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Sonntag, 20. Juli 2014

Algorithmen - die neue Weltsprache?

Von Ralf Keuper

Die Süddeutsche Zeitung, genauer das Feuilleton, hat am Freitag (18.07.2014) eine Artikelserie gestartet, die sich mit den Algorithmen als der neuen Weltsprache beschäftigt. Den Anfang machte Adrian Kreye mit seinem lesenswerten Beitrag Die neue Weltsprache.
Der Vollständigkeit halber muss man an dieser Stelle hinzufügen, dass es der kürzlich verstorbene Frank Schirrmacher war, der das Thema Macht der Algorithmen in zahlreichen Beiträgen, Interviews und in seinem Buch Payback bereits vor Jahren aufgriff und in die öffentliche Diskussion einführte. 

Um so besser und dankenswerter, dass die SZ diesen wichtigen Teil seines "Erbes" weiter führt. 

In Anlehnung an Wittgenstein kann man Algorithmen auch als Netze bzw. Grammatik interpretieren, die wir über die Welt legen.

Führende Vertreter der Computerwissenschaft, wie Alan Kay, haben ebenfalls vor etlichen Jahren die Frage der Bedeutung der Datenverarbeitung für die Gesellschaft, für das Bildungswesen diskutiert.

So schreibt Kay:
Was aber ist Computer-Kompetenz? Nicht die Fertigkeit, ein Textverarbeitungsprogramm, einen elektronischen Betriebsbogen oder eine moderne Benutzer-Schnittstellen einzusetzen - das ist Papier-und-Bleistift-Kompetenz. Datenverarbeitungs-Kompetenz ist auch noch nicht die Fähigkeit zu programmieren. Die lässt sich immer erwerben und ist nichts Erhabenderes als das Einüben der Grammatik statt Schreibenlernen.

Computer-Kompetenz ist eine so tiefe Beziehung zur Datenverarbeitung, dass das, was auf diesem Gebiet dem Lesen und Schreiben entspricht, fließend und mit Vergnügen getan werden kann. Wie in allen Künsten muss die Liebe zur Sache im Spiele sein. Wenn wir das lebenslange Lernen in Kunst und Wissenschaft als Keim der persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung wertschätzen, sollten wir uns dann nicht ebenso anstrengen, die Datenverarbeitung zu einem Teil unseres Lebens zu machen? (Quelle: Software, in: Computer-Anwendungen, Spektrum der Wissenschaft: Verständliche Forschung, 1989)
Dazu passt der aktuelle Beitrag The Logic of Code von Greg Satell

Die Artikelserie in der SZ wurde gestern (Samstag) mit dem Beitrag Kontinent der Zahlen von Johannes Boie fortgesetzt. Dieselbe Ausgabe enthält auch ein längeres, anregendes Interview "Logik ist mächtig" mit dem Informatiker und Logiker Helmut Veith
Auf die Frage, ob wir künftig nicht auch weiterhin der Intuition bedürften, antwortete Veith:
Ganz sicher. Für existenzielle Extremsituationen ebenso wie für die Schönheit mathematischer Formeln. Aber klar ist auch, dass die Informatik in den nächsten Jahrzehnten eine Schlüsselwissenschaft werden wird, die ganz neue philosophische, juristische und politische Fragen aufwirft. Der öffentliche Diskurs ist da noch nicht weit genug.
Was die Rolle der Intuition für die Wissenschaft betrifft, deckt sich die Ansicht von Veith nach meinem Eindruck in weiten Teilen mit der von Tor Norretranders, wie er sie in seinem Buch Spüre die Welt. Die Wissenschaft des Bewusstseins kund getan hat. Ähnliches lässt sich auf von den Simple Heuristics von Gerd Gigerenzer, Peter Todd und der ABC Research Group behaupten. Zu den Grenzen der Logik: Führen logische Widersprüche automatisch zu Konsequenzen? (Rudolf Eucken)

Weitere Informationen:




Friedrich Kittler: Computeranalphabetismus

Programmieren ist ein Handwerk

Oracle hat Java nicht getötet. – Noch nicht?



How to Teach Yourself About Algorithms

Sonntag, 13. Juli 2014

Die Vielfalt religiöser Erfahrung (William James)

Meine ganz Bildung treibt mich zu der Überzeugung, dass die Welt unseres gegenwärtigen Bewusstseins nur eine von vielen bewussten Welten ist, die es gibt, und dass diese anderen Welten Erfahrungen enthalten müssen, die auch für unser Dasein eine Bedeutung haben; und dass obwohl die Erfahrungen jener und dieser Welt unterschieden bleiben, dennoch beide an bestimmten Punkten in Verbindung treten und dabei höhere Energien einsickern. ... Die objektiv betrachtete Gesamterfahrung des Menschen zwingt mich unweigerlich über die engen Grenzen der "Wissenschaft" hinaus. Die wirkliche Welt ist sicher von einem anderen Schlag - viel raffinierter gebaut, als es die Naturwissenschaft erlaubt. So verpflichten mich das objektive und das subjektive Gewissen, an meinem Über-Glauben festzuhalten. 
Quelle: William James. Die Vielfalt religiöser Erfahrung 

Samstag, 12. Juli 2014

Was ist Hermeneutik?

Von Ralf Keuper

Wer auf der Suche nach einem Einstieg in das Thema Hermeneutik ist, dürfte mit dem 3Sat-Beitrag Was ist Hermeutik? Philosophisches Kopfkino fürs Erste gut bedient sein. 

Ins Spiel gebracht hat den Ausdruck u.a. Friedrich Schleiermacher. Im 20. Jahrhundert war es vor allem Hans-Georg Gadamer, der die Hermeneutik weiter entwickelte. 

