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Mittwoch, 30. April 2014

Moderne Stadtforschung: Zwischen Favelas und Arrival City

Von Ralf Keuper

Die Stadtforschung hat den letzten Jahren einige bemerkenswerte Ideen hervorgebracht, wie sich das Zusammenleben in den urbanen Zentren am besten gestalten lässt. Sie reichen von dem umstrittenen Konzept der Charter Cities von Paul Romer über den Klassiker der Kreativstädte nach Richard Florida bis zur Arrival City von Doug Saunders und den Arbeiten der Anthropologin Janice Perlman über Favelas. 
Insbesondere die beiden letzten Ansätze halte ich für nachdenkenswert.

Für Saunders erfüllen Ankunftsstädte eine wichtige soziale Funktion, deren Wert von den heutigen Stadtplanern und Kommunalpolitikern der Mega-Städte nicht in ausreichendem Maß erkannt werde. Aber auch die arrivierten Bewohner der Metropolen verschließen ihre Augen vor deren Nutzen:
Die Menschen erkennen die Funktion nicht, die Ankunftsstädte erfüllen, und verdammen sie deshalb wegen ihrer Armut und ihres provisorischen Erscheinungsbilds als dauerhafte und nicht sanierungsfähige Slums. Es stimmt zwar, dass viele Ankunftsstädte als Slums beginnen, aber nicht alle Ankunftsstädte sind Slums. .. Ankunftsstädte können in Verzweiflung und Armut abrutschen, wenn nach einer oder zwei Generationen der Weg zur Ankunft dauerhaft blockiert wird. ... In den Ankunftsstädten leben auch nicht nur Arme. Diese Enklaven werden, wenn sich die Lebensverhältnisse dort verbessern und eine eigene, aus den Reihen der Migranten kommende Mittelschicht entsteht, zu Magneten für Menschen, die aus der überbevölkerten Innenstadt wegziehen, und entwickeln neue wohlhabende Mittelschichten. Viele der inzwischen attraktivsten Wohnbezirke in New York, London, Paris und Toronto entstanden einst als Ankunftsstädte, und inzwischen gibt es auch in Rio de Janeiro und anderen gefragten Hauptstädten in den Entwicklungsländern Ankunftsstädte, die in jeder Hinsicht von der Mittelschicht geprägt werden. 
In einem Interview mit Laura Weissmüller in der SZ vom 10. Januar 2014 äußerte sich die Anthropologin Janice Perlman, die seit Jahrzehnten über die brasilianischen Favelas forscht, über den Nutzen der informellen Siedlungen für die Mega-Städte: 
Sie sagen, Städte können es sich gar nicht leisten, jemanden auszuschließen:
Es gibt keinen Weg, eine nachhaltige Stadt zu sein, ohne eine Stadt für alle zu sein. Denn wenn man informelle Siedlungen ausschließt aus der Stadt - und damit bis zu 70 Prozent der Bevölkerung - dann ist die Stadt politisch instabil. Sie kann nicht so viel konsumieren, sie kann nicht so viel produzieren. Und das Schlimmste: Die Stadt verpasst ihr Wissenskapital, die Kreativität, das Potenzial, das in Favelas lebt, aber nicht ausgeschöpft werden kann. .. Außerdem wäre die Stadt ohne einen informellen Bereich eine sehr langweilige Stadt.  ...
Wie sähe denn eine Welt ohne informelle Siedlungen aus?
Ich glaube, das würde all diesen Städten die Lebensfreude nehmen und auch das, was sie ausmacht. Rio etwa würde zur Kopie einer normalen, gewöhnlichen, langweiligen Stadt. Sie würde wie jede andere Stadt aussehen, mit den gleichen Straßen, der gleichen Musik, dem gleichen Essen. Es gäbe keine kreative Dynamik - aber erst die erzeugt Innovationen. Eine innovative Stadt muss eine heterogene Stadt sein. Das bieten nur unterschiedliche Wohnräume und Flächen, wo man anders sein kann. 
Weitere Informationen: 

Urbanisierung, Megastädte und informelle Siedlungen

How to build a fairer city

Das Versprechen der Städte

Georg Simmel: Die Grosstädte und das Geistesleben

Kein Denken ist ohne Selbstbewusstsein und kein Selbstbewusstsein ist ohne Denken (Ludwig Feuerbach)

Kein Denken ist ohne Selbstbewusstsein und kein Selbstbewusstsein ist ohne Denken. Was aber nicht ohne ein anderes da ist und sein kann, was es ist, hat, so eng und unauflöslich es auch mit diesem andern verbunden ist, seinen Ort im Geist und ist, da dieser sich nicht in so große Unterschiede entäußert wie die Natur, eins und dasselbe mit dem andern. Das Selbstbewusstsein ist nicht weniger Form als das reine, erkenntnis- oder materielose Denken; im Selbstbewusstsein kann ich mich wohl im Erkennen, nicht aber vom Denken unterscheiden, beide lassen sich so wenig trennen wie Licht und Helligkeit. Das Selbstbewusstsein als solches ist nichts als nur Denken; und als Akt, der nur sich selbst hervorbringt und setzt, ist es das Denken, das ausschließlich sich selbst denkt; seine einzige Beziehung ist die zu sich selbst, es erstreckt sich nicht auf das Erkennen und dessen Gegenstände. So hat das Selbstbewusstsein als das Denken, das sich selbst denkt und die einfachste Einheit mit sich ist, dieselbe umfassende Bestimmtheit wie das Sein, nämlich ein Einfaches zu sein, unbestimmt, ununterschieden und nur auf sich, nicht auf anderes bezogen. 
Quelle: Ludwig Feuerbachs Werke in sechs Bänden 1. Frühe Schriften (1828-1830)

Dienstag, 29. April 2014

Wer macht die Realität?, oder: Die Welt ist immer von gestern (Egon Friedell)

Wer macht die Realität? Der "Wirklichkeitsmensch"? Dieser läuft ihr hinterher. Gewiss schafft auch der Genius nicht aus dem Nichts, aber er entdeckt eine neue Wirklichkeit, die vor ihm niemand sah, die also gewissermaßen vor ihm noch nicht da war. Die vorhandene Wirklichkeit, mit der der Realist rechnet, befindet sich immer schon in Agonie. Bismarck verwandelt das Antlitz Mitteleuropas durch Divination, Röntgenblick, Konjektur: durch Phantasie. Phantasie brauchen und gebrauchen Cäsar und Napoleon sogut wie Dante und Shakespeare. Die anderen: die Praktischen, Positiven, dem "Tatbestand" Zugewandten leben und wirken, näher betrachtet, gar nicht in der Realität. Sie bewegen sich in der Welt, die nicht mehr wahr ist. Sie befinden sich in einer ähnlich seltsamen Lage wie etwa die Bewohner eines Sterns, der so weit von seiner Sonne entfernt wäre, dass deren Licht erst in ein oder zwei Tagen zu ihm gelangte: die Tagesbeleuchtung, die diese Geschöpfe erblickten, wäre sozusagen >nachdatiert<. In einer solchen falschen Beleuchtung, für die aber der Augenschein spricht, sehen die meisten Menschen den Tag. Was sie Gegenwart nennen, ist eine optische Täuschung, hervorgerufen durch die Unzulänglichkeit ihrer Sinne, die Langsamkeit ihrer Apperzeption. Die Welt ist immer nur von gestern.
Quelle: Kulturgeschichte der Neuzeit. Band 2

