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Dienstag, 30. Juli 2013

Henry David Thoreau über Wissen und Nichtwissen

Wir haben von einer >Gesellschaft zur Verbreitung nützlichen Wissens< gehört. Man sagt, Wissen ist Macht, und ähnliche Dinge. Mir aber scheint, dass ein ebenso großer Bedarf an einer >Gesellschaft nützlichen Unwissens< besteht, von uns allerdings als >Wunderbares Wissen< bezeichnet, ein Wissen, das in einem höheren Sinne nützlich ist. Denn was ist ein Großteil unseres sogenannten Wissens, mit dem wir uns brüsten, anderes als die Einbildung, dass wir etwas wüssten, was uns wiederum des Vorteils unseres tatsächlichen Unwissens beraubt. Was wir Wissen nennen, ist oft nur unser positives Unwissen, und das Unwissen ist unser negatives Wissen. Durch jahrelangen beharrlichen Fleiss und Zeitungslektüre - denn was sind wissenschaftliche Bibliotheken anders als Zeitungssammlungen? - häuft der Mensch eine Unmenge von Fakten an und legt sie in seinem Gedächtnis ab, und wenn er dann eines schönen Frühlingstages in die weiten Felder des Denkens hineinschlendert, grast er gewissermaßen wie ein Pferd und lässt sein Geschirr im Stall zurück. Der >Gesellschaft zur Verbreitung nützlichen Wissens< möchte ich manchmal zurufen: >Geht hin und grast. Ihr habt lange genug Heu gefressen. Der Frühling ist da mit seinem Grün<. ..
Die Unwissenheit eines Menschen ist manchmal nicht nur nützlich, sondern auch schön - während sein sogenanntes Wissen häufig nicht nur hässlich, sondern mehr als nutzlos ist. Mit welchem Menschen ist der Umgang angenehmer: mit einem, der nichts zu einem Thema weiss und gleichzeitig, was sehr selten vorkommt, weiss, dass er nichts weiss; oder mit einem, der tatsächlich etwas darüber weiss, aber glaubt, er wisse alles?
Quelle: Vom Glück, durch die Natur zu gehen 

Samstag, 27. Juli 2013

Meister Eckhart - Die philosophische Hintertreppe

Meister Eckhart war, wie es in Wilhelm Weischedels Buch Die philosophische Hintertreppe heisst, ein religiöser Philosoph, der bei den Kirchenoberen mit seinem mystischen Ansatz auf großes Misstrauen bis hin zu scharfer Ablehnung stieß. Nur mit Mühe konnte Eckhart der Folter durch die Inkquisition entgehen. Seine Schriften wurden noch lange nach seinem Tod von der Kirche als Häresie gebrandmarkt. 

Was den Zorn der Kleriker erregte, waren Aussagen Eckharts, in denen er die Menschen aufforderte sich selbst zu lassen, um die Armut des Geistes zu finden. Er forderte zur Auflösung des Ich. Nur durch den Untergang in Gott sei die Neugeburt möglich. Durch das Einswerden des Seelengrundes mit Gott, werden Gott und wir eins. 

Das war und ist auch heute noch für katholische Theologen harter Stoff. Im Gegensatz dazu üben die Schriften Eckharts bis zum heutigen Tag einen großen Einfluss im Zen-Buddhismus aus. Dort ist die Auflösung des Ich der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung. 
Erich Fromm bezog sich in seinen Schriften mehrmals auf Meister Eckhart. 

Auszug aus den Fragmenten:
Dass ich ein Mensch bin,
teile ich mit andern Menschen.
Dass ich sehe und höre,
dass ich esse und trinke,
haben alle Tiere mit mir gemein.
Aber dass ich bin, ist nur mir eigen
und gehört nur mir
und niemandem sonst;
keinem andern Menschen,
keinem Engel und auch nicht Gott - 
außer insofern,
als ich eins mit ihm bin. 

Samstag, 13. Juli 2013

Seneca über Zeitverlust

Die Menschen dulden es nicht, dass ihr Grundbesitz von jemand in Beschlag genommen wird. Ja, wenn nur ein unwesentlicher Streit über den Verlauf der Grenze entsteht, greifen sie schon zu den Waffen. Aber in ihr Leben lassen sie andere einbrechen, sie ebnen sogar denen die Wege, die in Zukunft über ihr Leben verfügen sollen. Niemand will sein Geld teilen, sein Leben aber - an wie viele verteilt es ein jeder! Engherzig halten die Menschen ihr Vermögen zusammen, wenn es aber um Zeitverlust geht, sind sie äußerst verschwenderisch, wo doch hier aller Geiz sittlich berechtigt wäre. 
Quelle: Seneca. Mächtiger als das Schicksal. Ein Brevier  

Donnerstag, 11. Juli 2013

Vom Ende der Massenmedien wie wir sie kannten

Von Ralf Keuper


In seinem Buch The Long Tail - Nischenprodukte statt Massenmarkt beschreibt Chris Anderson den epochalen Wandel, der sich im Zuge der Digitalisierung auf fast allen Märkten abspielt. Waren die Distributionskanäle bisher unter der Kontrolle einiger weniger Konzerne, findet durch das Internet eine Machtverschiebung statt. Kaum eine Branche bekommt diese Entwicklung so zu spüren wie die Medienindustrie. Getreu dem Motto von Don Tapscott: We are the media gehen viele Menschen dazu über, ihr eigenes Programm zu erstellen und zu teilen, sei es über Blogs oder twitter wie überhaupt über die sozialen Netzwerke.

