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Dienstag, 31. Dezember 2013

Ernst Jünger: Hommage an die Katzen

Von Ralf Keuper

Der Schriftsteller Ernst Jünger war als großer Katzenliebhaber bekannt. In seinen Tagebüchern berichtete er häufiger über seine besondere Beziehung zu seinen Katzen, wovon u.a. der Blog Kater Paul berichtet. 
Mehr auf die Eigenarten der Katzen ging Jünger in seiner Schrift Von Hund und Katz ein. 

Darin heißt es über Katzen:
Ihre Nähe ist gut für Menschen von ruhiger, betrachtender Lebensart. Die alten Frauen lieben sie sehr. .. Dem musischen Menschen leistet die Katze bessere Gesellschaft als der Hund. Sie stört die Gedanken, Träume, Phantasien nicht. Sie ist ihnen sogar günstig durch eine sphinxhafte Ausstrahlung. ..
Richtig ist, dass die Katze nicht an der Person hängt; sie ist nicht treu wie der Hund. Dafür liegt ihr die sklavische Ergebenheit fern. ...
Der Katze fehlt die unmittelbare strake Sympathie zur Person, die dem Hunde gegeben ist. Er ist der Begleiter des aktiven, wachsamen Menschen, vor allem des Jägers und des Hirten - schon in den frühesten Lagerfeuern muss er sich zu ihm gesellt haben. Das ist echte Symbiose, ein enges Zusammenleben und auch etwas mehr. ..
Die Katze hingegen ist ein Tier nicht des Lager-, sondern des Herdfeuers. Bei ihr schuf nicht die Lebensart des Menschen, sondern sein Wohnsitz die Gemeinschaft; es ist mehr ein Zusammenwohnen, das sie verbindet - weniger Symbiose als Synözie. ...
Es liegt daher in der Natur der Dinge, dass die Katze die Gesellschaft der Einsamen sucht. Sie gehört zur anderen Seite des Menschen - dorthin, wo er behaglich die Muße genießt, wo er Ideen nachhängt, dichtet, phantasiert und träumt. 
Quelle: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung Essays V. Band 11 Parerga zu "Annäherungen"

Montag, 30. Dezember 2013

Aphorismen zur Lebensweisheit (Arthur Schopenhauer)

Von Ralf Keuper

Die Aphorismen zur Lebensweisheit von Arthur Schopenhauer zeigen trotz ihres hohen Alters, was philosophisches Denken, das seinen Namen verdient, von den diversen Werken der modernen Ratgeberliteratur unterscheidet.

Wer es vorzieht, die Aphorismen zu hören, statt zu lesen, kann dies auf Youtube

Freitag, 27. Dezember 2013

Die einsame Masse (David Riesman)

Von Ralf Keuper

Obwohl bereits im Jahr 1956 erschienen, hat Die Einsame Masse des amerikanischen Soziologen David Riesman bis heute nur wenig an Anziehungskraft verloren. In Fachkreisen mit dem Prädikat „Erster internationaler Bestseller“ versehen, ist „Die einsame Masse“ auch an der deutschen Soziologie nicht spurlos vorübergegangen, was nicht zuletzt auch darin begründet ist, dass sich Riesman an der Methodik Max Webers orientiert.

Seine Analyse baut auf der Gegenüberstellung von Traditions- und Innen-Lenkung auf. Unter der Traditionslenkung versteht Riesman dabei eine Gesellschaftsordnung, die von einem hohen Maß an Stabilität gekennzeichnet ist, mit festgelegten Rollen und etablierten Gruppen, die wiederum durch die jeweilige Kultur zusammengehalten werden, wie sie z.B. durch bestimmte Riten, das Brauchtum und die Religion verkörpert wird. Damit sind die Lebensbahnen der Menschen sowie die Verfahren bzw. Routinen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu einem hohen Grad vorgezeichnet.
Wenig Anstrengung wird verwendet, um neue Lösungen für uralte Probleme zu finden, etwa auf die Technik des Ackerbaus oder auf die Medizin, da die Kultur gerade in deren Fraglosigkeit besteht.
Demnach wird die bestehende Ordnung als gegeben akzeptiert und nicht weiter in Frage gestellt. Eine Haltung, die so lange funktioniert, wie die äußere Umwelt vergleichweise stabil bleibt. Mit dem Aufkommen der Renaissance vollzieht sich für Riesman ein Wandel von der Traditionslenkung hin zur Innen-Lenkung. Jedoch ist auch hier das bestimmende Thema die Frage, wie die Konformität der Gesellschaftsmitglieder auch ohne direkte Bindung an die Tradition sichergestellt werden kann.
Die größten Chancen, die diese Gesellschaft zu vergeben hat – und die größte Initiative, die sie denen abverlangt, die mit den neuen Problemen fertig werden wollen, werden von Charaktertypen verwirklicht, denen es gelingt, ihr Leben in der Gesellschaft ohne strenge und selbstverständliche Traditionslenkung zu führen. Dieses sind die innen-geleiteten Typen.
Durch die Schaffung des innen-geleiteten Typus ist die Bahn frei für die weitere Analyse der modernen Gesellschaft, deren zentrale Aussagen auch heute noch zum Nachdenken anregen.
Die Tatsache, dass der Mensch sich in einer dynamischen Umwelt mit wechselnden Anforderungen zurecht finden muss, ohne dabei auf feste Rollenmuster oder überlieferte Traditionen zurückgreifen zu können, führt zur Entstehung eines neuen psychologischen Mechanismus in der offenen Gesellschaft, den er als den seelischen >Kreiselkompass< bezeichnet:
Nachdem dieses Instrument einmal von den Eltern und anderen Autoritäten in Gang gesetzt ist, hält es den innen-geleiteten Menschen >auf Kurs<, selbst dann, wenn die Tradition, die seinen Charakter geformt hat, seine Verhaltensweisen nicht mehr diktiert. So ist der innen-geleitete Mensch in der Lage, immer wieder jenes empfindliche Gleichgewicht zwischen den durch seine Lebensziele gestellten Forderungen un den Stößen, die er bei der Auseinandersetzung mit der Außenwelt empfängt, herzustellen.
Größte Herausforderung der Erziehung ist es demzufolge, die heranwachsenden Gesellschaftsmitglieder schon frühzeitig mit einem Kreiselkompaß zu versehen, der sie sicher durch die Unwägbarkeiten des vor ihnen liegenden Lebensweges geleitet.
Die Kinder werden erzogen und nicht mit Liebe umsorgt, wie es heute verschiedentlich wünschenswert erscheint, und selbst wenn sie das Elternhaus verlassen haben, wird die Erziehung als Selbsterziehung fortgesetzt. Ihr ganzes Leben begleitet sie der Gedanke, dass sie an ihrem Charakter arbeiten müssen.
Als wäre es mit der Ernüchterung und Desillusionierung nicht schon genug, erläutert Riesman wenig später.
Die verhältnismäßig große Unbehaglichkeit in einem unter strenger Innen-Lenkung stehenden Elternhaus – die fehlende Nachsicht und Ungeniertheit im Umgang mit den Kindern – bereitet das Kind auf die Einsamkeit und das seelische Unbehagen vor, die solche Fragen verursachen werden, und zugleich für die sozialen Situationen, denen es sich gegenübergestellt sehen wird .. Man kann sagen, dass Eltern, die selbst innen-geleitet sind, in ihr Kind einen seelischen Kreiselkompass einbauen und in Gang setzen, der nach ihren eigenen Angaben und denen anderer Autoritäten geeicht ist. Hat das Kind Glück, so stellt sich die Drehzahl weder zu hoch noch zu niedrig ein, was sonst einerseits die Gefahr hysterischen Zusammenbruchs und andererseits die des sozialen Versagens in sich trüge
Zum Glück belässt es Riesman nicht bei dieser doch recht düsteren Prognose. So sieht er für die Menschen, die sich nicht eindeutig typisieren lassen, einen Ausweg:
Immer mehr Fähigkeiten und Künste, die einst durch lange und mühselige handwerkliche und charakterliche Schulung im Menschen angelegt und kultiviert wurden, werden jetzt von maschinellen Arbeitsprozessen und einer reibungslos funktionierenden Arbeitsorganisation übernommen. .. In Krankenhäusern, Anwaltsfirmen und an den Universitäten ist nicht nur Platz für Leute, die sich auf den Umgang mit anderen Menschen verstehen, sondern auch für solche, die mit chemischen Formeln, Paragraphen und Ideen umzugehen wissen. So lassen sich noch viele Stellungen für den sachorientierten Fachmann finden, der es entweder nicht lernen kann oder will, mit den Wölfen zu heulen.

