Meine Blog-Liste

Dienstag, 11. März 2014

Die Existenzweise technischer Objekte (Gilbert Simondon)

Von Ralf Keuper

Die Schrift Die Existenzweise technischer Objekte von Gilbert Simondon zählt für mich zu jenen, deren Kernaussagen erst Jahre, Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung ihre Überzeugungskraft entfalten. Erst die fast alle Lebensbereiche durchziehende Digitalisierung, vom Smart Home bis zum Internet der Dinge, lässt die "Nützlichkeit" der Gedanken von Simondon hervortreten, wie folgende Zitate m.E. veranschaulichen:
Die Spezialisierung jeder Struktur ist die Spezialisierung einer positiven synthetisch-funktionalen Einheit, die von unerwünschten Sekundäreffekten befreit ist, welche die Funktionsweise abschwächen; das technische Objekt schreitet durch die interne Umverteilung der Funktionen auf kompatible Einheiten voran, die an die Stelle der Zufälligkeit oder des Antagonismus der ursprünglichen Verteilung treten; die Spezialisierung erfolgt nicht >Funktion für Funktion<, sondern >Synergie für Synergie<; es ist die synergetische Funktionsgruppe und nicht die einzelne Funktion, die das wirkliche Sub-Ensemble im technischen Objekt bildet. 
Berührungspunkte bestehen u.a. mit den Multiagentensystemen wie zum Konzept der Synergetik von Hermann Haken

Zum Informationsbegriff:
Die Information ist wie ein Zufallsereignis und doch unterscheidet sie sich von ihm. Eine absolute Stereotypie, die jede Neuigkeit ausschließt, schließt auch jede Information aus. Um die Information von Geräusch zu unterscheiden, stützt man sich gleichwohl auf das Merkmal, dass Unbestimmtheit auf bestimmte Grenzen reduzieren lässt.  ... ; damit die Informationsnatur des Signals fortbesteht, muss ein bestimmter Unbestimmtheitsspielraum fortbestehen. Die Vorhersehbarkeit ist ein Grund, der diese zusätzliche Präzisierung empfängt und der sie in einer sehr großen Zahl von Fällen schon im Voraus vom reinen Zufall unterscheidet, indem er sie teilweise präformiert. Die Information liegt somit auf halbem Weg zwischen reinem Zufall und Regelmäßigkeit. 
Der Mensch als Interpret der Maschine:
Es erscheint also als die Aufgabe des menschlichen Individuums, die in den Maschinen eingelagerten Formen in Informationen zu konvertieren; die Operation der Maschinen lässt keine Information entstehen, sondern sie ist lediglich eine Montage und Modifikation von Formen; das Funktionieren einer Maschine hat keinen Sinn, es kann nicht zu wirklichen Informationssignalen für eine andere Maschine führen; es bedarf eines Lebewesens als Mediateur, um einen Funktionsablauf in Begriffen der Information zu interpretieren und ihn wieder in Formen für eine andere Maschine zu konvertieren. 
Angesichts der zunehmenden Verbreitung der RFID-Technologie,  der elektronischen Verbindungstechnik oder mit Blick auf das Projekt ConTraffic, besteht für den Menschen als Interpreten der Maschine - zumindest in der von Simondon beschriebenen Form - kaum noch Bedarf. Gut möglich, dass sich die Interpretationsaufgabe auf eine andere, mehr semantische Ebene verlagert. 

Weitere Informationen:

When Objects Talk Back 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen