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Sonntag, 26. Januar 2014

Hypothetischer Realismus (Konrad Lorenz)

Von Ralf Keuper

Der berühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat sich immer wieder mit philosophischen Fragen beschäftigt. Nicht von ungefähr war er für einige Jahre Inhaber des Kant-Lehrstuhls der Universität Königsberg. Zeitlebens verband ihn eine Freundschaft mit seinem Spielkameraden aus gemeinsamen Kindertagen in Wien - Karl R. Popper
Jedoch soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass seine Rolle während des Nationalsozialismus, gelinde gesagt, nicht ganz unumstritten ist. 

Besonders nahe fühlte sich Konrad Lorenz der Philosophie Nicolai Hartmanns, die häufig als Kritischer Realismus bezeichnet wird. Für Lorenz stimmte die Schichtenlehre Hartmanns in zentralen Punkten mit den Erkenntnissen der Evolutionstheorie überein. 

In seinem Buch Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens legte Lorenz die Grundzüge des von ihm propagierten Hypothetischen Realismus dar. 

Als Naturforscher interpretiert Lorenz den Menschen und seine Erkenntnisfähigkeit als Produkt der Evolution.

Später erläutert Lorenz dann sein Verständnis eines Hypothetischen Realismus
Wenn man das eine Mal den Blick auf unseren Weltbildapparat richtet und das andere Mal auf die Dinge, die er schlecht und recht abbildet, und wenn man beide Male, trotz der Verschiedenheit der Blickrichtung, Ergebnisse erzielt, die >Licht aufeinander werfen<, so ist dies eine Tatsache, die nur aufgrund Annahme des hypothetischen Realismus erklärt werden kann, der Annahme nämlich, dass alle Erkenntnis auf Wechselwirkung zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt beruht, die beide gleichermaßen wirklich sind. .. Wann immer eine kleine Zunahme des Wissens über unseren Weltbildapparat eine neue kleine Korrektur des Bildes erheischt, das er von der außersubjektiven Realität entwirft, und wann immer umgekehrt ein kleiner Fortschritt unseres Wissens um das an sich Seiende uns in den Stand setzt, eine neue Kritik an unserem >perceiving apparatus< zu üben, wächst unsere Berechtigung, unsere Erkenntnistheorie für richtig zu halten, deren Natürlichkeit nicht mit Naivität verwechselt werden darf. 
Im weiteren Verlauf des Buches setzt sich Lorenz u.a auch kritisch mit dem Hang zum Reduktionismus bzw. Isomorphismus in den (Natur-) Wissenschaften auseinander, wie er z.B. in der Hirnforschung nach wie vor auf fruchtbaren Boden fällt: 
Es ist metaphysische Spekulation, wenn z.B. ein radikaler Mechanizismus das ganze Weltgeschehen mit dem Geschehenskategorien und Gesetzlichkeiten der klassischen Mechanik erklären will, die dazu ganz einfach nicht ausreichen. Wenn der Mechanizist gleichzeitig die höheren Eigengesetzlichkeit vernachlässigt oder gar leugnet, durch die sich höhere Schichten von den tieferen absetzen und über sie erheben, so entsteht der leicht einzusehende, aber schier unausrottbare Fehler der Grenzüberschreitung >nach oben<. Alles sogenannten >Ismen<, wie Mechanizismus, Biologismus, Psychologismus usw. maßen sich an, die für höhere Schichten kennzeichnenden und ihnen allein eigenen Vorgänge und Gesetzlichkeiten mit den Geschehenskategorien der tieferen zu erfassen, >was einfach nicht geht<. 

Samstag, 25. Januar 2014

Einige Anmerkungen zur Technikphilosophie

Von Ralf Keuper
  
Das Verhältnis der Philosophen zur Technik ist nach wie vor gespalten. Einer der wortgewaltigsten Technik-Skeptiker war Martin Heidegger.
Im Vergleich dazu fiel das Urteil von Ernst Cassirer über die Technik in seiner bekannten Schrift Form und Technik deutlich moderater aus. Das Werk gilt als eines der wichtigsten der Technikphilosophie. Geradezu von Euphorie gepackt wurde der Schriftsteller Max Eyth, wenn es um die Schilderung der Vorzüge der Technik für das Wohl der Menschheit ging. Genau entgegengesetzte Emotionen lösten Fragen der Technik dagegen bei Ernst Jünger und dessen Bruder Friedrich Georg aus.
  
Erste Ansätze zu einer Technikphilosophie gab es bereits in der Antike bei Aristoteles und Platon. Als eigenständige Disziplin konnte sie sich jedoch erst nach dem zweiten Weltktrieg etablieren, was  auf die fortschreitende Durchdringung von Wirtschaft und Gesellschaft durch die Technik zurückgeführt werden kann.
Seitdem hat diese noch recht junge Disziplin einige wirkungsmächitge Schriften hervorgebracht, wie Understanding Media von Marshall McLuhan oder die diversen Bücher von Stanislaw Lem.
Auch die Soziologie blieb von Fragen der Technik nicht unberührt. Niklas Luhmann widmete sich in seinen Schriften immer wieder der Technik bzw. der Hochtechnologie wie in seinem Buch Soziologie des Risikos. 
Mittlerweile hat sich mit der Techniksoziologie ein eigener Zweig herausgebildet.
  
Unter den Werken der Philosophen ragt für mich das Buch Macht und Machbarkeit der Technik von Hans Lenk heraus. Hevorzuheben ist das Kapitel Von der Technokratie zur Systemtechnoktratie.
      
