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Sonntag, 31. März 2013

Alexander Demandt - Zukunft, die keine war. Unverwirklichte Möglichkeiten in der Geschichte

Von Ralf Keuper

Der Althistoriker Alexander Demandt spricht in dem Vortrag Zukunft die keine war. Unverwirklichte Möglichkeiten in der Geschichte, gehalten an der Universität Konstanz, über  Entscheidungen und Situationen, die den Verlauf der Deutschen Geschichte bestimmt haben. 
Entscheidungen sind für Demandt Wegmarken, anhand derer  die historische Entwicklung rekonstruiert werden kann, und  die Frage zulassen, wie die Geschichte anders hätte verlaufen können, wenn .. 

Die Ablehnung einer streng determinierten Geschichte ist jedoch kein Freischein für pure Spekulationen im Sinne von Science Fiction.
Die kontrafaktische Geschichte phantasiert nicht, sondern argumentiert. Sie denkt Pläne, die es gab, zu Ende, verweist auf Parallelen, beschleunigt oder verlangsamt laufende Entwicklungen. Dabei bleibt sie kritisch gegenüber Wunschräumen und Horrorvisionen.

Seine Gedanken hat Alexander Demandt in dem Buch Es hätte auch anders kommen können - Wendepunkte deutscher Geschichte vertieft. Die Vorgehensweise erinnert an die Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig. 

Samstag, 30. März 2013

Bertrand Russell: Denker der Zivilcourage

Von Ralf Keuper

Der Radiobeitrag Bertrand Russell: Der Nobelpreisträger unter den Philosophen schildert Leben und Werk eines der einflussreichsten und schillerndsten Denkers des 20. Jahrhunderts. 

Geboren als Graf (Earl) und damit Angehöriger der obersten Gesellschaftsschicht Großbritanniens, wird Bertrand Russell von seiner Großmutter ausgesprochen freigeistig erzogen, wodurch sie in ihm den Kampf für Chancengleichheit und die Liebe zur Philosophie und Mathematik weckt. 
Schon als junger Student hielt Russell wenig von Autoritäten. Die herkömmliche Philosophie war für ihn nicht mehr als ein kurioser Ulk.

Auch als Professor war er alles andere als ein weltfremder Theoretiker. In diversen Zeitungsartikeln nahm er  zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung und scheute dabei auch nicht von unpopulären Aussagen zurück. So hielt der die Monarchie für hoffnungslos rückständig und plädierte für ein Wahlrecht der Frauen. Sein Atheismus und Pazifismus ebenso wie seine Sympathien für die Arbeiterklasse brachten ihm heftige Kritik ein. 

1914 zählte er zu den wenigen Intellektuellen, die nicht in das allgemeine Schlachtengeheul einstimmten. Seine Agitation gegen den Krieg brachte ihm sechs Monate Haft und den Entzug der Lehrbefugnis ein. 
Der Aufenthalt im Gefängnis weckte in ihm die Frage, welche Übel es sind, die zum Krieg führen. 
Insgesamt machte er drei Übel ausfindig: Einmal das Übel des Körpers, Fehler des Charakters (Unwissenheit, Weigerung zu lernen) und die Machtliebe (Fremde Gedanken und Interessen für die eigenen nehmen). Für die physischen Übel ist die Wissenschaft, für den Charakter die Bildung und für die Macht die Politik zuständig. 

Eine Reise mit einer Delegation der Labour Party im Jahr 1920 in die Sowjetunion und die persönliche Bekanntschaft mit Lenin enttäuschten den bis dahin überzeugten Sozialisten Russell maßlos und führten zur entschiedenen Ablehnung des Sowjetkommunismus, der für in das glatte Gegenteil des Ideals einer freien Gesellschaft verkörperte.

Fortan fühlte sich Russell keiner Ideologie mehr verbunden. Maßstab war nur der gesunde Menschenverstand.
Sein Aufenthalt in China inspirierte ihn zu seinem vielleicht schönsten Buch Die Eroberung des Glücks. Darin  kritisiert er den Massenkonsum und propagiert die Ganzheitlichkeit des Menschen. 

Ideologien sind nach Russell Ausdruck unseres tierischen Erbes und Ergebnis unsers Willens zur  Rudelbildung, was uns anfällig für irrationale Maßnahmen macht, die unsere eigene Urteilsfähigkeit ausser Kraft setzen. Stattdessen vertrauen wir Lehrsätzen sog. Autoritäten oder Experten. 

Der Überfall Hitlers auf Polen und der Beginn des Krieges machen aus dem Pazifisten Russell einen entschiedenen Befürworter des Krieges gegen Nazi-Deutschland. 

In seiner Zeit in Cambridge erscheint sein noch immer lesenswertes Hauptwerk Philosophie des Abendlandes, das ihm neben anderen Werken den Nobelpreis für Literatur einbrachte. Über die Zielsetzung seines Buches schreibt Russell: 
Um ein Zeitalter oder ein Volk verstehen zu können, müssen wir seine Philosophie verstehen, und um seine Philosophie zu begreifen, müssen wir selbst zu einem gewissen Grade Philosophen sein. Wir haben es hier mit einer wechselseitigen Ursächlichkeit zu tun: die Lebensumstände der Menschen bestimmten weitgehend ihre Philosophie, während umgekehrt auch ihre Philosophie in hohem Maße ihre Lebensumstände bedingt. Diese Wechselwirkung durch die Jahrhunderte zu verfolgen, ist das Thema der nächsten Seiten. 
Allerdings war er nicht, wie es in dem Beitrag und der Überschrift heißt, der erste und einzige Philosoph, der den Literaturnobelpreis erhielt. Vor ihm waren es Rudolf Eucken und Henri Bergson, die diese Auszeichung entgegen nehmen konnten. 

Die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war überschattet von dem Bau der Atombome mit ihren verheerenden Möglichkeiten zur Kriegsführung. Für Russell trat der Mensch hinter der Wissenschaft zurück. Die moralische Entwicklung des Menschen hinke der technischen hinterher. 

Es war Russells Überzeugung, dass der Mensch nur durch sein eigenes politisches Handeln verbessert werden kann, weshalb er sich auch immer wieder in politische Diskussionen einschaltete. Ein Beispiel dafür ist das Einstein-Russell-Manifest, das zu den ersten Abrüstungsverhandlungen führte. In der Kuba-Krise fungierte Russell als Vermittler zwischen Kennedy und Chrustschow. 
Dass die Krise quasi in letzter Minute noch abgewendet werden konnte, gilt auch als sein Verdienst. 

