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Donnerstag, 28. Februar 2013

Drei Fragen an ... Hans Joas (Soziologe)


Von Ralf Keuper

Drei Fragen der Stiftung Mercator an den Soziologen Hans Joas
Sein besonderes Interesse gilt Fragen der sozialen Ungleichheit und des Glaubens. Prägend war für ihn die Begegnung mit den USA mit ihrer Mischung aus Ungleichheit und Vitalität. Letztere vor allem bezogen auf das religiöse Leben.  In Europa auf dem Rückzug, befindet sich das Christentum global auf "Wachstumskurs". 

Trotz einiger auf den ersten Blick einleuchtender Erklärungen, verlief und verläuft die Säkularisierung in Europa nicht einheitlich. Lässt sich die Säkularisierung alleine mit dem Siegeszug der Wissenschaft erklären? - dann jedoch dürfte die Religion in den USA keinen so hohen Stellenwert haben. Die Säkularisierung in Europa folgt keinem strengen Muster, sondern hat kontingenten Charakter.  
Der Glaube kommt ganz neu auf den Tisch. Wir befinden uns an einer Zeitenschwelle.

Bei der Frage, ob und inwieweit Hochschullehrer Werte vermitteln können und sollen, grenzt Joas sich von der Katheder-Prophetie, wie sie Max Weber in die Diskussion brachte, ab. Wissenschaftler müssen deutlich machen, ob ihre Sätze oder Thesen ausreichend empirisch belegt sind. Dann ist   wissenschaftliche Arbeit als solche wertebasiert. Es gilt der Ethos der Wahrhaftigkeit und Sorgfalt. Wissensvermittlung durch praktische Tätigkeit. 

Das Bronze Kartell - Wirtschaftsboom am Mittelmeer

Von Ralf Keuper

Der Film Das Bronze Kartell - Wirtschaftsboom am Mittelmeer handelt von dem Aufstieg der Bronze zu dem für lange Zeit vorherrschenden Werkstoff, wodurch im Mittelmeerraum ein wahrer Wirtschaftsboom ausgelöst wurde. Durch die Mischung von Zinn und Kupfer gelang vor einigen Jahrtausenden zum ersten Mal die Herstellung von Bronze. 

Der eigentliche Siegeszug der Bronze begann in Ägypten unter Ramses III. Dort entstand auch die erste Bronzefabrik der Menschheit, die sich schon am Fließband-Verfahren orientierte. Die Erzeugnisse wurden über ein ausgereiftes Transport- und Verpackungssystem an ihren Bestimmungsort befördert. 
Später wurde Zypern die Top-Adresse der Bronzeherstellung, was der Insel auch die Bezeichnung "Land der 1000 Minen" einbrachte. Dank der Einführung des 2-Stufenprozesses der Verhüttung war  Zypern von 1.600-1.200 v. Chr. "Weltmarktführer". Schattenseite war die Abholzung der Wälder für den Produktionsprozess. 

Der schwunghafte Handel mit Bronze machte Ugarit zur Wall Street der Bronzezeit. Hier taucht auch zum ersten Mal in der Geschichte die Profit-Orientierung auf. Damit einhergehend treten auch die ersten Betrugsfälle auf, was wiederum zur Geburt der Rechtsprechung und des Rechtswesens in Gestalt des Codex Hamurapi, der ersten Gesetzessammlung der Welt führte. Begleitet wurde die Verbreitung der Bronze von dem Bier, das sich als Grundnahrungsmittel und Alltagsgetränk etablierte. 

Ebenso wurde in dieser Zeit der Streitwagen und, was weitaus wichtiger ist, die Schrift von den Ägyptern und Sumerer erfunden. In Mykene entstanden Texte für die innere Verwaltung und die Kommunikation über Handelsnetze. Der Zeitraum ist auch deshalb von großer historischer Bedeutung, da es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit zu einem Technologietransfer, einem blühenden Handel der Völker untereinander wie auch zu einem Austausch der Ideen kam. 

Wirtschaftswissenschaften: Anpassung oder Paradigmenwechsel? (Ringvorlesung Plurale Ökonomik)


Von Ralf Keuper

Ein Mitschnitt aus der Ringvorlesung und Podiumsdiskussion Plurale Ökonomik unter dem Motto: Wirtschaftswissenschaften: Anpassung oder Paradigmenwechsel.

Den Anfang machte der Wirtschaftsmathematiker Jürgen Kremer. Seiner Auffassung nach handelt es sich bei der aktuellen Ökonomie eher um eine ideologische Lehre und opportunistische Gefälligkeitsdisziplin als eine Wissenschaft. Obwohl sich einige der grundlegenden Annahmen der Ökonomie , z.B. über die Funktion des Geldes in Wirtschaft, als falsch herausgestellt haben, tauchen sie in den einschlägigen Lehrbüchern nach wie vor unkommentiert auf. Die Ökonomie ist für die Lösung der vor uns liegenden Aufgaben überfordert und bedarf daher der Unterstützung bzw. Ergänzung durch andere Disziplinen wie der Geschichtswissenschaft, des Staatsrechts und der Philosophie. Die Alternativen sind zwar vorhanden, jedoch noch nicht organisiert. 

Hartmut Egger vertritt nach eigener Aussage den Mainstream. Der Durchbruch der Ökonomie als selbständiger Wissenschaft geschah mit dem Aufkommen dezentraler Märkte. Von nun an war es möglich, dass jeder Akteur seinen eigenen Nutzen verfolgen und häufig auch maximieren konnte, ohne das Fortkommen des Ganzen zu gefährden. Marktwirtschaft funktioniert demnach auch dann, wenn jeder seinen Nutzen maximiert. Jedoch funktioniert dieses Prinzip nicht immer. Für ihn ist Adam Smith der Begründer der Volkswirtschaftslehre. 
Die Marktwirtschaft hat sich inzwischen durchgesetzt, weshalb sich die Systemfrage nicht mehr stellt. 
Anders als häufig angenommen, beschäftigt sich die Ökonomie sehr wohl mit Fragen der gerechten Verteilung der Renten. 
Der Mainstream repräsentiert für Egger den aktuell gültigen Stand der Lehre, wenngleich einige Schwächen nicht zu übersehen sind. Die Anpassungsfähigkeit ist die Stärke des Mainstreams; was dort ankommt, hat sich durchgesetzt und ist damit eigentlich auch schon legitimiert. Zwar sind mathematische Modelle Vereinfachungen, was aber nichts wesentlich daran ändert, dass sie für die Forschung weiterhin von Bedeutung sind. 

