Meine Blog-Liste

Samstag, 29. Juni 2013

Mit Exformation gegen die Informationsexplosion

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Spüre die Welt. Die Wissenschaft vom Bewusstsein zog der dänische Wissenschaftsjournalist Tor Norretranders eine Grenze zwischen Information und dem neuen Begriff der  Exformation
Die Quelle von Schönheit,Wahrheit und Weisheit ist die Information, die man losgeworden ist. Die Exformation. Sie hat Wert und Bedeutung, da für ihre Schaffung Entropie in der Umgebung erzeugt werden mußte. In jeder Sekunde entledigt sich das Bewußtsein des Menschen Millionen von Bits, um jenen besonderen Zustand zu erreichen, den wir Bewußtsein nennen. Bewußtsein hat daher mehr mit Exformation als mit Information zu tun. 
Jetzt, wo Big Data in aller Munde ist, ist die Frage, wie man die wachsende Informations- und Datenflut auf das Wesentliche reduzieren kann, noch entscheidender geworden. Mit der Menge neu zur Verfügung stehender Informationsquellen, wächst der Bedarf an Exformation, d.h. nach Aussonderung der überflüssigen Informationen. Auch im Zeitalter von Big Data ist der Kontext für das Verständnis und die Verwendung von Informationen ausschlaggebend. 
Ein Rätsel der Kommunikation besteht darin, daß es möglich ist, durch wenig Information, die wir weitergeben, auf eine Menge von Information zu verweisen, die wir ausmustern. Daß wir unseren mentalen Zustand in Form von wenig Informationen >kartieren< können. Das ist schon für sich genommen bemerkenswert. Nicht weniger bemerkenswert aber ist es dadurch, daß andere sich aufgrund dieser Karte das Gelände vorstellen können ...
Anders als die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten der Informationsgewinnung und -analyse nahelegen bedeutet mehr Information nicht gleich mehr Exformation:  
Exformation steht winkelrecht zur Information. Exformation ist das, was ausgesondert wird, ehe der Ausdruck erfolgt. Exformation betrifft die geistige Arbeit, die wir leisten, um das, was wir sagen wollen, aussprechbar zu machen. Exformation ist die ausgesonderte Information, das, was wir nicht ausdrücken, aber im Kopf haben, wenn oder bevor wir etwas sagen. Information dagegen ist das Meß- und Konstatierbare, das tatsächlich Gesagte, die Bits oder Buchstaben des faktisch Ausgedrückten. Deshalb gibt es keinen Zusammenhang, der besagt: Je mehr Information desto mehr Exformation. ...
Durch Exformation erst gewinnen Informationen an Tiefe und Bedeutung: 
Ein große Menge Information wird durch die Erzeugung von Exformation zu einer kleinen Menge Information zusammengefasst, die übertragen wird. Die Information hat Tiefe, denn es wurde bei ihrer Entstehung Exformation produziert.
Demnach ist es die geistige Arbeit durch Menschen, die in der Lage ist Information in Exformation zu transformieren. Algorithmen und Rechenleistung sind hierzu unverzichtbar, können den menschlichen Faktor jedoch nicht ersetzen.  

Weitere Informationen: 





Sonntag, 23. Juni 2013

Erwin Chargaff: Sünden und Tricks der Genklempner

Im Jahr 1988 führte Michael Leitner ein Filminterview mit Erwin Chargaff


Chargaff gilt allgemein als jemand, der wichtige Beiträge zur Entschlüsselung der Struktur der DNA geliefert hat. Die eigentliche DNA-Entschlüsselung brachte James Watson und Francis Crick Weltruhm ein. Chargaff äußerte sich in seinen Büchern ironisch über die beiden Forscher. Dabei konnte der umfassend gebildete Chargaff seine Abneigung jedoch nicht verbergen. Für ihn waren Watson und Crick Amateure, die einfach nur Glück gehabt hatten. 

In dem Gespräch geht Chargaff auf den Entdeckungsvorgang der Struktur der DNA ein und kritisiert im Anschluss die Wissenschaftsgläubigkeit, wie sie sich insbesondere am Beispiel der Genforschung zeigt. 

Weitere Informationen:

Erwin Chargaff: Zauberlehrling der Doppelhelix

Wahrheit und Wirklichkeit - Paul Watzlawick

Der Kommunikationswissenschaftler und Psychologe Paul Watzlawick erklärt in dem Filminterview, worin für ihn der Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit besteht.

Für Watzlawick ist der Begriff nur dort anwendbar, wo die Menschen derselben Wirklichkeitskonstruktion angehören. 

Im Konstruktivismus, dem Watzlawick angehörte, werden zwei Wirklichkeiten unterschieden. Zum einen die Wirklichkeit, die uns durch die Sinne übermittelt wird (1. Ordnung), und zum anderen über die Zuschreibungen (Bedeutung, Sinn und Wert) der Wirklichkeit der 1. Ordnung. Auf der Ebene der Wirklichkeit 2. Ordnung, der Zuschreibung, ist für Watzlawick die Frage nach Wahrheit nicht entscheidbar, da sie auf (subjektiven) Interpretationen beruht. 