Weitere Informationen: "Formen der Macht" von Bertrand Russell 



Robert Blum und die Revolution von 1848

Eine sehenswerte Folge aus der ZDF-Serie Die Deutschen handelt von Robert Blum und der Revolution von 1848

Donnerstag, 28. März 2013

"Die geistige Entwicklung der Menschheit" von Georg W. Oesterdiekhoff

Von Ralf Keuper

Georg W. Oesterdiekhoff, der, wenn ich es richtig recherchiert habe, als Professor für Soziologie an der RWTH in Aachen lehrt (zuvor an der Uni Erlangen), verfolg mit seinem Buch Die geistige Entwicklung der Menschheit ein recht ambitioniertes Ziel. Nicht weniger als eine umfassende Theorie der menschlichen Entwicklung, die sich vor allem der Entwicklungspsychologie von Jean Piaget verpflichtet fühlt, präsentiert Oesterdiekhoff dem Leser. Ein Maßstab, hinter dem fortan nicht mehr zurückgegangen werden kann, will man nicht in den Zustand faktischer, selbstverschuldeter Unwissenheit zurückfallen. 
Diese, zugegeben, etwas überspitzte Formulierung, soll verdeutlichen, welchen Anspruch Oesterdiekhoff an seine Theorie stellt. 

Zentrale These seines Werkes wie auch seiner Forschungen überhaupt, ist, dass die Menschheit mit dem formal-operativen Denken einen, wenn nicht den entscheidenden Schritt seiner Entwicklung vollzogen hat. Dem stehen menschliche Gesellschaften gegenüber, die von einem präformalen Denken geprägt waren und zum Teil noch sind. 

Neben Piaget orientiert sich Oesterdiekhoff an den Arbeiten von Max Weber, Ernst Cassirer, Norbert Elias, Claude Levy-Bruhl und James Frazer. Betont wird daher immer wieder die Schlüsselrolle, welche die Kultur für die geistige Entwicklung hat, womit er sich klar von biologischen oder anderen Interpretationen abgrenzt. Einen Relativismus der Kulturen, wie er u.a. von Franz Boas in die Anthropologie einführt wurde, lehnt er jedoch ab. 

Die Positionen der zuvor genannten gleichen sich in den für ihn wichtigen Punkten.

Auf den nächsten 350 Seiten führt Oesterdiekhoff seine Gedanken noch weiter aus, wobei er immer wieder auf die genannten Autoren zurückkommt. 

Dabei greift er zu z.T. recht problematischen Behauptungen, bei ihm jedoch im Gewand wissenschaftlicher Evidenz gehüllt.

Bei der Untermauerung seiner Theorie macht Oersterdieckoff auch vor dem Begründer der Logik, Aristoteles, keinen Halt. Auch dieser sei aus heutiger Sicht mit dem kognitven Denkapparat eines Kleinkindes ausgestattet gewesen. Jeder Gymnasiast befände sich auf einem höheren Denkniveau. 
Nicht viel anders versteht er die großen Wissenschaftler der folgenden Jahrhunderte - in etwa bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Erst von dort an beginnt das formal-operationale Denken sich durchzusetzen. 

Es wäre jetzt übereilt, Oesterdieckhoffs Ansatz wegen dieser Kritikpunkte in Bausch und Bogen zu verwerfen, hebt er doch nicht zu Unrecht die Bedeutung der kulturellen Evolution für das menschliche Denken hervor. Auch argumentiert er schlüssig und zitiert eine Vielzahl von Studien, um seine Argumentation zu stützen. Unstreitig ist, dass er seinen Stoff beherrscht und auf dem Gebiet nicht zu Unrecht als führende Autorität gilt.

Das kann jedoch nicht über einige, entscheidende blinde Flecken hinwegtäuschen. So entgegnet er dem Einwurf, der Holocaust und wie überhaupt der Nazi-Terror widerlege seine These vom Aufstieg der Zivilisation mittel formal-operationalen Denkens, mit dem schwachen Argument, dass in den 30er und 40er Jahren das formal-operationale Denken noch nicht vor kognitiven Verzerrungen gefeit gewesen sei. Das ist nach Karl Popper ein klarer Fall von Immunisierung. Aber selbst für die letzten Jahrzehnten lässt sich sein Befund mehr als anzweifeln. Der Bau der Atombombe schwebt nach wie vor wie ein Damoklesschwert über der Menschheit, ein Kurzschluss kann hier jederzeit katastrophale Folgen haben, die alle Fortschritte der Kultur und Wissenschaft mit einem Schlag zunichte machen. Das Verhalten der Akteure an den Börsen wie überhaupt während er Finanzkrise, nicht zuletzt auch in der aktuellen Eurokrise, lässt nicht unbedingt auf Höchstleistungen formal-operationalen Denkens schließen.
Weiterhin sei auf die Arbeiten und Studien von Jared Diamond verwiesen, der eine zu Oesterdiekhoff konträre Sicht vertritt und Intelligenz in einem anderen Licht sieht. Die empirischen Belege, die Diamond inzwischen vorlegen kann, können auch von der Entwicklungspsychologie nicht so einfach weggewischt werden. Über die Bedeutung der Mythen und Religion herrscht bereits seit Jahrhunderten, vielleicht noch länger, ein lebhafter Streit. Alles nur auf Kognition zu reduzieren, erscheint mir daher zu simpel. 

Alles in allem, ein in vielen Punkten wichtiger Beitrag, dessen impliziter Absolutheitsanspruch u.a. wegen der genannten Mängel, in dieser Form jedoch zurückzuweisen ist. 
Die Lektüre und Beschäftigung mit seinen Gedanken lohnt aber dennoch. 






Mittwoch, 27. März 2013

Einige Anmerkungen zum Mindestlohn

Von Ralf Keuper

Das Thema Mindestlohn schlägt derzeit hohe Wellen. Für die einen sind Mindestlöhne das Mittel zur Herstellung der sozialen Gerechtigkeit, für die anderen führen sie gar zur Zerstörung der Marktwirtschaft.

Zeit daher, sich die Positionen ein wenig näher anzusehen.

Beginnen möchte ich mit der Position, die ich der Vereinfachung halber, als ordoliberal beschreiben möchte.

