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Freitag, 24. Mai 2013

Der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould im Interview

Stephen Jay Gould dürfte einer der unkonventionellsten und originellsten Denker der Naturwissenschaften der vergangenen Jahrzehnte gewesen sein.

Das Buch Ein Dinsosaurier im Heuhaufen. Streifzüge durch die Naturgeschichte, das u.a.  Gegenstand eines Filminterviews war, zeigt die Vielseitigkeit seines Denkens, das weit über das Fach der Evolutionsbiologie Impulse gegeben hat, so u.a. in der Managementliteratur. 

Samstag, 11. Mai 2013

Marshall McLuhan Interview 1967

Der kanadische Philosoph Marshall McLuhan hat mit seinen Schriften, wie Die magischen Kanäle, die Diskussionen um die Mediengesellschaft wie kaum ein anderer in den letzten Jahrzehnten geprägt. 
Bereits in einer Fernsehdiskussion aus dem Jahr 1967 nimmt er einige der Entwicklungen, wie sie mit dem Internet zum Durchbruch kamen, vorweg. 

Auszug: 
A point of view means a static fixed position and you can´t have a static position in the electric age. Its impossible to have a point of view in the electric age and have any meaning at all. You got to be everywhere at once whether you like it or not you have to be participating in everything going on at the same time and that is not a point of view. 

Montag, 6. Mai 2013

Modernes Management: Auf pragmatische Weise chaotisch?

Von Ralf Keuper

Seit einigen Jahren erfreut sich in Wirtschaft und Politik ein Begriff wachsender Beliebtheit, der immer dann zitiert wird, wenn es darum geht, ein eher hemdsärmeliges, vorgeblich an praktischen Lösungen orientiertes, Vorgehen zu rechtfertigen - die Rede ist vom Pragmatismus. Kaum ein Wirtschaftsführer, Politiker oder Berater, der nicht hervorhebt, Probleme pragmatisch anzupacken, was gleichbedeutend damit ist, nicht theoretisch und schon gar nicht idealistisch vorzugehen - wo kämen wir dahin? Die Welt ist schließlich kein Debattierclub!, wie der unvergessene Alfred Herrhausen und der Philosoph Helmut F. Spinner bereits vor Jahren von sich gaben. 

Ob allerdings Alfred Herrhausen die aktuelle Begeisterung für den Pragmatismus teilen würde, darf zumindest bezweifelt werden. 
Jetzt zu folgern, der Pragmatismus sei rundweg abzulehnen und als typisch amerikanische Philosophie für kontinentaleuropäische Probleme nicht geeignet, wird dieser Denkrichtung bei weitem nicht gerecht. Nur gilt es den Pragmatismus vor Freunden zu schützen, denen vielleicht nicht immer bewusst ist, dass sich dahinter eine Theorie verbirgt. 

Anfang des vergangenen Jahrhunderts noch konnte der Philosoph Rudolf Eucken, Vater des Nationalökonomen Walter Eucken, sagen:
Der Pragmatismus hat neuerdings auch in Deutschland Beachtung gefunden, ohne aber hier so viel Bewegung hervorzurufen wie bei verschiedenen anderen Völkern“. (in: Geistige Strömungen der Gegenwart)
Das hat sich grundlegend gewandelt. Woraus der Pragmatismus seine Anziehungskraft schöpft, wird deutlich, wenn man einige Aussagen eines seiner Hauptvertreter, William James, auf sich wirken lässt:
.. bei uns liegt der Nachdruck im Resultat, im Ergebnis, im >terminus ad quem<. Entscheidend ist nicht das Woher, sondern das Wohin. Es kommt einem Empiristen nicht darauf an, woher eine Hypothese, der er findet, stammt; mag er sie mit guten oder bösen Mitteln erworben haben, mag sein Gefühl sie ihm zugeflüstert, mag der Zufall sie ihm an die Hand gegeben haben: - wenn die Gesamtströmung des Denkens sie fortwährend bestätigt, so ist es dies, was er meint, indem er sie wahr nennt“. (in: Pragmatismus. Ausgewählte Texte von Ch. S. Peirce, W. James, F.C.S Schiller und J. Dewey)
Da klingt sie durch, die zupackende, direkte Art, die den Amerikanern noch immer gerne unterstellt wird, nicht immer ohne Grund und längst nicht immer ist sie ungeeignet. Ein gewisser Hang zum Opportunismus ist allerdings nicht zu übersehen, weshalb der Pragmatismus sich von verschiedenen Seiten heftige Kritik, u.a. von Rudolf Eucken und Bertrand Russell, bis Ablehnung zugezogen hat. So äußerte sich Rudolf Eucken:   
Der Pragmatismus macht namentlich deshalb einen so starken Eindruck, weil er die gewöhnliche Betrachtungsweise umkehrt; es fragt sich nur, ob er damit nicht den Begriff der Wahrheit zerstört. Das eben ist dem Wahrheitsbegriffe wesentlich, und das ist die bewegende Seele des Wahrheitsstrebens, dass der Mensch dabei etwas erreicht, was jenseits aller bloßen Meinungen und Neigungen liegt, was unabhängig von menschlicher Zustimmung gilt. (ebd.)
Nun lässt sich der Pragmatismus nicht auf William James reduzieren. Häufig sogar widersprechen sich seine führenden Vertreter. Als eigentlicher Begründer gilt ohnehin Charles Saunders Peirce, der auch als der bedeutendste amerikanische Philosoph gilt. 