Samstag, 22. Juni 2013

Alfred Sloan Intros General Motors



In der Anmoderation zu einem Film über die General Motors Corporation aus dem Jahr 1938 erläuterte deren legendärer Chef, Alfred P. Sloan, den Zuschauern die Unternehmensphilosophie, den organisatorischen Aufbau und die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens. Vor allem die Ausführungen zum letzten Punkt enthalten schon viel von dem, was heute unter dem Kürzel ESG (Environment, Social, Governance) bzw. unter dem Integrated Reporting die Runde macht.

Sloan betonte den familiären Charakter des Großkonzerns GM und seine enge Beziehung zum Gemeinwesen über all dort, wo GM mit eigenen Fabriken und/oder Handelsorganisationen zu dem Zeitpunkt vertreten war. Auch war es im wichtig, den Mitarbeitern ebenso wie der Öffentlichkeit zu veranschaulichen, wie die Teile des schon damals riesigen GM-Reichts eine Einheit bildeten und welchen Beitrag das Unternehmen zur nationalen Wohlfahrt leistete. 

Für die damalige Zeit fortschrittlich und weitsichtig. 

Weitere Informationen:

Freitag, 21. Juni 2013

Henry David Thoreau: "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat"

Mit seiner Schrift Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat beeinflusste der amerikanische Schriftsteller und Naturphilosoph Henry David Thoreau u.a. Martin Luther King und Mahatma Gandhi

Einer der bekanntesten Aussprüche aus der Schrift ist: 
Die beste Regierung ist die, die gar nicht regiert.
Sein bekanntestes Buch Walden diente u.a. als Vorlage für  den Film Der Club der toten Dichter 

Weitere Informationen: 

H.D. Thoreau Teil 1
H.D. Thoreau Teil 2
H.D. Thoreau Teil 3 

Sonntag, 16. Juni 2013

Michel de Montaigne - Essais (gelesen von Otto Sander)

Otto Sander liest aus dem Werk des französischen Freidenkers Michel de Montaigne
Wenige Menschen auf Erden haben ehrlicher und erbitterter darum gerungen, ihr innerstes Ich, ihre >essence< unvermischbar und unbeeinflussbar vom trüben und giftigen Schaum der Zeiterregung zu halten, und wenigen ist es gelungen, dieses innerste Ich vor ihrer Zeit zu retten für alle Zeiten. (Quelle: Stefan Zweig - Montaigne)

Freitag, 7. Juni 2013

Der Physiker Lee Smolin über den wissenschaftlichen Gehalt der neoklassischen Ökonomie

In einem Interview mit big think zerlegt der Pysiker Lee Smolin in aller Ruhe die gängige neoklassische Theorie der Ökonomie. 


Was ihren wissenschaftlichen Gehalt angeht,  schneidet die neoklassische Variante der Ökonomie, verglichen mit Mathematik und Physik, nicht wirklich gut ab ... 

Samstag, 1. Juni 2013

Behindert das Falsifikationsprinzip den (wissenschaftlichen) Fortschritt?

Von Ralf Keuper

An kaum einer wissenschaftlichen Methode scheiden sich die Geister so sehr wie an dem Falsifikatioinsprinzip  von Karl R. Popper.
Darin äußert Popper seine Überzeugung, dass wissenschaftliche Theorien falsifizierbar, d.h. widerlegbar sein müssen. Theorien, die aufgrund identischer Beobachtungen und konstanter Ergebnisse oder auch nur auf Basis von Erfahrungswerten von sich behaupten, wahr zu sein, lehnt er ab. Berühmt geworden ist in dem Zusammenhang die Parabel des "Schwarzen Schwanes".

So überzeugend die Argumentation auf den ersten Blick erscheint wie auch angesichts der Erfolge und Verbreitung des Falsifikationsprinzips in der Wissenschaft, überrascht, oder vielleicht auch wiederum nicht, dass es in den eigenen Reihen heftigen Widerstand hervorrief, der bis heute anhält.

Der wohl prominenteste und schärfste Kritiker des Falsifikationsprinzips wie überhaupt des kritischen Rationalismus war Poppers ehemaliger Schüler Paul K. Feyerabend. In seinen Büchern Wider den Methodenzwang  und Erkenntnis für freie Menschen ließ er kein gutes Haar an seinem ehemaligen Lehrer und dessen Wissenschaftstheorie.
Für Feyerabend engte der kritische Rationalismus die Sicht der Forschung ein, ja verhinderte sogar neue Entdeckungen. Stattdessen plädierte er für einen Relativismus, der in dem Schalgwort "Anything goes" gipfelte und ihn damit endgültig zum enfant terrible des Wissenschaftsbetriebs machte.