So fährt Norbert Berthold im Blog Wirtschaftliche Freiheit schweres Geschütz auf, wenn er in seinem Beitrag  behauptet, die flächendeckende Einführung gesetzlicher Mindestlöhne in Deutschland zerstöre die Marktwirtschaft. 
Als Argument führt er an, dass die meisten Niedriglöhner nicht allein, sondern in Familien leben und deshalb das Familieneinkommen für verteilungspolitische Fragen ausschlaggebend ist. Auch liege das Einkommen der Haushalte, in denen Niedriglöhner leben, in den meisten Fällen oberhalb der Armutsgrenze. 
Das Paradigma monopsonistischer Arbeitsmärkte, das häufig für die Einführung von Mindestlöhnen plädiert, sei empirisch ohne Belang, weshalb die Ergebnisse wettbewerblicher Arbeitsmärkte weiterhin relevant seien. Warum die Ergebnisse der monopsonistischen Arbeitsmärkte ohne Belang sind, gibt er nicht näher an. 

Zum Schluss holt Berthold noch einmal aus und gibt zu bedenken, dass bei der Einführung gesetzlicher Mindestlöhne die Chancen der Schwächeren, einen Arbeitsplatz zu finden, schwinden, wie sie überhaupt ein Anschlag auf die marktwirtschaftliche Ordnung sind. Die Preisbildung privater Märkte wird damit unterlaufen. 

Ähnlich wie Berthold, wenngleich nicht in der Schärfe, argumentieren Marcus Dittrich und Andreas Knabe in ihrem Beitrag in der Ökonomenstimme
Als entscheidendes Argument gegen die Einführung gesetzlicher Mindestlöhne führen sie Kalai-Smordinsky-Lösung ins Feld, woraus sie schließen, dass selbst vergleichsweise niedrige Mindestlöhne zu negativen Beschäftigungseffekten führen.

Der Pixelökonom verweist auf den Beitrag seines nach eigenem Bekunden Lieblings-VWL-Profs auf Youtube. Dort erklärt uns dieser u.a. anhand der klassischen Angebots-Nachfragekurve die seiner Meinung nach durchweg negativen Effekte gesetzlicher Mindestlöhne. Die Einführung von Kombilöhnen wäre seiner Ansicht nach der bessere Weg. 


Die Befürworter gesetzlicher Mindestlöhne weisen immer wieder darauf hin, dass Deutschland zu den wenigen Ländern in der EU gehört, die über keinen gesetzlichen Mindestlohn verfügen, wie Frank Oschimansky. So sind inflationsbereinigte Mindestlöhne in den Niederlanden bereits seit 40 Jahren gesetzlich festgeschrieben, ohne dass negative Beschäftigungseffekte drauf zurückzuführen sind. Derzeit beträgt der Mindestlohn in den Niederlanden laut DGB bei 8,96 Euro pro Stunde, was über den für Deutschland geforderten 8,50 Euro liegt. 
Empirische Studien in den USA, Großbritannien und anderen EU-Ländern ergaben keine Beschäftigungsverluste durch Mindestlöhne. Weiterhin fanden vier vom Bundesministerium für Arbeit beauftragte Forschungsinstitute im Herbst 2011 heraus, dass die bereits bestehenden Mindestlöhne weder Arbeitsplätze vernichtet noch den Wettbewerb verzerrt haben.

Auf die Aussage des Präsidenten des ZEW und sog. Wirtschaftsweisen Wolfgang Franz, in kaum einem anderen Sachverhalt bestehe in der VWL so viel Einigkeit wie über die schädlichen Auswirkungen von Mindestlöhnen, verweist Oschimansky darauf, dass die Ökonomen anderen Länder mehrheitlich für eine Erhöhung der Mindestlöhne plädieren. 

Gerhard Bosch setzte sich bereits im Jahr 2007 in einem Beitrag mit dem Thema Mindestlohn auseinander. Darin macht er sich für die Einführung gesetzlicher Mindestlöhne stark. 
Bosch geht davon aus, dass ohne Lohnuntergrenzen der Niedriglohnsektor weiter wachsen wird und die Beschäftigten damit in eine Niedriglohnfalle geraten, aus der sich nicht entkommen können. Auch führen fehlende Lohnuntergrenzen zu sittenwidrig niedrigen Löhnen, die nicht einmal in  Großbritannien und den USA geduldet würden. Dadurch werden Monopolrenten von Unternehmen und ungesunde Wettbewerbsstrukturen gefördert. Eine geringe Produktivität der Beschäftigten würde dadurch nicht ausgeglichen. 

Aus theoretischen Modellen lassen sich für ihn weder positive noch negative Auswirkungen von Mindestlöhnen auf die Beschäftigung ableiten. Daraus folgt für ihn, dass in bestimmten Marktkonstellationen durchaus Gestaltungsspielräume existieren, wobei er sich u.a. auf die Arbeiten von Alan Mannig stützt. Weiterhin haben Forschungen gezeigt, dass Handlungsspielräume für die Einführung von Mindestlöhnen bestehen, womit sich die Schieflage auf dem deutschen Arbeitsmarkt beheben lassen. Inzwischen habe das Niveau der Mindestlöhne in unseren Nachbarländern mit vergleichbarem wirtschaftlichem Entwicklungsstand ein Niveau von (im Jahr 2007) knapp über 8 Euro erreicht, was er für einen Orientierungspunkt hält. Mit Blick auf Ostdeutschland rät allerdings auch er von einer Anpassung in einem Schritt ab. 

Ein aktueller Beitrag auf freitag plädiert ebenfalls für die Einführung gesetzlicher Mindestlöhne. 
Dabei werden Zahlen aus dem Mikrozensus der Bundeszentrale für Politische Bildung zitiert, wonach 2007 2,7 Prozent der mehr als 39 Millionen Haushalte von weniger als 500 Euro leben. 10.8 Prozent haben laut der Erhebung ein monatliches Budget von 500 bis 900 Euro zur Verfügung, 30,7 Prozent konnten demnach ein Einkommen zwischen 900 bis 1.700 Euro monatlich verbuchen. 
Von einer Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro würde vor allem Alleinerziehende und Familien mit Kindern profitieren. 
Was in dem Zusammenhang allerdings der Link auf Qiwik zu suchen hat, erschließt sich mir nicht. 