Der Vorteil des Autodidakten (Novalis)

Ein Autodidakt hat, bei allen Lücken und Unvollkommenheiten seines Wissens, die aus der Art seines Studierend notwendig entstehen, dennoch den großen Vorteil, dass jede neue Idee, die er sich zu eigen macht, sogleich in die Gemeinschaft seiner Kenntnisse und Ideen tritt und sich mit dem Ganzen auf das innigste vermischt, welches dann Gelegenheit zu originellen Verbindungen und mannigfaltigen neuen Entdeckungen gibt. 
Quelle: Geleit auf allen Wegen. Aus dem Gesamtwerk ausgewählt von Wolfgang Kraus

Montag, 28. April 2014

Führen logische Widersprüche automatisch zu Konsequenzen? (Rudolf Eucken)

Bewusste oder unbewusste Anhänger der Hegelschen Denkweise sagen uns oft, dass die Ideen mit überwältigender Notwendigkeit ihre Konsequenzen hervortreiben, und dass nichts stärker aufrüttelt, nichts zwingender weitertreibt als ein logischer Widerspruch. Gewiss, Konsequenzen und Widersprüche können eine unwiderstehliche Gewalt über den Menschen erlangen. Aber sie tun das nicht von der bloßen Logik aus. Konsequenzen können sehr nahe liegen und werden doch nicht gezogen, Widersprüche mögen handgreiflich sein und werden doch nicht empfunden.
Quelle: Geistige Strömungen der Gegenwart 

Sonntag, 27. April 2014

Erfinden und Entdecken im höheren Sinne (Johann Wolfgang von Goethe)

Alles war wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen Wahrheitsgefühles, das, im stillen längst ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt. Es ist eine aus dem Innern im Äußern sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen lässt. Es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt.
Quelle: Goethe. Lektüre für Augenblicke. Gedanken aus seinen Werken, Briefen und Gesprächen, hrsg. von Gerhart Baumann

Stilgeschichte als Spiegelbild der Kulturgeschichte der Menschheit (Friedrich Jodl)

Von Ralf Keuper

Der Philosoph Friedrich Jodl ging in seinen Buch Ästhetik der bildenden Künste näher auf die enge Verbindung der Stilgeschichte mit der Kulturgeschichte der Menschheit ein. Für ihn war das Verhältnis spiegelbildlich. 

Zuvor wandte er sich der Frage nach der Herkunft des Begriffs "Stil" zu. Die seiner Ansicht nach nächstliegende Definition stammt aus dem griechischen. Dort steht der Begriff Stil für "Säule".  Er schreibt:
Und demgemäß bedeutete "Stil" ursprünglich nichts anderes als "Säulenordnung", und in dem Gegensatze der Säulenordnung, d.h. der Säule selbst mit den zu ihr gehörigen Formen der Basis und des Gebälks, wie er sich in der griechischen Bauweise ausbildete, wurzelte ohne Zweifel der Gedanke der verschiedenen Architekturstile … nirgends fallen die Differenzen in den Ausdrucksformen für die künstlerischen Zwecke so in die Augen wie in der Baukunst. 
Zur Verbindung Stilgeschichte-Kulturgeschichte:
Die Stilgeschichte ist ein Spiegelbild der Kulturgeschichte der Menschheit: die Kunststile verkörpern ebenso viele Lebensstile und der genetischen Zusammenhang zwischen den Formen, deren sich die einzelnen Stile bedienen, zeigt die Berührung und Verknüpfung der Völker ebenso, ja in vielen Fällen noch deutlicher, als der sprachliche Zusammenhang. Die Stilgeschichte ist gleichsam ein Bilderbuch zur Weltgeschichte des Stiles. 
Neben der Antike verdient die Gotik hervorgehoben zu werden:
Die Gotik ist in künstlerisch-stilistischer Beziehung das Alphelium zur antiken Kunst, geradeso wie die Kultur und Geschichte jener Zeit - die hierarchisch-organisierte Papstkirche, die feudalistische Gesellschaft, das Bürgertum der Städte und die Zünfte - den äußersten Gegensatz zu den Lebensformen der römischen Kaiserzeit und die mittelalterliche Wissenschaft mit ihrer eigentümlichen Vermischung von Theologie und Philosophie, von Gläubigkeit und spitzfindiger Dialektik, von Autoritätsglauben und formalistischer Gewandtheit, den äußersten Gegensatz gegen die antike Wissenschaft und Rhetorik darstellen. …

Die Gotik nimmt darum in der Geschichte der abendländischen Stilentwicklung eine ganz besondere Position ein: niemals hat sich das künstlerische Schaffen einer Periode, der es weder an Feinsinn noch an durchgebildetem technischen Vermögen gebrach, weiter von dem Formenreich der antiken Welt entfernt, und kein anders Formenreich kann außer dem hellenischen ein solches Maß an Originalität beanspruchen wie das der Gotik. Natürlich ist auch diese so einheitliche und in sich geschlossene Kunstform nicht vom Himmel gefallen oder eines Tages fix und fertig aus einem Künstlergehirn entsprungen. Geradeso wie die hellenische Kunst, ist auch sie in langsamer Umbildung bestehender Ausdrucksweisen zu voller Selbständigkeit erwachsen, wobei einerseits die Motive der altchristlichen Kunst, andererseits Formen der alten nordgermanischen Kunst .. die Basis der Entwicklung gaben. … Die Periode der Gotik ist der Sonnenwendtag in der abendländischen Stilgeschichte. Denn die ganze weitere Entwicklung bis auf die allerjüngste Gegenwart ist beherrscht von der Tatsache des übermächtigen Einflusses, welchen das wiederentdeckte klassische Altertum auf Stilgefühl und Ausdrucksweise ausgeübt hat. 
Jodl unterscheidet zwischen dem autochthonen Stil, dem Übergangsstil und dem originalen Kunststil. 

