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Sonntag, 29. Juni 2014

Wenn eine Wissenschaft zu stocken scheint ... (Johann Wolfgang von Goethe)

Wenn eine Wissenschaft zu stocken und, ohnerachtet der Bemühung vieler tätigen Menschen, nicht vom Flecke zu rücken scheint, so lässt sich bemerken, dass die Schuld oft an einer gewissen Vorstellungsart, nach welcher die Gegenstände herkömmlich betrachtet werden, an einer einmal eingenommen Terminologie liege, welchen der große Haufe sich ohne weitere Bedingung unterwirft und nachfolgt und welchen denkende Menschen selbst sich nur einzeln und nur in einzelnen Fällen schüchtern entziehen. 
Quelle: Goethe. Naturwissenschaftliche Schriften. Aus Goethes Werken, achter Band

Samstag, 28. Juni 2014

Über das Blendwerk eines auf quantitative Leistungsnachweise getrimmten Wissenschaftsbetriebs

Von Ralf Keuper

In der SZ vom 23. Juni 2014 äußert der Präsident der Freien Universität Berlin, Peter-André Alt, seinen Unmut über eine Konstellation, die im Wissenschaftsbetrieb kaum noch Raum für echte Forschung lasse, und die er im Titel seines Beitrags als Artikelflut und Forschungsmüll bezeichnet.

Alt bemisst den wahren Zustand der geisteswissenschaftlichen Forschung an der Zahl und Qualität der Monographien. Ausgerechnet in den amerikanischen Humanities zeichne sich eine Trendwende ab, die die Monographie wieder zum "Leitmedium" geisteswissenschaftlicher Forschung erhebe. Dabei kommen alt bewährte Praktiken wieder zu ihrem Recht:
... intellektuelle Geduld und Ausdauer, geistige Unabhängigkeit gegenüber Moden, dispositorische Organisation größerer Stoffmengen und stilistische Gestaltungskraft - sehr altmodische Qualitäten, die aber auch in Zeiten elektronischen Publizierens nicht verschwinden dürfen. 
Da ist was dran. Für mich verkörpern dieses "Ideal" in den Geisteswissenschaften u.a. der Philosoph Raymond Klibansky mit seinen Arbeiten zu Meister Eckhart und Nikolaus von Kues, der Rechtshistoriker Harold Berman mit seinem grundlegenden Buch Recht und Revolution. Die Bildung der westlichen Rechtstradition sowie der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt mit seinem Hauptwerk Geschichte der Religiösität im Mittelalter

Die Kritik von Alt greift der Buchreport in dem Beitrag Verkäufliche Philosophen auf. Darin wird darauf hingewiesen, dass auf den Bestsellerlisten im Hardcover-Segment erstaunlich viele Monographien namhafter Denker auftauchen. Genannt werden u.a. Peter Sloterdijk, Jürgen Habermas und Richard Dworkin
Das ändert jedoch wenig am eigentlichen Befund von Alt. Eher schon drängt sich einem der Eindruck auf, dass auch in diesem Marktsegment einem Starkult gefrönt wird. 

Freitag, 27. Juni 2014

Wie ein Mathematiker bereits vor tausend Jahren die Existenz Amerikas postulierte

Von Ralf Keuper

In dem Artikel Die Erdenkung Amerikas im Feuilleton der SZ vom 26. Juni 2014 berichtet Richard Stone von dem bedeutenden choresmischen Universalgelehrten Abu Raihan al-Biruni, der bereits vor 1.000 Jahren die Existenz eines Kontinents zwischen Europa und Asien postulierte. 
Gestützt auf "sorgfältiger Beobachtung, akkurat gesammelten Daten und klarer Logik", wie es in dem Artikel unter Berufung auf Frederick Starr heisst, folgerte al-Biruni, dass dieselben Kräfte, die auf zwei Fünfteln der Erde Land geschaffen hätten ihre Wirkung auch auf die anderen drei Fünftel ausgedehnt haben müssten. Zu dieser Hypothese gelangte al-Biruni nicht zuletzt durch seine Berechnung des Erdumfangs, die nur um 16,8 Kilometer vom heutigen Wert abweicht.
Das erinnert ein wenig an Giordano Bruno, der allein auf sein Denken gestützt, noch vor Gallilei die Achsendrehung der Sonne bemerkte. 
Aber auch hier war al-Biruni seiner Zeit und seinen westlichen Forscherkollegen weit voraus. Fünf Jahrhunderte vor Kopernikus argumentierte er für die Erd-Rotation und die zentrale Stellung der Sonne im Sonnensystem. 