Darin beschrieb er die Herausforderungen, denen sich die Technikphilosophie zu stellen hat: 
Eine vielseitige (multifunktionale) und viele Faktoren berücksichtigende Sozialphilosophie der Technik muss jedoch in Zusammenarbeit mit einer Soziologie der Technik und der Technischen Intelligenz entwickelt werden. Eine Philosophie der Technik .. ohne Soziologie der Technik und der Technischen Intelligenz ohne Berücksichtigung der sozialphilosophischen Aspekte im historischen Kontext bliebe blind.
Im Zeitalter des Interntes haben Publizisten wie Jeff Jarvis oder Evgeny Morozov das Erbe von McLuhan und Lem angetreten.
     
Die Technik bzw. die Technologie hat mittlerweile Höhen erreicht, die sich unsere Vorfaren, für die technische Hilfsmittel in erster Linie zur Erleichterung schwerer körperlicher Arbeit dienten, nicht vorstellen konnten. Heute scheint sich die Technologie zu verselbständigen und den Menschen zu ihrem Diener zu machen. Eine Befürchtung, die Josè Ortega y Gasset in seinem Essay Betrachtungen über die Technik formulierte:
Die Technik hört auf zu sein, was sie bisher gewesen ist: Manipulation, Handarbeit, und verwandetl sich "sensu stricto" in Fabrikation. Im Handwerk ist das Werkzeug oder Gerät nur Ergänzung des Menschen. Dieser Mensch mit seinen "natürlichen" Akten bleibt weiter der Hautpfaktor. In der Maschine hingegen rückt das Werkzeug an erste Stelle, und nun hilft es nicht dem Menschen, sondern umgekehrt: der Mensch ist es, der die Maschine unterstützt und ergänzt. Daher hat diese, indem sie auch sich selbst arbeitet und sich vom Menschen löst, denselben intuitiv erkennen lassen, dass die Technik eine Funktion abseits vom natürlichen Menschen ist, sehr unabhängig von ihm, und dass sie sich nicht an seine natürlichen Grenzen hält. Was der Mensch mit seinen festen animalischen Fähigkeiten tun kann, wissen wir im voraus; sein Horziont ist beschränkt. Aber was Maschinen vermögen, die der Mensch zu erfinden fähig ist, ist prinzipiell unbegrenzt.
Inzwischen greift die Maschine mittels ausgefeilter Algorithmen auch auf das bisher noch unzugängliche Gebiet des Denkens über.
Bruce Mazlish sieht diese Entwicklung in seinem Buch Faustkeil und Elektronenrechner. Die Annäherung von Mensch und Maschine,  dennoch in einem günstigen Licht.
         
Wie auch immer man zur Technik stehen mag, beginnt die Technik sich dann gegen den Menschen zu richten, wenn sie zum Selbstzweck wird. 
                    
Dazu Ernst Cassirer in Form und Technik:
In diesem Aufbau des Reiches des Willens und der Grundgesinnung, auf der alle sittliche Gemeinshaft ruht, kann die Technik immer nur Dienerin, nicht Führerin sein. Sie kann die Ziele nicht von sich aus stellen, wenngleich sie in ihrer Verrichtung mitarbeiten kann und soll: sie versteht ihren eigenen Sinn und ihr eigenes Telos am besten, wenn sie sich dahin bescheidet, dass sie niemals Selbstzweck sein kann, sondern sich einem andern >Reich der Zwecke<, dass sie sich jener echten und endgülitgen Teleologie einzuordnen hat, die Kant als Ethiko-Teleologie bezeichnet. In diesem Sinne bildet die >Entmaterialisierung<, die Ethisierung der Technik eines der Zentralprobleme unserer gegenwärtigen Kultur.
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Sonntag, 19. Januar 2014

Sebastian Haffner über die Ausgangslage des Deutschen Reiches vor dem 1. Weltkrieg

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr wird an vielen Stellen des Ausbruchs des 1. Weltkrieges im Jahr 1914 gedacht. Hohe Wellen verursachte bereits das Buch Die Schlafwandler des australischen Historikers Christopher Clark. Darin spricht er Deutschland zwar nicht von der Schuld an dem Ausbruch des 1. Weltkrieges frei, relativiert jedoch die Rolle die das Deutsche Reich im Vorfeld gespielt hat. Bei Licht und historischer Distanz betrachtet, sei die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts auf kollektives, diplomatisches Versagen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Russland zurückzuführen.  

Jetzt muss ich hinzufügen, dass ich das Buch von Clark bisher nicht gelesen habe. Es kann also durchaus sein, dass sich in dem Buch Aussagen finden, die ein noch differenzierteres Bild liefern. 