Für Chris Anderson sind die Zeiten der Knappheit in der Informationsversorgung daher vorbei. Stattdessen herrscht Überfluss: 
Die auf Hits basierende Wirtschaft .. ist das Produkt einer Zeit, in der einfach nicht genügend Platz zur Verfügung stand, um jedem alles zu bieten: nicht genügend Regalplatz für all die CD's, DVDs und Videospiele, die produziert wurden, nicht genügend Leinwände, um alle vorhandenen Filme zu zeigen, nicht genügend Kanäle, um alle Fernsehprogramme zu senden; nicht genügend Funkfrequenzen, um sämtliche Musik zu spielen, die aufgenommen wurde; und bei Weitem nicht genügend Stunden am Tag, um alles in diese Zeitfenster zu pressen. 
Das ist eine Welt der >Knappheit<. Heute beginnt für uns dank Internetvertrieb und -handel eine Welt des >Überflusses< - mit gravierenden Unterschieden.
Vor zwei Jahren beschrieb ein Artikel im Economist eine weitere Facette des Wandels innerhalb der Medienlandschaft. Darin stellt der Autor fest, dass die Medien sich mit Social Media wieder zurück an ihren Ursprung begeben, zu einer Zeit als Veröffentlichungen nur in bestimmten sozialen Gruppen, Zirkeln kursierten. Beispiele sind die Kaffeehäuser und die Verbreitung der damals ketzerischen Gedanken Martin Luthers in Kirchenkreisen. Hinzufügen lassen sich noch die Enzyklopädisten um Diderot und d´Alembert.

Die Wiederkehr des Sozialen in den Medien stellt die Massenmedien vor gravierende Herausforderungen bzw. Probleme. 

Bereits einige Jahre vor dem Economist kam Edward D. Miller zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Die Zukunft der Printmedien erkannte er in einer Abwendung von dem Prinzip der Massenfertigung hin zu einer Beziehung zum Kunden, d.h. zum Leser, die von Kooperation geprägt ist: 
Um wertvolle Errungenschaften für neue Aufgaben zu präparieren, müssen Informationen flexibel zusammengetragen und verwaltet werden.
Nur so ist es möglich, kreativ auf die Bedürfnisse der Leser zu reagieren. Der neue Umgang mit Informationen tritt an die Stelle der aktuellen, auf Produktion ausgerichteten Fließbandfertigung, die ein einfache Reaktion auf die Anforderungen des Massenkonsums darstellt. (Die Schockwirkung der kommunikativen Revolution, in: Organisation der Zukunft. Neue Orientierungen für Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft)
Entscheidend für den Erfolg der Printmedien ist die Rückbesinnung auf das "Kerngeschäft", d.h. auf die Bedeutung der Informationen bzw. Nachrichten. Nur wer in der Lage ist, die Nachrichten in einen Kontext zu stellen und damit Orientierung zu bieten, hat in Zukunft in der Medienbranche noch eine Chance: 
Als die Branche, die mit >Bedeutung< handelt, werden Zeitungsverlage auch in Zukunft Nachrichten in einen Kontext stellen und sie somit wertvoll für die Leser vor Ort machen. Als >Speichermedium< für Informationen werden sie umfangreiche Dienstleistungen im Bereich der Archivierung und Recherche anbieten und es dem Leser ermöglichen, entweder nur die täglichen Angebot abzuschöpfen oder zusätzlich auf eine ungeheure Menge von ergänzenden Daten zurückzugreifen. Der elektronische Zeitungsbote wird es den Redaktionen erlauben, Artikel ununterbrochen, auch Wochen nach ihrer ersten Veröffentlichung, auf den neuesten Stand zu bringen. Der Leser wird nicht länger von den Produktions- und Vertriebszyklen einer Tageszeitung abhängig sein. Wann ein Artikel vollständig und abgeschlossen ist, bestimmt der Leser.
Die geschilderten Gedanken und Anregungen aufgenommen hat anscheinend Matt Galligan mit seinem News Start Up Circa

Gut möglich, dass sich Teile des Geschäftsmodell der Massenmedien durch Technologie retten lassen. 

Weitaus schwerwiegender ist allerdings der Reputationsverlust der Medien in der Öffentlichkeit. Artikel, die eher an Storytelling und PR-Journalismus erinnern wie auch die Verquickung führender Medienvertreter dem den Mächtigen im Land, haben das Vertrauen der Leser in die Medien schwer erschüttert, wie der aktuelle Bericht von Transparency International bestätigt

Intermediäre wie Verlage und Fernseh- und Radiosender können ohne das Vertrauen der Kunden auf Dauer nicht überleben. Die Digitalisierung und der Überfluss an Alternativen tun ihr übriges. Insofern nimmt die Relevanz der Massenmedien als Intermediäre, anders als Ottfried Jarren annimmt, ab. 