Weitere Informationen:

Lost Enlightenment: Central Asia's Golden Age from the Arab Conquest to Tamerlane

Das Teleskop und die lange Entdeckung der Unendlichkeit (Richard Panek)

Dienstag, 24. Juni 2014

"Die Analogie. Das Herz des Denkens" von Douglas Hofstadter und Emmanuel Sander

Von Ralf Keuper

Für mich ist es schon jetzt das Wissenschaftsbuch des Jahres: Die Analogie. Das Herz des Denkens von Douglas Hofstadter und Emmanuel Sander.
Darin legen die Autoren dar, wie sehr unser Denken von Analogien geprägt ist. Nebenbei unternehmen sie eine Art "Ehrenrettung" der Analogie, da sie in der Vergangenheit (und auch in der Gegenwart) nicht selten als Spielerei oder unwissenschaftlicher Taschenspielertrick abgetan wurde. Allenfalls großen Genies, wie Albert Einstein, billigt man zu, bei der Formulierung völlig neuartiger Theorien intensiveren Gebrauch von Analogien zu machen. Dabei sind Analogien ständige Begleiter unserer Denkvorgänge und ihr Einsatz daher nicht nur auf seltene Ausnahmen, Situationen beschränkt:
Eine zentrale These dieses Buches lautet, dass die Erstellung von Analogien jeden Moment des Denkens definiert, ja recht eigentlich die treibende Kraft hinter jeglichem Denken ist. Jede mentale Kategorie, die uns zur Verfügung steht, ist das Ergebnis einer langen Reihe von Analogien, die zwischen Einheiten (seien das nun Objekte, Aktionen oder Situationen) Brücken baut, welche sowohl räumlich als auch zeitlich weit voneinander entfernt sind. .. Die Erstellung von Analogien erlaubt uns, in Situationen zu denken und zu handeln, die uns völlig neu sind; sie versorgt uns mit ergiebigen Beständen neuer Kategorien; sie bereichert diese Analogien, indem sie sie im Lauf unseres Lebens ständig ausdehnt; sie leitet unser Verständnis zukünftiger Situationen, indem sie auf den entsprechenden Abstraktionsebenen registriert, was uns gerade zugestoßen ist; und sie versetzt uns in die Lage, überraschende, kraftvolle mentale Sprünge zu wagen.
Die Analogie als Herz des Denkens:
Die pausenlose Aktivität, frisch geprägte mentale Strukturen (neue Wahrnehmungen) und ältere mentale Strukturen (alte Begriffe) miteinander abzugleichen - die Aktivität, die in neuen Situationen die hoch relevanten Begriffe präzise identifiziert -, bleibt das analogische Gewebe des Denkens, und das unaufhörliche Analogie-Gestöber, das wir einbringen, ist ein Spielgel unserer Intelligenz. .. Die Kunst dieses superschnellen, zielsicheren Abrufs von Analogie ist in der Tat alles andere als eine Aktivität, die mit Denken nichts zu tun hat - sie ist das Herz des Denkens.
Die Bildung neuer, die Anwendung bereits bestehender Kategorien macht es überhaupt erst möglich, dass wir uns in neuen Situationen relativ schnell zurechtfinden. Müssten wir sie erst neu bilden, wären wir überfordert. Analogien helfen uns dabei, die richtigen Kategorien zu finden.
Der, wenn man so will, "Göttliche Funke" kann seine Wirkung dann entfalten, wenn es gelingt, bekannten Situationen, Problemen mittels Analogien eine neue Bedeutung, eine andere Perspektive zu geben. Diese Fähigkeit haben jedoch nur wenige.
... denn die große Begabung dieser außerordentlichen Individuen bestand darin, dass sie präzise das herausgreifen konnten, was in einer Situation wirklich von Bedeutung war und was keiner vor ihnen durchschaut hatte. Und das geschah durch die Erstellung origineller, wichtiger Analogien, die aus dem jeweiligen Kategorienrepertoire aufgebaut wurden, das ihnen gerade zur Verfügung stand. Diese Fähigkeit ist prinzipiell, gleichgültig in welcher Epoche sie auftritt, eine äußerst seltene Begabung.
Einige Aussagen in dem Buch erinnern an die Arbeiten von Gerd Gigerenzer und seinen Mitarbeitern, z.B. an die Simple Heuristics und die Recognition Heuristics. Während es bei Gigerenzer vorwiegend darum geht, wie man in möglichst kurzer Zeit gute Entscheidungen trifft, legen Hofstadter und Sander den Schwerpunkt auf den kreativen Aspekt, auf die Sprünge zwischen den Kategorien, um daraus zu neuen Einsichten zu gelangen.
Hofstadter und Sander verwenden in ihrem Buch übrigens mehrfach den Begriff "Denkstil" um die Wirkung von Analogien für den Denkvorgang zu beschreiben.