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle die Aufmerksamkeit auf das Buch Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im 1. Weltkrieg von Sebastian Haffner lenken. Haffner bezieht, was die "Schuldfrage" betrifft, eine klare Position. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Situation noch keineswegs so alternativlos, wie es vielleicht heute erscheinen mag. Verheerend war, wie sich herausstellen sollte, die Lage, in der sich Deutschland wiederfand, als sich England, Russland und Frankreich wider Erwarten aussöhnten. Deutschland war damit weitgehend isoliert. Aber auch jetzt war es laut Haffner noch nicht zu spät, um die Katastrophe zu verhindern und von den eigenen Machtphantasien Abschied zu nehmen: 
Jetzt wäre eigentlich der richtige Augenblick gewesen, Überblick zu gewinnen und zurückzustecken. Unwiderrufliches war noch nicht geschehen, auf Krieg eingestellt war noch niemand. Noch wäre es nicht unmöglich gewesen, den Knoten, der sich schürzte, behutsam wieder zu lösen. Aber sich nach der Decke zu strecken, unerreichbare Ziele aufzugeben, Fehlkalkulationen vor sich selbst einzugestehen und sich von einer gescheiterten Politik umsichtig wieder zu lösen, war damals wie heute Deutschlands schwache Seite. Lieber den Einsatz verdoppeln! Lieber mit dem Kopf durch die Wand!
Das Unglück nahm, wie wir heute wissen, seinen Lauf. Den ersten, fatalen Zug machte Deutschland. Der eigentliche Ursprung lag jedoch weit zurück: 
Aber der Anstoß zu dieser fatalen Veränderung ist eindeutig von Deutschland ausgegangen. Der entscheidende erste Fehler, den Deutschland - lange vor Kriegsausbruch - gemacht hat, war seine Abkehr von Bismarck. 
Die Motivation des Deutschen Reiches, es zumindest auf einen Krieg ankommen zu lassen, erscheint um so fragwürdiger, wenn man sich das "Programm" anschaut, mit dem Deutschland die Welt zu verändern gedachte: 
Wofür wollte Deutschland in seiner großen Epoche die Welt verändern? Was sollte Europa von dem deutschen 20. Jahrhundert Neues, Wichtiges, Besseres empfangen? Es gab keine Antwort. Macht um der Macht willen, Herrschaft um der Herrschaft willen - >weil wir jetzt dran sind< - >weil wir die Stärkeren sind<: das ist keine Legitimation. Das erweckt nichts als Widerstand und Hass. Damit ist kein Weltreich zu gründen
Das stellt sich die Frage: Wofür steht Deutschland heute, außer für Wettbewerbsfähigkeit?

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Form und Technik (Ernst Cassirer)

Von Ralf Keuper

In einem besonders hörenswerten Beitrag beschäftigte sich der SWR im Jahr 2012 mit der Aktualität von Ernst Cassirer und seiner (Technik-)Philosophie, wie er sie in seiner Schrift Form und Technik im Jahr 1930 entwarf. 

Für Ernst Cassirer war der Homo Sapiens in erster Linie ein symbolschaffendes Wesen, woraus sich erklärt, dass er im Gegensatz zu anderen Philosophen keine Berührungsängste mit der Technik hatte, ohne dabei einem blinden Fortschritts-Optimismus zu verfallen. 



Freitag, 17. Januar 2014

Herbert A. Simon über die Strategie des Satisfizierens und die Grenzen der Optimierung

Ein Kennzeichen aller Situationen, in denen wir satisfizieren, weil wir nicht optimieren können, ist dies: Die Menge der verfügbaren Alternativen ist in einem gewissen abstrakten Sinne "gegeben", aber in dem einzigen für die Praxis maßgeblichen Sinn ist sie nicht "gegeben". Wir können innerhalb akzeptabler Schranken für den Berechnungsaufwand nicht alle zulässigen Alternativen finden und ihre jeweiligen Vorzüge vergleichen. Noch können wir die beste Alternative erkennen, selbst wenn wir das Glück haben, sie früh zu finden, da wir zu dieser Einsicht alle gesehen haben müssen. Wir satisfizieren, indem wir derart nach Alternativen Ausschau halten, dass wir eine annehmbare schon nach kurzer Suche finden. ...
Wenn wir satisfizierende Methoden anwenden, tut es also nichts zur Sache, ob die Gesamtzahl der annehmbaren Alternativen durch einen formalen, aber undurchführbaren Algorithmus "gegeben" ist oder nicht. Oft ist es sogar ohne Belang, wie groß diese Zahl überhaupt ist
Quelle: Die Wissenschaft vom Künstlichen  

Donnerstag, 16. Januar 2014

Die Strategien des Systems und seiner Teile (Alvin W. Gouldner)

Von Ralf Keuper

Da hat man tausende von Seiten (organisations-)soziologischer Literatur gelesen und stößt dann eher beiläufig auf einen Beitrag, der einem die Bedeutung der Systeme und ihrer Teile in einem anderen Licht erscheinen lässt. 

So war es jedenfalls bei mir. 

Die besagte Schrift mit dem eher unverdächtigen Titel Reziprozität und Autonomie in der funktionalen Theorie stammt von dem amerikanischen Soziologen Alvin W. Gouldner. Sie umfasst weniger als dreißig Seiten, die es dafür aber in sich haben. 

Zu Beginn erläutert Gouldner, was sein Verständnis des Systems von den bis dahin und auch noch weitgehend gültigen Interpretationen unterscheidet, wobei er die Bedeutung der "Funktionalen Autonomie" hervorhebt: 
Wir haben hier eine begriffliche Bestimmung der "Systemhaftigkeit" unter Rückgriff auf die Vorstellung funktionaler Autonomie angeregt, weil der Begriff der Interdependenz, der gewöhnlich zur Definition von Systemen genutzt wird, den Blick vorrangig auf das "Ganze" oder die Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen und ihre reziproke Abhängigkeit lenkt. "Funktionale Autonomie" jedoch lenkt die Aufmerksamkeit auf die >Bestandteile des Systems< - wenn auch in ihren Beziehungen zueinander. Dieser Begriff betont die Möglichkeit, dass jeder System-Teil eines anderen stark (oder aber auch kaum) bedürfen kann und dass die gegenseitige Abhängigkeit der einzelnen Elemente nicht symmetrisch sein muss. Kurz gesagt, er konzentriert die Aufmerksamkeit auf Wechselbeziehungen, in denen die funktionale Reziprozität asymmetrisch sein kann und verweist jede Analyse damit auf die Beziehungen, die Spannung produzieren.
Organisation nach diesem Verständnis, d.h. unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Teile durchaus autonom sein können, ohne das System als Ganzes gleich infrage zu stellen und in seiner Existenz zu bedrohen, fordert gerade dazu auf, Spannungen und Konflikte als Chance zu sehen, statt sie mit allen Mitteln unterbinden zu wollen. 
Die Annahme, die Teile des Systems seien für ihren Fortbestand in gleicher Weise abhängig, bedarf, sofern man von einer Funktionalen Autonomie der Teile ausgeht, einer Revision.

