Meine Blog-Liste

Sonntag, 27. Oktober 2013

Die Kunst der Prognose

Von Ralf Keuper

Trotz wachsender technologischer und wissenschaftlicher Fertigkeiten, sind Prognosen ein heikles Unterfangen. Nicht selten stellt sich schon unmittelbar nach der Abgabe heraus, dass die der Prognose zugrunde liegenden Annahmen falsch bzw. zu optimistisch/pessimistisch waren. Erinnert sei nur an die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute zum Wirtschaftswachstum. 

Mit der ihm eigenen Ironie fasste Winston Churchill das Dilemma in die Worte:
Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. 
Oder auch: 
Der sicherste Zeitpunkt für eine Prognose ist kurz nach dem Ereignis.
Folgt daraus nun, dass die Beschäftigung mit Prognosen überflüssig ist?

Nicht ganz. 

In seinem Aufsatz Die unbekannte Zukunft und die Kunst der Prognose aus dem Buch Zeitschichten zeigt der Geschichtstheoretiker Reinhard Koselleck, dass es durchaus möglich ist, aus der Vergangenheit Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen, ohne dabei dem Glauben zu verfallen, die Geschichte verlaufe linear oder wiederhole sich lediglich. Letzteres wurde von Karl Popper als Elend des Historizismus gegeißelt. 

Koselleck wählt folgenden Ansatz:
Prognosen sind nur möglich, weil es formale Strukturen in der Geschichte gibt, die sich wiederholen, auch wenn ihr konkreter Inhalt jeweils einmalig und für die Betroffenen überraschend bleibt. Ohne Konstanten verschiedener Dauerhaftigkeit im Faktorenbündel kommender Ereignisse wäre es unmöglich, überhaupt etwas vorauszusagen. 
Als Beispiele für jene Konstanten nennt Koselleck geografische Bedingungen, die sich nur sehr langsam ändern, rechtliche und institutionelle Bedingungen, die sich ebenfalls nur über einen längeren Zeitraum verändern und die Verhaltensweisen und Mentalitäten der Menschen, die sich gleichfalls nur langsam wandeln. Auch politische Machtkonstellationen sind von Natur dauerhafter als viele Revolutionäre wahrhaben wollen. 

Die einschneidendsten Veränderungen gehen laut Koselleck von Geschehensabläufen aus, in die eine Fülle von Faktoren eingehen bzw. in die mehrere Zeitschichten gleichzeitig hineinreichen, wie z.B. in Folge ökonomischer Krisen oder Kriegsereignisse. Hier kommen transpersonale Rahmenbedingungen zum Tragen, die in der Lage sind, die Rahmenbedingungen selbst zu verändern, wie die Industrialisierung im 20. Jahrhundert oder, auf die heutige Zeit bezogen, die Informationsgesellschaft. Für Koselleck sind Voraussagen um so zutreffender, je mehr zeitliche Schichten möglicher Wiederholung in die Prognose eingegangen sind. 

Als Prognoseinstrumente weitgehend bewährt haben sich aus dem Bereich der Wirtschaft und Technologie u.a. das Mooresche Gesetz, der Netzwerkeffekt und die Diffusionstheorie.  Steven Johnson berichtet in seinem Buch Wo gute Ideen herkommen von der 10/10-Regel aus der Unterhaltungselektronik, wonach es zehn Jahre braucht, um einen Standard, eine Plattform zu etablieren und weitere zehn, um ein breites Publikum zu finden. Bespiele sind der DVD-Player, HDTV und der Desktop-Computer. Mittlerweile hat sich das Verhältnis laut Johnson auf 1/1 reduziert, d.h. es braucht in bestimmten Bereichen nur noch ein Jahr um einen Standard zu entwickeln und ein weiteres, um ein ein größeres Publikum zu erreichen. Als Beispiel nennt Johnson Youtube. 

Dank Big Data scheinen sich für viele die Versprechungen der Predictive Analytics zu erfüllen. Allerdings wächst die Zahl der Daten-Skeptiker.  Mehr Daten bedeutet nicht zwangsläufig bessere Prognose. Häufig ist es sogar so, dass mit der Zahl der Daten oder Informationen ab einem bestimmten Punkt die Treffgenauigkeit nachlässt, u.a. wegen des Phänomens des Overfitting
Weiterhin erfreut sich das Uplift-Modell in einigen Unternehmen und bei politischen Parteien großer Beliebtheit. Wie bei jedem Modell, lauern jedoch auch hier Modellrisiken. Manche Prognosen können auch manipulativ wirken, wie das Phänomen der Selbsterfüllenden Prophezeiung zeigt. In etwa in dieselbe Kategorie gehört der Halo-Effekt, der in der Wirtschaft vor allem unter Begriff der Erfolgsfaktoren Einzug gehalten hat.

