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Samstag, 2. Februar 2013

Herbert A. Simon über die blinden Flecken der Neoklassik

Von Ralf Keuper

Herbert A. Simon, Psychologe, Politikwissenschaftler und Wirtschaftsnobelpreisträger, Erfinder des Begriffs der "Bounded Rationality" , setzt sich in seinem Vortrag aus dem Jahr 2000 kritisch mit der neoklassischen Wirtschaftslehre auseinander, für die der Markt der Koordinationsmechanismus schlechthin ist, und der von nutzenmaximierenden Akteuren bevölkert wird. Staatliche Institutionen sollen sich danach möglichst aus dem Wirtschaftskreislauf heraushalten, um keine unnötigen Störungen des Marktes zu provozieren, der von selbst stets nach dem Gleichgewicht strebt. Dieses Verständnis hält Simon für wirklichkeitsfern, da es ausblendet, wie sehr eine funktionierende Wirtschaft auf staatliche Koordination angewiesen ist, z.B. in Form von Gesetzen und bei der Finanzierung von Infrastruktur. Ebenso unterschätzt wird die Koordinationsfunktion von Organisationen, die sich ebenfalls der reinen Rationalität des Marktes entziehen. Organisationen ebenso wie staatliche Institutionen sind historisch ältere Phänomene als der Markt, wenngleich es hier auch andere Stimmen gibt, und sind insofern die Voraussetzung dafür, dass sich die Marktwirtschaft überhaupt erst etablieren konnte. Die enge Verbundenheit der Akteure, Institutionen und Organisationen lässt sich nicht auf die reine Marktlogik reduzieren. Sie bilden eine Einheit. 


Herbert A. Simon ist auch als einer der Väter der Computerwissenschaft bekannt. Einen guten Einblick in seine Gedankenwelt vermittelt das Buch Die Wissenschaft vom Künstlichen




Kommentare:

  1. Marktwirtschaft oder Ausbeutung

    „Es ist vollkommen richtig, dass eine freie Marktwirtschaft zu einer dauernden Harmonie von Angebot und Nachfrage, zur Vollbeschäftigung, allmählichen Zinssenkung, ansteigenden Reallöhnen und Wirtschaftsblüte führen muss. Nur die Voraussetzungen bestanden nicht. … Was man für eine Wirtschaft der freien Konkurrenz gehalten hatte, war eben keine freie, sondern eine Monopolwirtschaft gewesen. Eine solche konnte die günstigen Auswirkungen, die man von einer freien Wirtschaft mit Recht erwarten durfte, nicht erfüllen!
    Die schwerwiegendsten Folgen ergaben sich, als die Politik sich des bestehenden Widerspruchs bemächtigte. Man machte für die üblen Folgen der Monopolwirtschaft, für die wiederkehrenden Wirtschaftsstörungen, Krisen, Dauerarbeitslosigkeit, chronische Unterbeschäftigung, für die sozialen Missstände, die Verarmung der breiten Massen, die Proletarisierung des ehemaligen Mittelstandes usw. die – nicht existierende – freie Wirtschaft verantwortlich. Man warf und wirft der Wirtschaftswissenschaft vor, die von ihr gepriesene und nach ihrer ausdrücklichen Erklärung verwirklichte „freie Wirtschaft“ tauge nichts, habe nicht gehalten, was man sich von ihr versprochen hatte und führe, anstatt zur vorausgesagten Wirtschaftsblüte und Harmonie, zu unerträglichen wirtschaftlichen und sozialen Missständen. Das Heil liege in einer staatlichen Planwirtschaft, in einer rigorosen Einschränkung, wenn nicht gar Abschaffung der privaten Unternehmertätigkeit, in einer Abkehr von der „freien“ Wirtschaft. Andere politische Richtungen wieder verweisen auf die zahlreichen Übelstände der staatlichen Planwirtschaft und fordern die „Rückkehr zur freien Wirtschaft“ – die es noch nie gegeben hat -, kurzum: die Begriffsverwirrung ist allgemein.“

    Otto Valentin (Irrtümer um die freie Wirtschaft, 1952)

    Die Begriffsverwirrung hält bis heute an und musste zur „Finanz- und Schuldenkrise“ führen, von der die Dummen (Politiker und Berufsökonomen) nicht wissen, um welches Phänomen es sich handelt, nämlich die (beginnende) globale Liquiditätsfalle (nach J. M. Keynes). Weil die Grenzen des quantitativen Wachstums erreicht sind, zieht sich das Zinsgeld vom Anlagemarkt zurück, macht aufgrund seiner Wertaufbewahrungs(un)funktion vom Geldstreikmonopol Gebrauch und wartet auf „bessere Zeiten“ für die kapitalistische Ausbeutung.

    Die „hohe Politik“ unterstützt die weitere Ausbeutung nach „bestem Wissen und Gewissen“, indem sie die Staatsverschuldungen erhöht, die Geldmengen ausweitet und überall dort, wo es niemanden interessiert, Kriege anzettelt, um wenigstens in der „3. Welt“ durch umfassende Sachkapitalzerstörungen den Zinsfuß hochzuhalten. Niemand ist dafür verantwortlich zu machen, denn „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit“:

    Das Jüngste Gericht

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  2. Besten Dank für den Kommentar. Wir befinden uns tatsächlich in einer Liquiditätsfalle. Never Mind the Markets hat das Thema gestern aufgegriffen und wie ich finde gut bzw. plausibel erklärt. http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/11543/die-liquiditatsfalle-in-bildern/

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