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Sonntag, 29. September 2013

Die Macht der Karten ("Mapping the World")

Die Bedeutung der Kartografie für den (gesellschaftlichen) Fortschritt wird noch immer unterschätzt. Ohne die Karten von Gerhard Mercator wären die Seefahrer des Mittelalters auf den Weltmeeren hilflos umhergeirrt. Ebenfalls gerne übersehen wird, dass Karten auch ein Machtmittel sein können. Die Art und Weise, wie Dinge und Sachverhalte dargestellt, kartografiert werden, kann großen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung haben, wie ein Vortrag von Thomas Macho und das Buch Die Macht der Karten verdeutlichen.  

Karl Schlögel bringt es m.E. auf den Punkt:
Nicht alle kartografischen Darstellungen sind wahr, und schon gar nicht alle sind gleich geeignet, jenes zur Anschauung zu bringen, worauf es im eigentlichen Sinne ankommt. .. Karten sind nicht neutral, sondern in einem fundamentalen Sinne >parteilich<, selektiv. Und es kann auch hier nur darauf ankommen, die Bedingungen explizit zu machen. .. Solange dies so ist, müssen wir mit vielen Karten von ein und derselben Sache und ein und derselben Welt leben, und es wird dann sowohl eine Frage des Standpunktes, des jeweiligen Interesses, vielleicht auch des individuellen Temperaments oder Geschmacks sein, wie man sich am Ende entscheidet. (in: Im Raume lesen wir die Zeit)
Weitere Informationen:

Samstag, 28. September 2013

"Wo gute Ideen herkommen. Eine kurze Geschichte der Innovation" von Steven Johnson

Von Ralf Keuper

Mit seinem Buch Wo gute Ideen herkommen liefert Stephen Johnson eine kleine und ausgesprochen lesenswerte Kulturgeschichte der Innovation. 
Den Beginn macht Charles Darwin, einer der größten Innovatoren der Wissenschaft. Johnson schildert die Expedition Darwins, die ihn auf zwei kleine Atolle im indischen Ozean führte. Dort faszinierten ihn die Korallenriffe mit ihrem ausgeklügelten Ökosystem. In einer ansonsten unwirtlichen Umgebung, herrscht im Korallenriff eine Artenvielfalt, die in dieser Ausprägung in keinem anderen Ökosystem zu finden ist. Obwohl Korallen von schwacher physischer Konstitution sind und das Wasser der Atolle nährstoffarm ist, gelingt es ihnen nicht nur sich zu behaupten, sondern noch dazu eine Umgebung zu schaffen, die es auch anderen Lebewesen und Organismen ermöglicht, dort zu überleben. Erklärung dafür ist, dass in den Korallenriffen organische Kräfte wirken, die die Kalziumkarbonatatome aus den Bruchstücken trennen und zu neuen, symmetrischen Strukturen verbinden. Ähnlich wie Horst Bredekamp in seinem Buch Darwins Korallen verwendet Johnson die Koralle als Metapher für die Evolution (Vgl. dazu Darwins Koralle als Metapher der Evolution . Immer wieder kommt er darauf zurück.

Korallenriffe stehen stellvertretend für alle Lebewesen und auch von Menschen geschaffene Organisationen bzw. Artefakte, die unhierarchisch geliedert oder äußerst anpassungsfähig sind, wie z.B. das Internet.

Musste man in früheren Zeiten in Großstädten oder besser noch Metropolen zu Hause sein, um vom Ideenfluss profitieren zu können, wie es Georg Simmel in Die Großstädte und das Geistesleben geschildert hat, nimmt diese Rolle heute das Internet ein. Das Internet verleitet die Nutzer im besten Sinne zu dem, was in der Fachsprache als Serendipidität bezeichnet wird, d.h. es führt einen zu Zufallsfunden, die man ursprünglich nicht gesucht hatte, sich aber als ausgesprochen nützlich erweisen. Ein weiteres Stichwort ist die Exaptation, ein Begriff der von Stephen Jay Gould und Elisabeth Vrba in die Diskussion geworfen wurde. Demnach gibt es Funktionen bei Lebewesen, für die in der aktuellen Situation kein Bedarf besteht, also eigentlich überflüssig sind, sich aber später, bei veränderten Umweltbedingungen, als äußerst hilfreich erweisen. Guy Kawasaki machte einmal darauf aufmerksam, ebenfalls unter Verweis auf Stephen Jay Gould, dass es bei Produkten Eigenschaften gibt, deren Wert sich häufig erst beim Gebrauch zeigt, indem Kunden auf einmal ganz andere Verwendungsmöglichkeiten für Features finden, als ursprünglich geplant.

