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Donnerstag, 10. Januar 2013

Echtzeitstimmung

In seinem Klassiker Haben oder Sein charakterisierte der Sozialpsychologe Erich Fromm  eine am Sein orientierte Zeitauffassung als diejenige, die die Zeit zwar respektiert, sich ihr aber nicht unterwirft.

Liest man dagegen die diversen Artikel, die neuerdings zum Thema Echtzeit, vornehmlich im IT-Umfeld erscheinen, hat es den Anschein, als würden die Zeitdiebe, vor denen Michael Endes Momo stets auf der Flucht war, im neuen Gewand erscheinen.
Zeit wird hier zur ultimativen Ressource, die es effizient zu managen gilt. Das erinnert sehr an die Ratgeberliteratur der Vergangenheit, die uns das persönliche Zeitmanagement näher zu bringen versuchte. Inzwischen ist mit Lothar Seiwert einer ihrer prominentesten Vertreter auf Distanz zu seinem früheren Dogma gegangen. Anderswo nimmt der Zug dagegen erst richtig an Fahrt auf. 

Mit den uns heute zur Verfügung stehenden informationstechnologischen Möglichkeiten, wie sie beispielsweise mit der neuen Datenbanktechnologie HANA von SAP zur Verfügung stehen, bekommt die Zeit nach Ansicht vieler Berater für die Unternehmen eine erfolgskritische Bedeutung. Informationen, sowohl aus externen wie auch aus internen Quellen, gilt es möglichst in Echtzeit, d.h. ohne Zeitverzug zu bewerten und in Handlungen umzusetzen. Anderenfalls droht die Konkurrenz vorbeizuziehen, indem sie dieselben Informationen durch rasche und gezielte Aktionen gewinnbringend verwertet.
Zu dem Dilemma der Echtzeitverarbeitung für die Unternehmen aus Sicht des organisationalen Lernens habe ich mich bereits an anderer Stelle geäußert: 

Hier nun möchte ich den Schwerpunkt auf die qualitative Dimension der Zeit eingehen. In den Werken, die sich kritisch mit dem postmodernen Zeitverständnis auseinandersetzen, tauchen immer wieder die Begriff Systemzeit, Eigenzeit und Rhythmen auf, wie z.B. bei Karlheinz Geißler. Aber auch bei Naturwissenschaftlern wie Friedrich Cramer finden sich ähnliche Gedanken, wie er sie in seinem Buch Der Zeitbaum niedergeschrieben hat. Cramer legt in Anlehnung an Aristoteles der irreversiblen Zeit besondere Bedeutung bei. Demnach besitzen Naturprozesse ihre eigene Zeit, die sog. Eigenzeit. Daraus folgt, dass sich die Prozesse nicht über einen Kamm scheren, d.h. nach quantitativen Kriterien miteinander vergleichen, sich nicht beschleunigen lassen und falls doch, die Ergebnisse den Erwartungen nicht entsprechen werden, was aber häufig dadurch aufgefangen wird, indem das Tempo noch erhöht wird usw.
Jetzt wäre es wahrlich von den Unternehmen zu viel verlangt, die jeweiligen Eigenzeiten korrekt zu bestimmen und sich danach zu richten. Auf allen Unternehmensebenen, vor allem aber auf der höchsten, ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt zu entwickeln, das liegt sehr wohl im Bereich des Möglichen. Wie in vielen, fast allen Lebensbereichen ist das Timing häufig der Schlüssel zum Erfolg, wie Frank Partnoy in seinem Buch Wait - The Art and Science of Delay u.a. am Beispiel von Warren Buffett veranschaulicht. 

Die auf maximale Verwertung gerichtete Zeitauffassung, diejenige, die Erich Fromm als die am Haben orientierte bezeichnete, führt nicht nur zu einer weiteren Unterwerfung, sondern vor allem zum Verlust der schöpferischen Augenblicke, die sich in kein Zeitkorsett zwängen lassen. So jedenfalls kann die viel gerühmte Kreativität nicht zur Entfaltung kommen und das Wissen nicht zum Vorteil gereichen. Der zeitliche Druck auf die Arbeitnehmer dürfte sich noch verstärken, die an sich lobenswerten Bemühungen einiger namhafter Unternehmen, die Erreichbarkeit nach Feierabend einzuschränken oder gar aufzuheben wird dadurch konterkariert.



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