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Sonntag, 28. September 2014

Neue Wege in der Stadtforschung: The Grounded City

Von Ralf Keuper

Die Bedeutung der Stadtforschung wird häufig unterschätzt. Das verwundert um so mehr, als dass der Forschungsgegenstand Stadt vielfältiges Anschauungsmaterial dafür liefert, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist. Die Forschungsergebnisse lassen keineswegs nur Rückschlüsse auf die untersuchten Städte und die umliegenden Regionen zu: Die Stadt als Spiegelbild einer immer globaler werdenden Zivilisation. 

In den vergangenen Jahren wurde die Diskussion von wenigen Forschern und Autoren dominiert, wie Richard Florida mit seinem Konzept der Kreativen Stadt , Doug Saunders mit seinem Modell der Arrival City oder Janice Perlman mit ihrer Vorliebe für informelle Siedlungen. Daneben kursieren noch weitere Ideen, wie die der Charter City von Paul Romer oder, noch weiter gespannt, Peter Thiels Vorstellung von mobilen Staaten außerhalb der Hoheitsgewässer. Und natürlich nicht zu vergessen: die Grande Dame der Stadtforschung, Saskia Sassen

Insbesondere Richard Floridas Idee der Kreativen Stadt fällt in Zeiten des Startup-Kults mittlerweile auch hierzulande auf fruchtbaren Boden. Städte, die in der digitalen Ökonomie die klügsten und kreativsten Köpfe anziehen wollen, müssen ein Umfeld bieten, das kulturell anspruchsvoll ist und über eine herausragende Infrastruktur (Internet, Bildung, Gesundheit, Gastronomie, Wohnen, Verkehr) verfügt. Leitende Idee ist auch hier, wie in fast allen anderen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft, das Wettbewerbsprinzip. Nur die attraktivsten Städte haben eine Chance, im globalen Wettbewerb zu bestehen. 

Ewald Engelen, Sukhdev Johal, Angelo Salento und Karel Williams zeichnen in ihrem Beitrag How to build a fairer City folgendes Bild: 
The tradable competitive sphere has all the key sectors which associate themselves with a high-income present and a glamorous future. Here we have wholesale finance and markets, the prestige end of business services in accountancy, law and consulting, anything digital or supposedly knowledge-based from media to advertising, together with the parts of manufacturing which have high tech associations. The object of competitive global city policy is to attract more of these glamour activities to locate in their city, adjacent to a hub international airport.
Dieser doch etwas einseitigen Sicht stellen die Autoren ihr Konzept der Grounded City zur Seite- bzw. gegenüber. 
Statt den Wettbewerbsgedanken zum obersten Prinzip der Stadtentwicklung zu erheben, plädieren sie in ihrem Manifest für eine differenziertere, umfassendere Sicht:
This manifesto argues for a different kind of imaginary: the “grounded city”. The success of a city should not be measured externally by relative size and the ability to come first ahead of equals; rather, the measure should be a city’s internal ability to distribute mundane goods and services which ensure the civilised life of the largest number of its people.
Als Folge der Finanzkrise und der Flucht zahlreicher Konzerne in sog. Steueroasen sowie der Konkurrenz der Finanzzentren untereinander, fällt es den Kommunen immer schwerer, die nötigen Investitionen für die Erhaltung der Infrastruktur und für bezahlbaren Wohnraum zu tätigen. Diese Entwicklung ist um so bedenklicher, da die Steuern und Abgaben der Bürger kontinuierlich ansteigen:
Taxes on households are further increased by the way in which big firms benefit from, but hardly contribute to, the maintenance and renewal of the material and immaterial infrastructures of our cities. Similarly, the competition between national financial centres accelerated regulatory capture and contributed materially to lax regulation before the crisis. Again, the benefits were private and concentrated, while the costs were public and diffuse.
Das Konzept der Grounded City grenzt sich bewusst von den Vorstellungen der Vertreter des linken und rechten politischen Spektrums ab:
The grounded city is a fairer city delivered through radically different policies, necessary because the current packages of policy fixes for unfairness are inadequate to the scale of the problems and their drivers. In centre-right and centre-left variants, these policy fixes are set in a frame of managing internal competition: the centre-right backs jobs and schooling as a basis for more equal competition; the centre-left favours an overlapping package of schooling plus minimum wages and some redistribution through family credits and such like to compensate for disadavantage. Either way, the conscience of our competitive age is about “equal opportunities” through policy remedies which, in our view, are necessary but not sufficient for a better, fairer city.
Für die Entwicklung einer Grounded City hat die Versorgung der "normalen" Stadtbewohner mit den grundlegenden Gütern und Dienstleistungen vorrangige Bedeutung: 
The question then becomes: to what extent is that city providing (reasonably priced or decommodified) material conditions of civilised life? For example, take five key domains of foundational security (housing, utility supply, food, health/social care and education) and then ask: to what extent are adequate and reasonably priced key services in each domain available to ordinary citizens and, specifically, how far down the income scale to median incomes or below does this provision extend? It should be clear that cities which rank high on global competitiveness often rank low on one or more basic foundational criteria, as London does on housing. Specifics and time are both crucial because the basic assumption is that policy is about cities doing do more and better in specific domains over time to improve the local offer of foundational goods and services.
Um dieses Ziel zu erreichen bzw. ihm näher zu kommen, ist jedoch, laut Ansicht der Autoren, eine größere Experimentierfreude nötig. 
The grounded city is neither an insoluble city problem in the 1970s sense, nor a city black box in the 2000s sense delivering pleasant surprises. The grounded city is instead a site of diverse experiments and learning which could and should be publicly led.
Freilich, man braucht den Autoren nicht in allen Punkten zuzustimmen. Jedoch legen sie den Finger in die Wunde. An der Entwicklung der Städte wird sich vielleicht mehr noch als in der Vergangenheit ablesen lassen, wie eine Gesellschaft zusammengesetzt ist und welche offenen und verborgenen Grenzen durch sie hindurch verlaufen und nicht zuletzt: wer am meisten von dem Status Quo profitiert.  