Helge Peukert, Finanzsoziologe, bezeichnet den Modeling Approach des Mainstreams der Ökonomen als Superparadigma. Es werden mathematische ad hoc - Modelle kreiert und mittels ökonometrischer Verfahren und Data Mining getestet. Daraus entsteht ein hegemonialer Habitus, der heterodoxe Ansätze ausschließt bzw. marginalisiert. Dadurch erklärt sich auch, dass 4/5 aller Ökonomen Neoklassiker sind. Das hat zu einer Monokultur geführt, von Pluralismus kann daher keine Rede sein. Nicht alles was dominant ist, ist auch besser. So fasst die Neoklassik die Ökonomie nach wie vor als ein geschlossenes System auf, ohne zu berücksichtigen, dass sie auch von psychologischen, politischen und umweltbedingten Faktoren wesentlich, häufig sogar entscheidend beeinflusst wird. Mit den Small Model der Neoklassik ist die Realität daher nicht einzufangen. Die Welt ist dafür zu unübersichtlich. 
Problematisch ist der methodenimmanente Konservativismus in der Ökonomie, der den Studenten noch immer initial vermittelt wird. 
Der methodische Individualismus ist nicht der einzige Weg. Benötigt wird auch eine holistische Sichtweise. Menschen handeln auch nach Normen und längst nicht nur nach dem Nutzen. In der Vergangenheit existierte nicht nur die Schule von Adam Smith, sondern auch andere Schulen, wie in Deutschland die historische. Eine Vielfalt, die heute fehlt. 

Weitere Informationen:

Tribal Warfare in Economics Is a Thing of the Past

Flüchtige Zeiten: Leben in der Ungewissheit (Zygmunt Bauman)

Für den britisch-polnischen Soziologen Zygmunt Baumann sind wir in unserem Zeitalter dazu verdammt, permanent Dinge und Verhältnisse zu verändern, was dazu führt, dass wir unser Ziel nie erreichen, wie er u.a. in einem Vortrag in Karlsruhe sagte. Unsere Gesellschaft charakterisiert er daher als liquid, d.h. ständig im Fluss und Wandel begriffen. Daraus folgert er weiterhin, dass wir in einem Interregnum, einem Zwischenstadium leben. In dieser Phase passen die alten Lösungen nicht mehr zu den aktuellen Herausforderungen. Für deren Bewältigung stehen jedoch noch keine neuen Verfahren und Techniken zur Verfügung. Lautete die Frage in früheren, übersichtlicheren Zeiten Was ist zu tun? ist sie heute Wer ist mächtig genug, es zu tun?

Für zweckmäßig erscheint ihm die Unterscheidung von Macht und Herrschaft. Macht bedeutet nicht automatisch Herrschaft. Letztere ist für ihn noch in der Politik angesiedelt. Die Macht dagegen entzieht sich dem Einfluss der Politik in der globalisierten Welt, da sie nicht an nationale Grenzen gebunden ist. 

Heutzutage ist der Wandel die einzige Konstante. Um sich nicht zu früh festlegen und feststellen zu müssen, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben, halten wir uns die Optionen so lange wie möglich offen und selbst dann haben die Entscheidungen nur vorläufigen Charakter. Als Beispiel nennt er die moderne Architektur, deren Bauweise es ermöglicht, Gebäude bereits nach zwanzig Jahren wieder abbauen, in ihre Einzelteile zerlegen zu können. Ganz anders dagegen die gotischen Kathedralen, die für die Ewigkeit gebaut wurden 

Nichts scheinen wir mehr zu scheuen, als dass eine Episode zu einer Epoche oder mehr wird. War für Max Weber der Kapitalismus noch von Zweck-Rationalität geprägt, ist es heute die Rationalität der Möglichkeiten, die Handeln und Denken dominiert. Was auf den ersten Blick attraktiv erscheint, verliert bei näherer Betrachtung an Reiz, da eine Zeit ständiger Unsicherheit bzw. Ungewissheit vor uns liegt und sich die Einstellung verstärkt, daran nichts ändern zu können - eine Art von Schicksalsergebenheit, die dann wiederum an alte Zeiten, wie das Mittelalter erinnert. 





Dienstag, 26. Februar 2013

Josef H. Reichholf: Warum die Menschen sesshaft wurden (Die Drogen des Fortschritts)

Von Ralf Keuper

Der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf äußerte sich in einem Fernsehinterview mit Alexander Kluge zur Frage, wie und warum die Menschen sesshaft wurden. 

Die Menschen, die vor 10.000 Jahren im sog. Fruchtbaren Halbmond lebten, hatten, entgegen einer noch immer weit verbreiteten Ansicht, Beute im Überfluss. Trotzdem haben sie ihre Ernährungsweises geändert und um pflanzliche Früchte ergänzt. Das geschah weniger der Ernährung willen, sondern in erster Linie zur Erzeugung euphorischer Zustände. So wird der Fliegenpilz bereits seit Urzeiten als Rauschmittel von Schamanen zur Stärkung der Gruppenidentität eingesetzt, wie in der Religion, wie die Religion überhaupt ihrer Bedeutung nach die Rückbindung an den Stamm zum Ziel hat. Mit der Verbreitung der Rauschmittel wird das Gehirn zum wirklichen Acker. Zwei Kulturen lassen sich dabei unterscheiden: Rausch auf Basis von Alkohol oder mittels Haschisch oder anderer Drogen. 

Für Alkohol benötigt man stärkehaltige Früchte, wie Gerste für Bier. Es gibt Völker, die sehr viel mehr Alkohol vertragen können als andere. Alkoholtolerante Völker haben im großen Stil Ackerbau betrieben, wie Indoeuropäer, Mongolen, Koreaner und Japaner. Alkoholanfällig waren die Indianer, die stattdessen Rauschmittel wie Peyote verwendeten.  Eine Kombination daraus war und ist nicht mehr beherrschbar.
Gemeinschaften sind daher an Rauschmittel gebunden, wodurch die jagenden Menschen in die Sesshaftigkeit gezogen wurden. Produkte, die nur an einem Ort angebaut und über einen längeren Zeitraum bearbeitet werden müssen, erzwingen die Sesshaftigkeit. Das wiederum macht Besitzansprüche nötig, was zur Ablösung des Schamanen durch die Priesterklasse führte. 