Resümee

In der Diskussion um den Mindestlohn prallen verschiedene Ideologien aufeinander. Überzeugen kann letztlich keine, was für mich einmal mehr zeigt, dass die Ökonomie zur Beantwortung gesellschaftspolitischer Fragen nur bedingt tauglich ist. 
Wie einige Artikel zeigen, hängen insbesondere die Vertreter der ordoliberalen Schule nach wie vor dem Modell-Platonismus nach Hans Albert (Vgl dazu auch Helge Peukert) an. Nicht ganz zu Unrecht weist Gerhard Bosch in seinem Beitrag darauf hin, dass sich Fragen von der Tragweite der Einführung eines Mindestlohn nicht am Schreibtisch entscheiden lassen, sondern empirisch untersucht werden müssen.
Mit den guten alten Nachfrage/Angebots-Kurven, die lediglich auf Annahmen beruhen, und (idealtypischen) verhandlungstheoretischen Modellen lässt sich das Problem nicht bzw. nur verzerrt erfassen. 

Der Verweis von Norbert Berthold auf die Familieneinkommen ist auf den ersten Blick plausibel, wird aber durch die Zahlen des Mikrozensus der Bundeszentrale für politische Bidlung zumindest relativiert. Die Einführung von Kombilöhnen besitzt ebenfalls einigen Charme, der bei näherer Betrachtung jedoch nachlässt. 
Wäre es zutreffend, wie Berthold prophezeit, dass die Einführung von Mindestlöhnen die Marktwirtschaft zerstört, dann müssten die von den Marktliberalen ansonsten so gelobten Länder Großbritannien und USA kurz vor der Vollendung der Planwirtschaft stehen.  
Auch begehen die Vertreter der ordoliberalen bzw. neoklassischen Schule nach wie vor den Fehler, die Wirtschaft als geschlossenes System zu verstehen. Diese verkürzte und überholte Sicht kann den Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen bzw. Systemen wie Recht, Institutionen, Normen und Werte nicht gerecht werden. Ein Punkt, auf den Gerhard Bosch u.a. am Beispiel der Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich hinweist. 
Damit ist nicht automatisch gesagt, dass der Mindestlohn die in ihn gesetzten Erwartungen der Befürworter erfüllen wird. Die Erfahrungen der Länder mit Mindestlöhnen sprechen zunächst einmal gegen die schlimmsten Befürchtungen, die von einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen sprechen oder gar das Ende der Marktwirtschaft beschwören. 
Letztlich ist es eine Frage, die sich modelltheoretisch wie überhaupt ökonomisch nicht eindeutig lösen lässt. 

Das fällt eher in das Gebiet der Ethik, wie es überhaupt in die Frage mündet, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Dass diese nicht das Paradies auf Erden und auch dort keine Gerechtigkeit im idealen Sinne verwirklicht sein wird, ändert nichts daran, dass wir uns in bestimmten Fragen zu Werten bekennen müssen, die sich in einer Demokratie, die unserem derzeitigen Verständnis entspricht, niemals allein ökonomisch werden begründen lassen. Dazu gehört auch, ob man mit seinem ehrlich verdienten Lohn ein einigermaßen anständiges Leben führen kann. Dafür ist der Mindestlohn vielleicht nicht das allein selig machende, zumindest aber ein in den letzten Jahrzehnten empirisch erprobtes Mittel. Die Ergebnisse geben eher zu vorsichtigem Optimismus als zu übertriebenem Pessimismus und Kassandra-Rufen Anlass.  
Fragen dieser Tragweite, das sei nochmals erwähnt, dürfen wir nicht allein den Ökonomen überlassen. Jedenfalls sollte wenigstens das eine Lehre der letzten Jahre sein. 

Gerhard Bosch zitiert in seinem Beitrag zum Schluss aus einer Rede, die Winston Churchill 1909 im House of Commons gehalten hat. Für Bosch ein Plädoyer für die Tarifautonomie, die, wie häufig befürchtet wird, durch einen Mindestlohn nicht untergraben wird:  
In den Wirtschaftsbereichen mit starken Organisationen auf beiden Seiten mit verantwortungsvollen Führern, die ihre Anhängerschaft auf Entscheidungen verpflichten können (...), finden wir eine gesunde Verhandlungssituation, die die Wettbewerbskräfte des Wirtschaftszweiges stärken, den Lebensstandard und die Produktivität verbessern und Kapital und Arbeit aneinander bindet. Aber in den ,sweated trades‘ gibt es keine solchen starken Organisationen, keine Egalität der Verhandlungsmacht, und der gute Unternehmer wird von dem schlechten Unternehmer unterboten, der Schlechte von dem noch Schlechteren“ (zitiert nach Finn 2005: 11).
Weitere Informationen: "Die Blindgänger. Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden" von Lisa Nienhaus, "Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft" von Hans Küng, Das Ende der Wohlfahrtsökonomik. Die Überwindung des Ökonomismus durch logische Analyse der ökonomischen Sprache 

Montag, 25. März 2013

Karl Dedecius - Fährmann zwischen den Welten

Karl Dedecius hat sich als Übersetzer der Werke polnischer Autoren wie Wislawa Szymborska und Czeslaw Milosz einen Namen gemacht - nicht nur als Interpret, sondern auch als schöpferischer Geist und Brückenbauer zwischen den Kulturen. Ein Europäer im besten Sinne des Wortes. Der Film Karl Dedecius - Fährmann zwischen den Welten, berichtet über Leben und Werk. 

Autoren erzählen - Heinrich Böll

Ein sehenswerter Film, in dem sich Heinrich Böll zu Fragen äußert, die ihn sein Leben lang als Schriftsteller und politisch denkender Mensch beschäftigt haben.

Auszüge: 
Zutreffend wird die Tatsache, dass Obrigkeit als solche, wenn sie sich nicht mir respekteinflößend artikuliert, mir nicht imponiert und mich nicht  .. veranlasst, besonders stramm zu stehen. .. ich nehme nicht einen Rang schon als Würde. . sondern die Würde muss durch die Person in den Rang hineingebracht werden .. dann bin ich bereit auch ein wenig respekt zu zeigen. 
Mein Verhältnis zur Kirche wird durch das Finanzamt geregelt



Sonntag, 24. März 2013

Kathrin Passig: Das Internet jenseits üblicher Projektionen



Von Ralf Keuper

Die Autorin Kathrin Passig im Interview mit dem Stifterverband über das Internet jenseits der üblichen Projektionen.