Trotz des großen Spielraums, der durch die unzähligen Kombinationsmöglichkeiten zur Verfügung steht, sind die Möglichkeiten zur Umsetzung begrenzt. Viele Faktoren müssen zusammentreffen, damit eine Idee sich in der Praxis verwirklichen lässt. Die Geschichte ist voll von Beispielen genialer Forscher und Erfinder, die ihrer Zeit zu weit voraus waren. Insofern ist es auch in den seltensten Fällen die geniale Einzelperson, sondern fast immer ein Kollektiv, das für Verbreitung von Ideen und Produkten verantwortlich ist. Johnson spricht vom Nächstmöglichen - eine Wortschöpfung des Wissenschaftlers Stuart Kaufman.

Großen Raum nimmt auch die Metapher der Plattform ein. Auch hier ist das Vorbild das Korallenriff, das auf die Begriffswelt des Internet übertragen wird. Vorläufer des Internets waren u.a. die Kaffeehäuser, als Treffpunkt der Künstler und Intellektuellen. Hier konnten Ideen auf kleinem Raum frei und ungehindert zirkulieren. 

Außerordentlich günstig für das Entstehen und die Verbreitung von Innovationen ist es, wenn Informationen aus völlig anderen Kontexten und Systemen verfügbar werden, wie durch den Einsatz neuer Technologien. Der Innovationsforscher Richard Ogle spricht in dem Zusammenhang auch von "Ideenräumen". Anders als häufig noch angenommen wird, sind für Innovationen sog. "schwache Bindungen" besonders wichtig. Ein Phänomen, das einer der Väter der Sozialen Netzwerkanalyse (SNA), Mark Granovetter, bereits in den 70er Jahren beobachtet hat. 

Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn die produktivsten Plattformen aus mehreren Schichten bestehen. Als Beispiel nennt Johnson das World Wide Web, das Tim Berners Lee durch die Kombination vorhandener Standards und offener Protokolle ins Leben rief. 
Ein besonders gelungenes Beispiel offener Plattformen ist für Johnson der soziale Netzwerkdienst Twitter. Revolutionär war der Ansatz, zuerst eine offene Plattform zu schaffen und dann erst in die Breite, in die Anwendung zu gehen.  

Zum Schluss fordert Johnson den Leser dazu auf, sich ein eigenes Riff zu schaffen, um aus dem Fluss der Ideen schöpfen und selbst etwas hinzufügen zu können. 

Kein schlechter Rat.

Mittwoch, 25. September 2013

Vom Wert des (scheinbar) Funktionslosen - Exaptation

Von Ralf Keuper 

In der Evolutionstheorie herrschte lange Zeit die Ansicht, dass Lebewesen und Organismen nur dann auf Dauer überleben können, wenn sie sich möglichst perfekt an ihre Umgebung anpassen. Häufig wird dafür der Begriff der Adaptation verwendet.

Vor einigen Jahren warfen Stephen Jay Gould und Elisabeth Vrba den Begriff der Exaptation in die Diskussion. Damit ist gemeint, dass es in der Evolution Funktionen gibt, für die vordergründig kein Bedarf besteht, für die sich aber im Laufe der Zeit neue, unvorhergesehene Verwendungsmöglichkeiten finden, die wiederum die Überlebensfähigkeit einer Spezies erhöhen. 

Hätte man sie, salopp formuliert, von Anfang an aus dem Programm entfernt, hätte diese Spezies keine Möglichkeit gehabt, auf gravierende Veränderungen in der Umwelt zu reagieren. Dazu ist ein gewisses Maß an Redundanz im Sinne von Gregory Bateson nötig. 

Adolf Portmann hob in seinem Buch An den Grenzen des Wissens - Vom Beitrag der Biologie zu einem neuen Weltbild den Wert des Funktionslosen hervor.  Darin sprach er von dem Spielraum des Offenen, der zu Varianten führt, für die das funktionale Denken keine Erklärung hat. Das reine Funktionieren kann daher nicht das alleinige Lebensziel sein. Fortschritt benötigt ein gewisses Maß an Über-das-Ziel-Hinausschießen. 