Das eigentliche Problem in der häufigen Verwendung des Begriffs liegt darin, dass er häufig für eine Vorgehensweise herhalten muss, die man auch als Denkfaulheit bezeichnen könnte. Probleme pragmatisch „anzupacken“, ohne sich weitere Gedanken über deren Abhängigkeiten mit anderen Bereichen zu machen und ohne sich einen Überblick verschafft zu haben, einfach so „drauf los“ zu agieren, führt häufig zu deren Vergrößerung. Pläne müssen immer wieder umgeworfen, Fehler korrigiert werden, die man mit etwas Überlegung und Abstand und unter Berücksichtigung vorhandener Informationen häufig hätte vermeiden können, dann aber mit großem Aufwand aus der Welt geschafft werden müssen. Hauptargument ist dabei fast immer der Hinweis, die Zeit reiche leider nicht für eine tiefergehende Beschäftigung. Dass aber das Hau-Ruck-Verfahren zu einem deutlich höheren Aufwand führt, dieser Widerspruch fällt nur selten auf. Erstaunlicherweise ist dann immer genügend Zeit für nachträgliche Korrekturen vorhanden. 

Nicht umsonst sagte Alfred Herrhausen einmal:
Die meiste Zeit geht dadurch verloren, dass man nicht zu Ende denkt. 
Die Begeisterung hierzulande für alles, was pragmatisch klingt oder sich als solches ausgibt, erinnert an die Begeisterung für die japanischen Management-Modelle der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Inzwischen muss selbst Toyota zur Kenntnis nehmen, dass Total Quality Management ins Extrem gewendet zu massiven Problemen führen kann. Dass in Japan die 90er Jahre ohnehin als das verlorene Jahrzehnt bezeichnet werden, sei nur am Rande erwähnt. 

Der Pragmatismus ebenso wie das Total Quality Management sind Produkte ihrer Umgebung. Versucht man deren Grundideen unreflektiert auf andere Kulturkreise zu übertragen, kann das nur zu Problemen führen. Hinter dem Pragmatismus verbirgt sich eine Theorie, die alles andere als trivial ist. Zumindest dann, wenn man ihrem eigentlichen Begründer, Charles Peirce, folgt:
Das wissen um uns selbst, insofern wir nachdenken, uns erinnern, planen, vollzieht sich in Sinnzusammenhängen, die >niemals< auf einzelne innere Tatsachen und Ereignisse reduzierbar sind: Die intensionale Struktur der Prozesse greift über das einzelne innere oder äußere Ereignis hinaus. Wir wissen mithin unmittelbar nur, was es heißt, etwas zu denken und zu erwägen, weil unser gegenwärtiges Denken eine konkrete, uns gegenwärtige Gestalt hat, die es als Teil eines umfassenden Gefüges von Prozessen hervorhebt.“ (in: Der dramatische Reichtum der konkreten Welt. Der Ursprung des Pragmatismus im Denken von Charles S. Peirce und William James)
In der Praxis wird häufig der Fehler begangen, einzelne Tatsachen und Ereignisse losgelöst von den näheren Zusammenhängen zu behandeln. Kein Wunder, dass Entscheidungen dann nur noch ad hoc gefällt werden, um kurze Zeit später ad hoc korrigiert zu werden. Mit Pragmatismus und pragmatisch hat das, zumindest im Sinne der Erfinder, gleichwohl nichts zu tun.  
Davon weitgehend unbenommen ist die Frage, ob und inwieweit der Pragmatismus einer Gesellschaft als Kompass in moralischen Angelegenheiten dienen kann. 

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