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Sonntag, 28. April 2013

Voltaire - Der erste moderne Intellektuelle

Von Ralf Keuper

Voltaire war, wie u.a. aus dem Filmbeitrag Voltaire - Das Bessere ist der Feind des Guten hervorgeht, einer der einflussreichsten Schriftsteller der Aufklärung in Europa. Die Eleganz und Natürlichkeit seiner Sprache war und ist noch heute ohne Beispiel. Sein Handwerk gelernt hat Voltaire, wie so viele andere ungewöhnliche Denker, bei den Jesuiten. Dort wurde er darin vertraut, auf eine gewisse Art zu denken, sich der Andeutung zu bedienen, um jenseits der Dinge zu bleiben, diese damit aber um so deutlicher hervorzuheben. 

Aus der oberen Gesellschaftsschicht stammend, jedoch ohne adelige Herkunft, wurde die Obrigkeit das bevorzugte Ziel seiner satirischen Schriften. Das wiederum führte zu häufigen Konflikten, die auch zur Verbannung führten. 

Sein zweijähriger Aufenthalt in England machte ihm die schweren Mängel in Frankreichs gesellschaftlichem Aufbau schmerzlich bewusst. War in England die Meinungsfreiheit ein hohes Gut, so herrschte in Frankreich nach wie vor der Absolutismus. Seine Eindrücke aus dieser Zeit hielt er in seinen Philosophischen Briefen fest.

Eine weitere wichtige Phase seines Lebens war seine Zeit am Hofe Friedrichs des Großen. Entgegen seiner sonst stark ausgeprägten Sparsamkeit, erwies sich Friedrich der Große Voltaire gegenüber als großzügiger Gönner. Nach zwei Jahren kam es indes zum Bruch. 

Neben seinem schriftstellerischen besaß Voltaire auch ein großes kaufmännisches Talent.  Zeitlebens war er eifrig bemüht, sein Vermögen durch Schmuckhandel, Kreditvergabe und Spekulationsgeschäfte zu mehren - mit Erfolg. Mit seinem Geld unterstützte Voltaire Bedürftige. 
Während seiner Zeit in Genf geriet er in einen Disput mit Rousseau, dessen Gedanken er ablehnend gegenüberstand, dem er aber zur Seite sprang, als dessen Bücher verbrannt werden sollten. 

Über Jahrzehnte z.T. heftigen Angriffen ausgesetzt, kehrt Voltaire mit 83 Jahren nach Paris zurück, wo er kurz darauf verstirbt. 

Samstag, 27. April 2013

Adam Smith: Moralphilosoph und Begründer der modernen Ökonomie

Adam Smith hat, wie die der Beitrag Adam Smith. Moralphilosoph und Begründer der modernen Ökonomie zeigt,  die Ökonomie als Wissenschaft wie kein anderer geprägt. Seine Metapher der "unsichtbaren Hand", die er übrigens nur ein einziges Mal in seinem Hauptwerk Vom Wohlstand der Nationen verwendet hat, geistert noch heute durch die wirtschaftspolitischen Debatten. 

Aufgewachsen in der Nähe von Edinburgh, wechselt Adam Smith als vierzehnjähriger an die Universität Glasgow. Ein Stipendium ermöglich ihm den Wechsel nach Oxford. Schon hier fällt er durch seinen unabhängigen Geist auf. Unter seinen Zeitgenossen galt Smith als zerstreut, was zu vielen Legenden und Anekdoten um seine Person geführt hat. 
Smith nimmt den Ruf an die Universität Glasgow an, wo ein freierer Geist als in Oxford weht. Fragen der Wirtschaft interessieren ihn zu diesem Zeitpunkt  kaum. 

Sein erstes Buch trug den Titel Theorie der ethischen Gefühle. Darin hob Smith hervor, dass der Mensch in seinem Handeln neben dem Trieb bzw. Drang zur Selbsterhaltung auch von der  Nächstenliebe und vom Altruismus geleitet wird; ein Punkt den heutige Markt- und Wirtschaftsliberale gerne übersehen. Smith wandte sich bereits in seinem Erstlingswerk gegen ein am reinen Egoismus orientiertes Denken. 