Alles in allem ein spannendes Thema, zu dem in letzter Zeit einige interessante Artikel erschienen sind, wie das Versprechen der Städte. Etwas älter, aber nicht minder lesenswert, ist die empirische Untersuchung Culturally clustered or in the cloud? Location of internet start-ups in Berlin von Kristoffer Möller.

Daneben existieren die Klassiker der Stadtforschung, wie vor allem Georg Simmels Aufsatz Die Grosstädte und das Geistesleben.

Bei aller Vorliebe für das Leben in der großen Stadt, sollten das Kleinstadt- und Dorfleben nicht zu kurz kommen. Eine Gesellschaft braucht eine gesunde Mischung aus Großstädten, Mittelstädten, Kleinstädten und Dörfern, wie sie gerade für Deutschland charakteristisch ist. 

In diesem Zusammenhang erwähnenswert sind die Bücher Mittelstadt. Urbanes Leben jenseits der Metropole von Brigitta Schmidt-Lauber (Hg.) und Das Dorf: Landleben in Deutschland von Gerhard Henkel sowie Die deutsche Stadt im Mittelalter von Evamaria Engel

Weitere Informationen:


Freitag, 26. September 2014

Philosophen sollten mehr zweifeln - Grenzen der Hirnforschung

Von Ralf Keuper

Seit geraumer Zeit wecken einige Hirnforscher nicht nur bei Medienvertretern die Hoffnung, dass schon bald die letzten Rätsel des menschlichen Gehirns entschlüsselt sein werden. Insbesondere die Anhänger einer vornehmlich materialistischen Sicht in der Hirnforschung, wie Wolf Singer und Thomas Metzinger, propagieren in verschiedenen Büchern und Interviews, dass der freie Wille des Menschen nichts weiter als eine Illusion eines vermeintlichen Ich sei. Tatsächlich aber falle die Entscheidung zur Ausführung einer Aktion bereits Bruchteile einer Sekunde zuvor im Gehirn. Der Mensch sei daher nur das ausführende Organ des höheren Willens der Neuronen. 