Für den Gebrauch der Drogen zur Stabilisierung einer Gemeinschaft bedurfte es bestimmter Riten und Regeln, die von der Priesterklasse festgelegt und überwacht wurden.  Damit regulierte die Priesterkaste  die Gesellschaft und war bzw. ist häufig mächtiger als die eigentlich Mächtigen.
Durch die steigende Produktivität war es möglich, deutlich mehr Menschen zu ernähren als bisher. Es entstand Menschenmaterial im Überfluss, das z.B. in Kriegen verheizt werden konnte. Die Frage lautet seitdem: Wohin mit dem Überschuss? 
Die Nomaden hatten ihre Vermehrungsrate stets den Ressourcen angepasst. Wo Nahrung gestapelt werden kann, ist der Vermehrung der Menschen keine Grenze gesetzt. Überproduktion und Übernutzung sind die Folge. 
Stabile Ungleichgewichte sind jedoch der Motor des Fortschritts. Aus dem Überfluss entsteht Neues, da man es sich leisten kann, zu experimentieren. 

Die erste gemeinsame Quelle sprachlicher Ausdrucksfähigkeit lässt sich vor 40.000 - 50.000 Jahren in den Höhlenmalereien feststellen. Darin vergegenständlicht der Mensch sich und die Umwelt. Die Sprache wird unabhängig von den Objekten. 

Die Evolution der Gefäße über Schläuche zu Töpfen und Flaschen wiederum führte dazu, Milch und Bier stehen und gären zu lassen. 

"The Social Control of Knowledge in Democratic Societies" (Nico Stehr)


Von Ralf Keuper

Nico Stehr, Kulturwissenschaftler und Soziologe, äußerte sich in einem Vortrag auf der Eulaks Konferenz 2009 über die soziale Kontrolle des Wissens in demokratischen Gesellschaften. Es bedarf gezielter Anstrengungen, um die soziale Kontrolle neuen wissenschaftlichen und technischen Wissens auf die Tagesordnung von Wirtschaft und Politik zu setzen. Politik kann nicht nur der Eingrenzung, sondern auch der Vergrößerung der Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik dienen. Es zeichnet sich ein fundamentaler Wandel in der Einstellung gegenüber Technik und Wissenschaft ab. Wissenschaftler genießen nicht mehr automatisch Vertrauen, ja das Vertrauen gegenüber den Experten tendiert gegen null. Stehr sieht daher das Ende des goldenen Zeitaltes von Wissenschaft und Technik.  Die Beziehungen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und dem Rest der Gesellschaft werden neu erfunden. Die Fähigkeiten, an Fragen der Wissenschaft und der Wissensvermittlung und -erzeugung zu partizipieren, wachsen, ebenso wie die der  Prognosen der Auswirkungen staatlicher Eingriffe - auch auf globaler Ebene. Partizipation wird zur Routine. Soziale Institutionen werden merklich an Bedeutung gewinnen.  Brauchen wir einen New social contract for science?

Montag, 25. Februar 2013

Der Philosoph Byung-Chul Han im Portrait

Von Ralf Keuper

Byung-Chul Han ist in den letzten Jahren zu einem der gefragtesten Philosophen Deutschlands geworden. Für Aufsehen sorgten seine Veröffentlichungen Müdigkeitsgesellschaft und Transparenzgesellschaft. In  einem Beitrag auf aspekte sagt er: 
Wir sind zu lebendig um zu sterben und zu tot um zu leben. 
Die Gesellschaft befindet sich im Erschöpfungsszustand, dessen Ursache für Han der Neoliberalismus mit seiner Betonung der Effizienz ist. Heute beutet man sich freiwillig und leidenschaftlich aus, während die Ausbeutung früher zwar brutaler, dafür aber auch sichtbarer war. Die Trennung von Arbeit und Freizeit ist heute aufgehoben. Im digitalen Zeitalter gönnen wir uns keine Pause mehr, da wir ständig mit selbstoptimieren beschäftigt sind. Dadurch verlieren wir die Beziehung zu den physischen Dingen. Die digitalen Medien verstärken den Narzissmus. Wir berühren nur noch den Touchscreen und sind auf uns selbst gerichtet. Wir fressen uns sozusagen in uns hinein. Sichtbar auch an der Einstellung gegenüber Eros und Sexualität, wie Han sie versteht: Während ersteres selbstlose Verausgabung ist, handelt es sich bei letzterem um einen egoistischen Akt. 

Sonntag, 24. Februar 2013

Ludwig Wittgenstein - Die Wahrheit der Worte

Von Ralf Keuper

Für Ludwig Wittgenstein lag der Schüssel der Wahrheit in der Sprache. Da sich Welt und Denken in der Sprache begegnen, ist jeder Satz ein Modell der Wirklichkeit. Jeder wahre Satz bildet einen Sachverhalt ab. 
Die Sprache verkleidet den Gedanken. Sie ist wie ein Haus nach bestimmten Bauplänen errichtet. Da die Kombinationsmöglichkeiten der Sprache begrenzt sind, sollte die Idealsprache so exakt wie die Naturwissenschaften sein. Der Mensch kennt nur noch die Namen der Dinge, nicht die Dinge selbst. 

So weit Wittgensteins Frühwerk, dessen Höhepunkt und Abschluss sein epochales Werk Tractatus Logico-Philosophicus ist.

In seinen anschließenden Forschungen wendet sich Wittgenstein der Alltagssprache zu. Konnte er in seiner Sprachphilosophie noch auf die Werke seiner Vorgänger zurückgreifen, betrat er hier Neuland. 
Von nun beschäftigt ihn die Frage, wie die Sprache in alltäglichen Lebenssituationen verwendet wird, was wir tun, wenn wir denken. Sprechen und Handeln sind für ihn fortan verknüpft und bilden Sprachspiele. Deren Regeln lernt man erst, wenn man mit anderen zusammen handelt und spricht. Daraus folgt für Wittgenstein, dass wir im Sprechen abgerichtet werden. 
Das Sprachspiel funktioniert ähnlich wie das Schachspiel. Ein Wort zu verstehen bedeutet seinen Gebrauch zu kennen. Die zugrundeliegenden Regeln sind die Technik des sozialen Lebens. Sprachspiele sind aber auch Quellen für Missverständnisse zwischen den Kulturen. Daher ist die Kenntnis des Lebenszusammenhangs der Beteiligten entscheidend. Nicht die logische Abbildbeziehung, der Gebrauch klärt die Wahrheit der Worte.

Wittgenstein hat die Sprachwissenschaft wie kein anderer Philosoph der letzten hundert Jahre beeinflusst, wie z.B. die Sprechakttheorie. Für Wittgenstein ist der Mensch von Grund auf sozial. 