Reisen, die er als Begleiter eines jungen Herzogs unternahm, führten ihn u.a. nach Frankreich, das damals die Hochburg des Protektionismus und Merkantilismus war. Smith, der schon damals ein Verfechter des Freihandels war, verurteile diese Form der Wirtschaftspolitik. Selbst die englische Wirtschaft erschien ihm noch zu protektionistisch. Sein e Vorstellungen einer florierenden Wirtschaft sahen vor, dass ein jeder sich auf die Tätigkeit spezialisierten sollte, die er am besten beherrscht. Die daraus resultierende Arbeitsteilung führe automatisch zum mehr Wohlstand eines Landes. Je größer der Markt, um so mehr Arbeitsteilung ist erforderlich. Zünfte und staatliche Interventionen lehnte er ab. 

In Frankreich, wo er u.a. die Bekanntschaft mit Voltaire, Diderot und Turgot machte, begann Smith sich intensiv mit dem Thema Wirtschaft auseinanderzusetzen, was im weiteren Verlauf zu der Veröffentlichung seines Hauptwerks Vom Wohlstand der Nationen führte. 
Darin blieb er den Gedanken, die er in seinem ersten Buch entwickelte, treu. So vertrat er darin schon die Ansicht, dass der Eigennutz am Ende allen zu Gute kommt. Eigennutz interpretierte er jedoch als zustimmungsfähiges Handeln. In diesem Zusammenhang und Sinn gebrauchte Smith zum ersten Mal die unsichtbare Hand, die er später im Wohlstand der Nationen ein weiteres Mal verwendete. 

Ausgerechnet im Jahr 1776, dem Jahr der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, veröffentlichte Smith sein Hauptwerk Vom Wohlstand der Nationen, an dem er neun Jahre gearbeitet hatte. 
Eine weitere Ironie ist es, dass Smith gegen Ende seines Lebens in den Staatsdienst eintrat um dort ein Amt auszuüben, das sogar nicht zu seinen Vorstellungen passen sollte - als Zollkommissar. 

Weitere Informationen: Adam Smiths Reise nach Frankreich oder die Entstehung der Nationalökonomie

Montag, 22. April 2013

Die entfesselte Antike: Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel



Ein Interview mit Kurator Thomas Ketelsen anlässlich der Ausstellung Die entfesselte Antike: Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel, die vom 02.03.12 bis zum 28.05.12 im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen war. 

Die Forschungen des aus der Hamburger Bankiersfamilie Warburg stammenden Kunsthistorikers Aby Warburg kreisten zeitlebens um die Frage, wie sich Kunstformen über die Epochen hindurch wandeln. Darin wollte er zeigen, wie Künstler Einflüsse ihrer Vorgänger, bzw. Stilelemente vergangener Epochen, aufgenommen und in ihren eigenen Werken zum Ausdruck gebracht haben. Mit dem Begriff der Pathosformel sorgte Aby Warburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts in internationalen Fachkreisen für Aufsehen. 

Neben einigen Werken von Albrecht Dürer hatte die Die Geburt der Venus von Sandro Botticelli als Untersuchungsgegenstand für Warburg einen besonderen Reiz, da sich hier die Auseinandersetzung der Künstler der Renaissance mit der Kunstauffassung der Antike gut verfolgen lässt:
... in dem Gemälde Botticellis, der Dichtung Polizians, dem archäologischen Roman des Francesco Colonna, der Zeichnung aus dem Kreise Boticellis und in der Kunstbeschreibung des Filarete, trat die auf Grund des damaligen Wissens von der Antike ausgebildete Neigung zu Tage, auf die Kunstwerke des Altertums zurückzugreifen, sobald es sich um die Verkörperung äusserlich bewegten Lebens handelt. (Quelle: Aby Warburg. Werke
Weitere Informationen: 


Mittwoch, 10. April 2013

"Das demokratische Zeitalter. Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert" von Jan-Werner Müller

Das Krisenmanagement der politischen Führung der EU der letzten Jahre erscheint vielen Beobachtern als ein schrittweiser Abbau demokratischer Prinzipien. Beschlüsse mit weitreichenden Konsequenzen für die Bevölkerung werden in überschaubaren Gremien getroffen, ohne dass die Wählerinnen und Wähler die Gelegenheit hätten, darüber abzustimmen. Tun sie es doch einmal, ist die Irritation auf den Märkten und in weiten Teilen der Medien groß. 