Einen interessanten Ansatz lieferte vor Jahren Friedrich Cramer mit seinem Zeitbaum. Darin vertritt er eine prozessuale Sicht der Zeit. Strukturen sind demnach gebremste Zeit. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wechselt ein nichtlineares System in einen anderen Zeitmodus. Es kommt zu einer Verzweigung, Bifurkation

Das lässt sich m.E. gut mit den Zeitschichten von Koselleck kombinieren. Prognosen mit 100%iger Treffsicherheit sind aber auch damit nicht möglich. 

Weitere Informationen:

Sind falsche Prognosen gut?

Sonntag, 20. Oktober 2013

Friedrich Wilhelm Schelling - Philosoph zwischen Idealismus und Romantik

Von Ralf Keuper

Nach Aussage einiger Zeitgenossen war Friedrich Wilhelm Schelling ein zutiefst widersprüchlicher Charakter. In Vorlesungen ausgesprochen offen und lebhaft, war er privat verschlossen. Zuneigung  konnte schnell in Abneigung umschlagen, wie bei seiner Freundschaft mit Hegel, den er während ihrer gemeinsamen Schulzeit am Tübinger Stift kennenlernte. Dort drückte in etwa zur selben Zeit auch Hölderlin die Schulbank. 

Schelling ging es in seiner Philosophie, wie es in einem Audiobeitrag aus der Reihe Die Philosophische Hintertreppe heisst, um das Absolute, das Unbedingte, das Ewige in uns - die intellektuelle Anschauung. In uns allen wohnt demnach ein Vermögen, das uns den Rückzug in unser innerstes Selbst gestattet. Das, was wir dort erblicken, ist mehr als wir selbst - das Absolute, das Göttliche. 
Wer die Wirklichkeit im Ganzen begreifen will, muss sich in deren Grund versetzten. Hierfür muss der Philosophierende alles gleichsam aus dem Blickpunkt Gottes betrachten.  Alles Getrennte ist im Grunde Eines. 

Schelling verwarf den Gott der Kirche und sprach stattdessen vom unendlichen Leben. Größeren Einfluss hatte Schelling mit seiner Naturphilosophie. Erst die Polaritäten verleihen der Natur Wirklichkeit. Das Werden in der Natur geht auf den Geist zu, weshalb das höchste Naturprodukt der Geist ist. Der Geist überschreitet die Natur und bringt das, was in ihr angelegt ist,  zur Vollendung. Im Geist waltet für Schelling die schaffende Gottheit. In allen Naturgeschehen ist die Gottheit anwesend, die Natur ist der verborgene Gott.  Erst die Vernunft ist das vollkommene Ebenbild Gottes. Die Geschichte als Ganzes ist eine allmähliche Offenbarung des Absoluten, was an Hegels Weltgeist erinnert. Durch Natur und Geist vollzieht sich der Prozess  der Verwirklichung Gottes, an dessen Ende die Kunst steht. 

Schelling begreift die Kunst unter dem Gesichtspunkt der werdenden Gottheit. Für ihn ist sie die einzige und ewige Offenbarung der Gottheit, da in ihr die getrennten Linien der Natur und des Geistes zusammenlaufen. Im Kunstwerk kommen Natur und Geist, Notwendigkeit und Freiheit zur Versöhnung. Deswegen ist die Kunst das Höchste. In ihr öffnet sich nach Schelling das Allerheiligste. 

Wenn alles Wirkliche als eine Selbstoffenbarung Gottes aufgefasst werden kann, wie sieht Gott dann aus?
Gott muss auf jeden Fall über den Gegensatz von Natur und Geist stehen. Gott ist der Punkt der Einheit, in dem alle Gegensätze der Wirklichkeit ihren gemeinsamen Ursprung und ihr gemeinsames Ziel haben. In der Natur, hier argumentiert er ähnlich wie Johann Georg Hamann, gibt es auch das Irrationale und Zufällige. Die Gottheit thront jedoch über einer Welt von Schrecken. Das menschliche Dasein ist ein Leben der Widerwärtigkeit und Angst; darin ähnelt seine Position der von Kierkegaard. Selbst die Freiheit erwächst aus dem Irrationalen. Jede Persönlichkeit basiert daher auf einem dunklen Geheimnis. Der Mensch kann sich in seiner Freiheit gegen seinen Ursprung richten bzw. entscheiden. 