Sonntag, 22. September 2013

Denker des Abendlandes - 21 - Hochscholastik - Albertus Magnus und Thomas von Aquin

Die Hochscholastik wird allgemein als Höhepunkt der mittelalterlichen Philosophie betrachtet, wie die sehenswerte Fernsehsendung Denker des Abendlandes betont.   Eigentlicher Initiator war jedoch der islamische Gelehrte Averroës (Ibn-Rushd), der die Werke von Aristoteles übersetzte und kommentierte. Auf diese Weise gelangte die antike Philosophie wieder in den Westen, wo sie von Albertus Magnus und Thomas von Aquin aufgegriffen wurde. Der Standpunkt von Averroës, der auch ein bedeutender Philosoph war, wonach es keine Individualseele gibt, rief Widerspruch bei Albertus Magnus und Thomas von Aquin hervor.

Für Albertus Magnus war der Ausgangspunkt die Frage, wie wir Menschen erkennen. Durch die Aristotelesvermittlung hat die Philosophie auf diesem Gebiet einen großen Sprung gemacht. Zwar beginnt alle Erkenntnis bei der Wahrnehmung; sie sagt uns aber nichts darüber, was über sie hinausgeht.

Während des Erkenntnisvorgangs verbinden wir allgemeine Begriffe mit dem Besonderen. Durch diese Kombination übersteigen wir die sinnliche Wahrnehmung. Der Glaube dient damit dem Verstehen der Welt. Philosophie allein reicht dafür nicht aus.

Obwohl die Theologie damals als Königin der Wissenschaft galt, bestand das Studium der angehenden Theologen und Priester aus vier Jahren Philosophie und zwei Jahren Theologie.  

Für Thomas von Aquin sollte der Glaube rational verstanden werden können. Hierfür wählte er einen wissenschaftstheoretischen Ansatz. Da eine direkte Annäherung an Gott über eindeutige Kausalbeziehungen nicht möglich ist, bleibt nur der Weg über die indirekte Annäherung, quasi als Indizienprozess. Thomas von Aquin macht das Angebot der langsamen Annäherungen, wie am Beispiel der Bewegungen. Alles was sich bewegt, geht auf anderes Bewegtes zurück bis hin zu einem ersten Beweger. Oder über die Wirkursachen: Wenn nicht irgendwo eine notwendige Ursache bestehen würde, dann gäbe es keine weiteren. (infiter regress). Die Welt muss daher ein Ziel haben. Es handelt sich dabei um (Denk-)Wege, aber keine Beweise im eigentlichen, wissenschaftlichen Sinn. Die Wahrheit ist ein Produkt des Urteils. Urteilen heisst, Begriffe zusammensetzen und zu teilen.

Noch heute ist Unterscheidungsfähigkeit und die Klarheit seiner Sprache etwas, was die Schriften von Thomas von Aquin auch heute noch lesenswert macht.

Ein Philosoph der letzten Jahrzehnte, der sich intensiv mit der Philosophie von Thomas von Aquin beschäftigt hat und auch im seinen Sinne Philosophie betrieben hat, war Josef Pieper.

Samstag, 21. September 2013

Gigant der Meere - Die Drachenflotte des Admirals Zheng He

Die Drachenflotte des Admirals Zhen He gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf, wie die sehenswerte  Fernsehdokumentation Gigant der Meere - Die Drachenflotte des Admiral Zhen He zeigt. Die Flotte startete im Jahr 1405 zu einer Reise, die sie um die halbe Welt führte. Mit 300 Schiffen ist sie eine der größten Flotten der Weltgeschichte. Die Schiffe hatten die 50fache Größe der spanischen und protugiesischen Gegenstücke. Anders als die Spanier und Portugiesen einige Jahrzehnte nach ihnen, hatten die Chinesen keine Eroberungsabsicht. 

Den Startschuss für den Bau der Drachenflotte gab Kaiser Yongle, der auf diese Weise sein Ansehen in der Bevölkerung stärken und darüber hinaus das bestehende Wissen der damals bekannten Welt zusammentragen wollte.  Yongle befahl den Bau riesiger Werftanlagen, die aus einer großen Anzahl von Trockendocks bestanden. Trockendocks sollten sich in Europa erst einige Jahrhundert später durchsetzten. Über 20.000 Spezialisten aus allen Teilen Chinas waren im Einsatz. Die Dschunken hat einen minimalen Tiefgang bei breitem Kiel. Das chinesische Wissen im Schiffbau war bereits im 13. Jahrhundert sehr fortgeschritten. So kannten die Chinesen bereits die Schottentechnik, die in Europa erst deutlich später eingesetzt wurde. Vorbild für die Schottentechnik war der Bambus mit seinen inneren Wänden. Die Schiffe hatten eine Länge von 120 Metern bei 30 Metern Breite. ln Europa wurden vergleichbare Schiffe erst im späten 19. Jhd. gebaut.  