Um so begrüßenswerter ist es daher, dass Jan-Werner Müller mit seinem Buch Das demokratische Zeitalter. Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert einen Blick in die jüngere Vergangenheit gewährt, als sich die Demokratie unter heftigen Geburtswehen in Europa etablieren konnte. 
Gezeichnet wird ein langer und beschwerlicher Weg, dessen Wendepunkt der 1. Weltkrieg war:
Der Erste Weltkrieg stellt schlechterdings jede institutionelle Regelung und jede politische Idee - oder auch nur moralische Intuition in Frage, auf der das Zeitalter der Sicherheit beruht hatte. Die optimistische liberale Weltanschauung sollte sich davon nie wieder erholen. Ihr autoritärer Konkurrent jedoch erlitt einen noch größeren Vertrauensverlust: Mit Dynastizismus und Gottesgnadentum als glaubwürdigen Mitteln zur Legitimation politischer Herrschaft war es praktisch vorbei. Auch fegte der Krieg alle vier großen Kontinentalreiche hinweg: das Deutsche, das Habsburger-, dass Russische und das Osmanische Reich. 
Im Jahr 1917 brach mit der russischen Revolution für viele Menschen ein neues Zeitalter an. Von Demokratie dem heutigen Verständnis nach konnte trotz der Betonung der proletarischen Kräfte keine Rede sein. In Deutschland versuchte die Weimarer Republik während der 20er Jahre das Volk mit der Demokratie vertraut zu machen. In Spanien und Portugal übernahmen Diktatoren die politische Führung. Mit dem Tod Francos sollte in Spanien erst 1976 ein demokratisches Zeitalter beginnen. 

Wie Müller zeigt und wie es sich für einen Ideengeschichtler gehört, führten Ideologien und ihre Vordenker bei den politischen und militärischen Auseinandersetzungen im Hintergrund die Regie. So war Lenin eifrig bemüht, der Revolution ein theoretisch fundiertes Antlitz zu verleihen. Selbst Stalin wollte nicht gänzlich auf theoretische Überlegungen verzichten, um das Volk auf die Linie der Partei einzuschwören. Philosophen wie Georg Lukacs waren nur allzu gerne bereit, ihren Beitrag zur Aufklärung oder besser, Indoktrination der Massen zu leisten. 
Aber auch der Faschismus machte ideologische Anleihen, wenngleich theoretisch weniger anspruchsvoll und, das mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, dabei nicht allzu wählerisch. In gewisser weise kurios, jedoch wenig überraschend, dass einige Denker, wie Georges Sorel, von beiden Seiten beansprucht wurden. Der Faschismus der Nationalsozialisten war zur Legitimation seines Handelns eher geneigt, auf staats- und verfassungsrechtliche Begründungen zurückzugreifen, die ein Carl Schmitt nur allzu bereitwillig lieferte. 

Von theoretischem Ballast nicht so gedrückt wie der Leninismus und daher auslegungsfähig, kamen die Bedrohungen für den Faschismus aus einer anderen Richtung:
Wovor sich die Faschisten hingegen sehr wohl fürchteten, war, dass die Geschichte ihre Vorstellungen widerlegen könnte: Wahrheit war für sie eine Frage erfolgreichen politischen Handelns, eine Frage der Macht. 
Der Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg führte in Westeuropa zur Einrichtung des Wohlfahrtsstaats, nicht zuletzt auch als Konsequenz aus den Erfahrungen der Vorkriegszeit wie auch von der Absicht geleitet, dem sozialistischen Modell einen humanen und sozialen Entwurf im Kapitalismus entgegenzusetzen. 
In der Nachkriegszeit betrat mit der Christdemokratie eine neue politische Strömung die Bühne, die für Müller zur erfolg- und einflussreichsten der letzten Jahrzehnte wurde. 

Zwei weitere für Müller einflussreiche Bewegungen nach 1945 waren die 68er und der Neoliberalismus. Deren zentrale Figuren wie Guy Debord/Herbert Marcuse und Friedrich August von Hayek standen den Gesellschaften der Wohlfahrtsstaaten wie überhaupt der parlamentarischen Demokratie von ihrem jeweiligen Standpunkt aus, kritisch bis ablehnend gegenüber. Als Zeichen der Ermutigung wertet es Müller daher, dass die Nachkriegsgesellschaft beide Ideologien überwunden hat.

Man muss dem Autor in seinen Analysen nicht in jedem Punkt zustimmen, um das Buch mit Gewinn zu lesen, zumal es, so weit ich sehen kann, der erste Versuch einer durchgängigen Ideengeschichte der Demokratie im 20. Jahrhundert ist. 