Quelle: Wittgenstein Die Wahrheit der Worte (3Sat)

Horst Bredekamp: Darwins Koralle als Metapher der Evolution

Von Ralf Keuper

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, Autor etlicher lesenswerter Bücher, äußert sich in einem Interview mit Alexander Kluge zur Bedeutung der Koralle als Modell für die gesamte Natur in der Evolutionstheorie von Charles Darwin.  Darwin erkannte in der Koralle die Metapher der Evolution, da sie für ihn wie keine andere Lebensform die Spannung von Absterben und wucherndem Überleben repräsentierte. Dagegen erschien ihm der Baum als Metapher ungeeignet, da er dieses Wechselverhältnis nicht darstellen konnte, weshalb er auch den Begriff "the coral of live" dem des "the tree of live" vorzog. Überdies ist die Koralle unhierarchischer organisiert als der Baum, weshalb sie Darwins Verständnis der Evolution näher kam, in der keine Hierarchie existierte und die Beziehungen lateralisiert waren. Evolution von den Rändern her gedacht. Am Rand sitzen demnach die alles beherrschenden Bakterien, die uns Menschen und andere Lebewesen auf der Bühne ihr Stück aufführen lassen, Gedanken, wie sie auch Stephen Jay Gould in Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution vorgebracht hat. Darwins Vorstellung der Evolution wich damit deutlich von der Ernst Haeckels ab, der als Stichwortgeber des Sozialdarwinismus gilt.  Schon die Antike fasste die Koralle als Metapher der Natur auf, als Symbol der Gestalterin und der Kraft, trotz ihrer physisch schwachen Form. Bredekamp bezeichnet die Korallen als Kathedralen der Evolution und als Prinzip des Lebens schlechthin. 

Die Biologie war und ist immer auch eine als Erzählung großer Interpreten gewesen, wie Alexander von Humboldt, den Darwin  als zweite Sonne bezeichnete. 

Die Koralle als Sinnbild der Schönheit, weil vielfältig und unhierarchisch. Klingt irgendwie im besten Sinne europäisch. 


Niklas Luhmann - Der Zettelkasten

Sein legendärer Zettelkasten war das wohl wichtigste "Werkzeug" für Niklas Luhmann. Soziologie hat für Luhmann die Aufgabe, eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie komplex die moderne Gesellschaft ist, bevor man hart und kritisch über sie urteilt. Der Theoretiker sieht mehr als die Menschen im praktischen leben. Wir brauchen daher mehr Theorie statt Moral. 


Weitere Informationen:

Mittwoch, 20. Februar 2013

Søren Kierkegaard: Freiheit ohne Grenzen

Von Ralf Keuper

Søren Kierkegaard, Begründer der Existenzphilosophie, war der schärfste Kritiker der protestantischen Kirche Dänemarks seiner Zeit und überdies ein klarsichtiger Beobachter der Gesellschaft, wie der Audiobeitrag Søren Kierkegaard: Freiheit ohne Grenzen zeigt. Zu Lebzeiten von seiner Umgebung bestenfalls geduldet, setzte die Wirkung seiner Werke erst lange nach seinem Tod ein und hat so unterschiedliche Denker wie Jean-Paul Sartre, Martin Heidegger, Peter F. Drucker, Paul Tillich, Denis de Rougemont und in unserer Zeit den Kirchenkritiker Eugen Drewermann beeinflusst.

Einer seiner bekanntesten Sätze ist:
Es ist wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den anderen Satz: Dass es vorwärts gelebt werden muss.
Für Kierkegaard ist nichts verdächtiger als das Selbstverständliche. Trotz seiner kritischen Haltung strebte er einige Zeit eine Laufbahn in der protestantischen Kirche an und studierte mit großem Erfolg Theologie. Mit der Veröffentlichung seines Buches Entweder Oder, das wie eine Bombe einschlug und bei der Leitung der dänischen Kirche auf scharfe Ablehnung stiess, stand dieser Weg für ihn nicht mehr offen. 
In dem Buch gab er kund, dass nicht die Religion über die Lebensorientierung eines Menschen entscheidet, sondern von ihm in freier Wahl immer und immer wieder vollzogen wird. 

Nachdem von der Kirche und der Öffentlichkeit keine Unterstützung für seine Ansichten zu erwarten war, wuchs in ihm die Überzeugung, für kommende Generationen zu schreiben, was dann auch eintrat. Der dänische Klerus ging einer direkten Auseinandersetzung mit ihm aus dem Weg, wohl auch deshalb, da sie seinem Feuergeist nicht gewachsen war. 
Christentum ist für Kierkegaard eine Existenzmitteilung und kann daher nur durch die Existenz realisiert, gelebt werden. 
Einen Glauben, den man nur mit dem Verstand begreifen kann, lehnte er entschieden ab. Christsein nach seinem Verständnis hieß auch, die Welt nicht so hinzunehmen wie sie ist. 

Entscheidend für sein weiteres Schaffen und posthumen Erfolg war die Einführung des Begriffs der Angst in seine Philosophie. Wesentlich für ihn war, sich ängstigen zu lernen, um nicht verloren zu sein, d.h. der Angst in die Augen zu sehen, um so für die Weiterentwicklung zu nutzen und nach Auswegen zu suchen. Angst überfällt den Menschen vor allem dann, wenn er sich von dem Schutz der Herde entfernt. Die Tatsache, frei zu sein und entscheiden zu können, löst bei uns häufig Angst aus. 

Diese Haltung passt nicht in das Bild, wie der moderne Mensch zu sein hat. Kierkegaard geht es um das Werden und nicht bzw. weniger um das Sein.
Berühmt geworden ist auch die "Wildgans-Parabel" Danach besitzt auch der Mensch Flügel - die Phantasie. Dem stellt er den Spießbürger gegenüber: 
Die Liebe der Spießbürger zu Gott tritt ein, wenn das vegetative Leben in voller Tätigkeit ist.
Kurzum: Christentum ist nichts Beruhigendes, sondern etwas Beunruhigendes, eben das, was im Protestantismus als "Erweckung"gilt bzw. galt. 
Das moderne Zeitalter ist von einem allgemeinen Denken und Fühlen geprägt, das für das eigene gehalten wird. Daher lässt man auch gerne andere für sich entscheiden. 

Bereits im in der 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gelangte Kierkegaard angesichts der damaligen Wirtschaftskrise, die Europa ergriff, zu der weitsichtigen Erkenntnis: 
Man befürchtet im Augenblick nichts mehr als den totalen Bankrott, dem wie es scheint ganz Europa entgegengeht und vergisst darüber die weit gefährlichere und anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit in geistiger Hinsicht, die vor der Tür zu steht.