Funktionale Autonomie bedeutet jedoch nicht, dass ein System-Teil ganz auf sich allein gestellt überlebensfähig wäre. Allerdings verfügen System-Teile nach Gouldner über drei Hauptstrategien, die ihnen dazu verhelfen, die Abhängigkeit von dem "Muttersystem" auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Ein Mittel ist die Risikostreuung oder Diversifikation. 

Aber auch dem "Muttersystem" stehen Strategien zur Verfügung, mit dem es verhindern kann, dass die von den System-Teilen ausgehenden Spannungen und die damit verbundenen Fliehkräfte zur Auflösung führen. 

Eine weitere Möglichkeit für das Muttersystem, der Gefahr des Zerfalls bzw. Desorganisation zu entgehen, besteht in der "Entdifferenzierung": 
Einem System, dessen Teile eine gewisses Maß funktionaler Autonomie besitzen, steht jedoch eine dritte Reaktionsmöglichkeit auf einen externen desorganisierenden Reiz zur Verfügung: die Entdifferenzierung. Das heißt, das System kann auf gehobene Formen der Integration verzichten und seinen funktional autonomen Teilen erlauben, sich auf einer weniger komplexen Ebene umzugruppieren. 
Auch hier ist der Gedanke leitend, dass die zunehmende funktionale Autonomie der Teile dafür eingesetzt werden kann, das System wandlungsfähig zu erhalten und damit seine Fortdauer zu sichern. In gewisser Weise das, was die alten Römer und Machiavelli mit Divide et impera meinten. Den System-Teilen muss dabei zugebilligt werden, ein Maß verschiedener, auch überschüssiger Fähigkeiten auszubilden, um nicht durch Einseitigkeit austauschbar zu werden und die eigene Existenz zu gefährden. In etwa das, was Stephen Jay Gould als Exaptation oder Volkmar Vareschi als Adiaphora bezeichnet haben. 

Die Entdifferenzierung, d.h. die Gewährung Funktionaler Autonomie der System-Teile sorgt dafür, dass sich das System fortlaufend erneuern kann und damit verhindert, dass das System von äußeren Ereignissen völlig aus dem Gleichgewicht geworfen bzw. auf dem falschen Fuß erwischt wird.

Ein Blick auf die Themen Systemrelevanz, Netzwerkorganisation, Europäische Einigung, Collaboration Economy, Internet-Theorie, Governance usw. zeigt m.E., dass die Gedanken Gouldners alles andere als aus der Mode gekommen sind.  

Quelle: Moderne amerikanische Soziologie. Hrsg. von Heinz Hartmann


Sonntag, 12. Januar 2014

Père Joseph - Der erste (moderne) Machtpolitiker

Von Ralf Keuper

Die Machtpolitik, die den Einsatz militärischer Gewalt zur Durchsetzung der Interessen eines Staates, eines Königs oder Fürsten salonfähig machte, und deren Prinzipien als Erster Niccolo Machiavelli niederschrieb, erlebte während des dreißigjährigen Krieges ihre eigentliche Geburtsstunde. 

So jedenfalls argumentiert Alex Natan in seinem Buch Graue Eminenzen. Geheime Berater im Schatten der Macht. Als Paradebeispiel eines Diplomaten, der im Hintergrund geschickt die Fäden zu ziehen wusste und mit gezielten Indiskretionen den Interessen seines Königs Geltung verschaffte, war der Kapuzinermönch Père Joseph

Sein diplomatisches Glanzstück gelang dem engsten Vertrauten des Kardinals Richelieu im Vorfeld und während des Regensburger Reichstages, als er zunächst Wallenstein bei einem Besuch dessen geheime Pläne entlockte, um sie dann gezielt auf dem Reichstag einsetzen und so einen Keil zwischen den Kaiser und seinen General treiben zu können. 
Zwar selbst gottesfürchtig und der katholischen Kirche ergeben, scheute Père Joseph nicht vor Allianzen mit protestantischen Machthabern zurück, vor allem dann nicht, wenn sich die Abkommen gegen die Habsburger richteten. 
Insofern war Père Joseph ein Kind seiner Zeit, oder einer Zeit, die bereits ihre Schatten voraus warf: Bündnisse, ganz gleich mit welchem Partner, waren so lange gut, als sie dem Zweck des eigenen Staates oder Souveräns dienten.
Gegen Endes seines Lebens litt der Mönch zunehmend unter den widersprüchlichen Rollen, die er mit großem Geschick und nicht immer ohne Genuss zu spielen verstand - ein begnadeter Machtpolitiker wider Willen?