Das Internet wurde auch von ihr selbst zu Beginn nur als eine andere Form von BTX empfunden, was ihrer Ansicht nach daher rührt, dass die vorhandenen Gemeinsamkeiten mit schon bekannten Technologien überbetont, die feinen, aber entscheidenden Unterschiede dagegen unterbewertet bzw. ausgeblendet werden.  Um die Nuancen zu erkennen und ihre Tragweite einschätzen zu können, bedarf es einer entsprechenden Einarbeitung. 

Das Internet fordert uns dazu auf oder bringt es mit sich, Ambivalenzen anzuerkennen, d.h. es wird damit weder alles schlechter noch alles besser. Also ein sowohl als auch und kein entweder - oder. Technischer Fortschritt hat seine Kosten, aber eben auch seine Vorteile. Der Konflikt online versus offline ist für sie nur ein Übergangsphänomen und kein ernsthaftes Diskursthema. 
Erst der leistungsfähige Laptop hat die Arbeit ortsungebunden gemacht. Nachteilig daran ist, dass die Arbeit nun mit uns überall hin wandert. 

Die sozialen Netzwerke führen dazu, dass Lagerdenken deutlich schwieriger wird, da sie zum Vorschein bringen, dass gemeinsame Berührungspunkte mit engen Bekannten und Freunden längst nicht so groß sind wie gedacht. Die Positionen werden insgesamt unberechenbarer. 

Die Kritik an der Beschleunigung, wie sie ja schon seit über hundert Jahren im Schwange ist, grenzt häufig ans Absurde. Wenn es wirklich so schlimm wäre, dann müsste man als 12jähriger bereits seinen ersten Herzinfarkt haben. Eher handelt es sich um parallele Entwicklungen, d.h. Beschleunigung und Entschleunigung wechseln sich ab. Die Möglichkeiten, zwischen diesen beiden Zeitformen zu wechseln, haben zugenommen. Es ist daher eher eine Frage der persönlichen Strategie, wie man diesen Wechsel gestaltet.  

Freitag, 22. März 2013

H.L. Mencken Speaks - Ein Journalist gegen den Strom


Von Ralf Keuper

Der deutschstämmige amerikanische Journalist und Publizist Henry Louis Mencken war für seine eigensinnigen und scharfzüngigen Kommentare in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenso bekannt wie gefürchtet. Gegen die landläufige Meinung zu schreiben, war für ihn Ansporn. Wegen seiner deutschfreundlichen Haltung hatte Mencken während des 1. und des 2. Weltkrieges keinen leichten Stand in der amerikanischen Öffentlichkeit. Mit kritischem und scharfem Verstand ausgestattet, war aber auch er nicht vor Fehleinschätzungen gefeit. So bereiste er in den 30er Jahren Nazi-Deutschland und konnte oder wollte keine schlimmen Zustände erkennen. Ein außergewöhnlicher Journalist und Reporter war er allemal. 

Das Interview (es besteht aus acht Teilen), das nur kurze Zeit vor seinem Schlaganfall geführt wurde, der ihn für den Rest seines Lebens verstummen ließ, ist das einzige noch erhaltene Tondokument von H.L. Mencken.

In dem Gespräch sagt er, er habe es nie bereut, die Schule frühzeitig verlassen und gegen das Leben eines Zeitungsreporters auf den Straßen Baltimores eingetauscht zu haben. Selbst hielt er sich für keinen allzu guten Reporter, dafür aber für einen außergwöhnlich guten "worker". Dem Sensationsgeheische seiner Kollegen konnte Mencken nicht viel abgewinnen, da die meisten scoups einfach nur schlecht seien. Zusammen mit einem Kompagnon gab er einige Jahre ein eigenes Magazin mit anspruchsvollen Artikeln heraus. Besonders gefiel ihm daran, dass er dort schreiben konnte, was und worüber er wollte. Nach zehn Jahren stellte er das Magazin jedoch ein, u.a. mit der Begründung, das zehn Jahre für jede Art von Job genug seien. Danach bestehe der Job nur noch aus Routine. 

Von Versuchen, das Schreiben von Artikeln zu lehren, hielt er wenig, ebenso wie er dem Expertentum im Journalismus nicht viel abgewinnen konnte. Experten könne man nicht trauen, insbesondere nicht bei emotional aufgeladenen Themen, wie im Sport. Sein Verhältnis zu Gewerkschaften war distanziert, indes nicht generell ablehnend. Eine Gewerkschaft für Journalisten befürwortete er, eine gemeinsame für alle im Verlagswesen Beschäftigen lehnte er jedoch ab. 

Auf die journalistische Unabhängigkeit legte Mencken großen Wert. Ein Journalist mit Selbstachtung spielt(e) für ihn kein Golf und pflegt(e) auch keinen vertraulichen Umgang mit Schauspielern und Politikern. 

Im damals aufkommenden Fernsehen sah er eine Herausforderung für die Zeitungen, der sie jedoch seiner Ansicht nach gewachsen waren. Sie müssten einfach nur bessere Zeitungen werden. Die Vermischung von Fernsehen und Zeitungen hielt er für gefährlich. Fernsehen auf Kosten der Zeitungen zu betreiben, war für ihn ein schlechtes Geschäft. 

Hier noch einige Zitate von H.L. Mencken: 
Je älter ich werde, desto fragwürdiger erscheint mir die These: Alter macht weise.
Der Hauptwert des Geldes besteht in der Tatsache, dass man in einer Welt lebt, in der es überbewertet wird.
Für jedes menschliche Problem gibt es immer eine einfache Lösung: klar, einleuchtend und falsch.
Weitere Zitate 

Buch auf deutsch: Gesammelte Vorurteile 




Dienstag, 19. März 2013

Ferdinand Tönnies - Gemeinschaft und Gesellschaft (Community and Society)

Von Ralf Keuper

Mit Gemeinschaft und Gesellschaft schuf Ferdinand Tönnies ein Grundlagenwerk der deutschen Soziologie. Nicht wenige, wie Raymond Klibansky, sehen in ihm den Begründer der deutschen Soziologie. 

Anders als bei seinen Kollegen Georg Simmel und Max Weber, die er um einige Jahre überlebte, ist sein Name heute nur noch in Fachkreisen bekannt.

Obwohl er der Gemeinschaft gegenüber der Gesellschaft den Vorzug gab, kritisierte er die Nationalsozialisten besonders scharf, was nach deren Machtergreifung zum Entzug seiner Lehrerlaubnis führte. Aus dem Beamtendienst entlassen, starb er 1936 verarmt in Kiel. 