Neben Zhen He nahmen an den insgesamt sieben Reisen auch Astronomen, Mediziner, Astrologen und Diplomaten teil. Als geborener Muslim war Zehng He besonders geeignet für die Fahrten in die islamischen Länder, wie z.B. Arabien. 
Das chinesische Kaiserreich hatte nicht die Absicht,  zu kolonisieren oder zu erobern. Stattdessen vertraute man auf die Überlegenheit der eigenen Kultur als Türöffner. 

Die Besatzung der gesamten Flotte betrug 28.000 Mann. Gesegelt wurde in kleineren Flotillien-Verbänden.
Vor Reisebeginn wurde das gesamte vorhandene geografische Wissen zusammengetragen. 
Erstes Reiseziel war die Meerenge von Malaca, das damalige Tor zum Westen.

Dem Flottenverband gehörten bereits Versorgungsschiffe und Tanker an. Auf sog. Anbauschiffen wurden Sojabohnen angebaut, bei deren Keimung Vitamin C entsteht, das gegen die damals in der Seefahrt weit verbreitere Skorbut eingesetzt wurde. In Europa sollte Skorbut erst im 18. Jahrhundert überwunden sein. Ebenfalls dem Flottenverbund angeschlossen waren Schatzschiffe, die auch als diplomatische Vertretungen fungierten. So dienten die Reisen, neben dem Handel, vor allem auch dem Aufbau politischer Beziehungen. 
Die Handelspartner wurden jedoch verpflichtet, Tribut an China zu zahlen.
Wichtiger Handelsplatz für China war die Südküste Indiens mit Calicut als Bindeglied zwischen Asien und Europa. Hier wurden Luxusgüter wie Porzellan abgesetzt. Im Gegenzug bekamen die Chinesen Gewürze wie Pfeffer. Daher war die Gewürzküste Indiens eine wichtige Anlaufstelle der chinesischen Flotten. 
Nicht immer war die Flotte jedoch in friedlicher Mission unterwegs, wie beim König von Sri Lanka (Ceylon), der den Tribut verweigerte. Es blieb für die Flotte allerdings bei der einzigen Seeschlacht außerhalb Chinas. Meistens genügte das Säbelrasseln. 
Die Kommunikation der Schiffe untereinander erfolgte über akustische Signale und ein Flaggenalphabet. Für längere Distanzen wurden Brieftauben eingesetzt. 

Im Jemen wurden Zheng He und seine Leute vom König empfangen. Von dort bezog China auch den Weihrauch, den es für religiöse und medizinische Zwecke benötigte. Weihrauch galt schon damals als entzündungshemmend. Auf diese Weise flossen arabische Heilmethoden in die traditionelle chinesische Medizin ein. Von den Arabern erwarben die Chinesen deren legendären arabische Vollblüter, die sie gegen die kleinen wendigen Fferde der Mongolen einsetzen konnten. 

Mit jeder Reise erweiterte sich das Handelsnetz. Tributzahlungen waren den Chinesen dabei wichtiger als die Religionszugehörigkeit der Menschen. Die Expeditionen öffneten Chinas Blick nach außen. 

Noch am Tag seines Amtsantritts verkündetete der  Nachfolger Yongles indes das Ende der Expeditionen. Als Folge davon zerfällt die Flotte. Beschädigte Schiffe durften auf kaiserlichen Beschluss nicht repariert, neue nicht mehr gebaut werden. Erst der Enkel von Yongle befiehlt die 7. Reise, für die Zheng He erneut das Kommando erhält. Zu dem Zeitpunkt ist Zheng He bereits 62 Jahre alt. Kurze Zeit später stirbt Zheng He und mit ihm die große Ära der chinesischen Seefahrt. Danach isoliert sich China. Fast zeitlgleich betreten die Europäer die Bühne und erobern die Weltmeere, was ihn deutlich schwerer gefallen wäre, hätten die Chinesen an ihren Expeditionen festgehalten ... 


