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Samstag, 30. März 2013

Bertrand Russell: Denker der Zivilcourage

Von Ralf Keuper

Der Radiobeitrag Bertrand Russell: Der Nobelpreisträger unter den Philosophen schildert Leben und Werk eines der einflussreichsten und schillerndsten Denkers des 20. Jahrhunderts. 

Geboren als Graf (Earl) und damit Angehöriger der obersten Gesellschaftsschicht Großbritanniens, wird Bertrand Russell von seiner Großmutter ausgesprochen freigeistig erzogen, wodurch sie in ihm den Kampf für Chancengleichheit und die Liebe zur Philosophie und Mathematik weckt. 
Schon als junger Student hielt Russell wenig von Autoritäten. Die herkömmliche Philosophie war für ihn nicht mehr als ein kurioser Ulk.

Auch als Professor war er alles andere als ein weltfremder Theoretiker. In diversen Zeitungsartikeln nahm er  zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung und scheute dabei auch nicht vor unpopulären Aussagen zurück. So hielt der die Monarchie für hoffnungslos rückständig und plädierte für ein Wahlrecht der Frauen. Sein Atheismus und Pazifismus ebenso wie seine Sympathien für die Arbeiterklasse brachten ihm heftige Kritik ein. 

1914 zählte er zu den wenigen Intellektuellen, die nicht in das allgemeine Schlachtengeheul einstimmten. Seine Agitation gegen den Krieg brachte ihm sechs Monate Haft und den Entzug der Lehrbefugnis ein. 
Der Aufenthalt im Gefängnis weckte in ihm die Frage, welche Übel es sind, die zum Krieg führen. 
Insgesamt machte er drei Übel ausfindig: Einmal das Übel des Körpers, Fehler des Charakters (Unwissenheit, Weigerung zu lernen) und die Machtliebe (Fremde Gedanken und Interessen für die eigenen nehmen). Für die physischen Übel ist die Wissenschaft, für den Charakter die Bildung und für die Macht die Politik zuständig. 

Eine Reise mit einer Delegation der Labour Party im Jahr 1920 in die Sowjetunion und die persönliche Bekanntschaft mit Lenin enttäuschten den bis dahin überzeugten Sozialisten Russell maßlos und führten zur entschiedenen Ablehnung des Sowjetkommunismus, der für ihn das glatte Gegenteil des Ideals einer freien Gesellschaft verkörperte.

Fortan fühlte sich Russell keiner Ideologie mehr verbunden. Maßstab war nur der gesunde Menschenverstand.
Sein Aufenthalt in China inspirierte ihn zu seinem vielleicht schönsten Buch Die Eroberung des Glücks. Darin  kritisiert er den Massenkonsum und propagiert die Ganzheitlichkeit des Menschen. 

Ideologien sind nach Russell Ausdruck unseres tierischen Erbes und Ergebnis unsers Willens zur  Rudelbildung, was uns anfällig für irrationale Maßnahmen macht, die unsere eigene Urteilsfähigkeit ausser Kraft setzen. Stattdessen vertrauen wir Lehrsätzen sog. Autoritäten oder Experten. 

Der Überfall Hitlers auf Polen und der Beginn des Krieges machen aus dem Pazifisten Russell einen entschiedenen Befürworter des Krieges gegen Nazi-Deutschland. 

In seiner Zeit in Cambridge erscheint sein noch immer lesenswertes Hauptwerk Philosophie des Abendlandes, das ihm neben anderen Werken den Nobelpreis für Literatur einbrachte. Über die Zielsetzung seines Buches schreibt Russell: 
Um ein Zeitalter oder ein Volk verstehen zu können, müssen wir seine Philosophie verstehen, und um seine Philosophie zu begreifen, müssen wir selbst zu einem gewissen Grade Philosophen sein. Wir haben es hier mit einer wechselseitigen Ursächlichkeit zu tun: die Lebensumstände der Menschen bestimmten weitgehend ihre Philosophie, während umgekehrt auch ihre Philosophie in hohem Maße ihre Lebensumstände bedingt. Diese Wechselwirkung durch die Jahrhunderte zu verfolgen, ist das Thema der nächsten Seiten. 
Allerdings war er nicht, wie es in dem Beitrag und der Überschrift heißt, der erste und einzige Philosoph, der den Literaturnobelpreis erhielt. Vor ihm waren es Rudolf Eucken und Henri Bergson, die diese Auszeichung entgegen nehmen konnten. 

Die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war überschattet von dem Bau der Atombombe mit ihren verheerenden Möglichkeiten zur Kriegsführung. Für Russell trat der Mensch hinter der Wissenschaft zurück. Die moralische Entwicklung des Menschen hinke der technischen hinterher. 

Es war Russells Überzeugung, dass der Mensch nur durch sein eigenes politisches Handeln verbessert werden kann, weshalb er sich auch immer wieder in politische Diskussionen einschaltete. Ein Beispiel dafür ist das Einstein-Russell-Manifest, das zu den ersten Abrüstungsverhandlungen führte. In der Kuba-Krise fungierte Russell als Vermittler zwischen Kennedy und Chrustschow. 
Dass die Krise quasi in letzter Minute noch abgewendet werden konnte, gilt auch als sein Verdienst. 

Weitere Informationen: 

"Formen der Macht" von Bertrand Russell 



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