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Sonntag, 2. November 2014

Über die Vervollkommnung der Wissenschaft (Leonard Nelson)

Von Ralf Keuper

Leonard Nelson und seine Philosophie sind in unserer Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten. Seine an mathematischer Logik orientierte (Wissenschafts-) Philosophie hat u.a. einen starken Einfluss auf Karl Popper ausgeübt
Aber nicht nur aus diesem Grund lohnt die Beschäftigung mit Leonard Nelson und seiner Philosophie, auf die ich selbst erst kürzlich nur durch Zufall stieß.
Darunter ragen m.E. seine Gedanken zum wissenschaftlichen Fortschritt hervor, wie die folgenden:
Wenn nun die Vervollkommnung der Wissenschaft nur auf dem Wege über mehr oder weniger mangelhafte Begründung gelingt, so ist doch damit nicht gesagt, dass die vorläufigen Darstellungen, die die Wissenschaft zu durchlaufen genötigt ist, in ihren Ergebnissen irrig sein müssten. Denn ein unzulänglich begründetes Ergebnis braucht darum noch nicht falsch zu sein. Es verhält sich vielmehr im allgemeinen so, dass die Entdeckung neuer Wahrheiten der Ausbildung der zu ihrer Begründung erforderlichen Methoden voraneilt. Die Geschichte der Erfahrungswissenschaften und der Mathematik ist reich an Beispielen dafür, wie sich das Genie der großen Forscher gerade darin zeigt, dass die Entdeckungen zu Tage fördern, deren Begründung die methodischen Mittel, über die ihre Zeit verfügt, überhaupt nicht hinreichen. .. Den genialen Forscher leitet ein Wahrheitsgefühl, das ihn weiter und sicherer führt als die schulgerechte Anwendung methodischer Regeln. Mit diesem Wahrheitsgefühl begabt, nimmt er die Ergebnisse vorweg, zu denen sich die nicht mit dieser Gabe Begnadeten oft nur durch die vereinigte methodische Arbeit von Generationen den Weg bahnen (in: Leonard Nelson. Ausgewählte Schriften. Studienausgabe,herausgegeben und eingeleitet von Heinz-J. Heydorn)
Nelson bringt hierfür einige prominente Beispiele:
"Meine Resultate habe ich längst, ich weiß nur noch nicht, wie ich zu ihnen gelangen werde" hat Gauss gesagt. Kepler hätte - nach einer treffenden Bemerkung Poincarés - seine berühmten Gesetze niemals entdecken können, wenn er mit den uns heute zur Verfügung stehenden Beobachtungsmitteln ausgerüstet an seine Aufgabe herangetreten wäre. Die von Kepler benutzten Beobachtungen Tycho de Brahes waren nämlich hinreichend ungenau, um ihn auf Resultate kommen zu lassen, die zwar nicht streng richtig waren, aber gerade darum den Weg zu den größten Fortschritten der Astronomie gebahnt haben. Denn wäre man von Anfang an auf exakte Beobachtungen angewiesen gewesen, so hätte man gleich vor so verwickelten Verhältnissen gestanden, dass diese Fortschritte schwerlich jemals möglich geworden wären (ebd.)
Das erinnert an die Vorgehensweise, die Wissenschaftsphilosophie Albert Einsteins, die dieser selbst einmal als "Hypothetischen Deduktionismus" bezeichnet hat. 
Bei allen Vorzügen, die man der Logik bei der Forschung zubilligen muss, wäre es dennoch von großem Nachteil für die Wissenschaft, wenn sie in ihrer reinsten, strengsten Form zur Anwendung käme:
Man kann aber heute noch viel weiter gehen und behaupten, dass auch die heutige Wissenschaft in ihren methodisch am vollkommensten ausgebauten Teilen der Kritik nicht standhalten könnte, die man an sie anlegen müsste, wenn man den logischen Purismus auf die Spitze treiben und jeden nicht mit absoluter Strenge begründeten Satz in der Wissenschaft für verbotene Ware erklären wollte. Was dies für das Schicksal der Wissenschaft bedeuten würde, kann man daraus ersehen, dass selbst die einfachsten Grundsätze der Arithmetik, auf denen das Einmaleins beruht, dann preisgegeben werden müssten. Denn man muss zugeben, dass die Lehre von den ganzen Zahlen bis zur Stunde der letzten Strenge der Begründung entbehrt (ebd.).
Darin liegt auch die Gefahr philosophischer Systeme:
Im allgemeinen sind es erst die Schüler der großen Philosophen, die, weil ihnen die schöpferische Begabung fehlt und sie daher auf das Gerüst des Systems angewiesen sind, darauf ausgehen, in die Lehre des Meisters eine solche Konsequenz zu bringen, dass darin nichts stehen bleibt, was sich nicht logisch auf die Prinzipien des Systems zurückführen lässt. Dabei ergibt sich dann oft das merkwürdige Verhältnis, dass ein solches, von den Schülern logisch ausgebildetes System eine von der seines Schöpfers völlig verschiedene Weltansicht zur Folge hat (ebd.).
Gedanken von ungebrochener Aktualität. 

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