Montag, 18. Februar 2013

The Importance of Integrated Reporting


Von Ralf Keuper

Robert Eccles, Professor an der Harvard University, erläutert in einem big think - Interview die Grund- und Vorzüge des Integrated Reporting. Sein zusammen mit Michael P. Krzus verfasstes Buch One Report ist schon jetzt ein Standardwerk dieser noch jungen Form der Unternehmensberichterstattung. Besonderes Gewicht wird darin auf Nachhaltigkeit im Sinne einer Unternehmenspolitik gelegt, die soziale Faktoren ebenso berücksichtigt wie die vielfältigen Beziehungen zur Umwelt und sie daher in einem Bericht, zusammen mit den Finanzinformationen, veröffentlicht. 
Dabei können sich die Unternehmen bereits auf Standards stützen, wie beispielsweise den der Global Reporting Initiative (GRI).

Ein wichtiger und einflussreicher Mitstreiter ist übrigens Prince Charles, wie beispielsweise in einer Videoansprache an die UNEP Finance Initiative zu sehen ist. Darin wirbt er vor allem um die Mitarbeit der Banken. 

Die Schmalenbach-Gesellschaft hat sich des Themas auf dem 66. Deutschen Betriebswirtschaftler-Tag im September vergangenen Jahres ebenfalls angenommen. 

Sonntag, 17. Februar 2013

Wilhelm Schmid: Glück ist nicht das wichtigste im Leben

Von Ralf Keuper

Der Philosoph Wilhelm Schmid ist durch seine Veröffentlichungen zur Lebenskunst einem größeren Publikum bekannt geworden. Für Aufsehen sorgte er mit seinem aktuellen Buch Unglücklich sein - Eine Ermutigung. Wie nicht anders zu erwarten, fielen die Reaktionen auf das Buch unterschiedlich aus. Bei einem Vortrag der Arbeiterkammer Vorarlberg unter dem Titel Glück ist nicht das wichtigste im Leben geht Schmid in ca. 90 Minuten differenziert auf das Thema Glück ein.

Dabei leitet er den Begriff "Glück" zunächst einmal aus dem Mittelhochdeutschen ab, das er als Zufallsglück bezeichnet, d.h. Glück konnte auch in negativer Weise interpretiert werden. Da Glück nach diesem Verständnis ausschließlich vom Zufall abhängt, ist es ein Zeichen der Klugheit, sich für alle Formen des Zufalls offen zu halten - auch für die negativen. Denn: wer glaubt, sich nur den positiven Zufällen öffnen zu können, den wird gerade das Unglück treffen.
Zufallsglück, z.B. im Beruf oder in Beziehungen, macht nicht zwingend glücklich; es braucht unser Engagement, anderenfalls verflüchtigt es sich genauso schnell, wie es gekommen ist.

Das Wohlfühlglück hängt dagegen fast vollständig von uns ab. Zentrale Frage für uns ist: Was tut mir gut? Erstaunlicherweise, so berichtet Schmid aus seiner Erfahrung als philosophischer Seelsorger in einem Zürcher Krankenhaus, wissen viele genau das nicht. 
Für ihn selber ist eine Glücksquelle der morgendliche Kaffee in Ruhe eingenommen, am liebsten im Cafe. Diese Form des Glücks ist tatsächlich nach neurobiologischen Maßstäben messbar. Aber auch dieses Glück ist nicht von Dauer, kann und darf es auch gar nicht, da übermäßiges Glück zur Abstumpfung und damit zum Unglück führt. 

Als nächste Ausprägung des Glücks nennt Schmid das Glück der Fülle, wie es schon die antiken Philosophen wie Platon, Seneca und auch Epikur beschrieben. Für Schmid ist ein Leben in Polarität, das sowohl Lust und Schmerz umfasst, das einzige Glück von Dauer. 
Glück ist für Schmid daher auch nicht ohne Melancholie zu denken. Überhaupt ist er der Ansicht, das 95% aller als depressiv eingestuften Menschen im Grund "nur" melancholisch sind. 

Mit dem Glück untrennbar verbunden ist der Sinn, der wiederum eng mit den Sinnen des Menschen zusammenhängt. Ohne sie könnten wir keine Zusammenhänge erkennen und erfahren, wären nicht lebensfähig. Sinn stellt Zusammenhänge her, sowohl körperlich, geistig und seelisch. 

Insgesamt ein recht anregender Vortrag. Man muss Schmid nicht in allen Punkten uneingeschränkt zustimmen, die Sinnfrage beispielsweise beantwortet Viktor Frankl meines Erachtens überzeugender, jedoch muss man Schmid zugute halten, dass er eine Philosophie betreibt, die für jeden verständlich ist, ohne banal zu sein - verglichen mit dem Geschwurbel einiger prominenter Fernsehphilosophen geradezu wohltuend



William Edward Boeing - Der Traum vom Fliegen (Dokumentarfilm)

Von Ralf Keuper

Noch heute weitgehend unbekannt ist, dass der nach wie vor größte Flugzeughersteller der Welt deutsche, genauer gesagt, westfälische Wurzeln hat. Die Lebensgeschichte von Wilhelm Böing, Vater des Gründers der Boeing-Flugzeugwerke, William Boeing, ist daher ein Gegenstand des ersten Teils der sehenswerten Film-Dokumentation.

Wilhelm Böing wurde nur 41 Jahre alt, brachte es aber binnen weniger Jahre zu beachtlichem Wohlstand. Er gehörte der führenden Gesellschaftsschicht der Stadt Detroit an. Sein Vermögen machte er, der aus einer der führenden Unternehmerfamilien des Sauerlandes stammte, die in der Metallbearbeitung tätig war, im Holzhandel im US-Bundesstaat Michigan. Dabei stieß er auch auf große Bodenschätze, das Taconit.

Sein Sohn William, der den Vater zeitlebens nacheiferte, begann seine unternehmerische Laufbahn nach dem Internat in der Schweiz und einem Studium an der Elite-Uni Yale wie sein Vater im Holzhandel an der Westküste der USA. Nachdem er dort ein großes Vermögen erwarb, siedelte er sich in Seattle an, damals schon eine der lebenswertesten Städte der USA. Im elitären Universitätsclub der Stadt machte er die Bekanntschaft mit dem Ingenieur George Conrad Westervelt. Zuvor hatte Boeing auf der ersten Flugschau der USA in Kalifornien seine Leidenschaft für die Fliegerei entdeckt, die ihn nicht mehr loslassen sollte.
Zusammen mit Westervelt gründete er Boeing & Co. Das erste Testflugzeug flog Boeing gleich selbst, da der Pilot nicht auftauchte. Ein großer medienwirksamer Erfolg. 

Der geschäftliche Durchbruch gelang Boeing im ersten Weltkrieg durch einen Regierungsauftrag zur Herstellung von 50 Flugzeugen für die US-Armee. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges geriet Boeing & Co. in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten, was zu einem drastischen, in die heutige Sprache übertragen: Personalabbau führte. Um- und weitsichtig wie er war, wendete sich Boeing dem Post-Luftverkehr zu. Durch den Zuschlag für die größte Post-Luftverbindung in den USA, die Strecke San Francisco - Chicago, gelang Boeing der Befreiungsschlag und der Einstieg in die zivile Luftfahrt. 

