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Freitag, 1. März 2013

Die Grenzen der Aufklärung angesichts gesellschaftlicher Eigenentwicklungen

Von Ralf Keuper 

Albrecht Müller zweifelt an dem Erfolg seiner inzwischen zehn Jahre währenden Aufklärungsarbeit gegen den seiner Ansicht nach kollektiven Wahn, der Reformstau sei die Ursache der Krisen. Anders als der vor einigen Tagen verstorbene Stéphane Hessel, ist Müller mit Blick auf die Zukunft pessimistisch. 

Der Erfolg von Aufklärung, wie Albrecht Müller sie vorschwebt und auch praktiziert, war - jedenfalls so weit ich es beurteilen kann - fast immer durchwachsen. Das Schicksal teilt Müller mit vielen Philosophen, Staatsdenkern und Politikern vergangener Jahrhunderte. Selbst ein Alexis de Tocqueville ist davon nicht ausgenommen. Warum also soll es ausgerechnet heute anders sein?
Aus der Tatsache, einen Misstand treffend zu diagnostizieren und mit analytischer Schärfe zu zerlegen, folgt noch lange nicht, dass alle in der Therapie übereinstimmen - und selbst dann ist es keineswegs sicher, dass die Konsequenzen entsprechend gezogen werden. 

Ein Phänomen, das bereits der Philosoph Rudolf Eucken beobachtete:
Bewusste oder unbewusste Anhänger der Hegelschen Denkweise sagen uns oft, dass die Ideen mit überwältigender Notwendigkeit ihre Konsequenzen hervortreiben, und dass nichts stärker aufrüttelt, nichts zwingender weitertreibt als ein logischer Widerspruch. Gewiss, Konsequenzen und Widersprüche können eine unwiderstehliche Gewalt über den Menschen erlangen. Aber sie tun das nicht von der bloßen Logik aus. Konsequenzen können sehr nahe liegen und werden doch nicht gezogen, Widersprüche mögen handgreiflich sein und werden doch nicht empfunden. (in: Geistige Strömungen der Gegenwart) 
Das ist nicht selten der Bequemlichkeit oder der Konformität geschuldet, und sicherlich ist die Zahl der Profiteuere von an sich unhaltbaren Zuständen häufig größer als allgemein angenommen; doch reicht auch das alleine nicht zur Begründung. 
Vielmehr spricht einiges dafür, dass einige Entwicklungen eine Eigendynamik entwickelt haben, die kaum noch zu stoppen, und nur schwer zu verlangsamen sind, wozu ich jetzt mal auch den von Müller so bezeichneten kollektiven Wahn zählen möchte. 

Besonders eindringlich hat dieses Dilemma Martin Jehne in seinem Buch Der große Trend, der kleine Sachzwang und das handelnde Individuum. Caesars Entscheidungen beschrieben. Das Buch endet damit, dass, obwohl der Prozess zur Alleinherrschaft, zum Kaiserreich nicht aufzuhalten war, Caesar den Weg dorthin individuell gestaltet  und sich den Sachzwängen mehr als einmal erfolgreich widersetzt hat.
Nun lebte Caesar in Zeiten mit, im Vergleich zu heute, recht überschaubaren Problemen. Auch war seine Machtfülle um einiges größer, als die der heutigen Regierungschefs. 
Trotzdem besteht kein Anlass zum Fatalismus. Es kann aber nicht schaden, den Blick von einzelnen Personen oder Parteien auf Entwicklungen zu richten, die inzwischen eine Eigendynamik gewonnen haben, denen mit Aufklärung und Kritik allein nicht beizukommen ist. Wichtiger wäre es zu schauen, wo der Sachzwang ins Leere läuft und Entscheidungsalternativen bietet, die es freizulegen gilt. Ob das dann die gewünschte Richtungsänderung herbeiführt, bleibt ungewiss. Mehr können Aufklärung und Kritik aber nicht leisten. 

Die Agenda 2010 traf eine Bevölkerungsgruppe, die in der Politik keine einflussreichen Fürsprecher hat. Die mittlerweile schrumpfende Mittelschicht wähnt sich dagegen noch weitgehend in Sicherheit ...


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