Über die autochtonen Stile:
Alle autochthonen Stile lassen sich in ihrer Architektur dem Zusammenhang mit einfacheren Weisen tektonischer Bildung erkennen; in ihrer Plastik und Malerei das Bestreben, die unvollkommene Nachahmung der Natur durch Stilisierung, d.h. durch feste, konventionelle Regeln und Darstellungsformen zu ersetzen. Allen autochthonen Stilen fehlt die Kenntnis der Perspektive und in tektonischem Sinne die Fähigkeit zu geschlossener, konstruktiver Raumbehandlung. Kein autochthoner Stil hat die volle Freiheit in der Architektur, die volle Wahrheit in den nachahmenden Künsten erreicht, in welcher ihre Ausdrucksfähigkeit und ihre formaler Reiz in vollem Gleichgewicht stehen.
Über die Übergangsstile:
Neben den autochthonen Stilen stehen zunächst alle diejenigen Kunstreiche, die wir als Übergangsstile oder gemischte Stile bezeichnen müssen, weil sie durch den Zusammenfluss zweier oder mehrerer Kulturkreise und deren künstlerischer Ausdrucksformen entstanden sind, die Elemente, die zu ihrer Bildung zusammengetreten sind, noch deutlich erkennen lassen und daher mehr ein Aggregat als eine neue höhere Einheit darstellen.
Über den originalen Kunststil:
Als höchste Erscheinung zeigt uns die Stilgeschichte das, was man den originalen Kunststil nennen kann, im Gegensatze zum autochthonen Stil - ein Wort, mit welchem bezeichnet werden möge, dass ein Kunststil nicht ohne Berührung mit mannigfaltigen Kunstformen und ohne die Basis seiner vorausgehenden Kunstübung erwachsen kann, dass er aber als "originaler" alle diese Elemente seiner Bildung selbständig aufnimmt, mit Feinheit umgestaltet und einer eigenartigen formalen Grundanschauung nicht angliedert, sondern anpasst und unterwirft. 

Als originale Kunststile müssen wir in der bisherigen Stilgeschichte das hellenische Kunstreich, das gotische Kunstreich und die Kunst des Islam betrachten. 
Weitere Informationen:

Stil-Epochen - Eine BR-Alpha-Reihe (Podcasts)

Friedrich Jodl und das Erbe der Aufklärung.

Samstag, 26. April 2014

Wendezeiten (Ernst Jünger)

Überhaupt und zu allen Zeiten darf man sich von ökonomischen, politischen und geistigen Wenden nicht viel versprechen; jede Blüte hat ihre, meist nur kurze, Zeit. Letzten Endes bleibt das Problem beim Einzelnen. Wenn er es löst oder sich der Lösung nähert, stellt sich Zuversicht ein. Mit ihm geht die Welt sowohl unter wie auf.
Quelle: Siebzig verweht II

Vom wahren Begriff des Denkens (Ludwig Feuerbach)

Vom wahren Begriff des Denkens weichen die also ab, die die menschliche Sprache für eine Erfindung halten, die uns ermöglichen soll, unsere Gedanken gemeinschaftlich zu machen. Aber die Sache verhält sich bei weitem anders, denn nicht durch seine Mitteilung wird ein Gedanke erst gemeinschaftlich, sondern weil seine Natur die Gemeinschaftlichkeit >ist<, wird er ausgesprochen; bevor ich meinen Gedanken vortrage, ist er schon außer mir, er geht in alle Richtungen und ist schlechthin überall gegenwärtig. 
Quelle: Ludwig Feuerbachs Werke in sechs Bänden 1. Frühe Schriften (1828-1830)

Freitag, 25. April 2014

Die Philosophie ist keine geistige Askese ... (Rudolf Eucken)

Die Philosophie im besonderen ist keine geistige Askese, kein Mittel um das Leben blutleer und schattenhaft zu machen, sondern ein Weg zu seiner Verstärkung und Vertiefung; sie hat das Glücksverlangen dem Menschen nicht auszureden, sondern es auf die rechte Bahn zu leiten. An Kampf und Entsagung wird es dabei schwerlich fehlen. Aber auch dabei ist die treibende Kraft schließlich positiver Art, und der tiefe Zugang des Strebens geht immer auf eine Bejahung, nicht auf eine Verneinung des Lebens. 
Quelle: Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt 

Über die Freiheit des Gedankens (John Stuart Mill)

Wer kann ermessen, wieviel die Welt verliert an der Menge vielversprechender, aber furchtsamer Geister, die einem kühnen, kräftigen, unabhängigen Gedankengang nicht zu folgen wagen, weil er sie zu etwas führen könnte, was anerkanntermaßen als unreligiös oder unmoralisch gilt? .. Niemand kann ein großer Denker sein, der nicht erkennt, dass es seine erste Pflicht als Denker ist, seinem Intellekt zu folgen, zu welchen Schlüssen er ihn auch leiten mag. Die Wahrheit gewinnt sogar mehr durch die Irrtümer dessen, der mit gehörigem Fleiß und Studium selbständig denkt, als durch die richtigen Ansichten derer, die sie nur vertreten, weil sie sich nicht gestatten, selbst nachzudenken. Nicht dass man Geistesfreiheit verlangt, einzig oder hauptsächlich, um große Denker heranzuzüchten. Im Gegenteil, es ist ebenso, ja sogar unerlässlicher, Durchschnittsmenschen zu der geistigen Ausbildung  zu bringen, die ihnen erreichbar ist. Es sind früher - mag sein auch heute - einzelne große Denker in einer Atmosphäre von allgemeiner geistiger Sklaverei vorgekommen. Aber niemals gab es oder wird es in solcher Atmosphäre ein geistig tätiges Volk geben. Wo immer ein Volk zeitweilig einen Aufschwung zu solchen Eigenschaften nahm, da war die Angst vor andersgläubiger Spekulation eine Zeitlang aufgehoben. Wo ein schweigendes Übereinkommen herrscht, Prinzipien nicht zu erörtern, wo die Diskussion der tiefsten Fragen, die die Welt beschäftigen können, als abgeschlossen betrachtet wird, da können wir nicht hoffen, jene allgemein hohe Stufe geistiger Tätigkeit zu finden, welche die Geschichtsspannen so bemerkenswert macht. 
Quelle: Über die Freiheit

Neuigkeiten (Henry David Thoreau)

Wir treffen selten einen Menschen, der uns irgendwelche Neuigkeiten erzählen könnte, die er nicht in der Zeitung oder vom Nachbarn erfahren hat; und im großen und ganzen liegt der ganze Unterschied zwischen uns und unserem Freund darin, dass er die Zeitung gelesen hat, oder zum Tee geladen war - und wir nicht. ..
Ich weiß nicht, aber es ist wohl schon zu viel, >eine< Zeitung in der Woche zu lesen. Neulich hab ich das versucht, und mir scheint, dass ich seitdem nicht in meiner heimatlichen Gegend gewohnt habe, Die Sonne, die Wolken, der Schnee, die Bäume erzählen mir nicht mehr soviel. 
Quelle: Leben ohne Prinzipien

Mittwoch, 23. April 2014

Die anscheinenden Wettermacher in der Politik (Friedrich Nietzsche)

