen und moralisch-sentimentalen Gesichtspunkten zur Wirtschaftszone erklärt, ohne dass man die Frage genau studiert hätte. Dei natürlichen Gegebenheiten stehen dem Zusammenschluss Europas nicht im Wege, sie sind aber auch nicht solcher Art, dass sie den Zusammenschluss gebieterisch fordern müssen. Die Vorteile eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses Europas sind aber wenigstens für die nahe Zukunft denen der nationalen Einheiten nicht wesentlich überlegen. Vor allem sieht man nicht, welchen Vorteil Großbritannien aus dem Zusammenschluss ziehen sollte. Die Frage, die von Sachverständigen, wenn nicht öffentlich, so doch in privaten Gesprächen immer wieder gestellt wird, ist deshalb verständlich: Lohnt es sich, eine Zwischenzone Europa zu schaffen, die zwischen den Nationen und einer Weltordnung steht?
Quelle: Im Kampf gegen die modernen Tyranneien. Ein Raymond Aron-Brevier