Die Verwendung von Kategorien und Analogien (Kategorisierung durch Analogiebildung) ist es auch, was dem Menschen den entscheidenden Vorteil über den Computer verschafft: Neue Situationen mit geringem kognitiven Aufwand zu bewältigen.
Wenn es also zwei Kreaturen gäbe, von denen die eine (ein erwachsener Mensch) die Welt mit Hilfe der Kategorisierung durch Analogiebildung wahrnimmt, während der andere (ein Computer) nicht über einen solch hilfreichen Mechanismus verfügt, dann gliche ihr Wettbewerb im Weltverstehen einem Wettlauf zwischen einer Person und einem Roboter, die beide auf ein hohes Dach klettern müssen, wobei das Menschenwesen eine bereits bestehende Treppe benutzen darf, wohingegen der Roboter sich seine Treppe von Grund auf selbst bauen muss.
Hier wirkt die Argumentation von Hubert L. Dreyfus in Was Computer nicht können. Die Grenzen künstlicher Intelligenz und von Noam Chomsky in Where Artificial Intelligence Went Wrong auf mich jedoch plausibler.

In dem Kapitel Analogien, die die Welt erschütterten gehen die Autoren intensiv auf den, wörtlich, Denkstil Albert Einsteins ein. Einstein machte regen Gebrauch von Analogien - ohne sie, so Hofstadter und Sander - u.a. unter Berufung auf den Einstein-Biografen Banesh Hoffmann - hätte er seine Allgemeine und Spezielle Relativitätstheorie niemals formulieren können. Daneben war es aber auch sein "Hypothetischer Deduktionismus", der Einstein nach eigener Aussage zu seinen Einfällen führte. Auch die Schöpfung neuer Begriffe, Kategorien war für ihn ein wichtiges Instrument seiner wissenschaftlichen Arbeit. Mehr dazu: Albert Einsteins Erkenntnistheorie

Weitere Informationen:


Sonntag, 22. Juni 2014

Niklas Luhmann im Interview über die Realität der Massenmedien

Ein Interview mit Niklas Luhmann über die Funktion der Massenmedien in der Gesellschaft und ihr besonderes Verhältnis zur Realität. 

Ein Historiker prüft sein Gewissen. Antrittsvorlesung am Collège de France (Lucien Febvre)

Ich wünsche, eines nahen oder fernen Tages, am Ende des Unterrichts, den ich heute aufnehme, hätte ich verdient, dass man von mir sagte: "In der Geschichte hat er nur die Geschichte gesehen, nicht mehr ... In seinem Unterricht hat er nicht die Geister geknechtet, weil er keine Systeme hatte - jene Systeme, von denen selbst Claude Bernard sagte, sie neigten dazu, den menschlichen Geist zu knechten - , sondern weil es ihm um Ideen ging und um Theorien; Ideen, weil die Wissenschaften nur durch die schöpferische und originäre Macht des Denkens vorankommen, und Theorien, weil wir zwar wissen, dass Theorien nie die unendliche Komplexität der Naturphänomene einholen und dennoch Stufen sind, welche die Wissenschaft in ihrem unstillbaren Verlangen, den Horizont des menschlichen Denkens zu erweitern, erklimmt - mit der großartigen Gewissheit, niemals den Gipfel aller Gipfel zu erreichen, jene Spitze, von der aus man sähe, wie aus der Dämmerung die Morgenröte steigt".
Quelle: Lucien Febvre: Das Gewissen des Historikers. Antrittsvorlesung am Collège de France 1933

Hinweis: Febvre bezieht sich hier auf die Notizen aus einer der letzten Vorlesungen des Historikers Jules Michelet

Donnerstag, 19. Juni 2014

Das Neue an den Klassifikationen, die das Denken konstruiert (Jean Piaget)

Das Neue an den Klassifikationen, die das Denken konstruiert, ist ihre mehr oder weniger ausgeprägte Intentionalität und vor allem ihre Reflexivität, d.h., die Tatsache, dass sie Systeme bilden, die nicht mehr einem Funktionieren immanent sind, sondern in dem Maße, in dem dieses bewusst ist, durch es geschaffen und überprüft werden. Solcherart sind die vorwissenschaftlichen Klassifikationen wie auch die wissenschaftlichen.