Die höfische Gesellschaft (Norbert Elias)

Von Ralf Keuper

Mit seinem Buch Die höfische Gesellschaft legte der bekannte Kultursoziologe Norbert Elias eine Gesellschaftsanalyse vor, die nur auf den ersten Blick für eine bestimmte Epoche, die er als die höfische bezeichnet, gültige Aussagen liefert.

Dabei legt Elias für seine Analyse die Figuration als zentralen Begriff zugrunde:

Die Tatsache, dass sich Figurationen, die Menschen miteinander bilden, oft weit langsamer ändern als die Menschen, die sie jeweils bilden, und dass dementsprechend jüngere Menschen in die gleichen Positionen eintreten können, die ältere verlassen haben, die Tatsache kurzum, dass gleiche oder ähnliche Figurationen oft genug geraume Zeit hindurch von verschiedenen Individuen gebildet werden können, läßt es so erscheinen, als ob die Figurationen eine Art von >>Existenz<< außerhalb von Individuen haben. Mit dieser Augentäuschung hängt der verfehlte Gebrauch der Begriffe >>Gesellschaft<< und >>Individuum<< zusammen, der es so erscheinen lässt, als ob es sich hier um zwei getrennte Gegenstände mit verschiedener Substanz handle.
Damit hat Elias die Richtung für die weitere Untersuchung festgelegt und erteilt allen Analysen, die unabhängig von Einzelmenschen glauben agieren zu können, wie >>Systemen<<, eine Absage. 

Historisch steht die lange Herrschaftszeit Ludgwigs XIV im Zentrum der Betrachtung. Für Elias ist die Regentschaft des Sonnenkönigs ein Präzendenzfall dafür, wie sehr die Interdependenzen der Gruppen einer Gesellschaft untereinander das Verhalten bzw. den Habitus ihrer Mitglieder über mehrere Generationen hinweg determinieren können. Obschon die Zeit Ludwigs XIV bereits geraume Zeit zurückliegt, ist Elias der Ansicht, dass die Beschäftigung mit ihr sehr wohl auch für unsere Zeit wertvolle Hinweise liefern kann:
Was hier über die höfische Gesellschaft gesagt wurde, kann den Zugang zum Verständnis der Zusammenhänge von Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen und Werthaltungen erleichtern. Wenn man in einer Gesellschaft aufwächst, in der der Besitz des Adelstitels höher rangiert als der Besitz erworbener Reichtümer, und in der die Zugehörigkeit zum Hofe des Königs oder gar das Privileg des Zutritts zur Person des Königs – entsprechend der existierenden Machtstruktur – als Lebenschance in der Skala der gesellschaftlichen Wertsetzungen und Normen ausrichten und an dem Konkurrenzkampf um solche Chancen zu beteiligen, sofern die soziale Position der eigenen Familie und die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten die Möglichkeit dazu gibt. ... Diese Wertinterdependenz verringert mit anderen Worten die Möglichkeit, dass ein einzelner Mensch heranwächst, ohne dass solche gesellschaftlichen Werthaltungen ein Teil seiner selbst werden.
Man braucht sich eigentlich nur die Werthaltungen unserer Gesellschaft bezogen auf die Arbeitswelt, wie Flexibilität, Mobilität, Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit, Offenheit für andere Kulturen usw. vor Augen zu führen, um zu verstehen, was er damit gemeint hat. 

Dennoch ist Elias weit davon entfernt, in die Rolle des Zynikers zu schlüpfen, sieht er doch in all den Bemühungen um gesellschaftliche Anerkennung der Invididuen eine Entwicklung, in deren Verlauf neben den flüchtigen Werten auch dauerhaftere die Chance haben, sich zu etablieren, was neue Einsichten ermöglicht. 

Bei allem äußeren Glanz des höfischen Lebens unter Ludwig XIV legt die soziologische Analyse den Blick auf ein Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten frei, das die einzelnen Individuen in das Korsett festgelegter Rollen zwängte, aus denen es kein Entrinnen gab, wenn man sich nicht selbst aus dem Spiel um Macht und Ansehen hinauskatapultieren wollte. Insofern entsteht der Eindruck von Marionetten bzw. Gefangenen der Konvention. 

Nun ist für Elias an der Zeit, die Verbindungslinie von der höfischen Gesellschaft bis in unsere Tage zu zeichnen:
Wenn man derart einige der >>basic personality characteristics<< oder, wie man zuweilen ausdrückt, den >>Geist<< der höfischen Menschen aus dem Gesellschaftsaufbau, aus der Figuration, aus dem Interdependenzgeflecht, das sie miteinander bilden, hervorgehen sieht, wenn man begreift, wie sie sich und ihre Äußerungen in einer ganz anderen Sphäre, nach einer ganz anderen Richtung, am intensivsten und nuanciertesten durchformten als wir, weil gerade diese Richtung, diese Sphäre der Durchformung für sie lebenswichtig war, wird zugleich etwas von der Entwicklungskurve sichtbar, die von jener Menschengestaltung zu der unseren führt und mit ihr auch das, was wir bei dieser Transformation gewonnen und verloren haben.
Doch damit nicht genug. Ausgehend von der Organisation des Hofes Ludwigs XIV mit seinen Problemen, lassen sich auch Parallelen zu heutigen Großorganisationen ziehen:
Trotz des formalen, auf schriftlichen Verträgen und schrftlichen Unterlagen augebauten Organisationsrahmens, der in der Staatsorganisation Ludwig XIV vorerst noch rudimentär und nur stellenweise entwickelt war, gibt es auch in vielen Großorganisationen unserer Tage, selbst in industriellen und kommerziellen Großorganisationen, Statusrivalitäten, Schwankungen des Spannungsgleichgewichts zwischen Teilgruppen, Ausnutzung interner Rivalitäten durch Übergeordnete und manche andere Erscheinungen, die bei der Untersuchung der höfischen Verflechtungen ins Blickfeld traten. Aber da die Hauptregelung der menschlichen Beziehungen in Großorganisationen formal in höchst umpersönlicher Art festgelegt ist, haben solche Erscheinungen heute gewöhnlich einen mehr oder weniger inoffiziellen oder informalen Charakter. Man findet dementsprechend in der höfischen Gesellschaft noch ganz offen und in großem Maßstabe manche Erscheinungen, denen man heute oft weit versteckter und verdeckter unter der Decke der hochbürokratisierten Organisation begegnet.
Die höfische Gesellschaft war, nachdem sie sich eingespielt hatte, in der Lage, durch einen Formalisierungsprozess, genau die Sitten und Gebräuche „bis in die Art des Sprechens, der Kleidung und selbst der Bewegungen des Körpers beim Gehen und der Gesten bei der Unterhaltung hinein“ hervorzubringen, die den Zutritt für Nicht-Eingweihte deutlich erschwerte, wenn nicht unmöglich machte: 
Es wurde schwerer als zuvor für Menschen, die nicht in der Hofluft aufgewachsen waren oder frühzeitig Zutritt zu höfischen Verkehrskreisen erlangten, die persönlichen Charakterzüge in sich auszubilden, durch die sich die aristokratischen Menschen des Hofes von den nicht-höfischen Adligen und den nicht-höfisch Bürgerlichen unterschieden und an denen sie sich gegenseitig erkannten.
Einige der geschilderten Mechanismen wirken auch bis in unsere Tage hinein, wie es beispielsweise Pierre Bourdieu in Die feinen Unterschiede dargelegt hat.