Samstag, 14. September 2013

A Conversation With Designer Dieter Rams at Art Center College of Design

Dieter Rams gilt als der einflussreichste lebende Industriedesigner. Viele der Geräte, die er während seiner Zeit bei Braun entworfen hat, genießen inzwischen Kultstatus. Seine Arbeiten haben u.a. Jonathan Ive, den Chefdesigner von Apple beeinflusst. In der Podiumsdiskussion am Center College of Design in Pasadena (Kalifornien) sagt er, wie wichtig eine direkte Beziehung des Designers zu dem Unternehmer ist, wie seine mit den Brüdern Erwin und Artur Braun und die von Jonathan Ive mit Steve Jobs
Revolutionär war in den 50er und 60er Jahren die Idee, bereits zu einem frühen Zeitpunkt in der Produktentwicklung ein Modell zu entwerfen. Diskussionen alleine können nicht so einen Eindruck vermitteln wie ein Modell; heute würde man sagen: Prototyp. 

Dem Einsatz von Computern im Designprozess steht er kritisch gegenüber, da er dem Designer das Denken nicht abnehmen kann. Dafür ist der Vorgang zu komplex. 

Noch heute gibt es seiner Ansicht nach nur eine Handvoll Unternehmen, die dem Design die im gebührende Rolle einräumen. Wir benötigen mehr Unternehmer wie Steve Jobs, die die Bedeutung des Design für die Produktgestaltung und die Umwelt erkennen. Rams hält es auch für wichtig, dass Designer den Kontakt mit den führenden politischen Köpfen pflegen, wie Raymond Loewy

Mit großem Interesse verfolgt Rams die Entwicklung im Bereich neuer Materialien, weshalb er es für wichtig hält, dass Designer sich mit den Forschungen von Unternehmen wie Bayer und BASF beschäftigen. 

Rams ist davon überzeugt, dass allem Wandel zum Trotz, bestimmte Prinzipien von Dauer sind. Wir müssen uns auf die nötigen Dinge konzentrieren und alles Überflüssige weglassen, damit die eigentliche Funktion hervortreten kann. Produkte haben sich im Hintergrund zu halten und nur dann auf der Bildfläche zu erscheinen, wenn sie benötigt werden. Come back to simplicity - wie Steve Jobs sagte und wie es als Erster Leonardo da Vinci formulierte. 

Im Gegensatz zu den Marketing-Vertretern, die für gewöhnlich sehr redegewandt sind, kann der Designer mit einem realen dreidimensionalen Objekt argumentieren, was jedoch nicht heisst, dass der Designer damit immer erfolgreich ist. 

Zwar sollte man von seiner Idee überzeugt sein und auch ein gewisses Maß an Sturheit kann nicht schaden, dennoch sollte man immer in der Lage sein, sich selbst zu verbessern. 

Weitere Informationen:

Der Designer Dieter Rams 

Der Kartograf Gerhard Mercator im Portrait

Gerhard Mercator hat mit seiner im Jahr 1569 veröffentlichten Weltkarte den Blick auf die Welt revolutioniert. Mit der nach ihm benannten Mercator-Projektion, löste er das Problem der Krümmung und ermöglichte die winkeltreue Abbildung der Erdoberfläche, wovon besonders die englischen und niederländischen Seefahrer profitiert haben.   



Sonntag, 8. September 2013

Siegfried Kracauer - Essays, Feuilletons, Rezensionen

Siegfried Kracauers Blick auf die Zeit war nicht nur für seine Zeit ungewöhnlich. In seinen zahllosen Essays, Zeitungsartikeln und Rezensionen zeichnete er die Kulturgeschichte der Weimarer Republik; ein Panorama, das so nur noch Harry Graf Kessler in seinen Tagebüchern gelang.  
Die während der 20er Jahre rasant wachsende Schar der Angestellten, beschrieben in einem seiner berühmtesten Bücher Die Angestellten, war für ihn eine diffuse soziale Mittelschicht, die mit dem Bürgertum nur wenig gemein hatte. Diesen Mangel verspürte Kracauer besonders bei seinen Besuchen in Frankreich. Dort existierte eine selbstbewusste Gesellschaft, die sich auf ein festgefügtes Arsenal von Formen stützen konnte, das auch in Krisenzeiten Halt gab. Die französische Gesellschaft profitierte von den Errungenschaften einer bürgerlichen Revolution, die in Deutschland immer gescheitert war.

Trotz vieler Indizien war das deutsche Verhängnis für Kracauer nicht nur auf den Kapitalismus zurückzuführen. Die Politik der Weimarer Republik war gekennzeichnet von einem Gewurstel, das über kurz oder lang in einer schweren Krise münden musste. Daran konnten auch die Appelle an die Vernunft und die demokratischen Grundwerte, wie sie Thomas Mann in seiner berühmten Deutschen Ansprache vertrat, nichts ändern. Darin forderte Mann das Bürgertum u.a. dazu auf, an der Seite der Sozialdemoktratie zu stehen, die für ihn die einzige politische Kraft im Land war, die den Prinzipien einer bürgerlichen Demokratie am nächsten stand. 