Alex Natan liefert ein der Wahrheit wohl recht nahe kommendes Charakterbild des Père Joseph:
Pére Joseph war ein Meister der Machtpolitik, ein Intellektueller, der bezwingender Kombinationen und Konzeptionen fähig gewesen ist, einer der ersten modernen Diplomaten großen Stils, der einen undefinierbaren Sinn für die Manipulation der Geschicke dieser Welt besaß. Sein Leben blieb das Rätsel eines Menschen, der >>vertraut war mit den höchsten Formen christlicher Gnosis, mindestens die anfänglichen Zustände mystischer Gottesvereinigung erlebte und daneben in Hofkabalen und internationale Diplomatie verwickelt, eifrig mit politischer Propaganda beschäftigt war, deren unmittelbare Ereignisse an Tod, Elend und sittlicher Entwürdigung überall im Europa des 17. Jahrhunderts deutlich zu sehen waren; einer Politik, unter deren Folgen die Welt noch heute leidet.<< (Aldous Huxley).  ebd. 
Nachfolger Père Josephs in Frankreich während der folgenden Jahrhunderte waren der Polizeiminister Joseph Fouché, dem Stefan Zweig eine Biografie widmete, und, wenngleich keine graue Eminenz im eigentlichen Sinne, Talleyrand.  




Thomas von Aquin, oder: Der getaufte Verstand

Von Ralf Keuper

Thomas von Aquin war, wie es u.a. in dem hörenswerten Beitrag Thomas von Aquin - Die philosophische Hintertreppe heisst, zeitlebens von dem Wunsch geleitet, nur der Sache zu dienen und sich nicht durch Äußerlichkeiten von seinem Weg abbringen zu lassen. 
Zum Entsetzen seiner dem hohen Adel angehörenden  Familie trat Thomas von Aquin den Dominikanern bei, einem streng asketischen Orden. Nur hier glaubte er ein Leben nach dem Evangelium führen zu können. 
Dank dieser prägenden Charaktereigenschaften, man könnte auch von Eigensinn sprechen, gelang ihm die Grundlegung der christlichen Theologie und Philosophie; ganz so, wie es sein berühmter Lehrer Albertus Magnus einst prophezeit hatte. Dieser entgegnete den frühen Kritikern, dass Thomas' Schweigsamkeit ein Ausdruck höchster geistiger Konzentration und nicht ein Zeichen von Einfalt sei. 

Die größte Bedrohung für den Theologie des Mittelalters ging von der Philosophie des Aristoteles aus, die zu jener Zeit (wieder-) entdeckt wurde. Aristoteles erfasste mit seiner Philosophie die Welt als Ganzes. Die Wahrheit konnte darin allein mit dem Verstand erkannt werden. Für einen  Offenbarungs-Glauben war darin schlicht kein Bedarf. 

Thomas machte es sich zur Aufgabe, die beiden widerstreitenden Ansichten miteinander zu versöhnen, indem er die  Wahrheit des Glaubens beweisen will. Die Synthese gelingt ihm in seinem Hauptwerk "Summe der Theologie".
Vernunft und Glaube stammen demnach von Gott. Beide kommen in ihrer Wurzel in Gott überein. Vernunft kann nichts lehren, was dem Glauben widerspricht.

Die welthafte Wirklichkeit wird damit für das natürliche Erkennen freigegeben. Darin liegt die eigentliche Neuerung durch Thomas.
Ihm geht es nicht darum, die Dinge in ihrer Mannigfaltigkeit zu analysieren, sondern ihr  Wesen zu erkennen.  Die Philosophie denkt Gedanken nach, die Gott mit der Welt hat.  Als Menschen sind wir dazu in der Lage, da wir eine teilhabende Ähnlichkeit mit dem göttlichen Geist besitzen.
Die vollständige Erkenntnis der Wahrheit bleibt uns jedoch verschlossen. 

Jeder Wirklichkeitsbereich steht um so höher, je mehr in ihm die Form über den Stoff erhaben ist. Tote Dinge repräsentieren daher den niedrigsten Wirklichkeitsbereich. Danach kommen die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Weit über dem Menschen stehen die reinen körperlosen Geister - die Engel. Über allen erhebt sich jedoch der reine ungeschaffene Geist - Gott.

Wenn die ganze Welt ein Streben von der Möglichkeit zur Wirklichkeit ist, dann muss das höchst Erstrebte die reine Wirklichkeit ohne Möglichkeit sein - und das kann nur Gott sein. Gott muss daher als reiner Geist begriffen werden.
Die endliche Welt kann ihren Grund nicht in sich selbst haben. Alles, was existiert muss eine Ursache haben, die wiederum eine Ursache hat. Die Kette der Ursachen kann aber nicht bis ins Unendliche zurück gehen - die erste Ursache ist Gott. 
Vollständiger Erkenntnis kann daher nur der glaube gewähren. Selbst dies ist jedoch keine völlige Einsicht. 
Die höchste Kenntnis, zu der wir Menschen fähig sind, besteht darin, zu wissen dass Gott über allem ist, was wir von ihm denken.

