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Samstag, 28. Juni 2014

Über das Blendwerk eines auf quantitative Leistungsnachweise getrimmten Wissenschaftsbetriebs

Von Ralf Keuper

In der SZ vom 23. Juni 2014 äußert der Präsident der Freien Universität Berlin, Peter-André Alt, seinen Unmut über eine Konstellation, die im Wissenschaftsbetrieb kaum noch Raum für echte Forschung lasse, und die er im Titel seines Beitrags als Artikelflut und Forschungsmüll bezeichnet.

Alt bemisst den wahren Zustand der geisteswissenschaftlichen Forschung an der Zahl und Qualität der Monographien. Ausgerechnet in den amerikanischen Humanities zeichne sich eine Trendwende ab, die die Monographie wieder zum "Leitmedium" geisteswissenschaftlicher Forschung erhebe. Dabei kommen alt bewährte Praktiken wieder zu ihrem Recht:
... intellektuelle Geduld und Ausdauer, geistige Unabhängigkeit gegenüber Moden, dispositorische Organisation größerer Stoffmengen und stilistische Gestaltungskraft - sehr altmodische Qualitäten, die aber auch in Zeiten elektronischen Publizierens nicht verschwinden dürfen. 
Da ist was dran. Für mich verkörpern dieses "Ideal" in den Geisteswissenschaften u.a. der Philosoph Raymond Klibansky mit seinen Arbeiten zu Meister Eckhart und Nikolaus von Kues, der Rechtshistoriker Harold Berman mit seinem grundlegenden Buch Recht und Revolution. Die Bildung der westlichen Rechtstradition sowie der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt mit seinem Hauptwerk Geschichte der Religiösität im Mittelalter

Die Kritik von Alt greift der Buchreport in dem Beitrag Verkäufliche Philosophen auf. Darin wird darauf hingewiesen, dass auf den Bestsellerlisten im Hardcover-Segment erstaunlich viele Monographien namhafter Denker auftauchen. Genannt werden u.a. Peter Sloterdijk, Jürgen Habermas und Richard Dworkin
Das ändert jedoch wenig am eigentlichen Befund von Alt. Eher schon drängt sich einem der Eindruck auf, dass auch in diesem Marktsegment einem Starkult gefrönt wird. 

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