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Freitag, 25. April 2014

Über die Freiheit des Gedankens (John Stuart Mill)

Wer kann ermessen, wieviel die Welt verliert an der Menge vielversprechender, aber furchtsamer Geister, die einem kühnen, kräftigen, unabhängigen Gedankengang nicht zu folgen wagen, weil er sie zu etwas führen könnte, was anerkanntermaßen als unreligiös oder unmoralisch gilt? .. Niemand kann ein großer Denker sein, der nicht erkennt, dass es seine erste Pflicht als Denker ist, seinem Intellekt zu folgen, zu welchen Schlüssen er ihn auch leiten mag. Die Wahrheit gewinnt sogar mehr durch die Irrtümer dessen, der mit gehörigem Fleiß und Studium selbständig denkt, als durch die richtigen Ansichten derer, die sie nur vertreten, weil sie sich nicht gestatten, selbst nachzudenken. Nicht dass man Geistesfreiheit verlangt, einzig oder hauptsächlich, um große Denker heranzuzüchten. Im Gegenteil, es ist ebenso, ja sogar unerlässlicher, Durchschnittsmenschen zu der geistigen Ausbildung  zu bringen, die ihnen erreichbar ist. Es sind früher - mag sein auch heute - einzelne große Denker in einer Atmosphäre von allgemeiner geistiger Sklaverei vorgekommen. Aber niemals gab es oder wird es in solcher Atmosphäre ein geistig tätiges Volk geben. Wo immer ein Volk zeitweilig einen Aufschwung zu solchen Eigenschaften nahm, da war die Angst vor andersgläubiger Spekulation eine Zeitlang aufgehoben. Wo ein schweigendes Übereinkommen herrscht, Prinzipien nicht zu erörtern, wo die Diskussion der tiefsten Fragen, die die Welt beschäftigen können, als abgeschlossen betrachtet wird, da können wir nicht hoffen, jene allgemein hohe Stufe geistiger Tätigkeit zu finden, welche die Geschichtsspannen so bemerkenswert macht. 
Quelle: Über die Freiheit

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