Weitere Informationen:

Norbert Elias und der frühneuzeitliche Hof - Versuch einer Kritik und Weiterführung

"Ich und Karl der Grosse. Das Leben des Höflings Einhard" von Steffen Patzold


Norbert Elias: Vom Außenseiter zum Klassiker

Sonntag, 22. Dezember 2013

Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (Peter L. Berger/Thomas Luckmann)

Von Ralf Keuper

Mit ihrem Buch Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit verhalfen Peter L. Berger und Thomas Luckmann der Wissenssoziologie zum Durchbruch. In der Folge avancierte das Werk zu einem Klassiker der Soziologie. 
Schlüsselbegriffe ihrer Untersuchung sind "Wirklichkeit" und "Wissen". Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es die Soziologie ihrer Ansicht nach versäumt, die Unterschiede zwischen den Begriffen und ihre Bedeutung für das tägliche (Zusammen-) Leben der Menschen herauszuarbeiten, wie sie gleich zu Anfang feststellen:
Die fundamentale Rechtfertigung des Interesses der Soziologie an der Problematik von "Wirklichkeit" und "Wissen" ist die Tatsache der gesellschaftlichen Relativität: was für einen tibetanischen Mönch "wirklich" ist, braucht für einen amerikanischen Geschäftsmann nicht "wirklich" zu sein. Das "Wissen" eines Kriminellen ist anders als das eines Kriminologen. Darauf folgt, dass offenbar spezifische Konglomerate von "Wirklichkeit" und "Wissen" zu spezifischen gesellschaftlichen Gebilden gehören und dass diese Zugehörigkeit bei der soziologischen Analyse dieser Gebilde berücksichtigt werden muss. ... Mit anderen Worten: Wissenssoziologie darf ihr Interesse nicht nur auf empirische Vielfalt von "Wissen" in den menschlichen Gesellschaften richten, sondern sie muss auch untersuchen, auf Grund welcher Vorgänge ein bestimmter Vorrat von "Wissen" gesellschaftlich etablierte "Wirklichkeit" werden konnte.
Eine besondere Bedeutung für die gesellschaftliche Wissensvermittlung haben die Institutionen. Die Welt, in die ein Mensch hineingeboren wird, wird zu einem großen Teil von den in ihr etablierten Institutionen geprägt und damit auch bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit. Für Berger und Luckmann repräsentieren sie sogar "Objektive Wirklichkeit". Der Mensch kann sich ihrem Einfluss nicht entziehen und muss daher lernen, mit ihnen umzugehen oder sich mit ihnen zu arrangieren. Institutionen sorgen dafür, dass das Leben der Menschen, zumindest in bestimmten Lebensbereichen, sich in den Bahnen der Gewohnheit bewegt:
Je mehr Verhaltensweisen institutionalisiert sind, desto mehr Verhalten wird voraussagbar und kontrollierbar.Wenn die Sozialisation des Einzelnen in die Institutionen hinein erfolgreich ist, können äußerste Zwangsmittel sparsam und mit Auswahl angewandt werden. Meistens stellt sich Verhalten "spontan" ein - in institutionell vorgeschriebenen Bahnen.
Mit Institutionen sind hier freilich nicht nur staatliche Verwaltungen gemeint, sondern auch das weite Feld der Sitten und Gebräuche ebenso wie das Rechtswesen eines Landes, einer Gesellschaft.

Indes lässt die Institutionalisierung in einer Gesellschaft häufig noch immer genügend Raum für Privatheit und Eigeninitiative, sofern man sie nicht als gottgegeben und unveränderlich hinnimmt:
Institutionalisierung ist jedoch kein unwiderruflicher Prozess, obwohl Institutionen, sind sie erst einmal entstanden, eine Neigung zur Dauerhaftigkeit zeigen. Aus einer Vielzahl historischer Gründe kann der Spielraum für institutionalisierte Tätigkeiten auch kleiner werden. Entinstitutionalisierung gewisser Bereiche des gesellschaftlichen Lebens kann um sich greifen. Die private Sphäre, wie sie sich zum Beispiel in unserer modernen Gesellschaft herausgebildet hat, ist, im Vergleich zur öffentlichen, in beachtlichem Maße frei von Institutionalisierung.
Institutionen müssen Berger und Luckmann zu Folge daher immer bestrebt sein, ihre Legitimation zu rechtfertigen und zu erneuern. Der Verweis auf die eigene lange Lebensdauer reicht hierzu nicht aus, kann sogar ein Grund dafür sein, sich endlich von ihr zu befreien oder sie einem tiefgreifenden Wandel zu unterziehen. 

Ähnlich wie Berger und Luckmann bewertete auch John Rawls die Rolle von Institutionen in einer Gesellschaft. So schreibt er in seinem Hauptwerk Eine Theorie der Gerechtigkeit:
Institutionen sind Verhaltensmuster, die durch öffentliche Regelsysteme festgelegt werden, und das bloße Innehaben der in ihnen bestehenden Ämter und Positionen ist gewöhnlich schon ein Zeichen für bestimmte Absichten und Ziele. Die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Ansichten der Menschen darüber haben starken Einfluss auf die Gefühle; sie bestimmen in hohem Maße, wie man es ansieht, wenn jemand eine Institution anerkennt oder verwirft oder sie versucht, zu reformieren oder zu erhalten.
In gleicher Weise wie Rawls äußerte sich Ralf Dahrendorf in einer Rede aus dem Jahr 1974