Weniger drastisch mit ihrer Kritik waren dagegen Imre Lakatos, ebenfalls ein ehemaliger Schüler Poppers, und Thomas S. Kuhn. Letzterer hat mit seinem Werk Die Strukturen wissenschaftlicher Revolutionen dem kritischen Rationalismus wohl am meisten zugesetzt. Nach Kuhn neigen wissenschaftliche Theorien dazu, ein sog. "Paradigma" zu bilden, das sich häufig resistent gegenüber widersprüchlichen Beobachtungen oder entgegengerichteten Theorien zeigt und sich damit der Falsifikation entzieht Ein neues Paradigma setzt sich daher erst durch, wenn die Forschergeneration abgetreten ist und ihren Einfluss nicht mehr geltend machen kann - und nicht milttels Falsifikation im laufenden Betrieb. Ähnlich äußerte sich zuvor Ludwik Fleck in seiner Wissenschaftstheorie, auf die sich Kuhn u.a. bezog.

Besonders pointiert ist die Kritik, die Elisabeth Ströker in Einführung in die Wissenschaftstheorie an Poppers Falsifikationsprinzip übt. 
Man muss, um das zu sehen, nicht einmal darauf hinweisen, dass im wissenschaftlichen Alltag eine Vielzahl von Verfahren praktiziert werden, die nichts von einem Bemühen um Falsifizierung und nicht einmal von kritischer Prüfung zeigen, ja es nicht einmal als sinnvoll erscheinen lassen. So enthält etwa die Wissenschaft allenthalben Problemgebiete, deren Theoretisierung noch gar nicht weit genug fortschritten ist, um hier bereits an kritische Prüfungen denken zu lassen, ohne dass man ihre Bearbeitung deswegen als unwisenschaftlich, ihre Ergebnisse als nicht gültig würde verwerfen können. Auch scheint Popper als selbstverständlich vorauszusetzen, dass die Wissenschaft einen in jeder ihrer Entwicklungsphasen und in allen ihren Gegenstandsbereichen völlig eindeutigen und logisch klaren Zusammenhang von Sätzen bildet, dessen Systematik grundsätzlich durchschaubar ist, dessen Verästelungen und Verknüpfungen jedenfalls nach strengen, methologisch einsichtigen und stets rationaler Kritik standhaltenden Prinzipien herstellbar wie auch eventuell auflösbar sind und die speziell auf eine Ordnung verweisen, welche sich bestenfalls in einem geschlossenen System finden ließe. Dass die Wissenschaft eine solche Systematik anstrebt und sie an einzelnen Stellen auch erreicht hat, ist so wenig bestreitbar, wie es unzweifelhaft eine wissenschaftstheoretische Fiktion ist, zu meinen es spiegele ein "fertiges" Satzsystem auch den langwierigen Forschungsprozess wider, in dem er gewonnen wurde.
In letzter Zeit ist die Kritik nach meinem Eindruck nicht unbedingt leiser, wohl aber "objektiver"  geworden, wie z.B. Jörg Friedrich in Heureka. Evidenzkriterien in der Wissenschaft - Ein Kompendium für den interdisziplinären Gebrauch

Und C. Giovanni Galizia formuliert in demselben Buch seine Einwände am Beispiel seiner Disziplin, der Biologie. 

Bei aller berechtigten Kritik haben die Aussagen Poppers zum Abgrenzungsproblem m.E. nach wie vor Gültigkeit. 

Diese Haltung kommt in der Ökonomie nach wie vor zu kurz. Die Theorien werden dogmatisch runter gebetet, ganz gleich, was die Empirie dazu sagt. Nicht ohne Ironie bezeichnet der kritische Rationalist Hans Albert diese Denkhaltung auch als Modell-Platonismus. Eine Wissenschaft, die nicht wie von Popper beschrieben, zur Debatte bereit ist, gibt sich selbst auf und wird zum reinen Dogma und Offenbarungswissen. Das trifft derzeit vor allem auf die herrschende Lehren in der Ökonomie zu. Vgl dazu: Wirtschaftswissenschaften. Anpassung oder Paradigmenwechsel? (Ringvorlesung Plurale ÖkonomikFalsification in Economics 

Auch den Rechtswissenschaften lassen sich einige Anregungen entnehmen, zumindest in der Theorie des rationalen Diskurses als Theorie der juristischen Begründung von Robert Alexy.

Im Kapitel "Die Funktion der Dogmatik" schreibt Alexy:
Die Gründe für die neue Lösung müssen so gut sein, dass sie nicht nur die neue Lösung, sondern auch den Bruch mit der Tradition rechtfertigen. Es gilt also das Perlemansche Trägheitsprinzip. Derjenige, der eine neue Lösung vorschlägt, trägt die Beweislast. ...
Die meiner Ansicht nach interessantesten Gedanken in der Diskussion stammen jedoch von dem Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould. 
Unter Berufung auf Charles Sanders Peirce warnt Gould vor den Gefahren einer dogmatischen Weltanschauung und plädierte wie dieser für die Abduktion.

Weitere Informationen:

Ist das Forschung oder kann das weg?

Falsifikation als Aprilscherz?

Wissenschafter machen Fehler – Esoteriker nicht