Wie das Volk bei dem, welcher sich auf das Wetter versteht und es um einen Tag voraussagt, im stillen annimmt, dass er das Wetter mache, so legen selbst Gebildete und Gelehrte mit einem Aufwand von abergläubischen Glauben großen Staatsmännern alle die wichtigen Veränderungen und Konjunkturen, welche während ihrer Regierung eintraten, als deren ureigenstes Werk bei, wenn es nur ersichtlich ist, dass jene etwas davon eher wussten als andere und ihre Berechnung danach machten: sie werden also ebenfalls als Wettermacher genommen - und dieser Glaube ist nicht das geringste Werkzeug ihrer Macht.
Quelle: Menschliches, Allzumenschliches

Vom Lernen und Lehren, Wachsen und Reifen (Rainer Maria Rilke)

Von dem unermesslichen Wortschwall der Schule werden die jugendlichen Seelen wie von einem Aschenregen überfallen und verschüttet. Der Wille in den jungen Leuten wird verwirrt, und wenn sie endlich mit der Schule fertig sind, so wissen sie nicht mehr, was sie gewollt haben. Ratlos stehen dann die meisten vor dem Leben, auf das man sie nicht vorbereitet hat; entfremdet aller Wirklichkeit ergreifen sie einen jener zufälligen Berufe, die nicht Persönlichkeiten, sondern Maschinen verlangen, um erfüllt zu werden. 
Quelle: Rainer Maria Rilke. Lektüren für Minuten. Gedanken aus seinen Büchern und Briefen

Wissenschaft als Beruf (Max Weber)

Es ist ja wohl heute in den Kreisen der Jugend die Vorstellung sehr verbreitet, die Wissenschaft sei ein Rechenexempel geworden, das in Laboratorien oder statistischen Kartotheken mit dem kühlen Verstand allein und nicht mit der ganzen >Seele< fabriziert werde, so wie >in einer Fabrik<. Wobei vor allem zu bemerken ist: dass dabei meist weder über das, was in einer Fabrik noch was in einem Laboratorium vorgeht, irgendwelche Klarheit herrscht. Hier wie dort muss dem Menschen etwas - und zwar das Richtige - >einfallen<, damit er irgend etwas Wertvolles leistet. Dieser Einfall aber lässt sich nicht erzwingen. Mit irgendwelchen kalten Rechnungen hat er nichts zu tun. 
Quelle: Wissenschaft als Beruf  

Dienstag, 22. April 2014

Über Individualität (John Stuart Mill)

Wer die Welt oder sein Milieu einen Lebensplan für sich wählen lässt, braucht dazu nichts anderes als affenhafte Nachahmungskunst. Wer seinen Plan für sich selbst aussucht, benötigt dazu alle seine Fähigkeiten. Er muss Beobachtungsgabe anwenden, um zu sehen; Verstand und Urteil, um vorherzusehen; Aktivität, um Material für Entscheidungen zu sammeln; Unterscheidungsvermögen, um sich schlüssig zu werden; und wenn er sich entschlossen hat, Festigkeit und Selbstbeherrschung, um zu seinem wohlerwogenen Entschluss zu stehen. 
Quelle: Über die Freiheit 

Ehrgeiz und Posten (Montesquieu)

Ich habe das folgende Wort des Abbé von Mongault sehr gerne: >In der Jugend beurteilen wir die Leute nach den Posten, im Alter die Posten nach den Leuten<.
Quelle: Französische Moralisten, hrsg. von Fritz Schalk

Montag, 21. April 2014

Zerstreute Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände (Friedrich Schiller)

Alle Eigenschaften der Dinge, wodurch sie ästhetisch werden können, lassen sich unter vielerlei Klassen bringen, die sowohl nach ihrer >objektiven< Verschiedenheit, als nach ihrer verschiednen >subjektiven< Beziehung auf unser leidendes oder tätiges Vermögen ein nicht bloß der >Stärke<, sondern auch dem >Wert< nach verschiedenes Wohlgefallen wirken und für den Zweck der schönen Künste auch von ungleicher Brauchbarkeit sind; nämlich das >Angenehme<, das >Gute<, das >Erhabene< und das >Schöne<. Unter diesen ist das Erhabene und Schöne allein der Kunst >eigen<. Das Angenehme ist ihrer nicht >würdig<, und das Gute ist wenigstens nicht ihr >Zweck<, denn der Zweck der Kunst ist zu vergnügen, und das Gute, sei es theoretisch oder praktisch, kann und darf der Sinnlichkeit nicht als Mittel dienen. 
Quelle: Friedrich Schiller. Theoretische Schriften, hrsg. von Rolf Toman

Vernunft und Gefühl (Vauvenargues)

Vernunft und Gefühl raten und ergänzen einander abwechselnd. Wenn man eins von beiden zu Rate zieht und auf das andere verzichtet, beraubt man sich unbesonnen eines Teiles der Hilfsmittel, die uns zu unserer Führung gewährt sind. 
Quelle: Französische Moralisten, hrsg. von Fritz Schalk 

Sonntag, 20. April 2014

Wer in der Welt gefallen will (Chamfort)

Wer in der Welt gefallen will, muss sich entschließen, eine Menge Dinge zu lernen, die man von Leuten erfährt, die sie nicht gelernt haben. 
Quelle: Französische Moralisten, hrsg. von Fritz Schalk 

Erfahrung und Wissenschaft (Johann Wolfgang von Goethe)

Bei meiner Naturbeobachtung und Betrachtung bin ich folgender Methode, soviel als möglich war, besonders in den letzten Zeiten treu geblieben:
Wenn ich die Konstanz und Konsequenz der Phänomene bis auf einen gewissen Grad erfahren habe, so ziehe ich daraus ein empirisches Gesetz und schreibe es den künftigen Erscheinungen vor. Passen Gesetz und Erscheinungen in der Folge völlig, so habe ich gewonnen; passen sie nicht ganz, so werde ich auf die Umstände der einzelnen Fälle aufmerksam gemacht und genötigt, neue Bedingungen zu suchen, unter denen ich die widersprechenden Versuche reiner darstellen kann; zeigt sich aber manchmal, unter gleichen Umständen, ein Fall, der meinem Gesetze widerspricht, so sehe ich, dass ich mit der ganzen Arbeit vorrucken und mir einen höheren Standpunkt suchen muss. ...
Quelle: Goethe - Anschauendes Denken. Goethes Schriften zur Naturwissenschaft in einer Auswahl herausgegeben von Horst Günther 

Samstag, 19. April 2014

Vom Heil der Seele (Georg Simmel)