Der Wissenssoziologie wenig abgewinnen konnte Karl R. Popper schon im Jahr 1945. Darin wandte er sich entschieden gegen den Relativismus, dem die damals führenden Vertreter der Wissenssoziologie wie Max Scheler und Karl Mannheim in Nachfolge Hegels seiner Ansicht nach verfallen waren. Im Gegensatz dazu plädierte Popper für eine wissenschaftliche Haltung, die davon ausgeht, dass Theorien wie auch Institutionen sich der Kritik in einem fortlaufenden Prozess von Versuch und Irrtum stellen müssen. Zwar gebe es auch dann nur vorläufige Lösungen, was jedoch nicht auf Vorurteile und gesellschaftliche Verhältnisse zurückgeführt werden könne, sondern dem Prinzip des wissenschaftlichen Fortschritts entspricht:
Die Idee ist irrig, dass ein soziologisches, psychologisches, anthropologisches oder sonst ein Studium von Vorurteilen uns helfen kann, uns von ihnen zu befreien. Denn zahlreiche Denker, die sich diesen Studien widmen, sind voll von Vorurteilen; und die Selbstanalyse ist nicht nur unfähig, die unbewussten Determinanten unserer Ansichten zu überwinden, sondern sie führt sehr oft zu einer noch viel subtileren Selbsttäuschung. ... Die Selbstanalyse ist kein Ersatz für jene praktischen Handlungen, die zur Errichtung von demokratischen Institutionen notwendig sind; und nur diese können die Freiheit des kritischen Denkens und den Fortschritt der Wissenschaft garantieren. (in: Gegen die Wissenssoziologie, Karl Popper Lesebuch)
Zu dem Zeitpunkt als Popper diese Zeilen verfasste, lag die Veröffentlichung von Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (sie erschien 1966) noch in weiter Ferne. Ob sich Popper später mit Berger und Luckmann und der Wissenssoziologie ähnlich intensiv beschäftigt hat wie 1945 ist mir nicht bekannt. 

Insgesamt erscheint mir der Ansatz von Berger und Luckmann, zumindest als Hypothese, nach wie vor für brauchbar,um die Entstehung bestimmter gesellschaftlicher Konstrukte und vorherrschender Ideologien besser zu verstehen, so wie Ludwik Fleck in Denkstile und Tatsachen

Sonntag, 15. Dezember 2013

Johann Gottlieb Fichte: Die Bestimmung des Menschen

Von Ralf Keuper

Johann Gottlieb Fichte verdankt seinen Aufstieg, wie der hörenswerte Beitrag Johann Gottlieb Fichte. Die Bestimmung des Menschen u.a. berichtet, vom Hirtenjungen zu einem der einflussreichsten Denker seiner Zeit einem glücklichen Zufall. 

Seitdem gilt er als der Begründer des deutschen Idealismus. Sein Denken übte nicht nur auf Philosophen wie Schelling, sondern auch auf Künstler und Literaten wie Hölderlin und Novalis eine nachhaltige Wirkung aus. Vor allem Fichtes Kühnheit beeindruckte seine Anhänger, weshalb er auch einer der umstrittensten Philosophen seiner Zeit war. Für Fichte besteht die Welt nur in unserer Vorstellung. Der Mensch ist demnach der Schöpfer der Welt. 

Aussagen, oder wie man heute sagen würde, steile Hypothesen wie diese mussten zwangsläufig die Kirchen und die staatliche Obrigkeit in Alarm versetzen. Die Kirche, weil sie hier eine Umkehr des Schöpfungsgedankens erkannte, die Obrigkeit, da sie hier ein Zuviel an Selbstbestimmheit und Freiheit  sah. 
Fichte machte es seinen Gegnern wegen seines ausgeprägten Hangs zur Starrsinnigkeit und Rechthaberei nicht leicht. Für ihn galt lange Zeit der Wahlspruch: 
Lieber mutig zugrunde gehen, als nachgeben. 
Erst relativ spät lernte Fichte die Philosophie Kants kennen, die ihn selbst zum Philosophen machte. Insbesondere die Gedanken Kants zur Freiheit des Menschen beeindruckten ihn. Allgemeine Auffassung bis dahin war, dass der Mensch nicht frei sein könne, da er den Naturgesetzten unterliege. 

Mit seiner Schrift Versuch einer Kritik aller Offenbarung die zunächst anonym erschien, wurde er einem breiten Publikum bekannt. Wegen der Nähe zu der Philosophie Kants, wurde dieser zuerst für den Verfasser gehalten. Als Kant die Urheberschaft öffentlich dementierte, wurde Fichte mit einem Schlag berühmt. Für Fichte erwächst die Religion aus der Moral. Die Offenbarung kann dabei helfen, die Moral zu stärken. 
Goethe verschaffte Fichte seine erste Professur in Jena. In dieser Zeit erschien sein Werk Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre. Darin vertritt er die bereits erwähnte These, dass die Welt unsere eigene Schöpfung ist. Dabei geht Fichte über Kant hinaus. Kant war noch der Ansicht, dass wir die Welt, in der wir leben, nur zum Teil selbst hervor bringen. Fichte dagegen behauptet, dass die Freiheit auch für unser Erkennen gelten muss. Wir müssen annehmen, dass unsere Erkenntnis der Welt ganz aus uns selbst stammt. Denn, nur etwas, das wir erkennen können, kann für uns existieren. Die Welt wird durch den Menschen erschaffen. Das Ich des Menschen setzt sich, indem es sich seiner selbst bewusst wird, selbst. Das Nicht-Ich ist alles andere in der Welt außer dem Menschen. Von diesen Gedanken fühlten sich besonders Künstler angesprochen, da auch sie in ihren Werken eine eigene Welt schaffen. 

Sein aufbrausendes Temperament bereitete Fichte mit der Zeit auch in Jena Schwierigkeiten. Zuletzt revoltierten die Studenten offen gegen ihn. Goethe als sein Vorgesetzter sorgte für seine Entlassung. In der darauffolgenden Zeit sorgte Fichte mit seiner Rede an die Deutsche Nation für Aufsehen. Zu dieser Zeit erkrankte er an Typhus, woran er 1814 im Alter von 51 Jahren verstarb.

In seinen letzten Jahren wurde seine Philosophie milder, seine Temperamentsausbrüche ließen nach. Von nun an galt für ihn: 
Was für eine Philosophie man wählt hängt davon ab, was man für ein Mensch ist.
Daraus entstand sein letzten großes Werk Die Bestimmung des Menschen. Die reine Wissenschaft reicht ihm von nun an nicht mehr. Fichte beschäftigt sich intensiv mit der Frage des Glaubens. Ihm verlangt nach etwas außerhalb der Vorstellung und Wissenschaft liegendes. 
Wissen erlangen wird durch das Hineinhorchen in uns selbst. Der Mensch ist zum moralischen Handeln da - das ist der Sinn des Lebens. Auf die stimme des Gewissens zu hören, ist die einzige, die wahre Bestimmung des Menschen.
Die Moral führt uns über unser sinnliches Dasein hinaus. Das rein geistige Reich als moralische Welt. Wenn wir unserem Gewissen gehorchen, werden wir selbst ein Teil dieser Welt. Der Glaube an einen ewigen guten Willen ist gewisser Weise ein Glauben an Gott. Ich weiss, was ich wissen kann und was ich nicht wissen kann.