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise gerieten die Betreiber des Post-Luftverkehrs in die öffentliche Kritik. So musste sich Boeing 1934 vor einem Untersuchungsausschuss in Washington den Vorwurf anhören, er hätte seine Macht missbraucht und illegale Absprachen getroffen, um an die lukrativen Aufträge zu gelangen. Seine Entgegnung, dass er seine Aufträge aufgrund herausragender Qualität und großer Risikobereitschaft gewonnen habe, und nicht wegen dubioser Praktiken, wurde ignoriert.
Das war dann zuviel für Boeing, der sich noch im selben Jahr aus dem Unternehmen zurückzog und fortan als Privatier lebte. 

Eine der interessantesten Stellen des Films ist das Gespräch mit dem Chef-Historiker des Boeing-Konzerns, der aus der Gründungsurkunde von Boeing & Co. vorliest. Darin schon sprach Boeing von Flughäfen und vom zivilen Luftverkehr, der die Welt verändern werde, zu einem Zeitpunkt, als der Durchbruch der Luftfahrt alles andere als gewiss war. 

Heute würde man wohl Visionär dazu sagen. 



Athen - Herrschaft des Volkes

Von Ralf Keuper

Da die Demokratie in Europa momentan auf dem Rückzug ist, kann es nicht schaden, zu den Ursprüngen dieser Staatsform zurückzugehen, d.h. den Blick nach Athen zu richten, wie es die sehenswerte Dokumentation Athen - Herrschaft des Volkes getan hat. 

Ohne die damalige Zeit glorifizieren zu wollen, bleibt doch festzuhalten, dass die (Wieder-) belebung einiger wesentlicher Elemente heutzutage nicht schaden könnte. 

Ausgerechnet eine Hetäre, Phryne, schlüpft, wenn auch unfreiwillig, in die Rolle einer Vorkämpferin. 

Alain de Botton: How Proust Can Change Your Life

Alain de Botton hat sich in den letzten Jahren mit seinen Büchern als einer der medial einflussreichsten  Intellektuellen etabliert. Eines seiner ersten Werke war der philosophische Ratgeber Wie Proust ihr Leben verändern kann, zu dem er in einem big think - Interview einige kurze Erläuterungen gibt. 


Seine letzte Veröffentlichung ist Freuden und Mühen der Arbeit

  

Samstag, 16. Februar 2013

Harald Weinrich - Interview über die Zeit

Von Ralf Keuper

In einem Radiointerview äußerte sich der Literaturwissenschaftler und Essayist Harald Weinrich über sein Buch Knappe Zeit. Kunst und Ökonomie des befristeten Lebens

Das Gespräch beginnt mit den antiken Denkern und Philosophen Hippokrates und Seneca. Für Hippokrates bestand das Dilemma darin, dass die zur Verfügung stehende Lebenszeit verglichen mit den Aufgaben immer zu kurz ist. Eine Sicht, die auch Seneca teilte. Nach Seneca sollte man der Gesellschaft seine Lebenszeit in angemessenem Rahmen opfern, jedoch noch genügend Zeit, Eigenzeit, für sich selbst reservieren. 

Benjamin Franklin erhob den Spruch oder die Gleichung Zeit ist Geld zum Motto der Neuzeit. Die Wurzeln reichen indes auch hier bis in die Antike. 
So berechtigt diese Gleichung zur Zeit Franklins gewesen sein mag, so wenig taugt sie heute für die Begründung der Lebenskunst. Es mag stimmen, dass Zeit auch Geld ist, jedoch ist es ein Irrtum zu meinen, gerade gegen Ende des Lebens, dass Geld in Zeit umgewandelt werden könne.  

War im dreizehnten Jahrhundert Oberitalien durch die Erfindung der mechanischen Uhr Vorreiter der Zeitökonomie,  übernahmen später die protestantisch geprägten Länder im Norden Europas die wirtschaftliche Führung, indem sie die Zeit in das enge Korsett ökonomischen Denkens pressten, wie u.a. Max Weber in seinen Untersuchungen zum Zusammenspiel der protestantischen Ethik mit dem Aufkommen des Kapitalismus gezeigt hat. Seitdem gilt, anders als im Katholizismus, der ein großzügigeres Verhältnis zur Zeit unterhielt, die Anspannung bis zum letzten Atemzug, dabei den Blick auf die Uhr geheftet, anzuhalten, um nicht in Verdacht zu geraten, mit der Zeit verschwenderisch umgegangen zu sein. 

Trotz der deutlich gestiegenen Lebenserwartung ist die Zeit "knapper" denn je, was auch an der Zunahme potenzieller Ziele liegt. Das moderne Leben wird von Fristen geregelt, der härtesten Form der Zeit. Der durch die Wissenschaften beflügelte Fortschrittsglaube lässt immer wieder neue Fragen und Probleme entstehen; ein unendlicher Prozess. 
Verlernt haben wir für Weinrich auch die Kunst des Vergessens, der er ein eigenes Buch gewidmet hat.

Persönlich genießt er das Privileg, in seinem Beruf nicht scharf zwischen Arbeitszeit und Freizeit trennen zu müssen. Im Rückblick empfindet er auch die Zeit der Kriegsgefangenschaft nicht als vertane, tote Zeit, da er dadurch Frankreich und die französische Sprache kennengelernt hat, wovon er in den späteren Jahren bis heute außerordentlich profitiert hat. 

Kurt A. Körber: Portrait eines Anstifters

Von Ralf Keuper

Ein Portrait des Unternehmers und Erfinders Kurt A. Körber, der mit seiner HAUNI AG zu großem Wohlstand kam. Sein eigentliches Ziel beschrieb er einmal so: "Materiellen Nutzen in geistige Werte umsetzen". 

Zu Lebzeiten gründete er die Körber-Stiftung, die auch heute noch im Sinne des Gründers aktiv ist. Seine Lebensphilosophie beschrieb er auch in seinem autobiografischen Buch Das Profit-Programm. Ein Unternehmer geht stiften.  


Die Wahrheit der Lüste. Zur Philosophie von Michel Foucault

Von Ralf Keuper

Die sehenswerte Fernsehdokumentation Die Wahrheit der Lüste. Zur Philosophie von Michael Foucault beschrebit  die  Philosophie und Person von Michel Foucault, der zeitlebens ein Außenseiter im akademischen Betrieb in Frankreich war. Um so wirkungsmächtiger sind seine Gedanken bis heute. 