In seinem Beitrag Philosophen sollten mehr zweifeln, als Replik auf ein Interview von Thomas Metzinger verfasst, räumt Stephan Schleim, wie vor ihm schon andere, mit den Positionen der Vertreter einer vorwiegend materialistischen und deterministischen Sicht in der Hirnforschung, wie Singer, Metzinger und Roth, auf. 
Das scheint um so dringender, da es sich dabei keinesfalls nur um eine Kontroverse innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin handelt. Die Ergebnisse der Hirnforschung werden in den Medien häufig nur allzu gerne aufgegriffen, um daraus Schlussfolgerungen abzuleiten, mindestens jedoch sie zu suggerieren. So entsteht in der Öffentlichkeit nicht selten der Eindruck, dass sich die Erkenntnisse der Hirnforschung auf weite Teile des gesellschaftlichen Lebens - mit leichten Einschränkungen - anwenden lassen. Gegen diese eindimensionale Auslegung wendet Schleim ein:
Gesellschaftspolitisch wichtig ist die Frage danach, welche äußeren Zwänge unser Denken und Entscheiden einschränken, etwa geschürte Ängste, scheinbare Sachzwänge, provozierte Erschöpfung oder angebliche Alternativlosigkeit, und welche sie erweitern, etwa Zeit, Recherche oder kritische Prüfung. Diese gerade auch vom humanistischen Standpunkt aus wichtigen Fragen fallen freilich unter den Tisch, wenn man unsere Freiheit nur in Gehirnverschaltungen sucht.
Dreh- und Angelpunkt der meisten Argumentationen aus den Reihen der deterministischen Hardliner in der Hirnforschung ist das mittlerweile schon legendäre Libet Experiment. Anders als von vielen angenommen, sind die Ergebnisse des Libet-Experiments nicht als eindeutige Bestätigung der These, wonach der freie Wille eine Illusion ist, zu verstehen. Streitpunkt hierbei war und ist die Messung des sog. Bereitschaftspotentials: 
Libet konnte das Bereitschaftspotenzial nämlich auch dann messen, wenn die Versuchspersonen die Handlung nicht vollzogen. Damit scheidet die gemessene Gehirnreaktion aber von vorne herein als deterministische Ursache der Handlung aus. Dieser von den meisten über Jahrzehnte hinweg ignorierte Aspekt seiner vielfach rezipierten Versuche wurde vor Kurzem von den neuseeländischen Neuropsychologen Judy Trevena und Jeff Miller ausführlich und unter modernen experimentellen Bedingungen untermauert: Das Bereitschaftspotenzial ist allenfalls eine notwendige, mit Sicherheit aber keine hinreichende Bedingung der Bewegungshandlung.
Auch der Fall des Phineas Gage, den Antonio Damasio zum Aufhänger seines Bestsellers Descartes' Irrtum gemacht hat, erscheint durch neuere Forschungen in einem anderen Licht:
Auch andere Beispiele für angeblich bahnbrechende neurowissenschaftliche Erklärungen des Menschen werfen Fragen auf: So ist der oft zum Verständnis des "moralischen Gehirns" herangezogene neurologische Patient Phineas Gage, mit dem nicht zuletzt Antonio Damasio seine Theorie der Somatischen Marker untermauert hat, den historischen Quellen gemäß nicht antisozial, geschweige denn kriminell gewesen. Diese Eigenschaften hat man ihm im Laufe von 170 Jahren immer wieder angedichtet, um seinen Theorien vom "moralischen Gehirn" mehr Überzeugungskraft zu verleihen. Widersprüchliche Evidenzen wurden konsequent ausgeblendet oder uminterpretiert.
Die häufig in dem Brustton der Überzeugung und mit medialer Unterstützung vorgetragenen Thesen einiger Hirnforscher, lassen das vermissen, was eigentlich der Leitgedanke aller Forscher sein sollte: Der Zweifel. Bei Licht besehen sind die Ergebnisse der Hirnforschung, gemessen an dem Anspruch einiger ihrer wortgewaltigen Vertreter, erstaunlich bescheiden. Hier trifft noch immer die Aussage Karl Poppers zu, dass viele Hirnforscher im Sinne eines Schuldschein-Materialismus argumentieren, was man überspitzt so formulieren könnte:
Wir können unsere These zwar noch nicht vollständig beweisen, es ist aber nur noch eine Frage der Zeit, bis es so weit ist. Bis dahin haben wir allen Grund, davon auszugehen, dass wir richtig liegen. Punkt. 
Wer glaubt, dass menschliches Handeln und Denken letztlich nichts als ein Konstrukt des Gehirns oder ein Ergebnis automatisch ablaufender neuronaler Tätigkeiten ist, übersieht, dass der Mensch nicht ohne seine soziale Umwelt und den situativen Kontext untersucht werden kann. Unter Verweis auf einen Bericht des US-Gesundheitsministeriums zur Neurobiologie aus dem Jahr 2013 schreibt Schleim:
Nachdem jahrelang einige Forscher in den Vereinigten Staaten aber auch hierzulande die Idee verkauft haben, man könne die Verbrechens- oder gar Terrorismusbekämpfung durch neurowissenschaftliche Verfahren revolutionieren, drückt sich in dem Bericht die einzig vernünftige Feststellung aus: Dass nämlich die Determinismusfrage nicht im Gehirn endet und das Denken, Erleben und Handeln des Menschen in seinem Kontext gesehen werden muss - und das ist eben vor allem auch die soziale Umwelt.
An diesem Punkt befinden wir uns nach wie vor. 

Weitere Informationen:





Samstag, 20. September 2014

Statistiken: Demografie als Angstmacher

Von Ralf Keuper

Über den Aussagehalt von Statistiken wird seit Jahrzehnten eifrig diskutiert. Inzwischen dienen Statistiken oft dem Zweck, den eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen, mit einem wissenschaftlichen Anstrich versehen, Gewicht zu verleihen. 
In besonderer Weise gilt das für das Dauerthema "Demografie". 
Nur wenige Wissenschaftler setzen sich kritisch mit den manipulativen Zügen und z.T. gravierenden methodischen Mängeln der diversen Statistiken auseinander, wie z.B. Walter Krämer, der regelmäßig die Unstatistik kürt. 

Nach meinem Eindruck noch umfassender  bzw. kritischer beleuchtet das Thema der Statistikprofessor Gerd Bosbach, wie u.a. in seinem Beitrag Demografie als Angstmacher.

Bezeichnend für den Stand der Diskussion war die Meldung im vergangenen Jahr, dass die Bevölkerungszahl in Deutschland bisher um immerhin 1,5 Millionen zu hoch angesetzt wurde. Das führte jedoch keinesfalls zu einer kritischen Analyse der bisher auf diesen Daten beruhenden politischen Entwürfe und Studien. Stattdessen galt das Motto: Shit happens!. An dieser Stelle waren die ansonsten für jede Sensationsmeldung empfänglichen Massenmedien erstaunlich fehlertolerant, geradezu gelassen. Da verschwinden mal eben 1, 5 Millionen Menschen aus der Statistik und die durchgängige Reaktion ist ein Achselzucken. 

Die neuen Zahlen relativieren einige der bisherigen Grundannahmen der Demografie, wie in dem Beitrag Zensus 2011 belegt: Jeder 7. Deutsche über 89 existierte nur in der Kartei nachzulesen ist. 

In vielen Meldungen kursieren nach wie vor Schätzungen, wonach die durchschnittliche Lebenserwartung vor allem der Frauen, je nach Generation, neue Höhen erreichen werde - von bis zu 100 Jahren für 50 Prozent der Frauen eines Jahrgangs ist dabei die Rede. 
Dazu passt dann weniger, dass die Lebenserwartung in den USA und Deutschland seit neuestem zu sinken beginnt, was wohl näher an den eigenen Beobachtungen vieler Menschen liegen dürfte.

Keine Sorge: Die nächste Unstatistik kommt bestimmt ;-) 

Weitere Informationen:

Die Demografielüge

Henning Scherfs 100-jährige Kinder

Sonntag, 14. September 2014

Ist Wettbewerb nur etwas für Verlierer?

Von Ralf Keuper

Da bekommen wir seit Jahren von verschiedenen Seiten zu hören und zu lesen, dass der ungehinderte Wettbewerb in der freien Marktwirtschaft die Grundlage für die Schaffung des Wohlstands einer Volkswirtschaft ist und verhindert, dass einzelne Unternehmen dauerhaft eine marktbeherrschende Stellung einnehmen, die sie ausschließlich zu ihren Gunsten verwenden können, da lässt uns einer der führenden High-Tech - Unternehmer/Investoren der USA, Peter Thiel wissen, dass Wettbewerb etwas für Verlierer ist.  Stattdessen versucht Thiel die Leser davon zu überzeugen, dass Monopole durchaus von Vorteil für Wirtschaft und Gesellschaft sind. 

Jetzt muss man allerdings erwähnen, dass Thiel keineswegs Monopolen im klassischen Sinn das Wort redet. Thiels Interpretation eines Monopols kommt dem nahe, was auch als Quasi-Monopol in der Forschung bekannt ist. Als Beispiel nennt Thiel u.a. Google. Zwar habe Google unbestritten eine marktbeherrschende Stellung bei den Suchmaschinen, jedoch ändere sich das Bild, wenn man Google als Unternehmen betrachtet, dessen Haupteinnahmen aus der kommerziellen Werbung stammen. Dort kommt Google nur auf 3.4% Anteil am globalen Markt für Werbung. Zu einer ähnlichen Bewertung kommt man laut Thiel, wenn man Google als Technologieunternehmen versteht. 

Thiel sieht den Vorteil von Unternehmen, die in einem bestimmten Bereich eine marktbeherrschende, monopolartige Stellung einnehmen, vor allem darin, dass sie auf diese Weise überdurchschnittlich hohe Profite erwirtschaften können, die es ihnen ermöglichen, in Bereiche zu investieren, die zunächst keinen Gewinn erwirtschaften. Vollständige Konkurrenz, so Thiel, würde gerade das verhindern, da Unternehmen dieser Annahme zufolge keine überdurchschnittlich hohen Gewinne erwirtschaften können, da ihnen die Konkurrenz stets dicht auf den Fersen ist. Unternehmen, die eine monopolartige Stellung am Markt haben, so ließe sich jetzt argumentieren, können langfristigere Strategien verfolgen und sind damit auch verlässlichere Arbeitgeber. Ob sie auch bessere Steuerzahler sind? Da können einem schon mal Zweifel kommen

So neu sind die Gedanken von Thiel nicht. Bereits 2001 widmete brand eins dem Ökonomen Brian Arthur eine Reportage, in der dieser mit den Worten zitiert wird: Wer an den Markt glaubt, ist naiv". International bekannt wurde Brian Arthur durch seine Theorie der zunehmenden Grenzerträge bzw. Skalenerträge. Einen guten Überblick der verschiednen Theorien, die versuchen, die Rolle der Informationstechnologie für die Wirtschaft herauszuarbeiten, gibt Was ist neu an der New Economy? Die Informationstechnik als Wegbereiter einer neuen Wirtschaftsform.

In ihrem Buch Schöne neue Cyberwelt aus dem Jahr 2001ging Paulina Borsook hart mit den sog. Technolibertären, zu denen auch Peter Thiel gerechnet wird, ins Gericht. Ihre Ideen entnehmen die Technolibertären einer Denkrichtung, die auch als Bionomics bezeichnet wird. Besonders einflussreich sind laut Borsook die Gedanken von Michael Rothschild in seinem Buch Bionomics: Economy As Ecosystem. 

Borsook schreibt:
Eines der libertären Schlagwörter der Bionomie lautet: "Einfache Regeln, komplexes Verhalten". ... Die Bionomie ist ein tolles System für den an der Spitze, den ewigen Entrepreneur, den glücklichen Workaholic. Wo ist in diesem Ökosystem aber Raum für die anderen Arten von Spezies? Was ist mit den Verletzlichen, denjenigen, die nicht in der Lage waren, eine Firma zu verkaufen, deren Fertigkeiten oder natürliche Veranlagung nicht so gut in die strahlende und glückliche neue Informationsökonomie passt?
Wie die jüngere Vergangenheit gezeigt habe, so Borsook, gewinnt auch in der Informationsökonomie nur selten die beste Technologie, das beste Produkt. Nach wie vor sind hier profane ökonomische Gesetze am Werk:
Es ist, wie in den Debatten über Microsoft und Wettbewerbsrechte in den Jahren 1997, 1998 und 1999 deutlich wurde, ein kleines dreckigen Geheimnis im Hightech, dass überlegenes Marketing und unterlegene Technik stets gegen überlegene Technik und unterlegenes Marketing gewinnen und dass andere Faktoren, neben der darwinistischen Stärke, bestimmen, welche Technologien und welche Firmen Erfolg haben oder untergehen. 
Wie Borsook schon damals beobachtete, macht sich im Silicon Valley zunehmend eine Haltung breit, die von der tiefen Überzeugung getragen wird, die eigene Art und Weise zu arbeiten und zu leben, sei die allein selig machende. Hierfür werden gerne Theorien bemüht, die viel Raum für Interpretationen lassen, dafür aber nicht selten auf wissenschaftlich schwachem Grund stehen. 