Eine Erfahrung, die auch die Finanzintermediäre, d.h. die Banken, machen. Nur sind die Banken durch die Regulierung und ihrer Funktion als Risikohändler (noch) geschützter. 

Weitere Informationen:

Medienkritik: Vom Sterben des Journalismus wie wir ihn kannten "Er wird untergehen, der massenmediale Journalismus"

Montag, 8. Juli 2013

Der Humanist und Philologe Erasmus von Rotterdam

Erasmus von Rotterdam wird häufig in einem Atemzug mit Martin Luther genannt, dessen Kritik an der Katholischen Kirche er in vielen Punkten teilte. Trotzdem lehnte Erasmus, wie es in dem hörenswerten Beitrag Der Humanist und Philologe Erasmus von Rotterdam u.a. heisst,  es ab, Luther in seiner Auseinandersetzung mit Kirchenoberen zu unterstützen, da ihm Luthers Ansichten zu radikal waren. Anders als der aufbrausende und zupackende Luther, fühlte sich Erasmus der Wissenschaft verpflichtet. Statt der Revolution das Wort zu reden, setzte Erasmus seine Hoffnung auf die Kraft der Argumente.  Luther wiederum hielt recht wenig vom Humanismus und seinem Bildungsideal. 

Zeitlebens vermied es Erasmus, Partei zu ergreifen und in Streit verwickelt zu werden. Dafür liebte er die Freiheit zu sehr. Ralf Dahrendorf sah in Erasmus daher auch den Schutzpatron der Intellektuellen in Zeiten der Prüfung
Anders als Luther betonte Erasmus den freien Willen des Menschen; die Moral setzt das Bewusstsein von Freiheit voraus. 

Wie viele Intellektuelle nach ihm, nahm Erasmus zu nahezu allen wichtigen Fragen des Lebens Stellung, ohne jedoch seinem Kosmopolitismus untreu zu werden. Nicht Bürger eines bestimmten Landes, sondern Weltbürger wollte Erasmus sein. 

Sein bekanntestes und erfolgreichstes Buch war und ist Lob der Torheit, das einzige Buch aus seiner Feder, das er ohne Verweis auf andere Werke und Autoren verfasste. Vielleicht erklärt das seinen Erfolg beim Leser. Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Niccolo Machiavelli glaubte Erasmus nicht an den gerechten Krieg. Insofern war Erasmus der erste bedeutende Pazifist unter den Intellektuellen.

Stefan Zweig setzte Erasmus von Rotterdam in seiner historischen Biografie Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam ein literarisches Denkmal.  

Freitag, 5. Juli 2013

Niccolò Machiavelli im Portrait

Von Ralf Keuper

Niccolo Machiavelli war, wie es gegen Ende der hörsenwerten Dokumentation Niccolò Machiavelli Portrait heisst, der erste politische Philosoph, der das politsche Geschäft nicht mit der moralischen Brille betrachtete, sondern aus dem Blickwinkel der Effizienz, also danach, welches Verhalten dem Machterhalt dient und welches nicht.

In seinem bekanntesten Werkt Der Fürst finden sich bereits Gedanken, die gut zu dem passen, was heute unter "Realpolitik" und "Staatsräson" bekannt ist. 
Es muss sich daher ein Fürst angewöhnen, sich nie anders zu äußern als auf eine jenen fünf Tugenden entsprechenden Weise, so dass jeder, der ihn sieht, überzeugt ist, er sei die Güte, die Redlichkeit, die Treue, die Höflichkeit, die Frömmigkeit selbst. Letztere Eigenschaft besonders darf er nie unterlassen äußerlich zu zeigen; denn die Menschen pflegen gemeiniglich mehr nach den Augen als nach den Händen zu urteilen; denn jeder ist in der Lage zu sehen, wenige aber zu fühlen. Jeder sieht, was der Fürst scheint, aber fast niemand weiß, was er in Wirklichkeit ist, und diese Minorität wagt es nicht, der Meinung der vielen entgegenzutreten, welche der Schild der Majestät des Staates deckt.
Man beurteilt die Handlungen aller Menschen, besonders aber die Handlungen der Fürsten, welche keinen Richter über sich haben, bloß nach ihrem Erfolge - Es muss also des Fürsten einziger Zweck sein, sein Leben und seine Herrschaft zu erhalten. Man wird alle Mittel, derer er sich hierzu bedient, rechtfertigen, und jeder wird ihn loben; denn der Pöbel hält sich nur an den äußeren Schein und beurteilt die Dinge nur nach ihrem Erfolge. Nun ist aber nichts in der Welt als Pöbel, und die wenigen zählen nicht, wenn die vielen im Staat keinen Rückhalt haben. Es lebt noch jetzt ein Fürst, den man nicht öffentlich nennen kann, der aber stets die Worte Frieden und Treue im Munde führt - aber gewiss schon längst seine Ehre und Länder verloren haben würde, wenn er immer nach seinen Worten gehandelt hätte.