Der bereits erwähnte Raymond Klibansky, der selbst vor den Nazis ins Ausland floh, gedachte daher seines ehemaligen Lehrers voller Respekt:
Ich habe viel gelernt. Tönnies war mir gegenüber sehr freundlich. Ich habe diesen sehr würdevollen Mann in guter Erinnerung. (Quelle: Erinnerungen an ein Jahrhundert. Gespräche mit Georges Leroux)
Weitere Informationen:

Ein Kieler Wissenschaftler findet das verloren geglaubte Manuskript „Geist der Neuzeit“ von Ferdinand Tönnies.

Freitag, 15. März 2013

Rätselhafte Quantenwelt - Teleportation, Quantencomputer und mehr

In einem informativen Film erklärt u.a. Anton Zeilinger die Welt der Quanten. Die klassische Physik der newtonschen Mechanik  wurde durch die Quantentheorie erschüttert. Anders als bis dahin angenommen, lassen sich Ereignisse nicht genau vorausberechnen. In der Welt der kleinsten Teilchen regieren die Gesetzte der Wahrscheinlichkeit und des Zufalls.

Weltweit sind einige tausend Forscher seit mehr als 30 Jahren auf der Suche nach einer Formel, mit der die Bewegung der Teilchen berechnet werden kann.
Laut Anton Zeilinger benötigen wir dazu eine andere Sichtweise. Raum und Zeit sind nicht der Hintergrund der Welt; sie sind Akteure und nicht das Spielfeld.
Im Reich der Quanten sind Dinge möglich, die weit über das menschliche Denken hinausgehen. Selbst das Vakuum ist nicht leer, sondern potentielle Energie.

Licht beispielsweise besteht aus Photonen und Lichtquanten, die sich völlig anders als andere Objekte des täglichen Lebens verhalten. Die Quantenmechanik nimmt keinen Grund an, sondern geht vom  objektiven Zufall aus. 
Der Welle-Teilchen-Dualismus zeigt, dass Quanten sich bis zum Zeitpunkt der Messung im Schwebezustand befinden.
Die Quantentheorie sagt, dass es prinzipiell unmöglich es, gewisse Dinge vorauszusagen. So kann man nicht im Voraus bestimmen, welches Lichtquantum durch einen Spiegel hindurchgeht und welches reflektiert wird. Woher aber weiss das eine Photon, was das andere macht? Kommunizieren sie miteinander?

Wenn ein energiereiches Photon in zwei schwächere zerfällt, dann sind diese im Zustand der Verschränkung gefangen. Will das eine in die eine, wird das andere in die andere Richtung gehen.  Einstein prägte hierfür den Begriff der spukhaften Fernwirkung (Einsteins Spuk).
Quantencomputer sollen spukhafte Fernwirkung nutzen. Der Quantencomputer benötigt für die Darstellung eines Bit nur ein einziges Atom. Heute benötigt man dafür in Chips noch immer viele Atome. 
Lassen sich auch größere Objekte als Photonen verschränken? Obwohl auch große Strukturen quantenmechanische Eigenschaften haben, ist dies noch nicht gelungen.  

Was geschieht im Augenblick der Teleportation?  Es wird keine Masse, sondern es werden nur die Eigenschaften der Photonen übertragen. So kann mithilfe zweier verschränkter Photonen ein drittes teleportiert werden. Handelt es sich dann noch um das gleiche oder um dasselbe Photon? Im Reich der Quanten macht dies keinen Unterschied. Die Eigenschaften eines Teilchens bestimmen seine Identität. 
Gegenstände können daher nicht, wohl aber deren Eigenschaften teleportiert werden. Mittels Quantenteleportation lässt sich der Quantenzustand von einem System auf das andere übertrragen, ohne dass die Information ausgelesen werden kann und einen bestimmbaren Weg nimmt.

Alles was Menschen wahrnehmen, lässt sich als Energie beschreiben. Das Nichts ist demnach pulsierende Wahrscheinlichkeit. Alles entsteht aus dem Nichts.
Die Weltformel fehlt nach wie vor. Das eigentliche Problem ist dabei erstaunlicherweise die Gravitation. Schwerkraft ist ein Effekt der Verkrümmung von Raum und Zeit. Raum und Zeit sind jedoch selbst der Quantisierung unterworfen, was dazu führt,  Raum und Zeit aufzugeben.
Raum und Zeit sind kein Kontinuum. Sie hängen vom Beobachter ab. Sind Raum und Zeit erst mit dem Urknall entstanden? 
Auch die Weltformel, sollte sie je gefunden werden, kann die Rätselhaftigkeit der Welt, die sie beschreibt, nicht erklären. 


Alexander von Humboldt - Der zweite oder wahre Entdecker Amerikas

Von Ralf Keuper

Die sehenswerte Dokumentation Alexander von Humboldt. Natural Traveler der BBC schildert die legendäre Südamerikareise Alexander von Humboldts in den Jahren 1799-1804. Seitdem trägt Humboldt auch den inoffiziellen Beinamen "Der zweite oder wahre Entdecker Amerikas"

Die ausgedehnte Forschungsreise, die Humboldt zusammen mit seinem Gefährten Aimé Bonpland durch Südamerika unternahm, finanzierte er weitestgehend aus eigenen Mitteln, die ihm durch ein umfangreiches Erbe zufielen. 

In dem Film kommen mehrere Forscher zu Wort, die das Werk und Vermächtnis Humboldts bewerten, darunter Sir David Attenborough. 

Das wirklich Revolutionäre seines Ansatzes bestand darin, dass er Natur und Landschaft zwar messen wollte, sich aber immer der Einheit hinter all den Einzelbeobachtungen und Fakten bewusst war. Naturverständnis war für ihn keine rein intellektuelle Aufgabe, sondern auch eine emotionale. Er wollte die Zusammenhänge, die Wechselwirkungen zwischen den Naturphänomen verstehen und veranschaulichen. Nicht umsonst gilt Alexander von Humboldt inzwischen auch als der erste Ökologe, zu einem Zeitpunkt, als dieser Begriff noch nicht einmal in Ansätzen existierte. 
Seine Sorge galt aber nicht nur der Natur, sondern auch den Menschen. So war er ein entschiedener Gegner der Sklaverei und auch ansonsten von Vorurteilen gegenüber den sog. Eingeborenen frei. Ein Universalist und Kosmopolit im besten Sinne. 

