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Sonntag, 30. März 2014

System als Welt, Welt als System (Ludwig Wittgenstein)

Angenommen ich hätte zwei Systeme, dann kann ich nicht nach einem System fragen, das sie beide umfasst. Ich kann es nämlich >jetzt< nicht suchen. Aber auch, wenn einmal eines sich >zeigen< sollte, das beide umfasst, dann würde ich sehen, dass ich es nie hätte suchen können. Es kann sich eben nur zeigen. Darum ist auch etwas, das nicht vorhergesehen wurde, nicht wie eine Lücke in einem System. Es konnte nicht vorhergesehen werden, weil das System noch gar nicht da war. Voraussehbares und Lücken gibt es nur in einem System. >Was nicht vorher gesehen wurde, war nicht vorhersehbar; denn man hatte das System nicht, in welchem es vorhergesehen werden konnte<.
Ich kann also nach der Welt nicht suchen, weil sie ein System ist, und ich kann nach einem System nicht suchen, weil es sozusagen eine Welt ist. 
Quelle: Die grundlegenden Texte von Ludwig Wittgenstein, hrsg. von Gerd Brand, Die Textpassagen stammen ursprünglich aus den Philosophischen Bemerkungen

Samstag, 29. März 2014

Die Angestellten (Siegfried Kracauer)

Von Ralf Keuper

Das Buch Die Angestellten von Siegfried Kracauer hat inzwischen den Rang eines Klassikers der dokumentarischen Literatur. Kracauer, der als Schriftsteller und Journalist ungewöhnlich vielseitig war, setzte sich in dem Buch, das im Jahr 1930 erschien, wohl als erster in dieser Form mit der damals relativ neuen Klasse der Angestellten auseinander. Viele der darin enthaltenen Charakterisierungen und Diagnosen der Angestellten-Kultur liefern auch heute - im Zeitalter flacher Hierarchien und von Selbstorganisation -  noch Einblicke, die an Aktualität kaum eingebüßt haben:
Auf das Monatsgehalt, die sogenannte Kopfarbeit und einige andere ähnlich belanglose Merkmale gründen in der Tat gegenwärtig große Teile der Bevölkerung ihre bürgerliche Existenz, die gar nicht mehr bürgerlich ist; ... Die Stellung dieser Schichten im Wirtschaftsprozess hat sich gewandelt, ihre mittelständische Lebensauffassung ist geblieben. Sie nähren ein falsches Bewusstsein. Sie möchten Unterschiede bewahren, deren Anerkennung ihre Situation verdunkelt; sie frönen einem Individualismus, der dann allein sanktioniert wäre, wenn sie ihr Geschick noch als einzelne gestalten könnten. 


Mittwoch, 26. März 2014

Fundamentales Wissen und Adaption (Herbert A. Simon)

Die für die Zukunft wichtigen Entscheidungen sind in erster Linie Entscheidungen über Ausgaben und Ersparnisse - darüber, wie wir unsere Produktion auf gegenwärtige und zukünftige Befriedigungen aufteilen sollen. Und beim Sparen zählen wir Flexibilität zu den wichtigen Eigenschaften der Objekte unserer Investitionen, denn Flexibilität versichert den Wert dieser Investitionen gegen Ereignisse, die zwar mit Sicherheit eintreffen werden, die wir aber nicht vorhersagen können. Der Wunsch nach Flexibilität wird (oder sollte) uns zu Investitionen in Strukturen mit mehrfacher Verwendbarkeit dirigieren und zur Investition in ein Wissen, das fundamental genug ist, um nicht so bald aus der Mode zu kommen - ein Wissen, das selbst die Grundlage für eine fortlaufende Adaption an die sich verändernde Umwelt sein könnte. 
Quelle: Die Wissenschaften vom Künstlichen  

Dienstag, 25. März 2014

Leitmotiv vernetztes Denken. Für einen besseren Umgang mit der Welt (Frederic Vester)