Sonntag, 7. April 2013

Einige Anmerkungen zur SPD

Mittlerweile lassen Äußerungen und öffentliche Auftritte des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und führender Sozialdemokraten kaum noch einen anderen Schluss zu, als dass die Partei gewillt ist, die kommende Bundestagswahl mit allen Mitteln zu verlieren. 
Da fehlt es auch nicht mehr an treffenden Analysen, wie von Albrecht von Lucke und Wolfgang Münchau

von Lucke verlegt den Beginn der Misere in das Jahr 1998, als das Tandem Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine die zu dem Zeitpunkt verbrauchte Regierung Kohl nach 16jähriger Amtszeit quasi aus dem Kanzleramt fegte. Die Erwartungen an die neue rot-grüne Regierung waren hoch. So verfasste der Soziologe und zu dem Zeitpunkt jedenfalls noch, Berater und Freund Gerhard Schröders, Oskar Negt, einige Monate vor der Wahl ein Buch mit dem Titel Warum SPD? 7 Argumente für einen nachhaltigen Macht- und Politikwechsel. Darin räumte Negt zwar ein, dass auch unter einer rot-grünen Regierung nicht zwangsläufig alles besser laufen muss, jedoch schienen nicht nur aus seiner Sicht die Argumente den Ausschlag für einen nachhaltigen Politikwechsel zu geben:
Ich sage nicht, dass es einer sozialdemokratisch geführten Bundesregierung notwendig gelingen wird, auf die in sechzehn Jahren Helmut Kohl beharrlich akkumulierten gesellschaftlichen Probleme mit praktikablen Lösungen zu reagieren. Ich behaupte lediglich, dass es ein Vielzahl erwägenswerter Argumente gibt, warum aus den geschichtlichen Erfahrungen der SPD und dem Willen ihrer gegenwärtig führenden Persönlichkeiten eine Erweiterung des Politikverständnisses zu erwarten ist, die die unabdingbare Grundlage für die Eröffnung einer neuen Reformära darstellt.
Selten nur ist eine Aussage so schnell und nachhaltig von der Realpolitik widerlegt worden. Nicht ganz zu Unrecht gilt Oskar Negt seitdem für einige als tragische Figur. Kaum war die rot-grüne Koalitionsvereinbarung fertig, da erschien auch schon das Buch Aufbruch. Die Politik der Neuen Mitte von Bodo Hombach, das so gar nicht zu den 7 Argumenten Oskar Negts passen wollte. 

In den folgenden Jahren waren die Parteistrategen eifrig bemüht, die SPD organisatorisch den neuen Realitäten, wie dem Internet, anzupassen. Im Jahr 2001 erschien mit dem Buch Der rasende Tanker. Analysen und Konzepte zur Modernisierung der sozialdemokratischen Organisation, herausgegeben von Matthias Machnig und Hans-Peter Bartels so etwas wie ein Zwischenbericht. 
Als roter Faden durchzog das Buch die Frage, wie klassische Mitgliedsparteien auf die Herausforderungen des Internets wie überhaupt des digitalen Wandels in der Gesellschaft reagieren sollten. Die unterschiedlichen Positionen repräsentierten die Beiträge von Matthias Machnig und Peter Glotz. 
Unter der Überschrift Vom Tanker zur Flotte entwarf Matthias Machnig folgendes Zielbild:
Vom Tanker zur Flotte, von der zuweilen behäbigen Großorganisation zu einer modernen organisierten Partei, die mit einem dicken Geflecht von Netzwerken die klassischen Organisationsstrukturen ergänzt: Das muss das Ziel der SPD sein. Die klassische Parteiorganisation braucht diese Ergänzung um Netzwerke und Unterstützergruppen, wenn sie unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen auch weiterhin eine Partei sein will, die über eine große Mitgliedschaft verfügen, in der Gesellschaft verankert, die Kompetenzen von Nichtmitgliedern einbinden und erfolgreich Interessen-und nicht zuletzt Wählerkoalitionen organisieren will.
Da spricht zwischen den Zeilen der Zeitgeist, wie er durch die New Economy beflügelt wurde. Für viele war Politik eigentlich nur noch eine Frage der Kommunikation. Nicht die Inhalte waren falsch, sondern die Botschaft hatte die Wählerinnen und Wähler nicht erreicht bzw. war von diesen wegen intellektueller Gebrechen nicht richtig entschlüsselt worden. Heribert Prantl beispielweise fabulierte in seinen Kommentaren im Herbst 1998 u.a. vom großen Kommunikator Gerhard Schröder wie auch vom Zauber des Anfangs

Der Zauber verflog für einige doch recht schnell. 