Mit dem Heil der Seele meinen wir die höchste Einheit, zu der all ihre innerlichsten Vollendungen zusammenrinnen, die sie nur mit sich und ihrem Gott abzumachen hat; aber nicht die Einheit eines Begriffes, sondern die eines Zustandes, den wir fühlen, obgleich wir ihn nicht haben, oder vielleicht: den wir in der Form der Sehnsucht nicht weniger fühlen, als wir es in der Form der Erfüllung könnten. ...
Alles Äußerliche mit seiner Macht über die Seele muss erst von ihr abfallen, aber indem es abfällt, hat die Seele auch schon ihr Heil gefunden; denn damit fand sie sich selbst: »wer seine Seele verliert, der wird sie gewinnen!«
Eben damit ist auch aller Egoismus abgestreift; denn Egoismus ist immer nur ein Verhältnis der Seele zu ihrer Umgebung, sie erwartet von dieser irgend eine Gewährung, irgend ein Glück, zu dem sie sie ausnutzt.
Jeder Egoismus ist eine Mischung der Seele mit Äusserem, ein Umweg, auf dem sie sich selbst verliert, ein Sich-ergänzen-wollen einer Lücke in ihr, das ihr selbst nicht gelingt.
Die Seele aber, die ganz und gar sie selbst geworden ist, bedarf dessen nicht.
Nirgends in ihrem Umkreis hat sie ein Äußerliches, das ihr Sehnsucht oder Selbstsucht wecken könnte, sondern weil sie überall sich selbst hat und nichts als ihr reinstes Inneres ist, so ist sie überall Verlangen und Erfüllung zugleich.
Daraus versteht man das Gefühl von Freiheit bei allen Handlungen, die wir dem Heil unserer Seele dienen wissen.
Der Mensch ist in dem Maße frei, in dem das Zentrum seines Wesens die Peripherie desselben bestimmt, d. h. wenn unsere einzelnen Gedanken und Entschlüsse, unser Handeln wie unser Leiden, unser eigentliches Ich ausdrücken, unabgelenkt von Kräften, die außerhalb unser liegen.
Nicht dass die Handlung bestimmungslos in der Luft schwebt, macht sie zu einer freien, sondern dass der tiefste Punkt in uns, den wir als unsere Persönlichkeit fühlen, ihr seine Kraft und Färbung hemmungslos aufprägt. 
Quelle: Georg Simmel: Vom Heil der Seele 

Grenzen des Ästhetizismus und Subjektivismus (Rudolf Eucken)

Schwerlich war je ein schaffender Künstler ersten Ranges einer ästhetischen Lebensanschauung zugetan; das aber deshalb nicht, weil er nicht die Kunst als ein Sondergebiet vom übrigen Leben ablösen konnte, weil er in sein Schaffen seine ganze Seele ergoss, nicht nur eine gewissen Technik übte, und weil er die Mühen, ja die Unzulänglichkeit dieses Schaffens viel zu schmerzlich empfand, um daraus einen bloßen Genuss zu saugen. In Wahrheit hat die ästhetische Lebensanschauung ihre Heimat weniger bei den schaffenden Künstlern als bei den genießenden und reflektierenden Dilettanten; diese haben ihren Epikureismus oft auch den Künstlern aufgedrängt, die, theoretischen Erörterungen abgeneigt, ja ihnen gegenüber wehrlos, kaum empfinden, dass jene Ablösung der Kunst vom Ganzen des Lebens sie nicht sowohl erhöht als erniedrigt. ...
Der Ästhetizismus ist weniger ein wahrer Ausdruck des heutigen Lebensgefühls als ein künstlicher Versuch, seiner Schwere und seinem Ernst zu entfliehen. Das aber kann er nur, indem er sich mit dem modernen Subjektivismus verbindet und in solcher Verbindung Stimmungen erzeugt, die als Zeichen der Zeit beachtenswert sind, denen aber alles schöpferische Vermögen und alle seelenerhöhende Kraft gebricht.
Quelle: Geistige Strömungen der Gegenwart

Begriff und Aufgabe der Ästhetik (Friedrich Jodl)

Von Ralf Keuper

Obwohl im Jahr 1917 erschienen, kann das Buch Ästhetik der bildenden Künste von Friedrich Jodl mit einigem Recht für sich beanspruchen, in dieser Form bis heute unerreicht geblieben zu sein.
Darin wendet sich Jodl den verschiedenen Interpretationen ebenso wie der Begriffsgeschichte der Ästhetik zu. Eng mit der Ästhetik verbunden ist für Jodl, ähnlich wie für Johan Huizinga, der Spieltrieb:
Es gibt auf allen Stufen des Völkerlebens die den Menschen über ein rein tierisches Dasein erhaben zeigen, welche jenseits des bloßen Bedürfnisses, jenseits des Kampfes ums Dasein, liegt, und die ihre Quelle nicht in Not, sondern im Spiel, nicht im Zweck, sondern im scheinbar Zwecklosen, nicht in de Verstandestätigkeit, sondern in der Betätigung der Einbildungskraft hat. Die Wurzeln dieser Betätigung reichen tief hinab in die Grundlagen unserer Existenz. Wir wissen heute, dass der >Spieltrieb< neben Nahrungs-, Geschlechts-, Wahrnehmungs- und Bewegungstrieb zu der Grundausrüstung der organischen Welt gehört, dass nicht nur der Mensch spielt, sondern dass auch die Tiere spielen, und dass die Freude am Spiel und am Spielzeug, am Spielgegenstand, einer der wichtigsten Faktoren in der Kulturentwicklung ist. Beim Menschen tritt nun dieser Spieltrieb alsbald dadurch in ein höheres Stadium, dass er sich mit seiner allgemeinen Produktivität verbindet. Der Mensch ist Tier; aber er ist nicht nur denkendes, sprachbildendes, sondern vor allem auch werkzeugschaffendes, bauendes, gestaltendes Tier. Er spielt nicht nur mit sich und seinesgleichen; er schafft sich seine Spielzeuge selbst, er gestaltet Gebilde der Einbildungskraft, er stellt sie objektiv vor sich hin, um sich und andere daran zu erfreuen, um die Genussmöglichkeiten des Daseins zu erhöhen. 
Über das Verhältnis der Ästhetik zur Wirklichkeit:
Das Entscheidende scheint das Verhältnis des ästhetischen Gegenstandes und des ästhetischen Genusses zur Wirklichkeit zu sein. Jede Kunst ahmt >Wirkliches< nach oder stellt >Wirkliches< dar: Plastik, Malerei, Poesie direkt, Architektur und Musik indirekt. Alles, was ästhetisch wirkt, wirkt mit Mitteln, die der Wirklichkeit angehören, jedoch nicht selbst als ein Wirkliches, sondern als >Bild< oder >Symbol< eines Wirklichen. Diesen Grundzug des Ästhetischen findet man überall bewahrheitet. Alle Kunst ist >Illusionswirkung<, und zwar eine Illusionswirkung, der man sich, um des von ihr zu erwartenden Genusses willen, gerne hingibt, die man aufsucht.  
Die sozialen Bedingungen der Kunst:
Künstler und Kunstwerk haben ihren eigentlichen Zweck, die tiefste Berechtigung ihres Daseins, in den Wirkungen, die sie hervorbringen. Ein Kunstwerk, das niemandem etwas sagt, das niemanden in einen ästhetischen Zustand versetzt - ein solches Kunstwerk ist vielleicht ein Kuriosum, eine historische Rarität, aber es hat aufgehört oder überhaupt nie vermocht, im Sinne seines eigentlichen Wesens zu wirken. Und ein Künstler, dem man sagen würde: Schaffe, aber für dich allein, unter der Bedingung, dass das, was du hervorbringst, vor keines anderen Auge komme, dass es vor jedermann verborgen und unbekannt bleibe - einem solchen Künstler würde, wie groß wir uns auch das Maß seines inneren Dranges und seiner Arbeitsfreudigkeit vorstellen mögen, damit die beste Kraft, die seiner Seele Flügel gibt, genommen sein. .. Alle Kunst setzt ihrem innersten Wesen nach den Zuhörer und Zuschauer voraus. Und von da aus kann gewiss mit Recht gesagt werden: Die Kunst braucht nicht nur produktive, sondern auch rezeptive Begabungen zu ihrem Gedeihen.
Über den ästhetischen Zustand:
.. der ästhetische Zustand ist Selbstzweck oder letzter Zweck. Wir verlangen nach dem ästhetischen Zustande nicht, um dadurch anderweitige Zwecke zu fördern, wie wir etwa unsere Erkenntnisse zu erweitern bestrebt sind und unsere Fertigkeiten zu entwickeln oder unseren Charakter bilden, um für Zwecke des Gemeinschaftslebens tüchtiger zu sein, um dadurch menschlichen Bedürfnissen dienen zu können, für den Kampf ums Dasein besser ausgerüstet zu sein, sondern >um seiner selbst willen<, d.h. psychologisch gesprochen: um der mit dem ästhetischen Zustande als solchem verknüpften >Lust< willen. .. 