Das Argument, das Internet begünstige die Bildung monopolartiger Unternehmen, ist derzeit nur schwer von der Hand zu weisen, wie selbst Venturebeat in dem Beitrag The next Internet monopoly: Uber, the transportation network nicht umhin kommt einzuräumen. 

Lesenswerte Bewertungen des Uberismus sind Über den Dingen: Zeigt der Fahrdienst Uber die neue Fratze des Neoliberalismus? von Dirk Elsner und Aggressives Uber gegen behäbige Taxibranche: Die ideale Lösung liegt in der Mitte von Martin Weigert. 


Nicht alles, was Technolibertäre von sich geben, muss gleich wegen ideologischer Vorbehalte von vornherein abgelehnt werden. Thiel bringt einige plausible Beispiele für seine These, u.a. das seiner Gründung PayPal. Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob Monopole, ganz gleich welcher Ausprägung, langfristig nicht doch zu Wohlfahrtsverlusten führen und das alte Verständnis des Wettbewerbsrecht und der Ordnungsökonomie vielleicht noch immer praktikabel ist und nur an die Besonderheiten der Internetökonomie angepasst werden muss. Zu klären ist auch, inwieweit die Begriffe öffentliche Güter und private Güter zur Anwendung kommen können bzw. müssen.  

Betrachtet man Informationen als Rohstoff, dann kann es eigentlich nicht im Interesse einer Gesellschaft liegen, von einigen wenigen Anbietern abhängig zu sein. Die USA haben bisher immer noch gezeigt, dass sie Monopole in die Schranken weisen, wenn ihre Stellung ihnen selbst zum Vorteil, der Gesellschaft jedoch überwiegend zum Nachteil gereicht, wie bei Standard Oil und AT&T

Der Beweis, dass es sich bei der Informationsökonomie völlig anders verhält, steht m.E. noch aus. Bis dahin ist Wettbewerb im wohlverstandenen Sinne keinesfalls nur etwas für Verlierer. 

Weitere Informationen:

Ist Wettbewerb unethisch? - Interview mit Christoph Lütge

Peter Thiel and Silicon Valley's Obsession with Superficial Thinking 

Peter Thiel’s 4 Rules For Creating A Great Business

Today in “Peter Thiel says things.” Does society really hate tech?

Technoliberale Neocons?

Sonntag, 7. September 2014

Dem Abendland fehlt die Wissenschaft vom Glück (Ernst Jünger)

Das Abendland hat viele Wissenschaften und versteht auch das Kleinste zur Wissenschaft zu machen, aber es fehlt im die Wissenschaft vom Glück. .. Die Menschen werden mächtiger und reicher, aber nicht glücklicher. Im Maße, in dem die Mittel wachsen, entschwindet die Zufriedenheit. Wahrscheinlich sind dieser Schwund und dieses Wachstum aufeinander angelegt: es muss Glück konsumiert werden. Der Mensch, der keine Zeit hat - und das ist eines unserer Kennzeichen - kann schwerlich Glück haben. Notwendig verschließen sich ihm große Quellen und Mächte wie die der Muße, des Glaubens, der Schönheit in Kunst und Natur. Damit entgeht ihm die Krönung, der Segen der Arbeit, der in Nicht-Arbeit, und die Ergänzung, der Sinn des Wissens, der im Nicht-Wissen liegt. 
Quelle: An der Zeitmauer