Rudolf Eucken, selbst ein bedeutender Vertreter des Idealismus, fasste Fichtes Werdegang und den seiner Philosophie in die Worte: 
Fichte ist durch sein ganzes Leben im Grunde seiner Seele sich selbst treu geblieben, aber seine anfängliche Lehre, die alles von der Bewegung des Ich ableiten wollte, hat später eine Milderung erfahren: von der bloßen Tätigkeit hat sich ein überlegendes Sein abgehoben; indem es damit zur Aufgabe wird, dieses lebendige Sein in der Tätigkeit darzustellen, wird diese ruhiger und innerlicher, auch dem Individuum überlegener. Auf diesem Boden erreicht die Religion eine größere Wärme und eine persönlichere Färbung, es gilt zum Gedeihen der einzelnen Stelle vor allem das rechte Verhältnis zum Ganzen zu finden, es entsteht eine moderne Mystik, die den Menschen das "Ewig Eine" als das allein Wesenhafte in seinem eigenen Leben und Tun erfassen heisst. (in: Die Lebensanschauungen der großen Denker)
Wilhelm Weischedel beschrieb den Wandel, und in gewisser Weise die Vollendung von Fichtes Philosophie wie folgt:
An die Stelle des absoluten Ich tritt so der absolute Gott. Das ist die große und entscheidende Kehre im Denken Fichtes. .. In diesem Gedanken des späten Fichte ist die Selbstherrlichkeit des absoluten Ich endgültig gebrochen. Aber nicht mit der Gewaltsamkeit des zerstörerischen Abbruches. Vielmehr in der stillen Weise, in der das Ich sich in die Gottheit als in seinen eigensten Ursprung versenkt und seine Freiheit in der Freiheit Gottes birgt: "Leben in Gott ist frei sein in ihm": das ist das letzte Wort der Philosophie Fichtes, des Rebellen der Freiheit. (in: 34 große Philosophen in Alltag und Denken. Die  philosophische Hintertreppe)

Der Philosoph Joachim Ritter und die blinden Flecken der Feuilletonisten

Von Ralf Keuper

In den letzten Tagen berichteten verschiedene überregionalen Zeitungen, wie die NZZ und die SZ, über eine Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach, die sich mit der Aktualität der Philosophie von Joachim Ritter beschäftigte. 
Die Kommentare sparen nicht mit Lob für den Philosophen Ritter und seine Schule, zu der u.a. Odo Marquard und Hermann Lübbe gerechnet werden. Großzügig übersehen wurde dabei die Rolle des Gefeierten während der Zeit des Nationalsozialismus. 

Dazu kann man auf Wikipedia lesen:
Am 11. November 1933 gehörte er zu den Unterzeichnern des Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat.[1] 1937 trat er in die NSDAP, die NS-Studentenkampfhilfe, den NS-Lehrerbund und die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt ein.[1] 
Ein nicht ganz unwesentliches "Detail". 

In Zeiten, in der selbst Unternehmen ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten, scheinen die Zünfte der Philosophen und der Feuilletonisten dafür keine Veranlassung zu sehen. Die Zahl der Erasmier unter den Intellektuellen war, wie Ralf Dahrendorf in seinen Buch Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung festgehalten hat, schon immer überschaubar.

Weitere Informationen:

Sonntag, 8. Dezember 2013

Neuro-Hype: Einige Anmerkungen zur Hirnforschung

Von Ralf Keuper

Die Hirnforschung hat sich in den letzten Jahren den Status einer Meta-Wissenschaft erworben. Kaum ein Problem, das ohne Rückgriff auf die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung untersucht wird. Dabei reicht die vermeintliche Deutungshoheit inzwischen weit über den Dauerbrenner des Freien Willens hinaus. Vorläufiger Höhepunkt ist das Human Brain Project der Europäischen Kommission. 
Gegen den, zumindest impliziten, Absolutheitsanspruch der Hirnforschung regt sich mittlerweile wachsender Widerstand. 

Wie bei anderen Wissenschaften auch, existieren in der Hirnforschung unterschiedliche Richtungen. Neben Hardlinern wie Wolf Singer, Gerhard Roth und Thomas Metzingerfür die Bewusstsein letztlich nur ein Derivat im Gehirn ablaufender neuronaler Prozesse ist, stehen Forscher wie Michael Madeja und der verstorbene Detlef B. Linke, die eine moderatere Position einnehmen. 

Davor setzten sich Karl R. Popper und John C. Eccles in ihrem Buch Das Ich und sein Gehirn kritisch mit der Hirnforschung auseinander und warben für ihren Dualistischen Interaktionismus. Der von Popper geprägte Begriff des Schuldschein-Materialismus trifft nach wie vor auf die materialistische Position der Hirnforschung zu. Demnach wenden die Anhänger einer materialistischen Auffassung gegen Kritik immer wieder ein, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis endlich alle Daten vorlägen, um die materialistische Position hieb- und stichfest zu begründen. 

Tor Norretranders hat in seinem lesenswerten Buch Spüre die Welt. Die Wissenschaft des Bewusstseins u.a. mit dem Verweis auf das Gödelsche Theorem den Ansprüchen bestimmter Hirnforscher die Grenzen aufgezeigt. Demzufolge kann keine Theorie vollständig und konsistent zugleich sein. Der Schriftsteller Hans-Magnus Enzensberger verfasste dazu eine Hommage an Gödel. 

Hans Jörg Sandkühler ging in seinem Buch Kritik der Repräsentation den Ursachen des aktuellen Neuro-Hype auf den Grund:
Bleibt die Frage nach den Gründen der unübersehbaren Attraktivität des Materialismus, des Naturalismus und des Reduktionismus innerhalb und außerhalb der Wissenschaft. Es scheinen einige Gründe mitzuspielen: Metaphysiken der Selbstoffenbarung des Seins versprechen nach dem Ende der klassischen Metaphysik Orientierungssicherheit in Zeiten der Unübersichtlichkeit, d.h. eine ungefährdete Heimat nahe am Sein selbst. .. Wo von Persil bis zum PKW alles permanent neu sein muss, kann man sich auch bezüglich des Ich, der Intentionalität, der Willensfreiheit etc. das Neueste leisten; dies trifft offensichtlich auch für Wissenschaftler zu, die flugs Neuro-Linguistiken, Neuron-Literaturwissenschaften, Neuro-Rechtswissenschaften, Neuro-Religionswissenschaften usf. wie Herbstmoden kreieren. 
Kritik von Seiten der Physik kam kürzlich von Brigitte Falkenburg in ihrem Buch Mythos Determinismus. Gerhard Roth reagierte auf die Kritik in einer Rezension