Thomas von Aquin bewegt die Denker noch immer.  Vor allem die Vertreter der Christlichen Philosophie, wie Josef Pieper fühlten sich seiner Philosophie sehr verbunden. Von Josef Pieper stammt auch das viel gelobte und zitierte Thomas-Brevier
Wie wertvoll die Gedanken des Thomas auch heute noch sind bzw. sein können, zeigt Pieper in seinem Buch Über die Tugenden. Klugheit - Gerechtigkeit - Tapferkeit - Maß. Darin heisst es über die Klugheit:
Es gibt falsche und ungerade Wege auch zu richtigen Zielen. Der Sinn der Tugend der Klugheit aber ist vornehmlich dieser: dass nicht nur das Ziel des menschlichen Wirkens, sondern auch der Weg seiner Verwirklichung der Wahrheit der wirklichen Dinge entspreche. Das aber schließt wiederum die Voraussetzung in sich, dass die ichhaften "Interessen" des Subjekts zum Schweigen gebracht sind, damit jene Wahrheit der wirklichen Dinge vernehmlich zu Wort kommen und in der Auskunft der Wirklichkeit selbst der gemäße Weg der Verwirklichung deutlich werden könne. Hingegen liegt der Sinn oder vielmehr der Un-Sinn der Verschlagenheit darin, dass die geschwätzige oder also taube Unsachlichkeit des "Taktierers" den Weg der Verwirklichung abscheidet gegen die Wahrheit der wirklichen Dinge. 
So verwundert es kaum, wenn Johannes Hirschberger  der christlichen Philosophie eine günstige Prognose stellt:
Allein man braucht nicht gerade ein Optimist zu sein, um nach dem gegenwärtigen Tief wieder auf ein Hoch hoffen zu können. Man muss nur die Geschichte dieser Philosophie kennen, um zu wissen, dass das Tief überwunden werden wird, nämlich dann, wenn christliche Philosophie sich wieder auf ihre großes Erbe besinnt, das sie seit eh und jeh zusammengehalten hat, auf Platon, Aristoteles, Plotin, Augustinus, Thomas, Bonaventura. (in: Kleine Philosophiegeschichte)
Die Essenz und Stellung der Philosophie des Thomas gut auf den Punkt bringt Rudolf Eucken:
Thomas' Verdienst ist der Ausbau, die systematische Durchbildung einer allumfassenden christlichen Weltsicht; er hat das Christentum der Kultur der Wissenschaft enger verbunden und bei voller Wahrung der Obmacht der Religion auch den anderen Gebieten ein Recht zuerkannt. … Demnach ist es vollauf verständlich, dass Thomas der Hauptphilosoph des Mittelalters wurde, dass es ihn bald - so zeigen auch die Werke der Malerei - als den klassischen Verkünder der christlichen Wahrheit verehrte. Die Idee der Ordnung, welche das Mittelalter beherrscht, erlangt bei ihm ihren angemessenen philosophischen Ausdruck; es entfaltet sich ein Lebenssystem, das den einzelnen Gebieten mehr Selbständigkeit gewährt und sie doch straff zusammenhält; der Horizont wird beträchtlich erweitert, die Zuführung antiker Gedankenmassen ergibt eine Art Renaissance. Dass Thomas auf der Höhe der damaligen Entwicklung stand, das erweist schon der Anschluss des großen Dante an ihn. (in: Die Lebensanschauungen der großen Denker)




Donnerstag, 9. Januar 2014

Alexis de Tocqueville über die Verbindung von Gleichheit und Despotismus

Demokratische Gesellschaften, die nicht frei sind, können reich, raffiniert, gebildet, ja sogar glänzend und durch das Gewicht ihrer großen Masse mächtig sein; man kann dort Privattugenden begegnen, guten Familienvätern, ehrlichen Kaufleuten und sehr achtbaren Grundbesitzern; man wird dort sogar gute Christen finden, denn deren Vaterland ist nicht von dieser Welt, und der Ruhm der Religion besteht darin, sie inmitten der größten Sittenverderbnis und unter den schlechtesten Regierungen hervorzubringen. Das römische Reich war zur Zeit seines äußersten Verfalls voll von ihnen; was man aber in derartigen Gesellschaften niemals sehen wird, das sind, ich wage es zu sagen, große Bürger und namentlich ein großes Volk, und ich nehme keinen Abstand zu behaupten, dass das Durchschnittsniveau der Herzen und Geister unablässig sinken wird, solange Gleichheit und Despotismus sich miteinander verbinden.
Quelle: Der alte Staat und die Revolution

Weitere Informationen:

Chinesische Führung sucht Rat bei Alexis de Tocqueville - keine schlechte Idee

Adiaphora aus Sicht der Pflanzenökologie (Volkmar Vareschi)

Von Ralf Keuper

Die Philosophie versteht unter Adiaphora Dinge, die aus ethischer Sicht neutral sind. Sie sind weder gut noch böse. 

Interessante Gedanken zu dem Thema lieferte der Vegetations- und Pflanzenökologe Volkmar Vareschi in seinem Buch Vegetationsökologie der Tropen
Darin beschreibt er die Schlüsselstellung der sog. idioformen Merkmale für die Wuchsform und Entwicklung einer Pflanze bzw. Pflanzenart: 
Die Wuchsform ist durch die Merkmale gekennzeichnet, die auf dem genetischen Code der Pflanze beruhen. Man spricht von Organisationsmerkmalen oder, treffender noch, noch >idioformen< Merkmalen. Sie sind das Ergebnis unzähliger Mutationsschritte, die ihre phylogenetischen Ahnen einmal vollzogen und dann an die Nachkommen vererbt haben. … Die Umwelt freilich hat .. keinen direkten Einfluss auf die Bildung idioformer Merkmale, sie kann nur auswählen unter ihnen, wie sie bereits gegeben sind.
Nicht alle Merkmale einer Pflanze werden im Verlauf der Mutationen aktiviert bzw. selektiert. Es bleiben Merkmale, für die - nach dem Stand der Forschung jedenfalls - kein Bedarf besteht - umweltneutrale Merkmale, die Vareschi als Adiaphora bezeichnet. 
Aus dem Angebot idioformer Merkmale werden die einzelnen konformen selektioniert. Es bleibt dabei immer an Rest von Merkmalen, die weder nützlich noch schädlich sind. Solche umweltneutralen Merkmale nennen wir - in Übertragung eines Ausdrucks, den die Griechen - aber auch Melanchthon und Fichte handhabten - >Adiaphora<. Adiaphora können sehr augenfällig sein, sie können das Resultat hartnäckiger orthogenetischer Entwicklung durch ganze Erdzeitalter hindurch und doch ökologisch belanglos geblieben sein. 
Das wiederum hat Ähnlichkeit mit der Exaptation nach Gould und Vrba wie zu dem Wert des Funktionslosen im Sinne Adolf Portmanns

Sonntag, 5. Januar 2014

What is the New in New Realism? (Maurizio Ferraris)

Von Ralf Keuper

In einem Vortrag an der Universität Bonn erläutert Maurizio Ferraris die von ihm vertretene Richtung des Neuen Realismus in der Philosophie. 