So scheint die klassifikatorische Funktion in jeder Organisationsstruktur wiederzukehren - ein bemerkenswerter struktureller Isomorphismus zwischen den biologischen und den kognitiven Organisationen. Selbstverständlich handelt es sich um dieselben Klassifikationen: bald sind die Einschachtelungen der Unterklasse oder Substrukturen in den ganzen Klassen oder Gesamtstrukturen sozusagen in einer materiellen Organisation verkörpert, bald sind sie einem Funktionieren immanent, bald ergeben sie sich aus ihm.
Die beiden einzigen wirklichen Pole bilden die den Funktionsabläufen inhärenten und die aus ihnen hervorgehenden klassifikatorischen Eigenschaften .. Sie hat immer die gleiche Bedeutung: das Denken nimmt seinen Ausgang von der biologischen Organisation immanenten Strukturen, aber dadurch, dass es sie auf einer eigenen Ebene rekonstruiert, erweitert und bereichert es sei unbegrenzt.
Quelle: Jean Piaget: Biologie und Erkenntnis


Vor diesem Hintergrund wäre es sicherlich nicht verkehrt, die Frage zu diskutieren, inwieweit das Internet, die Algorithmen die klassifikatorische Funktion des Denkens beeinflussen und verändern, ohne dass uns dies noch bewusst ist. Ein Punkt, auf den Frank Schirrmacher zu Recht hingewiesen hat. Dazu: Wir als Komplizen unserer eigenen Gehirnwäsche

Mittwoch, 18. Juni 2014

Die Funktion von Experten ist durchaus nicht passiv (Nico Stehr)

Die besondere, von Experten geschaffene Beziehung aber impliziert nicht .. , dass sich ihre Tätigkeit auf das Vermitteln im engeren vielleicht sogar neutraleren Sinn des ungehinderten Fließens der Information von der Quelle zum Empfänger beschränkt. Ihre Funktion ist, mit anderen Worten, durchaus nicht passiv; sie sind nicht nur bequeme Transportmittel bei der Übertragung von Wissen. Man kann vielmehr davon ausgehen, dass es letztendlich gerade das transformierende Element ihrer Tätigkeit ist, das ihnen Einfluss und Ansehen verleiht .... Experten übermitteln und praktizieren Wissen, spielen dabei aber eine aktive Rolle. Es ist gerade diese transformierende Rolle, die näher zu untersuchen wäre, um sich über die Funktion und Bedingung der Nachfrage nach Experten und Expertenwissen in modernen Gesellschaften überhaupt ein umfassendes, systematisches Bild machen zu können.
Quelle: Nico Stehr: Wissen und Wirtschaften - Die gesellschaftlichen Grundlagen der modernen Ökonomie 


Montag, 16. Juni 2014

Die neue Bildung: Zwischen Klassifikation und Informationskompetenz

Klassifikation stellt inhaltliche Beziehungen zwischen Informationen her und ist damit Wertschöpfung. Dies mag zunächst einmal ein Wort des Trostes sein für alle Menschen, die die mühsame Arbeit etwa des Erstellens von Indizes oder Katalogen auf sich nehmen; es ist aber auch und vor allem ein Blick in die Zukunft: Je besser es gelingt, für die heutigen Informationsmassen Klassifikationen zu verbreiten, um so leichter wird uns der Umgang mit ihnen fallen. 
Quelle: Paul Königer und Walter Reithmayer: Management unstrukturierter Informationen. Wie Unternehmen die Informationsflut beherrschen können

Dazu eine ähnliche Aussage von Alvin Toffler aus seinem Buch Der Zukunftsschock:
Die >neue< Bildung muss den Menschen lehren, Informationen zu klassifizieren und umzuklassifizieren, ihren Wahrheitsgehalt festzustellen, wenn nötig Kategorien zu ändern, vom Konkreten zum Abstrakten überzugehen und umgekehrt, Probleme aus einer neuen Blickrichtung zu sehen - sich selbst etwas zu lehren. Der Analphabet von morgen wird nicht der Mensch sein, der nicht lesen kann, sondern derjenige, der nicht das Lernen gelernt hat.