Nur derjeinige ist für Schelling auf den Grund seiner selbst gekommen, der  alle Hoffnung fahren lässt: 
Wer wahrhaft philsophieren will muss alle Hoffnung alles Verlangens aller Sehnsucht los sein. Er muss nichts wollen nichts wissen, sich ganz bloß und arm fühlen, alles dahin geben, um alles zu gewinnen. Schwer ist dieser Schritt, schwer gleichsam noch vom letzten Ufer zu scheiden.
Das erinnert an die Mystik Meister Eckhardts ebenso wie an die fernöstlichen Philosophien des Taoismus und Zen-Buddhismus. 

Der Philosoph Rudolf Eucken fand für Schelling einige anerkennende Worte:
Auch in dem Ganzen der Lebensarbeit ist er größer in der Anregung und Stimmung als in der Leistung und Gliederung; er belebt alle Gebiete, die er ergreift, aber er verfährt bei seiner sprudelnden Genialität zu hastig und summarisch, um völlig ausgereifte Werke zu schaffen. Jedoch hat sein Zug ins Große und Ganze, seine offene, frische und weite Art, die Beweglichkeit seines Geistes, sein Vermögen glänzender Darstellung die Gedankenwelt vielfach bereichert und den geistigen Gesichtskreis erweitert. Er hat viel Starres in Fluss gebracht, viel Zerstreutes zusammengeführt, viel Schroffheit sonstiger Gegensätze, wenn nicht aufgehoben, so doch gemildert, namentlich hat er Sinnliches und Geistiges, Anschauung und Gedankenarbeit enger und fruchtbarer verbunden, als es vor ihm geschehen war. (in: Die Lebensanschauungen der großen Denker)

Sonntag, 13. Oktober 2013

Wir Buribunken?

Von Ralf Keuper

Im Netz wird ohne Unterlass getwittert, gepostet und gebloggt: Kommunikation auf allen Kanälen zu jeder Zeit und von (fast) jedem. Dabei kann der Eindruck entstehen, als wollten wir uns noch zu Lebzeiten verewigen - zumindest in schriftlicher Form. 
Noch immer herrscht bei einigen Medienvertretern die Meinung vor, dass das, was in den Medien nicht erscheint, auch nicht existiert und auch Niklas Luhmann sagte, dass wir alles, was wir wissen, durch die Massenmedien wissen. 

Bereits im Jahr 1918 verfasste Carl Schmitt eine Satire mit dem Titel Die Buribunken. Diese verfügen über eine eigene Philosophie:
Ich denke, also bin ich; ich rede, also bin ich; ich publiziere, also bin ich. ... Ich bin also ein Buchstabe auf der Schreibmaschine der Geschichte. Ich bin ein Buchstabe, der sich selbst schreibt. Ich schreibe aber streng genommen nicht, dass ich mich selbst schreibe, sondern nur mit den Buchstaben, der ich bin. Aber in mir erfasst, schreibend, der Weltgeist sich selbst, so dass ich, mich selbst erfassend, gleichzeitig den Weltgeist erfasse. Und zwar erfasse ich mich und ihn nicht etwa denkend, sondern, da im Anfang die Tat und nicht der Gedanke ist - schreibend. Das heisst: Ich bin nicht nur Leser der Weltgeschichte, sondern auch ihr Schreiber.
Nicht nur mit Blick auf das Internet bekommen die Aussagen neues Gewicht, sondern auch angesichts neuester Forschungen, wie durch das kürzlich gestartete Human Brain Project. 