Derzeit sorgt der Neue Realismus, der in Deutschland vor allem von Markus Gabriel repräsentiert wird, für einigen Wirbel.
Kritiker werfen den Vertretern des Neuen Realismus u.a. vor, eine journalistische Philosophie oder science fiction à la Hollywood zu betreiben. 

Denselben Vorwurf könnte man auch dem Postmodernismus und Konstruktivismus machen, wie es Alain Sokal u.a. in ihrem Buch Eleganter Unsinn vorexerziert haben. Insofern handelt es sich hier um das übliche "Geplänkel". 

Eine gute Einschätzung liefert ein Kommentar in der SZ.

Ferraris und Gabriel bewegen sich nach meinem Eindruck auf einer ähnlichen Argumentationslinie wie zuvor Nicolai Hartmann in Neue Wege der Ontologie und Konrad Lorenz mit seinem Hypothetischen Realismus, den er in seinem Buch Die Rückseite des Spiegels, mit Verweis auf Hartmann, entwarf. 
Erwähnenswert in dem Zusammenhang ist auch die Schrift Der Mut zum Sein von Paul Tillich, der sich selbst in einem Fernsehinterview als Kritischen Realisten bezeichnete. 

Weitere Informationen:








Samstag, 4. Januar 2014

Die behutsame Innovation (Vittorio Magnago Lampugnani)

Das Neuartige als eigenständiger Wert ist eine Erfindung der Romantik. Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lauteten die Kriterien, an denen eine schöpferische Arbeit gemessen wurde, Harmonie, Vollendung, Ausgewogenheit und Perfektion. Mit dem Aufkommen der Romantik verändert sich die Lage von Grund auf: Plötzlich heißen die Beurteilungskategorien Dissonanz, Nichtvollendung, Überraschung. Und vor allem: Neuartigkeit. 
Quelle: Die Modernität des Dauerhaften. Essays zu Stadt, Architektur und Design 

Freitag, 3. Januar 2014

"Die Niederlage des Denkens" (Alain Finkielkraut)

Von Ralf Keuper

Alain Finkielkraut sorgt in Frankreich immer wieder mit provokanten Aussagen zu Fragen der Einwanderung für Diskussionen, wie unlängst in einem Interview mit dem SPIEGEL. 

Bereits im Jahr 1987 setzte Finkielkraut sich kritisch in einem Buch mit den Auswirkungen des Multikulturalismus und des Postmodernen Denkens auseinander, die er für die Grundübel unserer Zeit hält. Ihnen lastet er die "Niederlange des Denkens" an. 

Dabei redet Finkielkraut keineswegs dem Nationalismus das Wort. Entschieden grenzt er sich auch von dem Begriff des Volksgeistes ab, wie er u.a. von Frantz Fanon  in die Diskussion gebracht wurde.  Diese Denkweise führe letztlich nur zur Errichtung einer Geschlossenen Gesellschaft. Vielmehr zeichnet sich eine Gesellschaft, in der das Denken noch nicht zum Erliegen gekommen ist, dadurch aus, dass sie an universellen Werten festhält, die an keinen Volksgeist und an keine Nation gebunden sind - Werte, die, wie Finkielkraut schreibt, der menschlichen Intelligenz offen stehen. Die Realität sieht jedoch anders aus:
Dieses Ideal ist heute im Aussterben begriffen. Die Demut vollbringt die Aufgabe, die die nationalistische Arroganz niemals hatte zu Ende führen können, und den Verfechtern der multikulturellen Gesellschaft gelingt das, was die Doktrin "der Erde und der Toten" nicht geschafft hatte: damit der Andere sich selbst ungehindert entfalten kann, begrenzen sie ihre Nation auf deren einzigartigen Geist, definieren sie Frankreich .. durch >seine< Kultur und nicht mehr durch den zentralen Platz, den >die< Kultur dort haben sollte, sprechen ihrem Volk eine Physiognomie zu, die es von anderen unterscheidet, und halten ihm hartnäckig vor, dass es auf diesen Unterschied in keiner Weise stolz sein darf. 
Durch die Betonung und Relativierung der eigenen Kultur erreichen die Befürworter des Multikulutralismus für Finkielkraut das genaue Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen:
Erleben wir das Ende sowohl der biblischen Zeiten als auch der Neuzeit? Jedenfalls auf das ruhmreiche und rachsüchtige Auftrumpfen der kulturellen Identität zu antworten "wir sind nur >eine< Kultur" ist kein Gegenschlag, sondern eine Kapitulation. In dem Bemühen, die Alte Welt endlich gastlich zu machen, zerstören die Apostel des Zusammenlebens der Kulturen gewissenhaft den Geist Europas: was diesem allein den Reiz seines Wohlstands lässt. 
Bedeutet das nun, dass Neuankömmlinge ihre eigene Kultur und Religion aufgeben müssen, um anerkannte Mitglieder der Gesellschaft zu werden? Keineswegs, so Finkielkraut:
Den Fremden als Individuum zu behandeln, bedeutet nicht, ihn zu verpflichten, alle seine Verhaltensweisen auf die bei den Einheimischen geltenden Lebensformen auszurichten. ... Der Geist der europäischen Neuzeit .. findet sich sehr gut mit der Existenz von nationalen oder religiösen Minderheiten ab, unter der Bedingung, dass diese sich nach dem Vorbild der Nation aus gleichen und freien Einzelpersonen zusammensetzen. Eine solche Forderung hat zur Folge, dass alle Bräuche, die die Grundrechte der Person verhöhnen - auch die, deren Wurzeln weit in die Geschichte zurückreichen - als ungesetzlich betrachtet werden. 
Das ist zumindest nachdenkenswert. 