Furore machte er im Jahr 1966 mit der Veröffentlichung des Buches Die Ordnung der Dinge, das für die damalige Zeit einen unkonventionellen Ansatz in der Philosophie vertrat. Für Foucault ist der Humanismus, d.h. die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst,  eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die Humanwissenschaften führen uns vor Augen, wie der moderne Mensch zu dem wurde, was er heute (noch immer) ist. Daher kann man an dem aktuellen Forschungsstand in den Humanwissenschaften auch den aktuellen Zustand der Menschen bzw. der Menschheit ablesen. 
Für Foucault ist der Mensch und damit der Humanismus jedoch nur ein Oberflächenphänomen, eine Zeiterscheinung. 
Im weiteren Verlauf entwickelte Foucault seine Methode der Archäologie des Wissens. 

Bis heute für Diskussionsstoff sorgt der Machtbegriff bei Foucault. Macht ist für ihn kein absolutes auf wenige Personen und Institutionen beschränktes Phänomen, sondern ein Geflecht, das sich über alle Lebensbereiche legt und über kein dominierendes, allmächtiges Zentrum verfügt. Foucault interpretierte die Macht vor allem körperlich, da die Machverhältnisse auch in den Körper eingehen, z.B. über die verschiedenen Disziplinierungsmaßnahmen. Gefängnisse nahmen für Foucault eine Schlüsselstellung als gesellschaftlichen Versuchslabor ein. Nirgendwo sonst hat die Macht so viel Gelegenheit zur Besitzergreifung und Kontrolle der Körper. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse lassen sich dann in abgewandelter Form in die Gesellschaft übertragen. 
Moderne Macht nun herrscht mittels der Lüste über das Leben der Menschen. Vieles von dem, was als sexuelle Befreiung gefeiert wurde und wird ist nur eine weitere, subtile Form der Verkörperung gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Gegen Ende seines kurzen Lebens wandte sich Foucault Fragen der Selbsttechniken und Selbststilisierungen zu, die in der Antike mit ihrer Balance von Ethik und Ästhetik eine bislang nie mehr erreichte Höhe erklommen haben. 

Die Essenz, die Motivation seiner Philosophie beschrieb Foucault einmal damit, dass für ihn die Frage "Weshalb wurde etwas zum Problem?" von Interesse sei. Ein Ansatz, der bei den zeitgenössischen Philosophen und Historikern auf wenig Verständnis stieß. Foucault wollte ausdrücklich kein System entwerfen, sondern konkrete Probleme analysieren, interpretieren und wenn möglich zu ihrer Lösung beitragen. 

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Alex Demirović im Interview über Foucaults Rezeption und heutige Bedeutung

Donnerstag, 14. Februar 2013

Die Zuse Story: Wie ein Deutscher den Computer erfand

Von Ralf Keuper

Konrad Zuse, Erfinder des ersten funktionsfähigen Digitalrechners, sprich Computers, ist noch heute ein eher verkannter Visionär, wie u.a. die Fernsehdokumentation Die Zuse Story zeigt. 
Seine, wie sich im Nachhinein herausstellte, epochale Erfindung aus dem Jahr 1941 trug die nüchterne Produktbezeichnung Z3. Dabei entsprach Zuse nicht dem Bild des typischen Tüftlers. In seiner Jugend zwischen den unterschiedlichsten Berufen hin- und hergerissen, darunter Schauspieler, Maler und Komödiant, folgte er schließlich dem Rat seiner Eltern und schloss das Studium als Bauingenieur ab, wenngleich ohne allzu große Begeisterung. Auch der Eintritt ins Berufsleben bei den Henschel-Flugzeugwerken war alles andere als eine Offenbarung. Als "Rechenknecht" mit stupiden Rechen- und Kalkulationsaufgaben betraut, beschloss er eine Maschine zu konstruieren, die ihn und seine Kollegen von diesem Joch befreien sollte. Erste Frucht seiner Bemühungen war der Rechner Z1, der schon alle Voraussetzungen eines Computers erfüllte, d.h. er verfügte über eine arithmetische Einheit, einen Speicher und eine Kontrolleinheit. 

Die bereits erwähnte Z3 überwand die Schwächen ihrer Vorgängermodelle und war durch Relais in der Lage, eigenständige Berechnungen durchzuführen. Sie wurde im 2. Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört. 
Gegen Ende des Krieges floh Zuse aus Berlin ins Allgäu, wo er sich und seine Familie mit verschiedenen Tätigkeiten durchbrachte. Nach dem Krieg war Zuse zunächst als Unternehmer mit der Zuse KG sehr erfolgreich. Allerdings wurde im Laufe der Zeit immer offensichtlicher, dass er mehr Erfinder als Unternehmer war, was letztlich zum Niedergang des Unternehmen und den Verkauf an Siemens führte. Von da an widmete sich Zuse wieder der Malerei, ohne jedoch den Kontakt zu seinen Erfindungen und zur Welt der Computer zu verlieren. So stand er in regem Kontakt mit Heinz Nixdorf

In seiner Bedeutung für den rasanten Aufschwung der Informationstechnologie der letzten Jahrzehnte wird Zuse erst jetzt allmählich erkannt. 

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Ronald H. Coase: On Economics



Von Ralf Keuper

Der inzwischen 102jährige Ronald Coase, der im Jahr 1991 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Schrift The Nature of the Firm aus dem Jahr 1937 erhielt, gibt in dem Interview einen kurzen Einblick in die wichtigsten Etappen seines Schaffens. 

Mit dem nach ihm benannten Theorem ist er nicht glücklich, da es ihm zu einschränkend ist. Auch sonst beansprucht er - typisch britisch - für sich, eigentlich immer nur auf die offensichtlichen Fakten und Zusammenhänge aufmerksam gemacht zu haben. 

Letztes Jahr meldete sich Ronald Coase mit dem Text Saving Economics from the Economists kritisch zu Wort und bewies dabei einmal mehr, wie weit voraus er seiner Zunft noch immer ist. 
Weiterer Beleg dafür ist sein jüngstes Buch How China Became Capitalist, das er zusammen mit Ning Wang verfasst hat. 

Dienstag, 12. Februar 2013

Eugen Schmalenbach - Begründer der Betriebswirtschaftslehre (Filmportrait)

Eugen Schmalenbach, Erfinder der dynamischen Bilanz, des Kontenrahmens und des Profit Center - Prinzips hat die Betriebswirtschaftslehre, nicht nur in Deutschland, wie kaum ein anderer geprägt. Wegen seiner Verdienste um die Rechnungslegung gilt er darüber hinaus als "Vater" der Wirtschaftsprüfer. Dabei hat Schmalenbach, der über Jahrzehnte an der Handelshochschule Köln lehrte, weder promoviert noch habilitiert.