Giordano Bruno und der Neuplatonismus der Renaissance

Von Ralf Keuper

Leben und Wirken von Giordano Bruno erhitzen zuweilen noch heute die Gemüter. Der Ketzerei und Magie von der Inquisition für schuldig befunden, wurde Bruno im Jahr 1600 von dem weltlichen Gericht des römischen Gouverneurs zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Seitdem ist er für viele ein Märtyrer im Kampf um die Einheit der Menschheit und der Religionen. Für den vielseitig gebildeten Bruno, er war u.a. Astronom, war angesichts der Unendlichkeit des Kosmos die kirchliche Dogmatik nicht mehr haltbar. Als erster entdeckte Bruno die polare Abplattung der Erde und bemerkte noch vor Galilei, gestützt allein auf sein Denken, die Achsendrehung der Sonne. Da die Erde, wie schon Kopernikus entdeckte, nicht der Mittelpunkt des Kosmos ist, war für Bruno der Geozentrismus und Anthropozentrismus der katholischen Kirche hinfällig. Wenn der Kosmos unendlich ist, so auch die Seele des Menschen und ebenso Gott. Für kirchliche bzw. theologische Sektiererei war da kein Platz mehr. 
Verständlicherweise fühlte sich die Kirche durch diese Gedanken in ihrer Stellung bedroht. Für den Kirchenkritiker Eugen Drewermann zeigt die katholische Kirche für ihr an Giordano Bruno begangenes Unrecht keine wirkliche Reue; bis heute verbannt sie sein Denken aus ihrem Lehrgebäude. In Rom befindet sich in Sichtweite des Vatikans ein Denkmal zu Ehren Giordano Brunos. Im heiligen Jahr 2000 drängte der Vatikan die Stadt Rom, das Denkmal zu entfernen, was die Stadt damit beantwortete, dass sie das Denkmal einer aufwändigen Renovierung unterzog. 

Im März 2000 erklärte Papst Johannes Paul II, dass die Hinrichtung Brunos auch aus kirchlicher Sicht ein Unrecht gewesen sei. 

Giordano Brunos Wedergang ist nur schwer zu verstehen, ohne das Wiederaufleben der Philosophie des Neuplatonismus während der Renaissance. Wie es in dem Audiobeitrag Giordano Bruno und der Neuplatonismus heisst, stand Brunos Denken unter dem Einfluss der Hermetik. Als religiöse Offenbarungslehre strebte die Hermetik die Vereinigung von Gottesschau und Erkenntnis an. Bruno interpretierte die Hermetik als die wahre Religion, mit deren Hilfe der Mensch mit den kosmischen Kräften in Austausch treten konnte. Sich selbst begriff Bruno als Priester eben dieser Religion. Bruno lehnte Platons Dualismus, die Welt der Ideen im Gegensatz zur materiellen Welt (Sinnliches vs. Übersinnliches), entschieden ab. Stattdessen plädierte er für eine monistische Anschauung der Welt. Ähnlich, wenngleich nicht in dieser Schärfe, argumentierte bereits Nikolaus von Kues, der den Dualismus Platons ebenfalls ablehnte und die Naturferne der Scholastik kritisierte. 
Seine Philosophie brachte Bruno in die Nähe zum Pantheismus. Bruno vertrat eine Universalphilosophie mit dem Ziel, möglichst große Bereiche des Wissens und Seins miteinander zu verbinden. Mit ihrer Hilfe wollte Bruno die Einheit hinter den Gegensätze der verschiedenen religiösen Lehren sichtbar machen. 

In Wilhelm Windelbands Klassiker Lehrbuch der Geschichte der Philosophie heisst es zu Bruno:
Es bedarf keiner besonderen Theodicee; die Welt ist vollkommen, weil sie Gottes Leben ist, bis in alles Einzelne hinein, und nur derjenige klagt, welcher sich nicht zur Anschauung des Ganzen erheben kann. Die Weltfreudigkeit der ästhetischen Renaissance singt in Brunos Schriften philosophische Dithyambren: ein unversalistischer Optimismus von hinreißendem Schwung waltet in seinen Dichtungen. 