Eher nachdenklich äußerte sich Peter Glotz in seinem Beitrag Callcenter gibt es genug zu den markigen Ankündigungen, die Parteizentrale in ein Dienstleistungs- und Kompetenzcenter zu verwandeln, deren Aufgabe vornehmlich darin besteht, die frohe Botschaft richtig zu vermitteln. 
Die Partei muss auch ihre eigene Aura wahren; sie muss über die Maßregeln der jeweiligen Regierung hinausgehen. ... Eine Parteizentrale auf diese Auseinandersetzung vorzubereiten, verlangt die gelassene Toleranz, die Willy Brandt vorgelebt hat - und gelegentlich auch die kompromisslose Parteilichkeit der (inzwischen archaisch wirkenden) Wehner-Schule. Die Abrüstung der Parteizentrale zu einem >Dienstleistungszentrum< wäre genau der falsche Weg. Callcenter gibt es genug. Sie verhelfen aber nicht zu kultureller Hegemonie. 
Man hat nicht den Eindruck, dass die mahnenden Worte von Peter Glotz bis heute bei den Parteistrategen Gehör gefunden haben. ... 

Donnerstag, 4. April 2013

Karl-Otto Apel "Der Letztbegründer"

Von Ralf Keuper

Eine ausgesprochen sehenswerte Fernsehdokumentation stellt den Philosophen Karl-Otto Apel vor. 

Apels Denken ist geleitet von der Frage, wie sich Autorität mittels Vernunft begründen lässt. Er ist überzeugt, dass es eine letzte, nicht bestreitbare Begründung dafür gibt, was wir für vernünftig und sinnvoll halten. Vernunft entsteht aus dem Diskurs, dort, wo Menschen überzeugend miteinander diskutieren, wie z.B. in der Rechtsfindung. 
Längst nicht alle Gespräche und Sprachspiele sind Diskurse. Nach Apel und Habermas wird der Diskurs als argumentativer Diskurs verstanden. Er hat die Funktion, strittige Geltungsansprüche einzulösen oder als uneinlösbar zu beweisen. 

Die vermeintlich wertneutrale Wissenschaft benötigt eine Diskursethik, wie nicht zuletzt das Milgram-Experiment zeigt. Wir müssen unser Verhältnis zur Wissenschaft moralisch bewerten. Die Ethik darf dabei nicht auf die Metaphysik zurückfallen, wie noch Kant mit der Struktur des transzendentalen Ich-Bewusstseins, das zu intersubjektiv gültigen Erkenntnissen führen sollte. 

Das post-metaphysische Denken im Sinne Apels beansprucht dagegen keinen außerweltlichen Standpunkt. Der Postmetaphysiker argumentiert in der Welt mittels Reflexion. Dabei muss vor allem die Sprache berücksichtigt werden. 

Die heutige Diskussionen sind für Apel von performativen Selbstwidersprüchen geprägt, wie sie für den Relativismus, den radikalen Skeptizismus und Reduktionismus charakeristisch sind. Der performative Selbstwiderspruch wird geradezu kultiviert. Wenn jemand in seiner Argumentation auf seinem Selbstwiderspruch besteht,  dann ist das Argumentieren zu Ende, da Kritik dann unmöglich ist. 

Der performative Selbstwiderspruch ist das Kriterium der Letztbegründung. Alles, was man nicht bestreiten kann, ohne auf einen performativen Selbstwiderspruch zurückzugreifen, muss man als Letztbegründung ansehen. 
  


Mittwoch, 3. April 2013

Ludwig Feuerbach - Der Philosoph, der die Menschen liebte

Von Ralf Keuper

Der hörenswerte Beitrag Ludwig Feuerbach - Der Philosoph, der die Menschen liebte des BR stellt einen Denker vor, der sich der Demokratie und dem Humanismus verpflichtet fühlte.

Ludwig Feuerbach, politisch den Sozialdemokraten nahestehend,  polemisierte gegen Religion und Gottesglauben. Gott ist für ihn lediglich als Konstruktion des Menschen von Belang. Als außerweltliches Geschehen lehnt der den Gottesbegriff dagegen entschieden ab. Die Theologie ist für ihn daher eigentlich Anthropologie. Der Gottesglaube sorgt dafür, dass die Menschen ihre wahren Wünsche nicht erkennen und sich bevormunden lassen. Die Religion verhindert den Humanismus.