Eine Zwischenstellung nimmt Merlin Donald in seinem Buch Triumph des Bewusstseins. Die Evolution des menschlichen Geistes sein. Das folgende Zitat ist für seine Haltung prägnant:
Unsere neuronalen Modelle von dem Prozess, in dem eine Bedeutung in einer vorgegebenen Form abgebildet wird, beschreiben bestenfalls die Oberfläche des Ganzen. Wir wissen so gut wie nichts über die Einzelheiten der Vorgänge in den gewaltigen neuronalen Netzwerken, welche diese komplexen Spannungszustände erzeugen. Allerdings weist einiges darauf hin, dass Spannungszustände zwischen großen neuronalen Netzwerken Parallelen zu den jeweiligen Zuständen unseres semantischen Bewusstseins aufweisen. Das Bewusstsein initiiert und überwacht alle bedeutsamen symbolischen Operationen. 
Vom Standpunkt der evolutionären Erkenntnistheorie argumentiert Hoimar von Ditfurth, indem er zu etwas mehr Bescheidenheit angesichts der Zeitbedingtheit unserer Erkenntnisfähigkeit rät:
Auch wenn wir, auf der Erde jedenfalls, die Spitze dieser Entwicklung bilden: Es gibt keinen, es gibt nicht den geringsten Grund zu der Annahme, dass ausgerechnet unser Erkenntnishorizont, just heute, bis zu dem maximalen Umfang gediehen seine könnte, der die Voraussetzung dafür wäre, dass in unserem Erleben, erstmals in der Geschichte des Universums, subjektive Wirklichkeit und objektive Realität zusammenfielen. ... Alles in allem liefert somit die evolutionäre Betrachtung der Voraussetzungen unserer "Weltbildes" mir unabweisbar erscheinende Indizien für die Annahme, dass auch für uns noch weite Bereiche der objektiv existierenden Welt in einer unerreichbaren Transzendenz liegen. Natürlich kann man darüber streiten, ob dieser Bereich groß oder klein ist. Aus verschiedenen Gründen .. dürfte es sich empfehlen, ihn nicht zu unterschätzen. (in: Unbegreifliche Realität)
Ob reduktionistisch, naturalistisch, materialistisch oder monistisch: Es bleibt etwas, was sich nicht erklären lässt - auch nicht unter Zuhilfenahme größter Datenmengen und der intelligentesten Algorithmen. Oder, wie es der Physiker P.W. Anderson einmal formuliert hat: More Is Different

Weitere Informationen:







Sonntag, 1. Dezember 2013

Über Modellplatonismus und andere Gebrechen der Ökonomie

Von Ralf Keuper

Über den wissenschaftlichen Gehalt der Ökonomie wird in letzter Zeit vermehrt diskutiert. Seit der Finanzkrise steht die Zunft der Ökonomen unter strenger Beobachtung. Lisa Nienhaus sah sich veranlasst, das Versagen der Ökonomen in dem Buch Die Blindgänger. Warum die Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden aufzuarbeiten.
Zweifel an der Aussagekraft ökonomischer Theorien wurden schon vor langer Zeit formuliert, wie von Adam Müller im Jahr 1816:
Nichtsdestoweniger ist in dem allwissenden Jahrhundert kein Gegenstand unerforschter und geheimnisvoller als das Geld und unter allen Fortschritten des Jahrhunderts keine Wissenschaft so stationär als die Nationalökonomie. (in: Geschichte der Ökonomie)
An dem Befund hat sich nicht viel geändert. Auch heute ist von vielen Seiten der Vorwurf zu hören, die Ökonomie betrachte die Wirtschaft als geschlossenes System und blende dabei die vielfältigen Beziehungen zur Außenwelt aus, die ebenfalls das wirtschaftliche Gleichgewicht beeinflussen. Überhaupt haben die Naturwissenschaften die Vorstellung eines natürlichen, statischen Gleichgewichts, wie sie von der Ökonomie noch heute in weiten Teilen propagiert wird, schon lange hinter sich gelassen.

Aus Sicht des Kritischen Rationalismus unterzog Hans Albert im Jahr 1963 die Ökonomie in seinem Beitrag Model Platonism: Neoclassical economic thought in critical light einer Überprüfung. Der deduktive Ansatz der Neoklassik, der weite Teile der Empirie ebenso vernachlässigt wie die Motivationen und das soziale Milieu der Handelnden, lässt sich nach Ansicht von Hans Albert kaum mit den Ansprüchen moderner Wissenschaften vereinbaren. Vorherrschender Zug ist, wie bei vielen deduktiven Ansätzen, die Immunisierung, d.h. die Umdeutung von oder Ignoranz gegenüber widersprechenden Beobachtungen.

Frei nach Hegel, dem Alt-Meister des deduktiven Denkens: Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen - schlecht für die Fakten!

Weitere prominente Kritiker an der neoklassischen Schule der Ökonomie sind bzw. waren Herbert A. Simon, Armin Falk und der Physiker Lee Smolin.

Der Wissenschaftsphilosoph Ludwik Fleck brachte soziale Ursachen für die Blickverengung der Wissenschaften, nicht nur der Ökonomie, in die Diskussion. Demnach bilden sich mit der Zeit Denkkollektive,die einen bestimmten Denkstil pflegen und diesen auch dann noch aufrecht erhalten, wenn die Fakten schon längst eine andere Sprache sprechen. Übertragen auf die aktuelle Ökonomie setzt sich das Denkkollektiv der Anhänger der neoklassischen Schule aus Professoren, Politikern, Wirtschaftsjournalisten, Lobbyisten und einigen Bloggern zusammen.
Thomas S. Kuhn sah die Zeit für die Ablösung eines vorherrschenden Paradigmas erst dann gekommen, wenn die tonangebende Generation abtritt, womit er im Grunde eine biologische Erklärung gab. 

Pierre Bourdieu argumentierte ähnlich wie zuvor Fleck, indem er ein "soziales Feld" als Ursache für die Beharrlichkeit bestimmter Positionen in Wissenschaft und Gesellschaft ausmachte, worauf der lesenswerte Beitrag Who made economics hinweist. 

Wie immer man auch zur Ökonomie, ganz gleich welcher Richtung, stehen mag, so bleibt doch festzuhalten, dass Gemeinschaften ebenso wie Gesellschaften auf Erzählungen angewiesen sind. Früher waren es die alten Mythen, Sagen und die religiösen Überlieferungen, die für den nötigen Kitt sorgten, den jede Gesellschaft benötigt. Nachdem diese Erzählungen durch den rasanten Aufstieg der Wissenschaften an Überzeugungskraft verloren haben, sind andere Erzählungen an ihre Stelle getreten - wie die Ökonomie. Ökonomie quasi als Ersatz-Religion, was bei den vielen metaphysischen Anleihen ("Unsichtbare Hand", "Homo Oeconomicus", "Selbstheilungskräfte des Marktes") nicht weiter verwundert. Keine wissenschaftliche Theorie, auch nicht aus dem Bereich der ansonsten allgegenwärtigen Naturwissenschaften, hat auch nur annähernd in den modernen Gesellschaften eine Bedeutung erlangt wie die Ökonomie. Ihr Erfolg weist darauf hin, dass sie einen Bedarf deckt, der von anderen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen nicht in dieser Weise befriedigt werden kann - wie z.B. von der Soziologie und Philosophie. 

Die Entwicklung der Ökonomie ist demnach, allen theoretischen und sonstigen Defiziten zum Trotz, eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Das ändert jedoch nichts daran, dass sie, um ihre Akzeptanz als Wissenschaft in der Gesellschaft nicht zu verlieren, anderen Richtungen gegenüber, wie es die Plurale Ökonomik fordert, aufgeschlossen sein sollte. Anderenfalls verstärkt sich der Eindruck, es mit einer Offenbahrungslehre zu tun zu haben. 

Keine Frage: Den Höhepunkt menschlicher Denk- und Erkenntnisfähigkeit haben wir mit der Ökonomie wohl noch nicht erreicht. Verglichen mit den ideologischen Verirrungen der Vergangenheit schneidet die Ökonomie, frei von Ironie, insgesamt aber gar nicht so schlecht ab. 

Zu den wenigen Veröffentlichungen aus der Hand von Ökonomen, die nach wie vor zu lesen lohnen, zählen für mich Nationalökonomie - wozu?  von Walter Eucken, Geschichte der Volkswirtschaftslehre von Edgar Salin und Leidenschaften und Interessen von Albert O. Hirschman.  