Samstag, 12. Oktober 2013

Wiederentdeckt: Der Philosoph Nicolai Hartmann

Von Ralf Keuper

Der Philosoph Nicolai Hartmann ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie ich finde. Bekannt wurde Hartmann durch seine Schichten-Lehre, die er in seinem Hauptwerk Der Aufbau der realen Welt formulierte. Inspiriert von seinem Denken wurde u.a. Konrad Lorenz, der sich in seinem Forschungsparadigma des Hypothetischen Realismus, wie er ihn in seinem Buch Die Rückseite des Spiegels beschrieben hat, ausdrücklich auf die Schichtenlehre Hartmanns bezog. 
In seinem späteren Buch Neue Wege der Ontologie umriss Hartmann noch einmal die Grundzüge seiner Philosophie. Insbesondere seine Gedanken zum Problem des Geistes sind von ungebrochener Aktualität:
Die älteren Theorien des Geistes haben alle gescheut, außergeistige Faktoren in den Aufbau der geistigen Welt aufzunehmen. Sie fürchteten damit dem Materialismus zu verfallen. Es gibt aber kein Grund zu dieser Besorgnis, wenn man nicht den Fehler macht, hier ein radikales Entweder-Oder aufzurichten, als müsste man mit gewissen organischen Komponenten gleich alles im Reich des Geistes vom Organismus abhängig werden. Es können sehr wohl außergeistige Momente höchst verschiedener Art hineinspielen, ohne dass das Geistesleben seine Eigenart und charakteristische Selbständigkeit verliert. (in: Neue Wege der Ontologie)
Weitgehend bestätigt wurden die Aussagen durch die Arbeiten des Hirnforschers António Damásio, wie er sie in seinem Buch Descartes' Irrtum einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hat. 

Von Wert sind Hartmanns Gedanken auch für das heute wieder stärker ins Blickfeld gerückte Phänomen der Emergenz. Zentrale Aussage seiner Schichtenlehre ist, dass die oberen Schichten nicht ohne die unteren bestehen können, ohne dass sie sich vollständig daraus erklären lassen. Überhaupt hat der Kritische Realismus von Hartmann einige Ähnlichkeit mit dem Kritischen Rationalismus von Karl Popper, insbesondere mir dessen Drei-Welten-Lehre

Im Februar 2013 teilte das Deutsche Literaturarchiv Marbach mit, den wissenschaftlichen Nachlass von Nicolai Hartmann erworben zu haben. Bereits im Jahr 2009 wurde die Nicolai Hartmann Society gegründet. 

Dienstag, 8. Oktober 2013

Einige Anmerkungen zur Gestalttheorie

Von Ralf Keuper

Nach wir vor typisch für die deutsche Denkart ist das deduktive Vorgehen, d.h. der Schluss vom Ganzen auf die Einzelteile. Begriffe wie System und Ganzheit sind daher fester Bestandteil des wissenschaftlichen Sprachgebrauchs.  Zu dieser Kategorie zählt auch der Gestalt-Begriff. 

Kaum einer hat die Gestalttheorie so geprägt wie Max Wertheimer. Noch immer lesenswert ist sein Aufsatz Über die Gestalttheorie aus dem Jahr 1924. 
Exemplarisch für sein Denken ist folgende Bemerkung:
Es gibt Zusammenhänge, bei denen nicht, was im Ganzen geschieht, sich daraus herleitet, wie die einzelnen Stücke sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt, wo - im prägnanten Fall - sich das, was an einem Teil dieses Ganzen geschieht, bestimmt von inneren Strukturgesetzen dieses seines Ganzen.
Besonderes Merkmal der Gestalttheorie ist die Betonung der Dynamik, d.h. ein Problem bzw. dessen wahre Gestalt kann nur in seiner Beziehung zum Ganzen bzw. in seiner Funktion für das Ganze verstanden werden. 

Weitergeführt wurden die Gedanken Wertheimers u.a. von seinem Schüler Rudolf Arnheim. Fritz Perls machte die Gestalttheorie in der Psychologie bekannt. Karlfried Graf Dürckheim griff den Gestaltbegriff in seinem Aufsatz Inbild und Gestalt auf. 

In ihrem Buch Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall greifen Manfred Eigen und Ruth Winkler gleich mehrmals zum Gestaltbegriff. Neu ist ihre Wortschöpfung der Dissipativen Gestalt, d.h. 
das >übersummenhafte< Resultat der Überlagerung verschiedener - Rückkopplung einschließender - Einzelprozesse. 
Noch immer inspirierend sind Wertheimers Gestaltgesetze.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Nikolaus von Kues - Die philosophische Hintertreppe

Von Ralf Keuper

Nikolaus von Kues war zeitlebens stolz darauf, als einfacher Fischersohn die höchsten kirchlichen Weihen erlangt zu haben, wie es u.a. in dem hörenswerten Beitrag Nikolaus von Kues - Die philosophische Hintertreppe heisst. 
Dabei deutete sein Weg zunächst in eine andere Richtung. Von Kues beschloss Rechtswissenschaften,  zuerst in Heidelberg und danach in Padua zu studieren. Anschließend ließ er sich als Rechtsanwalt nieder. Gleich seinen ersten Prozess verlor er. Fortan ließ er die Hände von der Juristerei und wendete sich dem geistlichen Stand zu. Er wurde mit einer Pfarrei des Bistums Trier betraut. Weitere Pfründe sollten folgen. Wichtiger Karriereschritt war die Einladung zum Konzil von Basel. Dort verteidigte er die Position des Konzils gegen den Papst. 