Wilhelm Dilthey sah die Hermeneutik kritisch, ohne jedoch die Verdienste Schleiermachers (und Christian Wolffs) gering zu schätzen:
Wolfs Forderung, dass die Gedanken des Schriftstellers mit notwendiger Einsicht aufgefunden werden können durch die hermeneutische Kunst, ist schon in der Textkritik und im sprachlichen Verhältnis unerfüllbar. Der Zusammenhang der Gedanken, die Artung der Anspielungen hängt aber von der Erfassung der individuellen Kombinationsweise ab. Die Berücksichtigung derselben ist das Moment, das Schleiermacher in die Hermeneutik zuerst eingeführt hat. Sie ist aber divinatorisch und ergibt niemals demonstrative Gewissheit. (in: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften)
Sein Verständnis der Hermeneutik drückt Gadamer u.a. im folgenden Zitat aus:
Wenn  man der Hermeneutik folgt, zielt vielmehr jede Anstrengung des Begreifens im Prinzip auf den möglichen Konsensus, das mögliche Einverständnis, ja sie muss selbst schon auf einem verbindenden Einverständnis beruhen, wenn je herauskommen soll, dass man sich versteht. Das ist durchaus keine dogmatische Annahme, sondern eine phänomenologische Beschreibung. Wo nichts verbindet, kann kein Gespräch gelingen. (Klassische und philosophische Hermeneutik, in: Das Gadamer-Lesebuch)
Rudolf Eucken findet anerkennende Worte für den Denker Friedrich Schleiermacher und seine Philosophie: 
Vor allem versteht er es, die Glieder der Gegensätze, die sich sonst zu einem schroffen Entweder-oder entzweien, einander zu verketten und sich gegenseitig ergänzen zu lassen. Aus solcher Art entwirft Schleiermacher in seiner "Dialektik" eine Kunstlehre des Denkens; wie diese so ist seine ganze Philosophie weniger groß im fertigen Ergebnis als in der Belebung und Durchbildung der Gedankenarbeit, im Überschauen, Gliedern, Verbinden, sie ist vornehmlich die Philosophie einer feingestimmten, dabei allseitigen künstlerischen Individualität. Fehlt hier die gewaltige Wucht und die umwandelnde Kraft der konstruktiven Systeme, so ist die platonische Frische und Anmut des Geistes in keinem anderen deutschen Denker so anschaulich wiedererstanden. (in: Die Lebensanschauungen der großen Denker)  
Johannes Hirschberger schreibt über die Hermeneutik:
Auch von der heute ebensoviel genannten Hermeneutik kann man sagen, dass sie eine alte Aufgabe darstellt. Schon im logischen Organon des Aristoteles findet sich ein Werk, das diesen Titel trägt. Aber die Hermeneutik von heute zielt auf eine tiefere philosophische Problematik, als sie in bloß schulisch-technischen Methoden zur richtigen Interpretation eines Textes vorliegt. Sie gehört nämlich in den Problemkreis jenes "Verstehens", um das sich schon Dilthey und Heidegger bemüht haben. Man sucht jetzt nach einem gemeinsamen geistigen Horizont zwischen dem fragenden Subjekt und dem befragten Objekt, der ein Vorverständnis oder Vor-Urteil bedeutet, durch das Verstehen erst möglich wird und woraus sich dann eine Fülle von kritischen Einblicken in die verschiedenen Deutungsversuche ergibt, die aus Geschichte und Umwelt auf uns zukommen. Man könnte nur dort eine Frage stellen, wo man schon ein bestimmtes Wissen mitbringt, wo man Ganzes aus den Teilen und Teile aus dem Ganzen versteht. (in: Kleine Philosophiegeschichte)


Donnerstag, 3. Juli 2014

Das Schweigen macht uns ganz (Thomas Merton)

Das Schweigen gibt uns nicht nur die Möglichkeit, uns selbst besser zu verstehen und unser eigenes Leben wirklichkeitsgetreuer und ausgeglichener im Zusammenhang mit dem Leben anderer zu sehen: auch macht uns das Schweigen ganz, wenn wir es wirken lassen. Das Schweigen hilft uns, die zerbrochenen und verstreuten Energiesplitter unseres Wesens zusammenzufügen. Es hilft uns, uns auf ein Ziel hin auszurichten, das tatsächlich nicht nur den tiefsten Bedürfnissen unseres eigenen Wesens entspricht, sondern auch Gottes Absichten mit uns.
Quelle: Thomas Merton. Zeiten der Stille

Dienstag, 1. Juli 2014

John Searles zeitloser Rat an junge und aufstrebende Denker

Die SZ zitiert in ihrer Ausgabe vom 28./29. Juni 2014 in der Randnotiz Mut zur Unruhe den Philosophen John Searle, der anlässlich eines Vortrags in Cambridge auf die Frage, welchen Rat er jungen und aufstrebenden Denkern geben würde, antwortete:
„Mein Rat wäre: Nehmen Sie sich Fragen vor, die Sie ernsthaft beunruhigen. Fragen, die Sie wirklich nachts um Ihren Schlaf bringen. Und arbeiten Sie mit Leidenschaft an ihnen. (...) Wir nötigen die Nachwuchsforscher zu denken, sie hätten unsere Vorstellungen davon hinzunehmen, was ein legitimes philosophisches Problem ist. Und deshalb kommen sehr wenige von ihnen mit ihren eigenen philosophischen Problemen. Sie haben ein Inventar von Problemen zur Verfügung, das sie von ihren Professoren bekommen. Folgen Sie lieber Ihrer eigenen Leidenschaft! Das wäre mein Rat. So habe ich’s gemacht.“
Nicht nur für Philosophen geeignet.