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Donnerstag, 31. Januar 2013

Fehlanreize in der Medizin, oder: Die Grenzen der Ökonomisierung

Nachdem in den letzten Jahren auch in der Medizin die Ökonomisierung Einzug gehalten hat, formiert sich mittlerweile Widerstand. Neben den Ärzten, die sich über den zunehmenden Druck in den Kliniken, ihre Fallzahlen zu erreichen, beklagen, sind es die Kunden, die Patienten, die sich auf die Rolle als reine Umsatz- und Ertragsbringer reduziert sehen. Dagegen bleibt die Gesundheit, das eigentliche Ziel aller Bemühungen, allzu häufig auf der Strecke.  

Mittlerweile werden die Grenzen der Ökonomisierung in der Medizin immer offenkundiger. So kommen in der Reportage Vorsicht Operation der ARD einige Patienten und Ärzte zu Wort, deren Aussagen ein Licht auf die z.T. gravierenden Defizite in der Patientenversorgung werfen. Wie Manager in der freien Wirtschaft auch, werden Ärzte, die häufig nur noch befristete Arbeitsverträge bekommen, an Zahlen gemessen, die in den Zielvereinbarungen festgelegt werden. Für jede Abteilung, wie die Orthopädie, werden Planzahlen festgelegt, bei deren Übererreichung entsprechende Bonuszahlungen für die behandelnden Ärzte anfallen. Ein Prinzip, das schon in der freien Wirtschaft, man denke nur an die Banken, zu unbefriedigenden Ergebnissen und Nebenwirkungen geführt hat. In der Medizin sind die Auswirkungen für die Betroffenen noch direkter und von größerer Dauer. Vom Verlust an Lebensqualität, der kaum in Zahlen gemessen werden kann, ganz zu schweigen. 
Einer der vehementesten Kritiker der Bezahlung über Zielvereinbarungen und von Anreizen in Deutschland ist Niels Pfläging

In dem Filmbeitrag der ARD kommt u.a. auch der amerikanische Management-Papst Michael E. Porter zur Wort, der sich bereits seit zehn Jahren intensiv mit der Thematik beschäftigt. In verschiedenen Studien haben sein Team und er die Gesundheitssysteme mehrerer Länder miteinander verglichen, wobei sie für Deutschland eine überproportionale Zahl von Operationen feststellten, insbesondere in der Orthopädie, wo die Operationen im Vergleich zur Inneren Medizin deutlich besser vergütet werden. Auf diese Weise werden die ertragreichen Sparten dazu verwendet, die weniger profitablen zu finanzieren. Es kommt zu einer klassischen Fehlallokation der Ressourcen, um im Ökonomen-Jargon zu reden. 

Erstaunlich in Deutschland ist, dass keine objektiven Zahlen zu den Operationserfolgen, und zwar auf lange Sicht, vorliegen, d.h. niemand kann sagen, in welchen Krankenhäusern die besten Ärzte der jeweiligen Fachrichtungen zu finden sind. Klinische Langzeitstudien sind eine Seltenheit. Michael E. Porter und die in dem Film befragten Ärzte sehen hier den entscheidenden Hebel, um die Gesundheitsversorgung, neudeutsch: nachhaltig verbessern zu können, ohne die Qualität zu beinträchtigen; bei sinkenden Kosten. Michael E. Porter hat dafür ganz in der Tradition seiner Wettbewerbstheorie das Value-Based Health Delivery - Modell entwickelt.  

Wenn schon einer der Hardliner der Wettbewerbsorientierung in der Wirtschaft vor einer übertriebenen und einseitigen Anwendung ökonomischer Prinzipien im Gesundheitswesen warnt, dann läuft wohl wirklich etwas schief. 

Ob sein Weg der einzig wahre ist, steht dagegen auf einem anderen Blatt. Ein Anfang ist es allemal.  

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