Von Ralf Keuper

Kaum jemand hat in den letzten Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum so viel zur Verbreitung des ökologischen Denkens beigetragen wie der inzwischen verstorbene Frederic Vester. In seinem Buch Leitmotiv Vernetztes Denken, in dem seine verschiedenen Beiträge zu den Themen Ökologie und vernetzte Systeme versammelt sind, liefert Vester nach wie vor inspirierende Gedanken. Er schreibt:
Die Gesamtheit einer Lebensgemeinschaft (Biozönose) zusammen mit ihrer Umwelt, in der sie integriert ist und mit der sie zu einem überlebensfähigen System organisiert ist, wird daher als Ökosystem bezeichnet. Überlebensfähigkeit bedeutet dabei – bei aller Fluktuation des Lebendigen – eine gewisse Stabilität. Stabilität wiederum verlangt die Einhaltung von Gleichgewichten, und dies wiederum funktioniert bei offenen Systemen am besten über Mechanismen der Selbstregulation unter möglichst wenig Input von Energie und unter möglichst vollständiger Schonung der zur Verfügung stehenden nichterneuerbaren Ressourcen. …
Im weiteren Verlauf benennt Vester acht Prinzipien der Natur, die das Überleben garantieren: 
  • Das Prinzip der negativen Rückkopplung: Das bedeutet Selbststeuerung durch Aufbau von Regelkreisen statt ungehemmte Selbstverstärkung oder - nach dem Umkippen - Selbstvernichtung. Negative Rückkopplung muss daher über positive Rückkopplung dominieren. 
  • Das Prinzip der Unabhängigkeit von Wachstum: Die Funktion eines Systems muss auch in einer Gleichgewichtsphase gewährleistet sein, das heisst vom quantitativen Wachstum unabhängig sein. Denn ein permanentes Wachstum für alle Systeme ist eine Illusion.
  • Das Prinzip der Unabhängigkeit vom Produkt: Überlebensfähige Systeme müssen funktions- und nicht produktorientiert arbeiten. Produkte kommen und gehen. Funktionen aber bleiben.
  • Das Jiu-Jitsu-Prinzip: Hier geht es um die Nutzung vorhandener, auch störender Kräfte nach dem Prinzip der asiatischen Selbstverteidigung, statt ihrer Bekämpfung nach der Boxermethode mit teurer eigener Kraft.
  • Das Prinzip der Mehrfachnutzung: Es gilt für Produkte, Funktionen und Organisationsstrukturen. Es führt durch Verbundlösungen zu Multistabilität und bedeutet eine Absage an sogenannte Hundertprozentlösungen.
  • Das Prinzip des Recycling: Es bedeutet Nutzung von Kreisprozessen zur Abfall- und Wärmeverwertung. Das vermeidet sowohl Knappheit als auch Überschüsse.
  • Das Prinzip der Symbiose: Das heisst gegenseitige Nutzung von Verschiedenartigkeit durch Kopplung und Austausch. Das aber verlangt kleinräumigen Verbund. Monostrukturen können daher nicht von den Vorteilen der Symbiose profitieren.
  • Das Prinzip des biologischen Designs: Auch diese Regel lässt sich auf Produkte, Verfahren und Organisationsformen gleichermaßen anwenden. Es bedeutet Feedbackplanung mit der Umwelt, Vereinbarkeit von Resonanz mit biologischen Strukturen, insbesondere auch derjenigen des Menschen. 
Weiterhin schreibt er: 
Die Grundbedingung für die Überlebensfähigkeit eines Systems ist aber in jedem Fall und in jedem Zustand eine möglichst gut funktionierende Selbststeuerung von außen. Und zwar gerade , weil alle realen Systeme nach außen offen sind.
Berührungspunkte bestehen u.a. zu den Design-Prinzipien von Dieter Rams wie auch zur Resonanztheorie von Friedrich Cramer. Ebenso zur Synergetik von Hermann Haken.  