Auf seiner Rückreise traft Humboldt mit Thomas Jefferson zusammen, den er wegen dessen liberaler Einstellungen besonders schätze, wenngleich Jefferson die Sklaverei befürwortete. Jefferson war es auch, der den eigenen staatlichen Stellen empfahl, Humboldts wissenschaftliche Methodik anzuwenden, wie er überhaupt Humboldt als den bedeutendsten (Natur-)Forscher seiner Zeit bezeichnete. 

Der einflussreichste Bewunderer Humboldts dürfte jedoch Charles Darwin gewesen sein, der die Inspiration für seine legendäre Reise auf der Beagle aus Humboldts Schriften bezog. So nannte Darwin Humboldt auch einmal "die zweite Sonne". 
Anders als Darwin hat Humboldt jedoch kein einheitliches, geschlossenes wissenschaftliches System hinterlassen, was vielleicht auch erklärt, dass er weitgehend vergessen ist und erst langsam wiederentdeckt wird. 






Donnerstag, 14. März 2013

Rivalen der Zettelkästen: Blumenberg vs. Luhmann

In der SZ berichtete gestern Thomas Steinfeld (Der Geist im Dunkeln) von der Ausstellung Zettelkästen. Maschinen der Phantasie, die derzeit im Literaturmuseum der Moderne in Marbach stattfindet. Als Kuriosität taucht dort u.a. eine Notiz des Philosophen Hans Blumenberg als Reaktion auf eine Bemerkung des Soziologen Niklas Luhmann in dessen Aufsatz Kommunikation mit Zettelkästen auf. Darin schreibt Luhmann, dass er bereits 26 Jahre regen Gebrauch von Zettelkästen mache, was Blumenberg am Rand mit einer 40 quittiert und dem noch ein Ausrufungszeichen hinzufügt. 

Wer hätte das gedacht: Zettelkästen als Mittel spätpubertären Imponiergehabes ;-) 

Der Artikel enthält noch den Hinweis auf das Buch ZettelWirtschaft von Markus Krajewski. 

Weitere Informationen: Niklas Luhmann - Der Zettelkasten

Mittwoch, 13. März 2013

Edward Tufte - Prinzipien der Informationsvisualisierung

Von Ralf Keuper

Edward Tufte, Informationswissenschaftler und Grafikdesigner, hat u.a. den Begriff "Chartjunk" (Chartmüll) geprägt. In seinen Büchern, die als Meilensteine der Informationsvisualisierung gelten, zieht er immer wieder gegen schlecht gemachte Diagramme, insbesondere gegen Power Point, zu Felde. Unterstützt wird er dabei etwa von Stephen Few und in Deutschland von Bissantz & Company. Auf Tufte gehen ebenfalls die Sparklines zurück, Wortgrafiken, die dazu verwendet werden, Zahlen und Text auf sinnvolle und platzsparende Weise zu präsentieren. 

Damit sind wir dann auch bei seinem Vortrag. Ganz gleich, wie Sachverhalte dargestellt werden - durch Bilder, Diagramme, Zahlen, Wörter oder Filme: Es geht immer um Informationen und um Evidenz. Kriterien für die Beurteilung gut gestalteter Informationen sind Relevanz und Integrität. 
Zur Verdeutlichung geht Tufte bis in das frühe Mittelalter zurück. Im 9. Jahrhundert entstand ein für ihn bisher unübertroffenes Beispiel einer gelungenen Kombination aus Wort und Bild - die Darstellung und Erläuterung eines Centauren. Weiteres Paradebeispiel ist Galileos Bericht von der Entdeckung der Ringe um den Saturn. Auch hier eine vorbildliche, für Tufte bislang unübertroffene, Symbiose aus Text und Bild. Als letztes Beispiel dient ihm eine Grafik, die den Russlandfeldzug Napoleons im Jahr 1812 veranschaulicht und dabei das ganze Ausmass des Elends auf einen Blick verdeutlicht, Tolstois Krieg und Frieden ebenbürtig. 

Vor allem das letzte Beispiel ist lehrreich, da es alle wichtigen Kriterien des analytical thinking bzw. analytical design erfüllt: 

  1. Stell Vergleiche her und mach deutlich, was und womit du verglichen hast. 
  2. Zeige die Kausalitäten und Mechanismen hinter der Darstellung. 
  3. Verwende mehrere Variablen. Auch im Alltag haben wir es mit mehreren Dimensionen zu tun. So also auch in unseren Darstellungen.
  4. Beschränke dich nicht nur auf eine Darstellungsform, sondern wähle, je nach Bedarf mehrere, d.h. Wörter, Bilder, Metaphern, Zahlen .. Strebe einen Pluralismus an. 
  5. Stell Dokumente und Quellen über das, was du darstellst und veranschaulichst, zur Verfügung. Präsentationen und Berichte, die das nicht tun, sind mit größter Skepsis zu betrachten. Höchstwahrscheinlich handelt es sich dann um "Rosinenpickerei".
Da Wörter in ihrer Bedeutung meistens lokal begrenzt sind, Bilder dagegen nicht, handelt es sich für Tufte bei den Regeln gelungener Informationsvisualisierung um universell gültige Prinzipien. 





Montag, 11. März 2013

Paul Tillich über seine Wandlung vom Idealisten zum kritischen Realisten

Der Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich sprach in einem Fernsehinterview über seine Wandlung vom Anhänger des deutschen Idealismus zum kritischen Realisten während einer Nacht im 1. Weltkrieg in der Schlacht in der Champagne. 

Ode an die deutsche Sprache - Jorge Luis Borges

Die Ode an die deutsche Sprache des großen argentinischen Schriftstellers Jorge Louis Borges

Mehr über sein Verhältnis zur deutschen Sprache und Deutschland in dem lesenswerten Buch Ein ewiger Traum. Essays.

Armin Falk: Ökonomie neu denken


Von Ralf Keuper

Armin Falk, Direktor und Professor am Center for Economics and Neuroscience in Bonn über die Grenzen rationalen Handelns und Denkens in der Ökonomie. 