Weitere Informationen:

Sonntag, 24. November 2013

Johann Georg Hamann - Magus des Nordens

Von Ralf Keuper

Lange Zeit galt Johann Georg Hamann als Irrlicht unter den deutschen Denkern. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich der Blick gewandelt. Seitdem stehen die häufig sprunghaften und nicht immer leicht zugänglichen Gedankengänge Hamanns in dem Ruf, zu einem bessern Verständnis einiger Entwicklungen der modernen Gesellschaft beitragen zu können, wie in Fragen des Glaubens und der Naturwissenschaft. Erwin Chargaff, der scharfzüngige Kritiker der modernen Naturwissenschaften bzw. der Genforschung, berief sich immer wieder auf Hamann:
Es ist natürlich nicht ungefährlich, einen alten Denker als Kronzeugen anzurufen gegen eine Richtung, welche die Wissenschaft unserer Tage eingeschlagen hat. Dennoch möchte ich sagen, dass es so etwas gibt wie eine umgekehrte Vogelperspektive: aus der fernen Distanz der Vergangenheit lässt sich unsere Gegenwart mit klareren Augen erblicken. (in: Warnungstafeln. Die Vergangenheit spricht zur Gegenwart)
Von Hamanns Denken beeinflusst, ja beeindruckt waren neben Dichtern wie Herder, Goethe und Ernst Jünger auch Philosophen wie Schelling und Kierkegaard. Hegel dagegen tat sich, was nicht verwundert, schwer mit Hamanns Denken und Stil, während Wilhelm Dilthey dagegen schon aufgeschlossener war.

Der Philosophie seines Gönners Immanuel Kant stand Hamann kritisch gegenüber. Zu sehr vertraue Kant auf das Vermögen des abstrakten, reinen Denkens und vernachlässige dabei den Wert der Sprache:
Kant hat das Wort vergessen, ein Purismus der Vernunft von der Sprache aber ist unmöglich. Wer nicht in die Gebärmutter der Sprache, welche die Deipara [Gottesgebärerin] unserer Vernunft ist, eingeht, ist nicht geschickt zur Geistestaufe einer Kirchen- und Staatsreformation.
Martin Seils hat die Besonderheiten im Denken Hammans in seinem Buch Wirklichkeit und Wort bei Johann Georg Hamann besonders eindrücklich herausgearbeitet. (Vgl. dazu: Golgotha und Schiblimini)

Seine letzte irdische Zuflucht fand Hamann bei der Fürstin von Gallitzin, die mit dem Kreis von Münster einen Salon unterhielt, ähnlich dem berühmten der Rahel Varnhagen
Jedenfalls war der Kreis von Münster so bekannt, dass neben Hamann auch Goethe den weiten Weg nach Westfalen auf sich nahm. Goethe u.a. auch, um das Grab Hamanns zu besuchen. Hamanns letzte Stunden hielt die Fürstin von Gallitzin in ihrem Tagebuch fest. Seine letzte Ruhestätte fand Hamann in ihrem Garten. 

Friedrich Leopold zu Stolberg gibt dazu folgende Schilderung:
Im Garten der Fürstin liegt Hamann begraben. Inschrift und Urne bezeichnen die Ruhestätte des tiefen Denkers, dessen Geist sich oft aus Adlerschwingen poetischer Kraft erhob und in Gewölken sich verlor, wohin nur der schärfste Blick, und auch nicht der immer, ihm nachsieht. Mit einem Mann von seinem Geist, seinem Herzen, musste die Gallitzin sympathisieren. Beider kindliche Einfalt, im echt evangelischen Sinne, heiligte ihre Freundschaft und hob den protestantischen Weisen sowohl als die eifrige Katholikin über ihre ängstliche Bedenklichkeit ihres verschiedenen Bekenntnisses. (Besuch in Münster, in: Westfälisches Hausbuch)
In Münster hält man sein Andenken daher auch heute noch wach, wie mit den Magus-Tagen. In diesem Jahr erhielt der Berliner Philosoph Wilhelm Schmidt-Biggemann den Hamann-Forschungspreis. 

Sonntag, 17. November 2013

Vom Ursprung der Kultur im Spiel

Von Ralf Keuper

Schon die römischen Kaiser wussten um die Bedeutung des Spiels für eine Gesellschaft. Um das Volk bei Laune zu halten, errichteten sie Spielstätten, in denen die Zuschauer den verschiedensten Spektakel beiwohnen konnten, wie im Kolosseum in Rom. Den römischen Dichter Juvenal veranlasste das zu einer Satire, in der er das auch heute noch geläufige Motto panem et circenses prägte - Brot und Spiele.

Allerdings wäre es einseitig, die Bedeutung des Spiels nur auf manipulative Zwecke zu reduzieren. Der niederländische Historiker Johan Huizinga sah im Spiel den Ursprung der Kultur. In seinem Buch Homo Ludens - Vom Ursprung der Kultur im Spiel breitet Huizinga seine Gedanken dazu aus. Der Vorzug des Spiels ist, dass es seinem Wesen nach universell ist: 
Das Vorhandensein des Spiels ist an keine Kulturstufe, an keine Form von Weltanschauung gebunden. Ein jedes denkende Wesen kann sich die Realität Spiel, Spielen, sogleich als ein selbständiges, eigenes Etwas vor Augen führen, sogar wenn seine Sprache kein allgemeines Begriffswort dafür besitzen sollte. Das Spiel lässt sich nicht verneinen. Nahezu alles Abstrakte kann man leugenen: Recht, Schönheit, Wahrheit, Güte, Geist, Gott! Den Ernst kann man leugnen, das Spiel nicht. 
Häufig ist das Spiel der einzige Weg, um der allumfassenden (Zweck-) Rationalität zeitweise zu entgehen - damals wie heute: 
Das Dasein des Spiels bestätigt immer wieder, und zwar im höchsten Sinne, den überlogischen Charakter unserer Situation im Kosmos. Die Tiere können spielen, also sind sie bereits mehr als mechanische Dinge. Wir spielen und wissen, dass wir spielen, also sind wir mehr als bloß vernünftige Wesen, denn das Spiel ist unvernünftig. 
Auch, oder gerade im Informationszeitalter hat das Spiel seinen Platz behalten. Erwähnt sei die schier endlos wachsende Zahl der Computerspiele. Ökonomen haben eine Spieltheorie entwickelt, die jedoch vom Homo Oeconomicus und nicht vom Homo Ludens ausgeht. 

Spiel kann auch zur Sucht werden und dabei destruktive Züge annehmen. Fjodor Dostojewski, selbst von der Spielsucht geplagt, arbeitete seine Erfahrungen in dem Roman Der Spieler auf. Gesellschaftsspiele dienen in erster Linie der Geselligkeit. Ein lesenswerter Blog zu dem Thema ist zuspieler.de
Sportereignisse, insbesondere aus dem Profi-Sport, haben neben der Unterhaltungs- vor allem eine kommerzielle Funktion. 

Seit einiger Zeit versuchen Unternehmen ihre Kunden über Anwendungen, die spielerische Elemente enthalten, an sich zu binden. Das Schlagwort hierfür heisst Gamification

Das Spiel hat mindestens zwei Gesichter - zum einen kann es sinnstiftend und kreativitätsfördernd sein, zum andern kann es für manipulative Zwecke gebraucht werden oder in die Sucht führen. 