Früh erkannte Kracauer, der auch als Literaturkritiker hohes Ansehen genoss und selber schriftstellerisch tätig war, wie in seinem Roman Ginster, die Bedeutung des Werks von Franz Kafka, das er einem breiten Publikum bekannt machte.  

Kracauer war eine ebenso seltene wie gelungene Mischung aus einem Journalist, Schriftsteller, Philosophen und Soziologen, wie sie eine moderne Gesellschaft immer benötigt. 

Anmerkung: Ganz so selbstbewusst, wie Kracauer meinte, war das französische Bürgertum dann doch wohl nicht, was Julien Green in seiner Schrift Ende einer Welt kurz vor der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland, mit tiefem Bedauern, feststellen musste. 

Samstag, 7. September 2013

Die Göttinger Sieben und ihr Protest (Film)




Ein kurzer Film über den Protest der Göttinger Sieben.  Ein inzwischen zeitloses Beispiel für Zivilcourage über den engeren Bereich der Wissenschaft hinaus. 

Seneca über geschäftige Trägheit

Schluss machen müssen wir mit dieser Art Betriebsamkeit, die so viele Menschen zwischen ihren Häusern, den Theatern und Marktplätzen hin und her treibt. Wie sie sich aufdringlich in fremde Angelegenheiten mischen, immer mit irgendetwas beschäftigt scheinen! Tritt einer dieser Zeitgenossen aus dem Haus und du fragst ihn: "Wohin soll's denn gehen? Was hast du vor? Gleich wird er dir antworten: "Weiß ich wirklich auch noch nicht! Werd schon jemand treffen, mich irgendwie beschäftigen!". So irren sie ohne festes Ziel umher, verwirklichen nicht bestimmte Pläne, sondern verwickeln sich lediglich in Zufallsgeschäfte. Unüberlegt und vergeblich ist ihr ganzes Tun. Mit emsigen Ameisen könnte man sie vergleichen, die sich ohne Sinn und Ziel die Baustämme hinauf und wieder hinuntertreiben lassen. Mit solchen hat das Leben der meisten Menschen die größte Ähnlichkeit. Mit Fug und Recht könnte man ihr Treiben als geschäftige Trägheit bezeichnen. Es ist rührend zu sehen, wie einige losstürmen, als ob's irgendwo brennt, jeden der ihnen im Wege steht, beiseite drängen und sich und andere mit sich fortreißen. ... Jede Tätigkeit muss doch einen Sinn haben! Ihr Fleiß ist es jedenfalls nicht, der diese Verblendeten so rastlos antreibt, sondern ihre falschen Vorstellungen von der Wirklichkeit. Ohne eine gewisse Zielvorstellung würde ja auch ihnen der Antrieb fehlen; ihr Geist lässt sich eben von der schönen Außenseite, deren Nichtigkeit er verkennt, anlocken und gefangennehmen. Jeder dieser Pflastertreter treibt sich auf ähnliche Weise und aus völlig nichtigen Anlässen in der Stadt herum. 
Quelle: Seneca. Von der Seelenruhe 

Sonntag, 1. September 2013

Von der Überlegung - Eine Paradoxe (Heinrich von Kleist)

Man rühmt den Nutzen der Überlegung in alle Himmel; besonders der kaltblütigen und langwierigen, vor der Tat. Wenn ich ein Spanier, ein Italiener oder ein Franzose wäre: so möchte es damit sein Bewenden haben. Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten. 
»Die Überlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach, als vor der Tat. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln nötige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung abgetan ist, der Gebrauch von ihr machen lässt, zu welchem sie dem Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was in dem Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewusst zu werden, und das Gefühl für andere künftige Fälle zu regulieren. Das Leben selbst ist ein Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfasst hält, schlechthin nach keiner anderen Rücksicht, als nach bloßen augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung setzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den kürzeren ziehen, und unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm hätte stellen sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein solcher Ringer, umfasst hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfs, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch, durchsetzen; viel weniger in einer Schlacht.«
Mal eine andere Sicht

Quelle: Heinrich von Kleist. Über das Marionettentheater

Weitere Informationen:

Zuerst Handeln, dann denken? Über die Vor- und Nachteile des Denkens für das Leben