Die Idee, ein Studium aufzunehmen, kam ihm, als er im väterlichen Betrieb im märkischen Sauerland beschäftigt, große Defizite in der Buchhaltung feststellte, die keine exakte Zurechnung der Kosten kannte - ein generelles Problem der Buchhaltung der damaligen Zeit. Als dann in Leipzig die erste Handelshochschule Deutschlands ihre Tore öffnete, nahm Schmalenbach gegen den ausdrücklichen Wunsch seines Vaters und ohne dessen Unterstützung das Studium auf. Dort entwickelte er bereits die theoretischen Grundzüge seiner Betriebslehre, die er als ernannte Professor an der Handelshochschule zu Köln ausbaute. Während seiner Zeit in Leipzig lernte er auch seine spätere Frau, die jüdischen Glaubens war, kennen, was zum endgültigen Bruch mit seinem Vater führte. In Köln entfaltete er eine ungewöhnliche Produktivität, die dazu führte, dass er mehrere Grundlagenwerke schuf, die seinen Ruf als Begründer der Betriebswirtschaftslehre festigten. Bereits im Jahr 1925 warnte er in einer Rede, die für großes öffentliches Aufsehen sorgte, vor dem Ende der Marktwirtschaft und des Kapitalismus. 

Mit der Machübernahme der Nazis im Jahr 1933 zog sich Schmalenbach von allen seinen Ämtern und aus der Öffentlichkeit zurück, um seine Frau und sich nicht unnötig zu gefährden, was jedoch nur leidlich gelang. So stellte die Uni Köln ihre Zahlungen auf Druck des Nazi-Regimes ein. Als die Gefahr zunahm, flüchteten die Schmalenbachs zu einem seiner ehemaligen Assistenten nach Bad Godesberg, immer von der Angst vor der Deportation begleitet. Anders als viele andere Prominente seiner Zeit, hat Schmalenbach die Ehe mit seiner Frau nie aufgelöst oder auch sonst nur den geringsten Zweifel daran aufkommen lassen. Etwas, was seine ehemaligen Schüler zu Recht an ihrem Lehrer würdigen und was zudem zeigt, was gerade heute immer wieder und gerne übersehen wird, dass auch Ökonomen Haltung haben können. 

Unmittelbar nach dem Ende des Krieges nahm Schmalenbach seine Lehrtätigkeit an der Uni Köln wieder auf. Noch zu seinen Lebzeiten wurde die Schmalenbach-Vereinigung gegründet, aus der später die heutige Schmalenbach-Gesellschaft hervorgingDaneben schuf Schmalenbach das erste und noch heute noch führende Publikationsorgan der Betriebswirtschaftslehre in Deutschland - die Zeitschrift für Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis.
Im Jahr 1955 starb Schmalenbach an Herzversagen nach einem erfüllten Leben im Alter von 82 Jahren.  






Montag, 11. Februar 2013

Selbstgemacht - Vom (Un-) Wert eines Ideals

In einer Sendung des Schweizer Fernsehens diskutierten  der Biochemiker und Trendforscher Stephan Sigrist und der Politische Ökonom Birger Priddat über die gesellschaftlichen Auswirkungen des zunehmenden Trends hin zum Selbermachen. 

Für Stephan Sigrist handelt es sich um mehr als nur einen Trend, wenn Menschen verstärkt das Bedürfnis verspüren, Dinge des täglichen Gebrauchs selbst herzustellen, wofür in der Schweiz und Deutschland die Heimwerkermärkte mit ihren steigenden Milliardenumsätzen Beispiel sind. 

Sind Heimwerkermärkte ein schon länger bekanntes Phänomen, da sind sich Priddat und Sigrist einig, bedeuten die neuen technologischen Entwicklungen, wie vor allem der Einsatz von 3D-Druckern für die heimische Produktion für Sigrist einen qualitativen Sprung. 
Dem widerspricht Priddat, indem er zunächst auf den Wert der Arbeitsteilung und Professionalisierung für die Industriegesellschaft verweist, der durch wachsenden Dilettantismus im Do-it-yourself ins Gegenteil aufgehoben würde. Auch hat er Probleme damit nachzuvollziehen, warum jemand, der wie er selbst, einen 8 bis 12 - Stundentag mit anspruchsvoller und erfüllender Arbeit verbringt, nach Feierabend die Arbeit noch fortsetzen will. Das wäre nur dann erklärlich, wenn die betreffende Person ihre Arbeit als nicht erfüllend empfinden würde. Dann jedoch wäre es ein verfälschtes Leben. Besser wäre es dann, die Passion nach Feierabend zum Haupterwerb zu machen. 
Sigrist stimmt Priddat zwar grundsätzlich zu, gibt jedoch zu bedenken, dass der Drang zum Selbermachen mehr als nur eine Laune ist, sondern auf ungenutztes Kreativpotenzial hinweist, dass die Unternehmen für sich nutzen sollten. Überdies hält er der Effizienz der Massenproduktion den Mehrwert des selbstgemachten Produkts in Form emotionaler Bindung entgegen. Konsumartikel lassen eine tiefere Bindung erst gar nicht entstehen, was zu weiterem Konsum führt und nicht nachhaltig ist. 

Mit den 3D-Druckern tritt für beide eine neue Konstellation ein, bestehend aus neuer Technologie und neuen Geschäftsmodellen. 
Die Möglichkeit, Produkte selbst mittels von anderen hergestellter 3D-Drucker zu gestalten hält Priddat gerade nicht für ein gelungenes Beispiel von Selbermachen. Weder die Produktion des Druckers noch seine Software seien den Anwendern ausreichend bekannt.
Für Priddat ist Selbermachen ein Art Sport und kreative Beschäftigung nach Feierabend mit der Tendenz zum Aktionismus. Muße und Entspannung nach vollbrachtem Tagwerk kann jedenfalls nicht entstehen, wenn nach Feierabend zwanghaft weiter produziert wird. Die Aussicht, in einem Flugzeug zu sitzen, dessen Teile in Heimarbeit hergestellt oder von einem Amateurpilot gesteuert wird, ist für beide nicht verlockend. Auch nicht die Landwirtschaft mit Tierzucht im eigenen Garten. Zukunft haben für beide neue Produktionsverfahren wie die Mass Customization, die individuelle Wünsche bei Ausnutzung industrieller Fertigungsmethoden mittels Plattformtechnologien ermöglicht. 

Beide sind sich auch darin einig, dass durch die neuen Technologien, wie dem 3D-Drucker, eine Experimentalkultur entstehen kann. Die Arbeit mit 3D-Druckern als gesellschaftliches Labor.