Samstag, 14. Juni 2014

Jürgen Habermas im Interview

Aus Anlass des bevorstehenden 85. Geburtstages von Jürgen Habermas führte der Kölner Stadtanzeiger ein lesenswertes Interview ("Nationalistische Gespenster rumoren") mit dem Philosophen. Darin werden eigentliche alle Themen angesprochen, die Habermas in den letzten Jahrzehnten bewegt haben; vom Strukturwandel der Öffentlichkeit unter den Bedingungen der Digitalisierung über die aktuelle Europapolitik bis hin zum gegenwärtigen Zustand der Philosophie in Deutschland. 

Als das Leben noch ungeteilt und ungebrochen war, gab es keine Geschichte (Tschuang-tse)

Zu der Zeit, als das Leben noch ungeteilt und ungebrochen war, achtete man nicht auf verdiente Männer, und das Genie wurde nicht gefeiert. Herrscher waren einfach die höchsten Äste am Baum, und die Menschen waren wie Tiere des Waldes. Sie waren ehrlich und rechtschaffen, ohne sich bewusst zu sein, dass sie "ihre Pflicht taten". Sie liebten einander, aber sie wussten nicht, dass dies "Nächstenliebe" war. Sie betrogen niemanden, doch sie fühlten sich nicht als "Ehrenmänner". Sie waren zuverlässig, aber das Wort "Vertrauen" kannten sie nicht. Sie lebten ungezwungen miteinander, gaben und nahmen und wussten nicht, dass man das "großzügig" nennt. Aus diesem Grund hat man ihre Taten nicht aufgeschrieben. Sie machten nicht Geschichte. 
Quelle: Thomas Merton. Sinfonie für einen Seevogel. Weisheitstexte des Tschuang-tse 

Freitag, 13. Juni 2014

Die Tyrannei der Intimität (Richard Sennett)

Heute dominiert die Anschauung, Nähe sei ein moralischer Wert an sich. Er dominiert das Bestreben, die Individualität im Erlebnis menschlicher Wärme und in der Nähe zu anderen zu entfalten. Es dominiert ein Mythos, demzufolge sich sämtliche Mißstände der Gesellschaft auf deren Anonymität, Entfremdung, Kälte zurückführen lassen. Aus diesen drei Momenten erwächst eine Ideologie der Intimität: Soziale Beziehungen jeder Art sind um so realer, glaubhafter und authentischer, je näher sie den inneren, psychischen Bedürfnissen der einzelnen kommen. Diese Ideologie der Intimität verwandelt alle politischen Kategorien in psychologische. Sie definiert die Menschenfreundlichkeit einer Gesellschaft ohne Götter: Menschliche Wärme ist unser Gott. Aber die Geschichte von Aufstieg und Fall der öffentlichen Kultur stellt diese Menschenfreundlichkeit in Frage. 
Quelle: Richard Sennett: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität

Weitere Informationen:

Kommentar zu: Richard Sennett "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität"

In Memoriam: Frank Schirrmacher

Von Ralf Keuper

Gestern verstarb, völlig unerwartet, der streitbare Mit-Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, im Alter von nur 54 Jahren an Herzversagen.

Für lange Zeit war Schirrmacher für mich ein typischer Repräsentant des konservativen Lagers in Deutschland. Dieser Eindruck änderte sich bei mir, und ganz gewiss auch bei anderen, spätestens als Schirrmacher seine Zweifel an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte in seinem Beitrag „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ öffentlich machte. Kurz darauf machte Schirrmacher David Graebers Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre einem größerem Publikum bekannt. 
Den Zorn einiger prominenter Vertreter der Netzgemeinde zog Schirrmacher sich zu, als er vor der Allmacht der Algorithmen warnte. In einem Interview mit Alexander Kluge machte Schirrmacher deutlich, worin er die eigentliche Bedrohung der Algorithmen für das Denken sah. Zuletzt trat Schirrmacher verstärkt als Anwalt gegen die zunehmende Überwachung im Netz auf. Die Vergabe des Friedenspreises des Deutsches Buchhandels an Jaron Lanier begrüßte er (bereits im Jahr 2000 widmete er Lanier den Beitrag "Der Vordenker"), das Projekt der Krautreporter fand seinen Zuspruch. 

In einer Zeit, in der die Rolle der Printmedien so infrage steht, wie wohl noch nie zuvor, zeigte Schirrmacher, was wirklichen "Qualitätsjournalismus" ausmacht: Selbständiges, unabhängiges Denken, ein unverwechselbarer Denkstil. 
Mag sein, dass Schirrmacher die Auswirkung der Digitalisierung häufig zu pessimistisch gesehen hat. Nicht ausgeschlossen, dass wir in Zukunft feststellen werden, dass er noch untertrieben hat. 

