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Sonntag, 14. September 2014

Ist Wettbewerb nur etwas für Verlierer?

Von Ralf Keuper

Da bekommen wir seit Jahren von verschiedenen Seiten zu hören und zu lesen, dass der ungehinderte Wettbewerb in der freien Marktwirtschaft die Grundlage für die Schaffung des Wohlstands einer Volkswirtschaft ist und verhindert, dass einzelne Unternehmen dauerhaft eine marktbeherrschende Stellung einnehmen, die sie ausschließlich zu ihren Gunsten verwenden können, da lässt uns einer der führenden High-Tech - Unternehmer/Investoren der USA, Peter Thiel wissen, dass Wettbewerb etwas für Verlierer ist.  Stattdessen versucht Thiel die Leser davon zu überzeugen, dass Monopole durchaus von Vorteil für Wirtschaft und Gesellschaft sind. 

Jetzt muss man allerdings erwähnen, dass Thiel keineswegs Monopolen im klassischen Sinn das Wort redet. Thiels Interpretation eines Monopols kommt dem nahe, was auch als Quasi-Monopol in der Forschung bekannt ist. Als Beispiel nennt Thiel u.a. Google. Zwar habe Google unbestritten eine marktbeherrschende Stellung bei den Suchmaschinen, jedoch ändere sich das Bild, wenn man Google als Unternehmen betrachtet, dessen Haupteinnahmen aus der kommerziellen Werbung stammen. Dort kommt Google nur auf 3.4% Anteil am globalen Markt für Werbung. Zu einer ähnlichen Bewertung kommt man laut Thiel, wenn man Google als Technologieunternehmen versteht. 

Thiel sieht den Vorteil von Unternehmen, die in einem bestimmten Bereich eine marktbeherrschende, monopolartige Stellung einnehmen, vor allem darin, dass sie auf diese Weise überdurchschnittlich hohe Profite erwirtschaften können, die es ihnen ermöglichen, in Bereiche zu investieren, die zunächst keinen Gewinn erwirtschaften. Vollständige Konkurrenz, so Thiel, würde gerade das verhindern, da Unternehmen dieser Annahme zufolge keine überdurchschnittlich hohen Gewinne erwirtschaften können, da ihnen die Konkurrenz stets dicht auf den Fersen ist. Unternehmen, die eine monopolartige Stellung am Markt haben, so ließe sich jetzt argumentieren, können langfristigere Strategien verfolgen und sind damit auch verlässlichere Arbeitgeber. Ob sie auch bessere Steuerzahler sind? Da können einem schon mal Zweifel kommen

So neu sind die Gedanken von Thiel nicht. Bereits 2001 widmete brand eins dem Ökonomen Brian Arthur eine Reportage, in der dieser mit den Worten zitiert wird: Wer an den Markt glaubt, ist naiv". International bekannt wurde Brian Arthur durch seine Theorie der zunehmenden Grenzerträge bzw. Skalenerträge. Einen guten Überblick der verschiednen Theorien, die versuchen, die Rolle der Informationstechnologie für die Wirtschaft herauszuarbeiten, gibt Was ist neu an der New Economy? Die Informationstechnik als Wegbereiter einer neuen Wirtschaftsform.

In ihrem Buch Schöne neue Cyberwelt aus dem Jahr 2001ging Paulina Borsook hart mit den sog. Technolibertären, zu denen auch Peter Thiel gerechnet wird, ins Gericht. Ihre Ideen entnehmen die Technolibertären einer Denkrichtung, die auch als Bionomics bezeichnet wird. Besonders einflussreich sind laut Borsook die Gedanken von Michael Rothschild in seinem Buch Bionomics: Economy As Ecosystem. 

Borsook schreibt:
Eines der libertären Schlagwörter der Bionomie lautet: "Einfache Regeln, komplexes Verhalten". ... Die Bionomie ist ein tolles System für den an der Spitze, den ewigen Entrepreneur, den glücklichen Workaholic. Wo ist in diesem Ökosystem aber Raum für die anderen Arten von Spezies? Was ist mit den Verletzlichen, denjenigen, die nicht in der Lage waren, eine Firma zu verkaufen, deren Fertigkeiten oder natürliche Veranlagung nicht so gut in die strahlende und glückliche neue Informationsökonomie passt?
Wie die jüngere Vergangenheit gezeigt habe, so Borsook, gewinnt auch in der Informationsökonomie nur selten die beste Technologie, das beste Produkt. Nach wie vor sind hier profane ökonomische Gesetze am Werk:
Es ist, wie in den Debatten über Microsoft und Wettbewerbsrechte in den Jahren 1997, 1998 und 1999 deutlich wurde, ein kleines dreckigen Geheimnis im Hightech, dass überlegenes Marketing und unterlegene Technik stets gegen überlegene Technik und unterlegenes Marketing gewinnen und dass andere Faktoren, neben der darwinistischen Stärke, bestimmen, welche Technologien und welche Firmen Erfolg haben oder untergehen. 
Wie Borsook schon damals beobachtete, macht sich im Silicon Valley zunehmend eine Haltung breit, die von der tiefen Überzeugung getragen wird, die eigene Art und Weise zu arbeiten und zu leben, sei die allein selig machende. Hierfür werden gerne Theorien bemüht, die viel Raum für Interpretationen lassen, dafür aber nicht selten auf wissenschaftlich schwachem Grund stehen. 

Das Argument, das Internet begünstige die Bildung monopolartiger Unternehmen, ist derzeit nur schwer von der Hand zu weisen, wie selbst Venturebeat in dem Beitrag The next Internet monopoly: Uber, the transportation network nicht umhin kommt einzuräumen. 

Lesenswerte Bewertungen des Uberismus sind Über den Dingen: Zeigt der Fahrdienst Uber die neue Fratze des Neoliberalismus? von Dirk Elsner und Aggressives Uber gegen behäbige Taxibranche: Die ideale Lösung liegt in der Mitte von Martin Weigert. 


Nicht alles, was Technolibertäre von sich geben, muss gleich wegen ideologischer Vorbehalte von vornherein abgelehnt werden. Thiel bringt einige plausible Beispiele für seine These, u.a. das seiner Gründung PayPal. Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob Monopole, ganz gleich welcher Ausprägung, langfristig nicht doch zu Wohlfahrtsverlusten führen und das alte Verständnis des Wettbewerbsrecht und der Ordnungsökonomie vielleicht noch immer praktikabel ist und nur an die Besonderheiten der Internetökonomie angepasst werden muss. Zu klären ist auch, inwieweit die Begriffe öffentliche Güter und private Güter zur Anwendung kommen können bzw. müssen.  

Betrachtet man Informationen als Rohstoff, dann kann es eigentlich nicht im Interesse einer Gesellschaft liegen, von einigen wenigen Anbietern abhängig zu sein. Die USA haben bisher immer noch gezeigt, dass sie Monopole in die Schranken weisen, wenn ihre Stellung ihnen selbst zum Vorteil, der Gesellschaft jedoch überwiegend zum Nachteil gereicht, wie bei Standard Oil und AT&T

Der Beweis, dass es sich bei der Informationsökonomie völlig anders verhält, steht m.E. noch aus. Bis dahin ist Wettbewerb im wohlverstandenen Sinne keinesfalls nur etwas für Verlierer. 

Weitere Informationen:

Ist Wettbewerb unethisch? - Interview mit Christoph Lütge

Peter Thiel and Silicon Valley's Obsession with Superficial Thinking 

Peter Thiel’s 4 Rules For Creating A Great Business

Today in “Peter Thiel says things.” Does society really hate tech?

Technoliberale Neocons?

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