Danach jedoch wandelt er sich als Verfasser des Buches Über die katholische Eintracht in einen der eifrigsten Parteigänger des Papstes. Von Kues wurde mit diplomatischen Aufgaben betraut, bei denen er sich durch großes Verhandlungsgeschick auszeichnete. Die Kirchenpolitik wurde eines seiner Hauptbetätigungsfelder. Von großer Bedeutung war dabei die Aussöhnung mit den Ostkirchen. Auf der Rückreise von Konstantinopel machte von Kues angesichts der Weite des Meeres seinen eigenen Worten nach seine entscheidende theologische/philosophische Entdeckung. Das Meer als Sinnbild der Unendlichkeit führte ihn zu der Erkenntnis bzw. Überzeugung, dass die Einheit Vorrang vor aller Zersplitterung hat - und das auf allen Gebieten der Wirklichkeit. Die Einheit liegt letztlich im Unendlichen und damit in Gott. 

Eine weitere wichtige Aufgabe war die Reform der Kirche in Deutschland. Dort hatte sich vor allem in den Klöstern ein Übermaß an Aberglauben und ein Sittenverfall breit gemacht. Entschlossen griff Nikolaus von Kues durch. Daraufhin wurde er zum Bischof von Brixen ernannt. Nächste Station war Rom, wo von Kues der Verweser des Papsttums wurde, solange der Papst abwesend war. 
Trotz seiner Ämter verfasste von Kues eine große Anzahl philosophischer und theologischer Schriften. Dabei beschäftigten ihn, der auch Mathematiker und Astronom war, das Problem der Unendlichkeit. Als Mann des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit vertrat er bereits die Lehre von der Bewegung der Erde.
Unablässig stellte er sich die Frage, was Gott sei und wie er erfasst werden kann. Gott ist nur für Augenblicke be- bzw. ergreifbar. Die Unendlichkeit ist für ein endliches Denken letztlich unbegreiflich. Gott als absolute Unendlichkeit und Einheit duldet nichts Endliches neben sich - obwohl es die endliche Welt gibt. Gott ist demnach der Zusammenhang aller Gegensätze, ja Gott steht über dem Zusammenhang des Widersprüchlichen.
Von Kues sucht zeitlebens nach einer neuen Bezeichnung für das Wesen Gottes und bringt es auf die Formel: Gott als das Können ist. 
Dabei verliert er jedoch die Welt aus dem Blick, die nur eine Ausfaltung ist. Gotteserkenntnis kann nicht durch den Verstand gelingen, da dieser in Gegensätzen denkt. Wenn wir Gott aber nicht durch das Wissen begreifen oder ergreifen können, dann im Nichtwissen. Das Nichtwissen ergreifen als wissendes Nichtwissen. 

Der Mensch kann sich Gott in der Sehnsucht nähern. Es besteht ein unablässiges Sehnen aller nach dem Einen. Die Sehnsucht ist eine Richtung auf Gott zu. Von Kues verweist dabei auch auf das mystische reine Schauen. Wir verfügen über ein geistiges Sehen, welches in das schaut, was früher ist als alle Erkenntnis. Gott ist aber für jede Art der Schau unzugänglich. Wenn alle menschliche Initiative versagt, kommt es auf die initiative Gottes an.

Damit landet von Kues, allen philosophischen Exkursen zum Trotz, letztendlich dann doch bei der Offenbahrungsreligion. 

Im vergangenen Jahrhundert hat sich vor allem Raymond Klibansky intensiv mit dem Werk von Nikolaus von Kues beschäftigt.

Weitere Informationen:

Marko Brösch / Walter Andreas Euler / Alexandra Geissler (Hgg.): Handbuch Nikolaus von Kues