Der ästhetische Zustand ist ein Zustand des >Genießens<, der eben um dieser eigentümlichen Lust willen, die ihm charakteristisch ist, gesucht wird. Wer ästhetisch genießt, der will damit nichts weiter als diesen Genuss. Hier liegt .. eine wichtige Scheidelinie. Wer Speise und Trank genießt, freut sich wohl auch an dem Wohlgeschmack, daneben und hauptsächlich aber dienen sie dem Zwecke der Ernährung. Wer ästhetisch genießt, kann wohl durch die, ihm von da erwachsene Freude zugleich auf sein allgemeines Lebensgefühl einwirken, einen rascheren Umlauf eines Blutes bewirken, Sorgen und Kummer zerstreuen und so den ästhetischen Genuss auch indirekt in den Dienst der allgemeinen Lebenszwecke stellen; aber niemand wird glauben, das Wesen der künstlerischen Wirkung und des ästhetischen Genießens damit erschöpfend bezeichnet zu haben, dass er sie in die Reihe der Toxika und Opiate einordnet. Ganz abgesehen von dem, was er nebenbei bewirkt, ist der ästhetische Zustand an und für sich eine Quelle der Freude und mannigfaltig abgestufter Lust. 
Weitere Informationen:

Podcast: Der Aufklärer und Philosoph Friedrich Jodl 

Friedrich Jodl und das Erbe der Aufklärung

Zur Geschichte der Wissenschaften (Johann Wolfgang von Goethe)

Die Geschichte der Wissenschaft zeigt uns bei allem, was für dieselben geschieht, gewisse Epochen, die bald schneller, bald langsamer aufeinander folgen. Eine bedeutende Ansicht, neu oder erneut, wird ausgesprochen; sie wir anerkannt, früher oder später; es finden sich Mitarbeiter; das Resultat geht in die Schüler über; es wird gelehrt und fortgepflanzt, und wir bemerken leider, dass es gar nicht darauf ankommt, ob die Ansicht wahr oder falsch sei: beides macht denselben Gang, beides wird zuletzt eine Phrase, beides prägt sich als totes Wort dem Gedächtnis ein. 
Quelle: Goethe - Anschauendes Denken. Goethes Schriften zur Naturwissenschaft in einer Auswahl herausgegeben von Horst Günther 

Freitag, 18. April 2014

Warum ist die Philosophie so kompliziert? (Ludwig Wittgenstein)

Warum ist die Philosophie so kompliziert? Sie sollte doch >ganz< einfach sein. - Die Philosophie löst die Knoten in unserem Denken auf, die wir unsinnigerweise hineingemacht haben; dazu muss sie aber ebenso komplizierte Bewegungen machen, wie diese Knoten sind. Obwohl also das >Resultat< der Philosophie einfach ist, kann es nicht ihre Methode sein, dazu zu gelangen. 

Die Komplexität der Philosophie ist nicht die ihrer Materie, sondern, die unseres verknoteten Verstandes.
in: Philosophische Bemerkungen. Aus dem Nachlass hrsg. von Rush Rhees, Band 2

Donnerstag, 17. April 2014

Die Kunst des ruhigen Beschauens (Novalis)

Die Kunst des ruhigen Beschauens, der schöpferischen Weltbetrachtung ist schwer; unaufhörliches ernstes Nachdenken und strenge Nüchternheit fordert die Ausführung, und die Belohnung wird kein Beifall der mühescheuenden Zeitgenossen, sondern nur eine Freude des Wissens und Wachens, eine innigere Berührung des Universums sein. 
Quelle: Geleit auf allen Wegen. Aus dem Gesamtwerk ausgewählt und mit einem Vorwort von Wolfgang Kraus

Mittwoch, 16. April 2014

Der alte Staat und die Revolution (Alexis de Tocqueville)

Da die französische Revolution nicht allein den Zweck hatte, eine alte Regierung zu beseitigen, sondern auch die alte Form der Gesellschaft abzuschaffen, so musste sie gleichzeitig alle bestehenden Gewalten angreifen, alle anerkannten Einflüsse vernichten, die Traditionen in Vergessenheit bringen, die Sitten und Gebräuche erneuern und den menschlichen Geist gewissermaßen aller Ideen entledigen, auf denen bis dahin Respekt und Gehorsam geruht hatten. Daher ihr so besonders anarchischer Charakter.
Aber man räume diese Trümmer weg: man gewahrt dann eine ungeheure Zentralgewalt, die in ihrer Einheit alle Bestandteile von Autorität und Einfluss an sich gezogen und verschlungen hat, die vorher unter einer Menge von untergeordneten Gewalten, Orden, Klassen, Professionen, Familien und Individuen zersplittert und gleichsam im ganzen Gesellschaftskörper verstreut waren. Eine gleiche Macht hatte man seit dem Sturz des römischen Kaisertums in der Welt nicht gesehen. Die Revolution hat diese neue Macht geschaffen, oder vielmehr diese ist wie von selbst aus den Trümmern hervorgegangen, die das Werk der Revolution waren. Die Regierungen, die sie gründet hat, sind allerdings zerbrechlicher, aber hundertmal mächtiger als irgendeine der von ihr gestürzten; .. 
Quelle: Der alte Staat und die Revolution

Montag, 14. April 2014

In Memoriam: Karl-Heinz Heidtmann

Von Ralf Keuper

Wer als Blogger aktiv ist, sucht und findet mit der Zeit Kollegen, deren Art zu schreiben einen fesselt. Die durch die Worte durchschimmernde Denk- bzw. Lebenshaltung nährt die Gewissheit, einen Freund im Geiste gefunden zu haben, die nicht nur im "realen Leben" rar sind - so auch im Netz. Bei Karl-Heinz Heidtmann, der jetzt gestorben ist, war das so. 

