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Freitag, 18. Januar 2013

Von der Anonymität des Geldes

Rainer Hank, streitbarer Wirtschaftsredakteur der FAZ, bezeichnet in seinem aktuellsten Beitrag die Anonymität als den entscheidenden Vorzug des Geldes. Überhaupt kommt für ihn die emanzipatorische Wirkung des Geldwesens in der häufig geäußerten Kritik an der Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche viel zu kurz. Meistens wird sie gar nicht erwähnt. Ein Fehler, wie er meint, da Geld für sich genommen nichts weiter als ein neutrales Tauschmittel ist, das keinen direkten Bezug zum Ansehen, der Rasse, der ethnischen Herkunft und dem Geschlecht seines Eigentümers hat. Das Geld ist seinem Wesen nach demokratisch, egalitär. Es kümmert sich nicht darum, welchen Geschäften es seine Herkunft verdankt und wofür es verwendet wird - Geld stinkt bekanntlich nicht. Allenfalls die Menge der für Tauschzwecke zur Verfügung stehenden Geldmittel macht - auf lange Sicht zumindest - einen Unterschied. Häufig jedoch steht Geld synonym für Reichtum, Macht und Ausbeutung. Dem werden Gesellschaften entgegengehalten, in denen das Geld als Tausch- bzw. Zahlungsmittel keine oder nur eine geringe Rolle spielte. 
Unter Berufung auf den Wirtschaftshistoriker Peter Temin weist Hank nun nach, dass Geld bereits in der Antike auf den Märkten zum Kauf von Waren und Sklaven verwendet wurde. Dabei stellt er der gewagte Behauptung auf, dass es den Menschen im antiken Rom besser erging als den nachfolgenden Generationen bis zum Einsetzen der industriellen Revolution. Da die direkten Vergleichsmöglichkeiten fehlen, bleibt es bei einer Behauptung. 
Als Hauptverantwortlichen für die wachsende Kritik an der Ökonomisierung und dem Geld als vorherrschenden Zahlungsmittel macht Hank den ungarischen Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi aus, dessen epochales Werk The Great Transformation in letzter Zeit wiederentdeckt wird. Ihm lastet er dann auch die Diskreditierung des Marktes bzw. der Marktgesellschaft an, wie sie neuerdings auch von Peer Steinbrück in Teilen übernommen wird. 

Tatsächlich behauptete Polanyi, dass der Markt erst seit dem 19. Jahrhundert seine dominierende Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft innehat. Davor war der Profit-Gedanke beim Güteraustausch von nur untergeordneter Bedeutung. Mit Blick auf die Hanse und die Handelsaktivitäten der italienischen Stadtstaaten eine ebenfalls gewagte Aussage. 

Trotzdem ist die Abqualifizierung Polanyis als Sozialromantiker und Bohemien nicht aufrecht zu erhalten. Was Polanyi besonders betont hat, war die Einbettung des Tauschhandels in das Sozialgefüge einer Gesellschaft, die durch das Aufkommen des Homo Oeconomicus und der Marktgesellschaft in ihren Grundfesten ernsthaft erschüttert wurde. Ein Punkt, auf den neben Polanyi auch Charles Horton Cooley hingewiesen hat. Viele der sozialen Beziehungen haben sich seitdem aufgelöst, ohne dass häufig ein gleichwertiger Ersatz geschaffen wurde. Auch Geld kann diese Lücke in den meisten Fällen nicht wirklich füllen. Insoweit spricht nach wie vor einiges für die Position Polanyis.

Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Geld für die Entwicklung der modernen Gesellschaft unabdingbar war. Mit modern ist hier die Offene Gesellschaft von Karl Popper gemeint, die er gegen die geschlossene Gesellschaft, die ihren Zusammenhalt aus Traditionen, Riten und Mythen bezieht, abgrenzt. 

Der eigentliche Begründer der modernen Systemtheorie, Talcott Parsons, sah die Funktion des Geldes und von Märkten ausgesprochen nüchtern: 
Die Differenzierung autonomer Strukturen erfordert die Entwicklung eines verallgemeinerten Zahlungsmittels in Verbindung mit einem Marktsystem. Geld und Märkte funktionieren dort, wo Arbeitsteilung genügend komplex ausgeprägt ist und Handlungsbereiche in ausreichendem Maße von politischen, gemeinschaftlichen oder moralischen Geboten differenziert sind. Von allen verallgemeinerten Mechanismen gesellschaftlichen Austauschs sind Geld und Märkte am wenigsten direkt mit der normativen Ordnung verknüpft, da ihr Hauptgewicht auf der gesellschaftlichen Gemeinschaft liegt. Deshalb wird die praktische Rationalität in der Hauptsache von institutionellen Normen geregelt, in erster Linie von den Institutionen des Privateigentums und des Vertrags, die andere Sanktionsgrundlagen besitzen. (in: Das System moderner Gesellschaften) 
Demzufolge erfordert die wachsende Arbeitsteilung und die Ausdifferenzierung der Gesellschaften ein entsprechendes Zahlungsmittel und den dazugehörigen Koordinationsmechanismus. 

So weit so gut, möchte man sagen, wenn da nicht die Erfahrung der letzten Jahre wäre, die uns deutlich vor Augen geführt hat, dass Geld in erster Linie ein Zahlungsversprechen ist, das auf Vertrauen beruht. Sobald das Vertrauen verflogen ist, ist das Versprechen und damit auch das Geld wertlos. Ein (Kategorie-)Fehler daher, das Geld für neutral oder anonym zu halten. 

Für Aaron Sahr ist es kein Geringerer als Aristoteles, auf den die Trennung von Wirtschaft und Gesellschaft zurückgeht. Damit war der Boden für den Siegeszug des Geldes und der Marktgesellschaft bereitet. Aufgrund seiner Bedeutung, die es heutzutage erlangt hat, schlägt Aaron vor, Geld als politisches Projekt zu begreifen:
Wir sollten unser Geld als ein gesellschaftliches Projekt begreifen, bei dem Gläubiger wie Schuldner ein Risiko zu tragen haben und bereit sein müssen, es unter Bedingungen einzugehen, die in letzter Konsequenz politisch ausgehandelt werden. Marktliberale genauso wie staatszentrierte .. Forderungen ignorieren in der Regel, was ein Kreditgeldsystem notwendig verlangt: eine gemeinsame Strategie nämlich, die eine allgemein zustimmungsfähige und glaubhafte Zukunft entwirft, um die Glaubwürdigkeit von Rückzahlungsversprechen zu gewährleisten. Eine auf Kreditgeld basierende Wirtschaft ist so im Kern angewiesen auf politische Sorge. (ebd.)
So neutral und anonym wie Rainer Hank u.a. meinen, ist das Geld dann doch nicht. Allerdings kann es auch nicht pauschal für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht werden. Die Vor-und Nachteile gilt es immer wieder abzuwägen und auch öffentlich zu diskutieren. Geld ist vor allem auch ein Maßstab dafür, wie groß das Vertrauen einer Gesellschaft in den Markt  und das politische System ist. Mit Anonymität alleine ist das nicht zu schaffen.  



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