Empfinden und Reflektieren (Alexander von Humboldt)

Der Mensch ist nicht bloß dazu gemacht, die Tiefen der Spekulation zu ergründen. Das Empfinden, nicht das Reflektieren ist der Genuss. Aber das Reflektieren ist da, um das Empfinden zu erhöhen, um den gebildeten Geist fähig zu machen, die Freuden des Lebens zu vervielfältigen. So stehen Fähigkeiten zu denken und zu empfinden in einer unverkennbaren Harmonie. Je größer die Denkkraft, desto tiefer die Empfindung. Jenes ist Mittel, dies ist der Zweck. 
Quelle: Alexander von Humboldt. Es ist ein Treiben in mir - Entdeckungen und Einsichten, hrsg. von Frank Holl. Die Textpassage stammt aus einem Brief Humboldts an Wilhelm Gabriel Wegner vom 27. Januar 1789

Weitere Informationen:

Alexander von Humboldt - Der zweite oder wahre Entdecker Amerikas

Sonntag, 23. März 2014

Weltbeschreibung (Ludwig Wittgenstein)

Ich kann über die Welt ein einheitliches Netz der Beschreibung legen, durch das ich alles auf eine einheitliche Form bringe. Je nach der Art von Netz, die ich wähle, entsteht eine Art der Weltbeschreibung. Wenn ich verschiedene Netze nehme, bringe ich verschiedene Weltbeschreibungen hervor. ... Wir müssen hier aber sehr deutlich sehen, dass alles, was wir auf diese Art beschreiben, und alle Gesetze, die wir so finden, vom Netz handeln, nicht aber von dem, was das Netz beschreibt. 
Quelle: Die grundlegenden Texte von Ludwig Wittgenstein, hrsg. von Gerd Brand, Die Textpassage stammt aus dem Tractatus Logico - Philosophicus 

Mittwoch, 19. März 2014

Hauptmangel der tätigen Menschen (Friedrich Nietzsche)

Den Tätigen fehlt gewöhnlich die höhere Tätigkeit: ich meine die >individuelle<. Sie sind als Beamte, Kaufleute, Gelehrte, das heisst als Gattungswesen tätig, nicht aber als ganz bestimmte einzelne und >einzige< Menschen; in dieser Hinsicht sind sie faul. - Es ist das Unglück der Tätigen, dass ihre Tätigkeit fast immer ein wenig unvernünftig ist. Man darf zum Beispiel bei dem geldsammelnden Bankier nach dem Zweck seiner rastlosen Tätigkeit nicht fragen: sie ist unvernünftig. Die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäß der Dummheit der Mechanik. - Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sklaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter. 
Quelle: Menschliches, Allzumenschliches  

Sonntag, 16. März 2014

Nicht eine Angelegenheit aus dem machen, was keine ist (Gracián)

Wie manche aus allem eine Klatscherei machen, so andere aus allem eine Angelegenheit. Immer sprechen sie mit Wichtigkeit, alles nehmen sie ernstlich und machen eine Streitigkeit oder eine geheimnisvolle Sache draus. Verdrießlicher Dinge darf man sich nur selten ernstlich annehmen, denn sonst würde man sich zur Unzeit in Verwicklungen bringen. Es ist sehr verkehrt, wenn man sich das zu Herzen nimmt, was man in den Wind schlagen sollte. Viele Sachen, die wirklich etwas waren, wurden zu nichts, weil man sie ruhen ließ; und aus andern, die eigentlich nichts waren, wurde viel, als man sich ihrer annahm. Anfangs lässt sich alles leicht beseitigen, späterhin nicht. Oft bringt die Arznei die Krankheit erst hervor. Und nicht die schlechteste Lebensregel ist: ruhen lassen. 
Quelle: Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit 

Dienstag, 11. März 2014

Die Existenzweise technischer Objekte (Gilbert Simondon)