Schirrmacher war für mich einer der profiliertesten Vertreter des (aufgeklärten) Bürgertums in Deutschland. Oder, um eine Klassifikation von Ralf Dahrendorf aufzugreifen, ein ausgewiesener Erasmier

Joachim C. Fest, Vorgänger von Frank Schirrmacher bei der FAZ, brachte die Anforderung an die bürgerliche Denk- und Existenzweise in einem Gespräch mit Wolf Jobst Siedler und Frank A. Meyer einmal auf den Punkt:
Ich glaube tatsächlich, dass es eine Schwierigkeit des Bürgerseins gibt, Bürger sein ist an sich schwierig - es steckt sehr viel Anforderung dahinter (in: Der lange Abschied vom Bürgertum. Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler im Gespräch mit Frank A. Meyer) 
Dieser Schwierigkeit ist Frank Schirrmacher nie aus dem Weg gegangen. 

Er wird fehlen.  

Sonntag, 8. Juni 2014

Von der heiligen Nutzlosigkeit des Schweigens (Max Picard)

Das Schweigen ist heute das einzige Phänomen, das "ohne" Nutzen ist. Es passt nicht in die Welt des Nutzens von heute, es ist nichts als "da", es scheint keinen anderen Zweck zu haben, man kann es nicht ausbeuten. Alle andern großen Phänomene sind von der Welt des Nutzens annektiert. Selbst der Raum zwischen Himmel und Erde ist nur noch wie ein heller Schacht, der dazu dient, dass die Flugzeuge durch ihn fahren. Das Wasser und das Feuer, die Elemente, sind hineingeholt in die Welt des Nutzens, sie werden nur bemerkt, insofern sie Teile dieser Welt des Nutzens sind, sie haben kein Dasein mehr für sich. Das Schweigen aber steht außerhalb der Welt des Nutzens, man kann nichts mit ihm anfangen, es kommt im wahren Sinne des Wortes nichts heraus beim Schweigen, es ist "unproduktiv", darum gilt es nicht. Und doch geht mehr Helfendes und Heilendes vom Schweigen aus als von allem, was nutzbar ist. Es, das Zwecklose, stellt sich neben das allzu Zweckhafte, plötzlich erscheint es neben ihm, es erschreckt durch seine Zwecklosigkeit, es unterbricht den Ablauf des allzu Zweckhaften. Es stärkt das Unberührbare in den Dingen, es mildert den Schaden, den die Ausbeutung an den Dingen anrichtet, es macht die Dinge wieder ganz, indem es sie von der Welt des zersplitterten Nutzens in die Welt des ganzes Daseins zurücknimmt. Es gibt den Dingen von der heiligen Nutzlosigkeit, denn das ist das Schweigen selber: heilige Nutzlosigkeit.
Quelle: Max Picard. Die Welt des Schweigens

Montag, 2. Juni 2014

Über den Denkstil (Peter Vollbrecht)

Peter Vollbrecht hat vor einigen Jahren einen, wie ich finde, bemerkenswerten Vortrag mit dem Titel Über den Denkstil gehalten. 
Hier noch als Audiobeitrag

Sonntag, 1. Juni 2014

Geschichte als Schlüssel zur Welt (Fernand Braudel)

Um soziale Tatsachen, die ja äußerst komplex sind, in ihrer Gesamtheit zu untersuchen, sollten wir uns nicht mit einem einzelnen Projektor wie etwa der politischen Geschichte, der nur allzu lange als Einziger bedient wurde, zufrieden geben, so interessant sein Lichtkegel auch sein mag. Denn er erhellt nur einen Ausschnitt der Vergangenheit, der nicht immer der wichtigste ist. Leider ist das Prinzip politique d'abord (Politik zuerst) nicht immer wahr, sonst wäre unsere Arbeit um ein vieles einfacher. Dasselbe gilt, wenn wir uns als Historiker auf andere Arten vergangener Tatsachen - seien es intellektuelle, wirtschaftliche oder kulturelle  - beschränken würden. Denn all das sind Teilaspekte, so signifikant sie auch sein mögen. Wir aber wollen alle Lampen gleichzeitig anschalten. 
Quelle: Fernand Braudel: Geschichte als Schlüssel zur Welt. Vorlesungen in deutscher Kriegsgefangenschaft 1941