Finkielkraut nimmt eine dem Kulturrelativismus entgegengesetzte Position ein. Der Kulturrelativismus, der auf Franz Boas zurückgeht, wurde und wird von vielen Seiten kritisiert. Seine unbestreitbare Errungenschaft liegt darin, den Eigenwert der verschiedenen Kulturen, auch die der sog. primitiven Völker, Anerkennung verschafft zu haben. 

Andererseits kann Kulturrelativismus, wenn auch unwillentlich, zu geschlossenen Gesellschaften führen, die zusammen unter dem Deckmantel einer Offenen Gesellschaft firmieren, ohne sich jedoch auf bestimmte universelle Werte und Rechte festlegen zu wollen oder zu können. 

Bleibt die Frage: Welche Werte können Anspruch darauf erheben, universell zu sein und wie lassen sie sich rechtfertigen? Leszek Kolakowski machte auf dieses Dilemma aufmerksam:
Wir haben keine Gründe zu erwarten, dass irgend etwas in unserer Kultur - sei es die Religion oder , wie die Romantiker hofften, die Kunst  eine synthetisch all-umfassende Kraft hat, die die Spannung zwischen unserer Selbstkonstitution in dem kulturellen Verkehr und unserem Identitätsgefühl aufheben könnte. In der menschlichen Kommunikation ist alles fraglich, alles unsicher, alles provisorisch und sterblich. .. Was wir mit Misstrauen betrachten sollten, sind alle, vielleicht unvermeidlichen, aber gefährlichen Versuche, unsere metaphysischen Gewissheiten in universal gültige Wahrheiten umzuwandeln. (in: Leben trotz Geschichte)
Dagegen könnte man jetzt einwenden, dass es sich bei den Menschenrechten zwar um universelle Werte, nicht jedoch um metaphysische Gewissheiten handelt. Entscheidend ist dann, die beiden Ebenen auseinanderzuhalten. Anderenfalls droht ein Rückfall in einen platten Nationalismus. 



"Farbwirkungen: Soziologie der Farbe" von Hans Peter Thurn

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Farbwirkungen - Soziologie der Farbe zeichnet Hans Peter Thurn, Professor für Soziologie an der Kunstakademie Düsseldorf, die wechselhafte Geschichte der Farbe mit ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedeutungen bzw. Zuschreibungen nach. 

Als ein Beispiel unter vielen sei hier die Phase der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts herausgegriffen: 
Unübersehbar noch vollzog sich der Farbwandel in Geschäften, Kaufhäusern und Restaurants, in Schulen und Unversitäten, in Büros und auf Bahnhöfen. Man gab sich, in der Freizeit und bald auch beruflich, wie sprachlich und gestisch legerer, so farblich freundlicher und expressiver. Schrittmacher dabei waren jene jungen Frauen, die den bourgeoisen Rüschenkult der Petticoats abstreiften, um in den 1964 von der Engländerin Mary Quant kreierten Minirock zu schlüpfen. .. Schwelgerische >>Modefarben<< brachten Kleidungsstücke und preiswerte Asssecoires in Schwung: Gelbe Schuhe, violette Stiefel, grüne Strümpfe, blaue Hosen, lila Blusen, weinrote Jacken: dergleichen und mehr konnte nun frohgemut kombiniert werden. Der >New Look< scherte sich nicht mehr um koloristische Grenzen, sondern setzte herherzt den Farbkanon der Mütter und Väter außer Kraft. 
Im späteren Verlauf streicht Thurn die Bedeutung der "Chromatischen Sozialisation" hervor, der wir alle, bist zu einem bestimmten Grad jedenfalls, unterworfen sind.
In ihrem Verlauf (gemeint ist die chromatische Sozialisation) kommt keiner umhin, sich den Farben zu fügen, die ihm die Umgebung vorschreibt. ... Je nach Herkunft, Ausbildung, Einkommen und sozialem Status variieren in Beruf und Privatleben die Freiheitsgrade des persönlichen Umgangs mit der Palette sowie die Toleranzen bei chromatischer Abweichung vom konventionellen Mittelweg. Denn obwohl die Zahl der Farbtöne inzwischen schier unübersehbar anmutet, darf nicht jede Nuance an jedem Ort zu jeder Zeit von jedermann hemmungslos eingesetzt werden.  
Demnach entwickelt jeder Mensch, bewußt oder unbewußt, im Laufe der Zeit seine eigene >Farbfomel<.
Ob >bunter Vogel< oder >graue Maus<, jeder Mensch entwickelt und praktiziert eine eigene, seine persönliche >Farbformel<, die er im Verhältnis zu anderen geltend macht. ... Wie auch immer die Entscheidungen ausfallen, in der Regel grenzen sie den Einzelnen zugleich ab und verbinden ihn mit Zeitgenossen. Infolge dieser kommunikativen Doppelfuntkion steckt in jedem noch so privaten Farbvotum zugleich eine >soziale Farbformel<.
Weitere Informationen:

Soziologie der Farbe (Hannelore Schlaffer)