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Donnerstag, 18. Dezember 2014

Eine Lehrstunde in Demokratie aus dem Jahr 1967

Von Ralf Keuper

Im Jahr 1967 fand in der Universität Hamburg eine Podiumsdiskussion unter dem Titel Radikalismus in der Demokratiedie vom NDR übertragen wurde, statt. Zu jener Zeit sorgte die NPD für einige Unruhe, da man die Befürchtung hatte, dass durch ihren möglichen Einzug in den nächsten Bundestag, nationalsozialistisches Gedankengut, wenn auch unter dem Deckmantel der parlamentarischen Demokratie, wieder salonfähig würde.

An der Diskussion, die von Fritz Bauer moderiert wurde, nahmen der Verleger und Gründer der ZEIT, Gerd Bucerius, der später in Großbritannien zum Lord geadelte Sozialphilosoph und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf, der damalige Chef der NPD, Adolf von Thadden (der pikanterweise im Jahr 2008 posthum als Informant des englischen Geheimdienstes MI6 geoutet wurde), der DDR-Schriftsteller Friedrich Karl Kaul und der dem konservativen Parteieinspektrum nahe stehende Schriftsteller Rudolf Krämer-Badoni teil.

Die Diskussion kann nur vor dem Hintergrund der damaligen Zeit richtig verstanden bzw. gewürdigt werden. Es wäre vermessen, direkte Parallelen zur heutigen Zeit und zum aktuellen Parteiensystem zu ziehen. Dennoch lässt sich aus der Diskussion auch heute noch einiges lernen. Die Diskutanten begegneten sich mit Respekt, ohne dass die Kluft zwischen ihren Ansichten sowie gewisse Antipathien davon verdeckt worden wären. Selbst der Vertreter der NPD war zu jener Zeit in der Lage, mehrere zusammenhängende Sätze zu formulieren, wie er sich in der Diskussion überhaupt sehr redegewandt zeigte und als in der Wolle gefärbter Demokrat präsentierte.

Am meisten beeindruckt hat mich Ralf Dahrendorf. Seine Art die Dinge ohne großes Pathos auf den Punkt zu bringen, seine nüchterne Analyse der Situation, die gleichwohl von Witz begleitet war, lässt es im Nachhinein nur folgerichtig erscheinen, dass er Jahre später in Großbritannien zum Lord geadelt wurde. Aber auch Fritz Bauer und Gerd Bucerius hinterlassen einen tiefen Eindruck. Wenn man sich überlegt, dass Bucerius und Gräfin Dönhoff in etwa zur selben Zeit die Geschicke der ZEIT gelenkt haben, dann fällt es mit Blick auf die heutige ZEIT schwer zu akzeptieren, dass es sich dabei um ein und dieselbe Zeitung handelt.

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