Sonntag, 10. November 2013

Über Mythologien

Von Ralf Keuper

Seit einigen Jahrtausenden helfen Mythen den Menschen dabei, die Stellung ihrer Kultur, ihres Stammes oder Volkes im Kosmos einzuordnen. Schöpfungsmythen sind in Naturvölkern weit verbreitet, wie bei den Hopis oder in der Traumzeit der australischen Aborigines. Unter den europäischen Mythologien sticht besonders die der alten Griechen hervor. Viele Mythen und Sagen wurden fester Bestandteil der Literatur eines Kulturraumes, wie die Epen Homers. 

Was den Beitrag der Mythen für die Sinnstiftung heutiger Gesellschaften anbelangt, gehen die Meinungen z.T. weit auseinander. Für Karl R. Popper dienen Mythen dazu, geschlossene, totalitäre Gesellschaften zu errichten, die Einflüssen von außerhalb ablehnend bis feindlich gegenüberstehen, da sie die Ordnung der Gemeinschaft und ihre auf den Überlieferungen beruhenden Überzeugungen herausfordern. Kurzum, Mythen tendieren dazu, gegen rationale Kritik unempfindlich zu sein. In diesem Punkt stimmt Jürgen Habermas mit Popper weitgehend überein. Kulturelle Überlieferungen müssen ihre z.T. verborgenen Geltungsansprüche einem öffentlichen Diskurs zugänglich machen. Leszek Kolakoswki räumte ein, dass Mythen mit modernen Zivilisationen zusammengehen können, sofern sie 
die jeweiligen Situationen nicht präjudizieren, sondern sie situationsbezogen zu interpretieren gestatten. (in: Leben trotz Geschichte)
Für Karl Kerényi und Joseph Campbell besteht der Wert der Mythen für die heutige Zeit, in der die Religionen an Akzeptanz verlieren, zumindest in der westlichen Welt, in ihrer Fähigkeit Orientierung zu geben und Sinn zu stiften. Dabei kommt den Mythen ihr universeller Charakter zu Gute, d.h. ihre Geschichten kreisen meistens um dieselben Gegenstände und Fragen, wie bei den Schöpfungsmythen oder den Heldensagen. 
Kerényi fasste das Wesen der Mythen in die Worte:
Das Zurückgehen auf den Ursprung und Urzeit ist der Grundzug jeder Mythologie. .. Alle Institutionen mythologischer Zeitalter schöpfen ihre Verklärung und Begründung, das heißt ihre Heiligung durch ein Ursprungsmythologem, aus dem gemeinsamen göttlichen Ursprung des Lebens, dessen Formen sie sind. (in: Humanistische Seelenforschung)
Aussagen wie diese lassen (zwangsläufig) großen Interpretationsspielraum und laden zur Ideologisierung ein. Nicht selten geraten Mythenforscher daher auch auf Abwege wie Mircea Eliade.  

Alles in allem ist mir die Sicht von Kolakowski am nächsten. 

Weitere Informationen:

Hans Blumenberg: Keine Politik ohne Mythos

Freitag, 8. November 2013

Marc Aurel über nachlassende Denkkraft im Alter

Wir müssen nicht allein bedenken, dass jeden Tag etwas an unserem Leben aufgezehrt wird und ein immer kleinerer Teil davon übrig bleibt, sondern auch das ist zu beherzigen, dass, wenn gleich jemand länger leben sollte, es doch ungewiß ist, ob auch seine Denkkraft zur Würdigung der Verhältnisse und zu der Betrachtung, welche auf Einsicht in göttliche und menschliche Dinge abzweckt, für die Zukunft ungeschwächt ausreichen werde. Denn wenn der Mensch einmal anfängt, geistig abgestumpft zu werden, so mag zwar das Vermögen, zu atmen, zu verdauen, Einbildungen und Triebe zu haben und alles andere derart bei ihm noch nicht aufhören; die Fähigkeit dagegen, seine Kräfte selbsttägig zu gebrauchen, die Pflicht, jedesmal erschöpfend zu berechnen, die Erscheinungen genau zu zergliedern .. und über andere dergleichen Dinge, welche einer wohl geübten Denkkraft gar sehr bedürfen, sich klar zu werden: diese Fähigkeit erlischt bei ihm vorher. Wir müssen uns also beeilen, nicht nur, weil wir dem Tode mit jedem Augenblicke näher kommen, sondern auch deswegen, weil das Vermögen, die Dinge zu verstehen und zu verfolgen, oft schon früher aufhört. 
Quelle: Marc Aurel - Selbstbetrachtungen

Sonntag, 3. November 2013

Leszek Kolakowski: Intellektuelle contra Intellekt

Von Ralf Keuper

In seinem Aufsatz Intellektuelle contra Intellekt geht der Philosoph Leszek Kolakowski näher auf das zwiespältige Verhältnis der Intellektuellen zum Intellekt ein, das in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche besonders deutlich hervortritt. Obwohl man eigentlich davon ausgehen könnte, dass Intellektuelle gegenüber betont anti-intellektuell auftretenden Strömungen weitgehend immun sind, zumindest mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung, zeigt sich immer wieder, dass auch sie den Verführungen der Despoten allzu bereitwillig erliegen. Prominentes Beispiel ist Martin Heidegger

Kolakowski beschreibt dieses wiederkehrende Phänomen:
Was immer die Erklärung ist, man kann überzeugt sein, dass jede religiöse oder soziale Bewegung, mag sie auch den aggressivsten Anti-Intellektualismus predigen, begeisterte Unterstützung durch einige Intellektuelle finden wird, die in der bürgerlichen Zivilisation des Westens groß geworden sind und deren Werte ostentativ verwerfen, um sich der Herrlichkeit gesunder Barbarei zu beugen. 
Um das Dilemma fassen zu können, greift Kolakowski auf die Unterscheidung von Wahr und Gültig zurück. Wahr ist, was sich mit Hilfe der allgemeinen Regeln der deduktiven und probabilistischen Logik als solches erweisen lässt, gültig ist dagegen nur, was sich unter Berufung auf die Tradition Geltung verschafft: 
Diese Unterscheidung jedoch kann niemals alle Zweifel daran beseitigen, was in unserer Kultur zu welchem Bereich gehört. Der Glaube an die Allgemeingültigkeit gewisser kultureller Muster (eingeschlossene Denkmuster) läuft dem Bedürfnis nach "totalem Engagement" oder "globaler Zugehörigkeit" zu einer bestimmten Kultur oder Subkultur oder militanten Gruppe entgegen. .. Vorbehaltloses Engagement fällt schwer, wenn wir uns bewusst sind, mit unseren Feinden einige grundlegende Werte gemein zu haben - selbst intellektuelle. 
Machen sich Intellektuelle zu Fürsprechern des "Totalen Engagements" und stellen die Gültigkeit über die Wahrheit, ersetzten sie also die Kriterien der Wahrheit durch (totales) Engagement, dann verstoßen sie gegen die Idee der Universalität der Vernunft:
Die Idee, dass die Menschheit sich von ihrem geistigen Erbe "befreien" und die "qualitativ andere" Wissenschaft oder Logik begründen solle, ist der Wegbereiter eines bildungsfeindlichen Despotismus. 
Quelle: Leszek Kolakowski: Leben trotz Geschichte