Sein Blog Heidtmanns Z(w)eitgeist war für mich eine der wichtigsten Anlaufstationen im Netz. Stets klug, immer auch pointiert, und bei aller Kritik nie zynisch oder verbittert. Immer zum Nach- und Weiterdenken anregend, nie polemisch. Mit klarem Blick. 

Er wird mir fehlen. 

Update:





Sonntag, 13. April 2014

Verdoppelung der Wirklichkeit (Ludwig Wittgenstein)

Wenn wir alle Dinge durch die gleiche Form darstellen, dann bilden wir sie eigentlich nicht mehr ab. Dann machen wir die Wirklichkeit gleichförmig. Die Gleich-förmigkeit macht die Wirklichkeit form-los, amorph. Die logische Form, d.h. das Gemeinsame zwischen Bild und Wirklichkeit ist hier auf das äußerste Minimum reduziert. Wir packen Strukturen, Beziehungen etc. ein und präsentieren sie bloß im verpackten Zustand. .. Wir können eine solche Methode dort verwenden, wo es nicht darauf ankommt, ob die Dinge amorph sind oder nicht. Aber selbst dann dürfen wir nicht vergessen, dass tatsächlich die verpackenden Begriffe ihre Bedeutung nur über Definitionen haben, mit denen sie eben solchermaßen einpacken. Wir müssen immer wieder, wenn wir die Verknüpfung mit der Wirklichkeit sehen wollen, die Begriffe, die in einer solchen Form stecken, auspacken. Tun wir dies nicht, so können die größten Verwirrungen entstehen. 
Quelle: Die grundlegenden Texte von Ludwig Wittgenstein, hrsg. von Gerd Brand 

Samstag, 12. April 2014

Das Paradoxon der Freiheit (Karl R. Popper)

Ich glaube, dass man die Ungerechtigkeit und die Unmenschlichkeit des schrankenlosen >kapitalistischen Systems<, so wie es Marx beschrieben hat, zugeben muss; aber diese Erscheinung lässt sich mit Hilfe des >Paradoxons der Freiheit< deuten, .. Wir haben gesehen, dass sich die Freiheit selbst aufhebt, wenn sie völlig uneingeschränkt ist. Schrankenlose Freiheit bedeutet, dass es dem Starken freisteht, den Schwachen zu tyrannisieren und ihn seiner Freiheit zu berauben. Das ist der Grund, warum wir verlangen, dass der Staat die Freiheit in gewissem Ausmaß einschränke, so dass am Ende jedermanns Freiheit vom Gesetz geschützt wird. Niemand soll der >Gnade< eines andern ausgeliefert sein, aber alle sollen das >Recht< haben, vom Staat geschützt zu werden.
Quelle: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde

Freitag, 11. April 2014

Ob etwas Leben werden kann ... (Rainer Maria Rilke)

Ob etwas Leben werden kann, das hängt nicht von den großen Ideen ab, sondern davon, ob man sich aus ihnen ein Handwerk schafft, ein Tägliches, etwas, was bei einem aushält bis ans Ende.
Quelle: Rainer Maria Rilke. Lektüren für Minuten. Gedanken aus seinen Büchern und Briefen. Ausgewählt von Volker Michels

Individualismus und Demokratie (Alexis de Tocqueville)

Schwer kann man einen Menschen dazu bestimmen, sich um das Schicksal des gesamten Staates zu kümmern, weil er schlecht den Einfluss versteht, den das Schicksal des Staates auf sein eigenes Los haben könnte. Soll aber eine Landstraße einen Zipfel seines Besitztumes durchqueren, so wird er sofort erkennen, dass eine Beziehung zwischen dieser kleinen öffentlichen Angelegenheit und seinen größten Privatgeschäften besteht, und wird - auch ohne dass man es ihm zeigt - das enge Band entdecken, das hier Privat- und Gemeinschaftsinteresse verknüpft. Man interessiert also die Staatsbürger für das Allgemeinwohl, wenn man ihnen zeigt, wie sehr sie ständig aufeinander angewiesen sind, um dieses Wohl zu erreichen. Das ist wertvoller als ihre Beteiligung an den großen Staatsgeschäften. ...
Man glaubt, dass die neuen Gesellschaften täglich ihr Gesicht verändern werden, und ich habe Angst, dass sie schließlich allzu unbeweglich bei denselben Einrichtungen, denselben Vorurteilen, denselben Sitten verharren werden; dergestalt, dass das Menschengeschlecht stehenbeibt und sich selber beschränkt; dass der Geist sich ewig wieder und wieder über sich beugt, ohne neue Ideen hervorzubringen; dass der Mensch sich in kleinen, einsamen und unfruchtbaren Bewegungen erschöpft und dass die Menschheit sich zwar unaufhörlich bewegt, aber nicht mehr fortschreitet. 
Die politische Welt wandelt sich, von nun an müssen wir für neue Übel neue Abhilfe finden. Der staatlichen Gewalt weitere, aber sichtbare und unverrückliche Grenzen zu stecken; den Einzelnen gewisse Rechte einzuräumen und ihnen den unangefochtenen Genuss dieser Rechte zu garantieren; dem Individuum das bisschen Unabhängigkeit, Kraft und Originalität, das ihm verbleibt, zu bewahren; ihm neben dem Staat seinen Platz anzuweisen und ihn gegen den Staat zu schützen; das halte ich für die vornehmste Aufgabe des Gesetzgebers in der kommenden Zeit. 
Quelle: Über die Demokratie in Amerika

Donnerstag, 10. April 2014

Die Ästhetik eines Kunstwerks (Nicolás Gómez Dávila)

Die Machart eines Kunstwerks mag von sozialen Bedingungen abhängig sein; seine ästhetische Qualität ist von nichts abhängig. 
Quelle: Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift ... 