Von Ralf Keuper

Die Schrift Die Existenzweise technischer Objekte von Gilbert Simondon zählt für mich zu jenen, deren Kernaussagen erst Jahre, Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung ihre Überzeugungskraft entfalten. Erst die fast alle Lebensbereiche durchziehende Digitalisierung, vom Smart Home bis zum Internet der Dinge, lässt die "Nützlichkeit" der Gedanken von Simondon hervortreten, wie folgende Zitate m.E. veranschaulichen:
Die Spezialisierung jeder Struktur ist die Spezialisierung einer positiven synthetisch-funktionalen Einheit, die von unerwünschten Sekundäreffekten befreit ist, welche die Funktionsweise abschwächen; das technische Objekt schreitet durch die interne Umverteilung der Funktionen auf kompatible Einheiten voran, die an die Stelle der Zufälligkeit oder des Antagonismus der ursprünglichen Verteilung treten; die Spezialisierung erfolgt nicht >Funktion für Funktion<, sondern >Synergie für Synergie<; es ist die synergetische Funktionsgruppe und nicht die einzelne Funktion, die das wirkliche Sub-Ensemble im technischen Objekt bildet. 
Berührungspunkte bestehen u.a. mit den Multiagentensystemen wie zum Konzept der Synergetik von Hermann Haken

Zum Informationsbegriff:
Die Information ist wie ein Zufallsereignis und doch unterscheidet sie sich von ihm. Eine absolute Stereotypie, die jede Neuigkeit ausschließt, schließt auch jede Information aus. Um die Information von Geräusch zu unterscheiden, stützt man sich gleichwohl auf das Merkmal, dass Unbestimmtheit auf bestimmte Grenzen reduzieren lässt.  ... ; damit die Informationsnatur des Signals fortbesteht, muss ein bestimmter Unbestimmtheitsspielraum fortbestehen. Die Vorhersehbarkeit ist ein Grund, der diese zusätzliche Präzisierung empfängt und der sie in einer sehr großen Zahl von Fällen schon im Voraus vom reinen Zufall unterscheidet, indem er sie teilweise präformiert. Die Information liegt somit auf halbem Weg zwischen reinem Zufall und Regelmäßigkeit. 
Der Mensch als Interpret der Maschine:
Es erscheint also als die Aufgabe des menschlichen Individuums, die in den Maschinen eingelagerten Formen in Informationen zu konvertieren; die Operation der Maschinen lässt keine Information entstehen, sondern sie ist lediglich eine Montage und Modifikation von Formen; das Funktionieren einer Maschine hat keinen Sinn, es kann nicht zu wirklichen Informationssignalen für eine andere Maschine führen; es bedarf eines Lebewesens als Mediateur, um einen Funktionsablauf in Begriffen der Information zu interpretieren und ihn wieder in Formen für eine andere Maschine zu konvertieren. 
Angesichts der zunehmenden Verbreitung der RFID-Technologie,  der elektronischen Verbindungstechnik oder mit Blick auf das Projekt ConTraffic, besteht für den Menschen als Interpreten der Maschine - zumindest in der von Simondon beschriebenen Form - kaum noch Bedarf. Gut möglich, dass sich die Interpretationsaufgabe auf eine andere, mehr semantische Ebene verlagert. 

Weitere Informationen:

When Objects Talk Back 

Montag, 10. März 2014

Nicolás Gómez Dávila über Beständikgeit, Schönheit und Effizienz

Wenn wir wollen, dass etwas Bestand hat, sorgen wir für Schönheit, nicht für Effizienz. 
Quelle: Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift ... Aphorismen  