Weitaus häufiger als wir denken, sind unsere Entscheidungen vom Bauchgefühl statt vom Kopf gesteuert. Trotzdem geistert   das Bild vom Homo Oeconomicus noch immer durch die Lehrbücher. Die Grundannahmen des Homo Oeconomicus sind inzwischen empirisch widerlegt und damit schlicht falsch. Wichtiger als die Nutzenmaximierung für das Handeln der Menschen sind Faktoren wie Vertrauen, soziale Anerkennung und Fairness.  Verteilungs- und Effizienzfragen lassen sich deswegen nicht voneinander trennen. Verteilungsfragen haben unmittelbare Konsequenzen für die Effizienz, z.B. führen als unfair wahrgenommene Belohnungen zu Stress und über die Beeinträchtigung der Gesundheit auch zu einem Verlust an Effizienz, wie das sozioökonomische Panel belegt. Das Dogma, Ungleichheit führe zu höherer wirtschaftlicher Aktivität, ist widerlegt. 

Da Menschen beschränkt rational sind, lässt sich ihr Verhalten nicht durch mathematische Modelle fassen. Sie sind nicht einmal näherungsweise richtig. In schwierigen Entscheidungssituationen werden statt aufwändiger Berechnungen Heuristiken eingesetzt. Würden wir stets rational handeln, wäre jede Form von Verbraucherschutz und Regulierung überflüssig. Das widerspricht jedoch der Realität, da wir häufig Dinge machen, die wir eigentlich nicht wollen.

Die Neuroökonomie hat seiner Ansicht nach die Ökonomie von Denkverboten befreit. Entscheidende Frage ist jetzt, was an die Stelle des Homo Oeconomicus treten soll bzw. wird.

Die Politik sollte mehr Mut haben, sich auf einen Dialog mit Wissenschaftlern einzulassen, denen es um die Sache und nicht um ihre Interessen und Beraterverträge geht. Die meisten der in den Medien sich zu Wort meldenden Ökonomen spielen in der internationalen Forschung keine Rolle. Entsprechend ist die wissenschaftliche Qualität ihrer Beratungsangebote. Da wäre keine Beratung die bessere Beratung. 

Sonntag, 10. März 2013

Wie Journalisten mit den Mächtigen klüngeln

Von Ralf Keuper

Auf Carta war gestern ein Artikel von Ronnie Grob über die Doktorarbeit von Uwe Krüger zu lesen. Darin untersucht der Autor die Verflechtung der Leitmedien und ihrer Galionsfiguren mit den Mächtigen in Wirtschaft und Politik. 
Eigentlich als Kontrollorgan der Öffentlichkeit gegenüber den Eliten gedacht, sind die Leitmedien oft nur noch allzu dienst- und willfährige Erfüllungsgehilfen, die die Botschaften unter das Volk bringen. 

Gleichwohl stellt sich die Frage, ob der Journalismus überhaupt jemals frei von unmittelbarer Nähe und den Einflüsterungen der Mächtigen gewesen ist und sein kann. Dass eine gegenseitige Beeinflussung existiert, ist nicht das Problem, denkt man an Journalisten vom Rang einer Gräfin Dönhoff oder eines Joachim C. Fest. Jedoch ist dieser Personenkreis inzwischen doch sehr überschaubar geworden.



Königreich Buthan - Bruttoinlandsprodukt vs. Zufriedenheit

Von Ralf Keuper

Im Königreich Buthan ist das Maß der Dinge nicht der (materielle) Wohlstand, sondern die Zufriedenheit der Bewohner, weshalb das Glück auch  Staatsziel Nr. 1. ist, wie eine Fernsehdokumentation zeigt.  Eigens hierfür hat das Institut für Buthan-Studien einen speziellen Maßstab, den Glücksindex, entwickelt, mit dessen Hilfe der emotionale Querschnitt der Bevölkerung gemessen wird. Wiederholte Messungen machen so Trends für das Glück sichtbar. 

Seit 50 Jahren haben alle Einwohner ein Recht auf Bildung. Der Anteil der Analphabeten ist jedoch noch immer hoch.
Befragt nach ihrem Verständnis eines glücklichen und zufriedenen Lebens, äußern die Bewohner häufig, die Verbundenheit mit ihrer Kultur und deren Werte. Materiell recht anspruchslos, ist ihnen die Erkundung ihrer Persönlichkeit wichtiger.

70% der Einwohner Buthans leben von der Landwirtschaft. Jeder Dritte hat ein Einkommen von weniger als 20 Dollar pro Monat. Auch die Oberschicht gibt an, gegen die materiellen Verlockungen weitgehend gewappnet zu sein, da es den Kern ihrer Persönlichkeit nicht betrifft.

Auch im Westen mehren sich die Stimmen, die in dem Bruttoinlandsprodukt keinen geeigneten Indikator für den Wohlstand eines Landes sehen. Gesundheit, Bildung und kulturelle Verwurzelung werden nach Ansicht von Johannes Hirata von der Universität Osnabrück bei der Wohlstandsmessung kaum bis gar nicht berücksichtigt. Demgegenüber hat in Buthan die religiöse und kulturelle Identität einen hohen Stellenwert. Im Buddhismus steht die Beherrschung der eigenen Wünsche und Begierden im Zentrum. 

Ein Fehler ist es laut Hirata, das Wachstum an erster Stelle zu positionieren und alle Lebensbereiche diesem Ziel unterzuordnen.  Die Wirtschaft sollte dazu da sein, die Lebensqualität des einzelnen zu steigern. Wachstum ist daher kein Wert an sich. 

Schon lange geht es nicht mehr darum, einen Mangel an Gütern und Konsum zu beheben - die Überflussgesellschaft ist Realität. Die Rechnung mehr (materieller) Wohlstand = mehr Glück geht in den Industrieländern nicht mehr auf. 

Amartya Sen und Joseph Stiglitz regen daher an, die Welt neu sozial zu vermessen. Arbeit, Gesundheit, Bildung und Beziehungen sind wichtiger als das reine Geld und als Wachstum um seiner selbst willen. Die Frage muss daher auch lauten, welche Umwelt- und Sozialkosten mit dem Wachstum verbunden sind. 

So neu und ungewöhnlich ist die Staatsverfassung Buthans nicht. Ähnliche Gedanken finden sich auch in der von Thomas Jefferson entworfenen Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Jahr 1776:
dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück(Life, Liberty and the Pursuit of Happiness) gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten (deriving their just powers from the consent of the governed); dass es das Recht des Volkes ist, die Regierungsform zu ändern oder abzuschaffen (to alter or to abolish it) und eine neue Regierung einzusetzen, die Sicherheit und Glück des Volkes gewährleistet (in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness).
Weitere Informationen: Buthan. Du sollst glücklich sein!