Mittwoch, 9. April 2014

Die "Kunst der Geste" (Marcel Marceau)

Die >Kunst der Geste< erlaubt nichts Zweideutiges! Der Mime muss präzis und klar sein. Das Wort kann Zweifel erwecken und doppelsinnig scheinen. Der Mime kann nicht betrügen und lügen, jede Geste muss motiviert sein. So soll der Mime Gefühle durch Körperhaltungen darstellen, und nicht Worte durch Gesten. ... Die Kunst der Geste ist unvergänglich wie die Menschheit selbst. .. Die Konventionen und Zeichen des Mimen sind sehr reichhaltig und sind von ebenso präziser Technik wie der klassische Tanz oder die Kunst des Wortes. Der Mimus ist kein stummes Geschwätz, sondern eine schweigende Tragödie, ein lyrisches Rezitativ, das Echo des Schweigens, das mit seinen stummen Taktschlägen den Rhythmus der Zeit angibt. 
Quelle: Marcel Marceau - Weltkunst der Pantomime. Nach Gesprächen aufgezeichnet von Herbert Jhering 

Weitere Informationen:

The Many Poses of Marcel Marceau

Dienstag, 8. April 2014

Über den Wert der gegenwärtigen Realitäten (José Ortega y Gasset)

Vielen gegenwärtigen Realitäten messen wir mehr Wert bei, als sie an und für sich verdienen; wir befassen uns mit ihnen nur, weil sie vorhanden sind, weil sie vor uns stehn als etwas Ärgerliches oder Nützliches. Der Wert kommt ihrem Vorhandensein zu, nicht ihnen selbst. Anders bei den vergangenen Dingen: da interessiert uns wirklich die ureigenste Qualität. Denn die Dinge legen, wenn sie einmal ins Reich des Vergangenen aufgenommen wurden, alles zweckbedingte Beiwerk ab, sie machen sich unabhängig von der Werte-Hierarchie, in die wir sie zu ihren Lebzeiten der Nützlichkeit entsprechend einordnen, und beginnen erst jetzt aus wesenseigener Kraft zu leben. 
Quelle: Triumpf des Augenblicks - Glanz der Dauer

Montag, 7. April 2014

Jede Wissenschaft hat ihre eigene sprachliche Ästhetik (Marc Bloch)

Eine exakte Gleichung ist nicht weniger schön als ein gut formulierter Satz. Aber jede Wissenschaft hat ihre eigene sprachliche Ästhetik. Menschliche Gegebenheiten sind ihrem Wesen nach äußerst heikle Phänomene, die sich nicht selten mathematischer Messung entziehen. Um sich richtig zu verstehen und folglich auch verstehen zu können .. bedarf es einer differenzierten Ausdrucksweise .. . Wo es nicht möglich ist zu berechnen, sind Vorschläge geboten. Zwischen dem Ausdruck der Realitäten der physischen Welt und dem der Realitäten des menschlichen Geistes besteht im Grunde genommen derselbe Unterschied wie zwischen der Arbeit eines Fräsers und der eines Geigenbauers; beide arbeiten auf den Milimeter genau; während aber der Fräser mechanische Präzisionsinstrumente zur Verfügung hat, lässt sich der Geigenbauer vor allem von seinem Gehör und seinem Fingerspitzengefühl leiten. Es wäre weder gut, wenn der Fräser sich mit der Empirie des Geigenbauers zufrieden gäbe, noch, wenn der Geigenbauer darauf verfiele, es dem Fräser gleichzutun. Wer wollte leugnen, dass es nicht nur ein Fingerspitzengefühl der Hände, sondern auch der Wörter gibt?
Quelle: Apologie der Geschichtswissenschaft, oder der Beruf des Historikers 

Sonntag, 6. April 2014

Der Staat in seiner Bedingtheit durch die Kultur (Jacob Burckhardt)

Die wahre Wirkung des freien geistigen Tauschplatzes ist die Deutlichkeit alles Ausdruckes und die Sicherheit dessen, was man will, das Abstreifen der Willkür und des Wunderlichen, der Gewinn eines Maßstabes und eines Stiles, die Wirkung der Künste und der Wissenschaften aufeinander. Den Produktionen aller Zeiten ist es ganz deutlich anzuhören, ob sie unter einer solchen Einwirkung entstanden sind oder nicht. Ihre geringere Ausprägung ist das Konventionelle, die edlere das Klassische. Dabei flechten sich die positive und negative Seite beständig durcheinander. 
Quelle: Weltgeschichtliche Betrachtungen

Samstag, 5. April 2014

Meisterschaft in der Kunst: Der östliche und der westliche Weg

... Die Entschlossenheit allerdings mit der die Meister, die eine Ausbildung im alten Stil durchgemacht haben, sich in ihrer Kunstübung einrichten, sich ganz darauf konzentrieren, sie ohne Rücksicht auf etwas anderes zum Lebensinhalt machen, ist bei westlich orientierten Künstlern kaum je zu beobachten. Und zumindest diese in sich ruhende Geisteshaltung ist in meinen Augen etwas höchst Beneidenswertes. Zwar behaupte ich nicht, es fehle westlich geprägten Künstlern an Enthusiasmus in Bezug auf ihre Kunstausübung. Doch trifft man häufig auf Geltungssucht und Geldgier, und was ihre Breitschaft angeht, ohne Rücksicht auf Ruhm und Einkommen, die Welt um sich herum vergessend, den Weg der Kunst einzuschlagen, reichen sie nicht an die >geinin<, die Meister alter Schule, heran. Sie sind zwar unzweifelhaft klug, aufmerksam, konzentriert, unentwegt auf zeitgemäße Neuerungen erpicht, raffiniert; sie führen Diskussionen über verschiedenste Schwierigkeiten, um ihre Stellung zu wahren - mit einem Wort, sie sind >smart<.
Im Gegensatz zu ihnen haben die Meister des Ostens eine recht eingleisige, einfältig-direkte, tollpatschige Art. Sie verharren auf Jarhzehnte in ihrem eigenen Bezirk und feilen unermüdlich an ihren Fertigkeiten. Sie sind naiv wie Kinder und trotz ihres Könnens ungeschickt im Argumentieren. Sie äußern sich nicht über Kunstauffassungen, sondern verlassen sich auf ihre Fähigkeiten - besonnen, vorsichtig, je nach Umständen sogar unterwürfig. .. Westliche Schauspieler und Musiker scheinen sich, je weiter sie in die erste Liga aufrücken, nach allen Richtungen abzusichern. Sie bemühen sich, nur ja nicht die einmal erreichte Stellung und Bekanntheit zu verspielen. Irgendwie erwecken sie den Eindruck von Personen, die ständig auf der Hut sind und keine herzliche Vertrautheit aufkommen lassen.
Quelle: "Lob der Meisterschaft" von Tanizaki Jun'ichiro,

Donnerstag, 3. April 2014

Der Trommler (Henry David Thoreau)

Warum haben wir es so verzweifelt eilig, zum Erfolg zu kommen? Noch dazu mit solch waghalsigen Unternehmungen? Wenn einer mit den anderen nicht Schritt hält, liegt es vielleicht daran, dass er auf einen anderen Trommler hört. Jeder richte seine Schritte nach der Musik, die er vernimmt, ganz gleich, wie fern sie klingen mag.
Quelle: Walden - Leben in den Wäldern

Mittwoch, 2. April 2014

Freies Nachdenken (Novalis)

Durch unaufhörliches freies Nachdenken muss man sich begeistern. Hat man gar keine Zeit zum Überschauen, zum freien Meditieren, zum ruhigen Durchlaufen und Betrachten in verschiedenen Stimmungen, so schläft selbst die fruchtbarste Stimmung ein, und die innere Mannigfaltigkeit hört auf. 
Quelle: Geleit auf allen Wegen, Aus dem Gesamtwerk ausgewählt von Wolfgang Kraus