Sonntag, 2. März 2014

Neue Versuchungen der Unfreiheit? - Bitcoin als Ideologie

Von Ralf Keuper

Noch immer glauben viele, dass mit Bitcoin ein neues Zeitalter im Banking anbrechen wird. Einige wähnen sich gar auf einem Kreuzzug gegen die Banken und den Staat.
Aus der Technologie allein kann diese Anziehungskraft nicht stammen. Wie alle "Bewegungen" benötigt auch Bitcoin einen ideologischen Überbau, wie der Artikel The Bitcoin Ideology zeigt.
Unumwunden räumt darin eine führende Vertreterin ein, dass es sich bei Bitcoin um einen Kreuzzug im Gewand einer digitalen Währung handele. 
Unter dem Dach von Bitcoin vereinigen sich so gegensätzliche politische Strömungen wie der Wirtschaftsliberalismus (Libertarian Capitalists/Ayn Rand) und der Sozialismus. Gemeinsam teilen sie die Überzeugung, dass der Staat und die Banken, wie überhaupt Regulierung, Quellen des Übels sind, wie Alex Payne in seinem Beitrag Bitcoin, Magical Thinking, and Political Ideology schreibt:
The push toward Bitcoin comes largely from the libertarian portion of the technology community who believe that regulation stands in the way of both progress and profit. .. Silicon Valley has a seemingly endless capacity to mistake social and political problems for technological ones, and Bitcoin is just the latest example of this selective blindness. ...
Und weiter: 
Bitcoin is not without its left-wing supporters, but I think it’s safe to say the currency has mostly proven to be a rallying point for those who see the state and central banks as little more than obstacles to a libertarian techno-utopia, a worldview perhaps best captured in The Californian Ideology. In this sense, Bitcoin is ready-made for a cultural moment when Silicon Valley ideologues are discussing plans for a new opt-in techno-centric society and sliding so far right that a return to monarchyis on their table. (ebd.)
Auffallend, dass Bitcoin schon jetzt nicht ohne zentrale Instanzen auskommt, wie Coinbase oder Marktplätze:
If Bitcoin’s strength comes from decentralization, why pour millions into a single company? Ah, because Coinbase provides an “accessible interface to the Bitcoin protocol”, we’re told. We must centralize to decentralize, you see; such is the perverse logic of capital co-opting power. In order for Bitcoin to grow a thriving ecosystem, it apparently needs a US-based, VC-backed company that has “worked closely with banks and regulators to ensure that the service is safe and compliant”. (ebd.)
Die Macht verschwindet auch mit Bitcoin nicht, sie ist nur woanders. Es ist daher schon eine Überlegung wert, ob der Staat und Regulierung (in Maßen!) nicht doch die bessere Alternative sind, oder um mit Karl Popper zu fragen:
Was verlangen wir von einem Staat? Was fordern wir als gesetzliche Verpflichtung eines Staates? Wenn wir unsere grundlegenden politischen Forderungen feststellen und formulieren wollen, so können wir fragen: Warum ziehen wir das Leben in einem wohlgeordneten Staat einem Leben ohne Staat, das heißt einem Leben in Anarchie vor? Diese Fragestellung ist rational. Fragen dieser Art muss ein Technologe zu beantworten versuchen, bevor er an die Konstruktion oder Rekonstruktion irgendeiner politischen Institution schreiten kann. Denn nur, wenn er weiß, was er will, kann er entscheiden, ob eine gewisse Institution ihrer Funktion wohl angepasst ist oder nicht. ...
Der Liberalismus und das Eingreifen des Staates stehen zueinander nicht im Widerspruch. Im Gegenteil: Freiheit ist unmöglich, wenn sie nicht durch den Staat gesichert wird. (in: Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde)
Nein, besser wird die Gesellschaft auch mit Bitcoin nicht. Viel deutet darauf hin, dass es sich stattdessen um eine Neue Versuchung der Unfreiheit (Ralf Dahrendorf) handelt. Es fehlt der überzeugende Gegenentwurf. Technologie alleine reicht nicht. Schon alleine deshalb darf die Entscheidung nicht in den Händen der Nerds und anderer technikbegeisterter Enthusiasten liegen. Noch einmal Payne: 
I’ve enjoyed the thought experiment of Bitcoin as much as the next nerd, but it’s time to dispense with the opportunism and adolescent fantasies of a crypto-powered stateless future and return to the work of building technology and social services that meaningfully and accountably improve our collective quality of life. (ebd.)
Aber vielleicht ist Bitcoin doch keine Ideologie, sondern "nur" eine geniale Verkaufsmasche und Dirk Müller behält Recht:
Ich halte das Thema Bitcoins für eine sehr clevere und groß angelegte Abzocke.
Schaun mer mal ... 