Obwohl politisch interessiert, war Feuerbach kein Politiker oder Revolutionär. Als Gegner spekulativer Dogmen kämpfte er für  eine demokratischere Gesellschaft. Von seinen Gedanken in den Bann gezogen wurde u.a. der berühmte Schriftsteller Gottfried Keller, der Feuerbach in seinem Buch Der grüne Heinrich ein Denkmal setzte.  

Für Feuerbach steht der Mensch im Mittelpunkt, d.h. er ist kein Zweck an sich und darf auch nicht funktionalisiert werden. Die Religion hält er in Fragen der Moral für einen schlechten Ratgeber:
Wo die Moral auf die Theologie gegründet wird, da kann man die unmoralischsten, ungerechstesten, schändlichsten Dinge rechtfertigen und begründen.
Daher ist für ihn die Liebe das Prinzip der Moral. Diese Liebe schließt Mensch und Natur ein. Leiblichkeit und Geistigkeit gehören für ihn zusammen. 

Zwar hat Feuerbach kein neues System begründet, jedoch eine Vielzahl von Anregungen gegeben, die auch heute noch zum Nachdenken einladen. 

Weitere Informationen:
Die Auffassung von der Natur des Denkens, die wir bisher .. behandelt haben, lässt sich nun so fassen und formulieren: Ich denke, also bin ich alle Menschen. Dieser Satz kann auch als oberster Lehrsatz und absolutes Prinzip der Morallehre genommen werden. Denn darum, weil ich im Denken nicht unterschieden und getrennt vom andern bin, muss ich auch im Handeln darauf ausgehen, nicht vom andern getrennt zu sein, um diese ewige und ansichseiende Einheit - die nicht durch mein Tun und Bewusstein bewirkt wird - auch in mir selbst, der ich den andern ausschließender einzelner Mensch bin, in Erscheinung, Ausdruck und Verwirklichung zu birngen. Im Handeln muss ich mich selbst gewisser maßen nachahmen, um mir als Denkendem zu entsprechen. Das Denken soll das Urbild (Archetyp) alles deines Handelns sein. Dem Wesen, also dem Denken nach, bist du nicht unterschieden vom andern, darum sollst du auch im Handeln, in deinem Leben, in deinem Sein als einzelner Mensch das sein, was du wirklich, was du gemäß deinem Wesen nach bist.
Quelle: Ludwig Feuerbach. Werke in sechs Bänden. 1. Frühe Schriften (1828-1830)
Der Zweck meiner Schriften ... ist: die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Theophilen zu Philanthropen, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie und Aristokratie zu freien, selbstbewußten Bürgern der Erde zu machen.

Dienstag, 2. April 2013

Noam Chomsky - Wissenschaftler und Rebell (Sternstunden Philosophie)

Von Ralf Keuper

In einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen äußert sich der berühmte Linguist und Gesellschaftskritiker Noam Chomsky u.a. über den Zusammenhang von Werbung und Rationalität.  Werbung hat das Ziel, Märkte zu untergraben, Rationalität auszuschalten. Das führt wiederum zu uninformierten Konsumenten, die irrationale Entscheidungen treffen. Hätten die Unternehmen zu den Märkten Vertrauen, würden sie die Kunden objektiv informieren.
Ähnlich verhält es sich mit den Wahlen. Dort liegt der Fokus auf der Person und nicht auf den politischen Positionen und Inhalten. 

Angesprochen auf sein Buch Media Control sagt Chomsky, dass die Medien, anders als allgemein angenommen, nicht die Welt kontrollieren. Dazu sind ihre Methoden zu unwirksam, wodurch sich der Graben zwischen der Öffentlichkeit und den Medien erklären lässt.
In letzten US-Wahlkampf wurde einmal mehr deutlich, dass die Medien die Meinung der Elite widerspiegeln. Seit der Regierung Reagan wird die Wohlfahrt von den Medien dämonisiert.  Die Bevölkerung wird falsch informiert, Fakten werden verschleiert. 

Seine wichtigste wissenschaftliche Entdeckung ist die Generative Grammatik, die für eine kognitive Wende sorgte. Bis dahin dachte man, dass das Sprachsystem sehr komplex und bei den Menschen extrem ausgekügelte innere Strukturen erforderlich seien. Der Entwicklungsschritt zur Sprache erfolgte jedoch erst vor kurzem, musste also sehr einfach gewesen sein. Die Sprachfähigkeit hat sich seit ca. 50.000 Jahren nicht mehr weiterentwickelt. Sprachen folgen exakt den gleichen, einfachen Regeln. Was die Menschen produzieren, ist dagegen sehr komplex.