Weitere Informationen:

The Doomsday Cult of Bitcoin

Bitcoin: More ideology than trustworthy currency

Bitcoins funktionieren wie Falschgeld

In Search of a Stable Electronic Currency (Robert S. Shiller)

Samstag, 1. März 2014

Strukturen des Bösen. Die jahwistische Urgeschichte in philosophischer Hinsicht (Eugen Drewermann)

Von Ralf Keuper

Im dritten und letzten Teil seiner Strukturen des Bösen, die gleichzeitig als Dissertation und Habilitation anerkannt wurde (die drei Bände umfassen zusammen weit über 1.000 Seiten), durchleuchtet der heute als Kirchenkritiker einem größeren Publikum bekannte Eugen Drewermann die jahwistische Urgeschichte zunächst anhand der Philosophie Kants und Hegels, bevor er zur Existenzphilosophie Sartres und Kierkegaards übergeht. Kierkegaard und sein Angst-Begriff genießen dabei das besondere Interesse Drewermanns.

Von allen mir bekannten Schriften Drewermanns ist mir dieses Buch noch immer das liebste. Vielleicht liegt das daran, dass hier noch der Dozent an der Theologischen Fakultät Paderborn und nicht der spätere, prominente Kirchenkritiker spricht. Damit ist nicht gemeint, dass Drewermanns Kirchenkritik nicht die Lektüre lohnen würde. Allerdings gilt für Drewermann, ähnlich wie für den ebenfalls äußerst produktiven Niklas Luhmann, dass in dem "Frühwerk" noch nicht so sehr die Wirkung und der Ausbau des eigenen Systems im Vordergrund stand, sondern der Inhalt. 

Wie auch immer. Schon in der Einleitung macht Drewermann klar, worin es ihm in seiner Interpretation der jahwistischen Urgeschichte geht. Nachdem er in den Teilen 1 und 2 das Thema theologisch-exegetisch und psychoanalytisch angegangen ist, wendet er sich im dritten und letzten Teil dem Kern zu: 
Es ist die Kernthese dieser Arbeit, das J zu Recht den Menschen als ein Wesen kennzeichnet, das notwendig von >Angst< heimgesucht wird und in der dieser Angst notwendig ins Böse gerät, es sei denn, dass es von der verheerenden Dynamik seiner Daseinsangst im Vertrauen auf Gott erlöst wird. 
Einzig die Theologie, so Drewermann weiter, sei in der Lage, den Menschen von seiner Daseinsangst zu befreien. 

Bei all ihren Vorzügen, so reicht die Psychoanalyse bei weitem nicht aus, um den Menschen die Angst vor dem Dasein zu nehmen:
Es wäre im Leben des Einzelnen wie der menschlichen Gattung verhängnisvoll, wenn zur Lösung der Angst des Daseins nur die Antworten gegeben werden könnten, die von der Psa angeboten werden.
Sich der  >geistigen< Angst zu stellen, ist für Drewermann allein wegen der Selbsterkenntnis unumgänglich:
Die Wahrheit und die Furchtbarkeit der Angst besteht ja gerade darin, dass man nicht vor etwas Fremden zurückschaudert, das man vermeiden oder vor dem man fliehen könnte, sondern letztlich immer und unausweichlich vor sich selbst. Alle Selbsterkenntnis führt im Grunde dazu, den falschen Anschein zu beseitigen, als seien es die äußeren Umstände, Personen und Faktoren an sich, die dazu trieben, aus Angst sich selber zu verfehlen. In Wirklichkeit ist die Macht der äußeren Faktoren abhängig von der Bedeutung, die man ihnen verleiht, und diese hängt ganz und gar an der Art des eigenen Lebensentwurfs.