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Sonntag, 19. Oktober 2014

Ist Vertrauen "skalierbar"?

Von Ralf Keuper

Die Zahl der Veröffentlichungen, die sich mit der gesellschaftlichen Funktion des Vertrauens beschäftigen, ist in letzter Zeit sprunghaft angestiegen. 
Das Thema schafft es sogar auf die Titelblätter, wie bei dem Wirtschaftsmagazin brand eins, das in seiner aktuellen Ausgabe der Frage nach dem Stellenwert des Vertrauens in der Wissensgesellschaft nachgeht. 
Fast alle Bereiche der Gesellschaft und Wirtschaft sind von einem Vertrauensverlust betroffen. Die Banken, die Politik, die Medien, das Geldsystem, die Kirchen, die Wissenschaft, die Internetkonzerne ... 
Wenn ein Thema so sehr die öffentliche Diskussion dominiert, ist das nicht selten ein Hinweis auf tieferliegende Probleme, für die ein Begriff herhalten muss. Damit einher gehen Erwartungen, die weit über das hinausgehen, was dieser Begriff überhaupt zu leisten imstande ist. 

Eine gesunde Skepsis ist daher angebracht. 

Die Historikerin Ute Frevert erkennt in der Beschäftigung mit dem Thema Vertrauen daher auch nicht ganz zu Unrecht eine Obsession der Moderne. Vertrauen, das moralisch überfrachtet wird, kann schnell in Misstrauen umschlagen, das sich dann nur noch schwer ausräumen lässt. Insofern sollte man sparsamen Gebrauch davon machen; gerade in der Politik. Sätze wie: "Minister xy genießt das volle Vertrauen des Regierungschefs" gelten unter Insidern als sicheres Indiz dafür, dass die Tage des betreffenden Ministers in der Regierung gezählt sind. 

Niklas Luhmann interpretierte Vertrauen als einen Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. 
Wo es Vertrauen gibt, gibt es mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns, steigt die Komplexität des sozialen Systems, also die Zahl der Möglichkeiten, die es mit seiner Struktur vereinbaren kann, weil im Vertrauen eine wirksame Form der Reduktion von Komplexität zur Verfügung steht (in: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität).
Auch das technische Zeitalter bleibt, so Luhmann, auf das Vertrauen angewiesen:
Demnach ist es nicht zu erwarten, dass das Fortschreiten der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation die Ereignisse unter Kontrolle bringen und Vertrauen als sozialen Mechanismus durch Sachbeherrschung ersetzen und so erübrigen werde. Eher wird man damit rechnen müssen, dass Vertrauen mehr und mehr in Anspruch genommen werden muss, damit technisch erzeugte Komplexität der Zukunft ertragen werden kann (ebd.).
Diese Aussage bildet zunächst einen Kontrast zu den Erwartungen, welche die sog. Bitcoin-Evangelisten mit den digitalen Währungen verbinden. 
In einem Vortrag auf der TED-Konferenz in Edinburgh hob Dug Campbell die Vorzüge des dezentralen Ansatzes von Bitcoin und der unterstützenden Blockchain-Technologie hervor. Dadurch sei es möglich, im Zuge der Finanzkrise verloren gegangenes Vertrauen in das Geld- und Währungssystem zurückzugewinnen. Vertrauen sei (technisch) skalierbar geworden: 
because bitcoin provides mankind with the ability to reach agreement on a massive scale
Menschen, die sich nicht persönlich kennen, haben durch die Blockchain-Technologie, die sämtliche Transaktionen dokumentiert und verifiziert, die Gewissheit, dass alles mit rechten Dingen zugeht. In unserer arbeitsteiligen, komplexen (Wissens-) Gesellschaft scheint es anders als mit den Mitteln der Technologie nicht mehr möglich zu sein, miteinander zu kommunizieren und Geschäfte zu tätigen. 

Kann eine Technologie Vertrauen in der von Campbell beschriebenen Weise - unbegrenzt - skalieren? Bleibt der Gesellschaft keine andere Wahl?

In einem Interview mit dem Bitcoin Magazin vergleicht Amir Taaki, der die Bitcoin-Alternative Libbitcoin ins Leben gerufen hat, Bitcoin mit den ersten Gesetzestexten der Menschheit: 
Moreover, one of the oldest artefacts in the world is the Code of Hammurabi, a Babylonian document dating back to almost 2000BC which deals with contract law. Contract law is the foundation on which civilizations are built. And it is the basis for how we – no, they – have been able to create corporate society. Through contract law, you get access to a set of legal tools in order to incorporate and scale upwards.

With Bitcoin, we now have a new set of tools, that are not based on the law of the state, but based on the laws of mathematics. This enables us to create decentralized law, digital governance, and a wide scope of means for trade and business.
Dennoch sieht Taaki Bitcoin kritisch. Überhaupt erinnere ihn Bitcoin immer mehr an die Kunstsprache Esperanto und ihre uneingelösten Versprechen. Bei aller Begeisterung für Technologien, sei es die Erzählung, die den Ausschlag gebe: 
In fact, the technology by itself is worth nothing. What is important is the narrative, or the ideal that is being constructed through that narrative.
Technologie ist nicht neutral. Damit wären wir dann eigentlich bei Habermas und seiner Theorie des kommunikativen Handelns, kurzum bei der Diskurstheorie angekommen. Wie jedes Weltbild, wie jede kulturelle Überlieferung muss es ein reflexives Verhältnis zu sich selber gestatten:
Kommunikativ handelnde Subjekte verständigen sich stets im Horizont einer Lebenswelt. Ihre Lebenswelt baut sich aus mehr oder weniger diffusen, stets unproblematischen Hintergrundüberzeugungen auf. Dieser lebensweltliche Hintergrund dient als Quelle für Situationsdefinitionen, die von den Beteiligten als unproblematisch vorausgesetzt werden. ... Je weiter das Weltbild, das den kulturellen Wissensvorrat bereitstellt, dezentriert ist, um so weniger ist der Verständigungsbedarf im vorhinein durch die kritikfest interpretierte Lebenswelt gedeckt. (in: Theorie des kommunikativen Handelns) 
Wie lassen sich die verschiedenen Lebenswelten, Weltbilder der Menschen mittels dezentraler Netzwerke annähernd in Deckung bringen? Lässt sich das Problem tatsächlich durch Algorithmen, mit Mathematik lösen, wie es u.a. in dem Konzept des Byzantinischen Fehlers beschrieben wird, oder haben Luhmann und Habermas, hier mal in ungewohnter Eintracht, Recht, wenn sie das Vertrauen von der Kontrolle durch Technologie unterscheiden? Gibt es einen Ausweg aus dem "Digitalen Gestell"? 

Der Beweis, dass sich Vertrauen skalieren lässt, steht jedenfalls noch aus. 

Samstag, 11. Oktober 2014

Einige Anmerkungen zu Rankings

Von Ralf Keuper

In dem Film Der Club der toten Dichter fordert der Englisch-Lehrer John Keating, gespielt von Robin Williams, seine verdutzen Schüler dazu auf, die Seiten über die Bewertung der Lyrik, auf denen der Anglist J. Evans Pritchard wissenschaftliche Kriterien vorgab, um Gedichte und ihre Verfasser in eine Rangfolge zu bringen, aus ihren Büchern herauszureißen. Die betreffende Filmszene ist nach wie vor sehens- und hörenswert. Zur Begründung dafür, weshalb es sich bei der Aktion um keinen Frevel handele und die Schüler daher unbesorgt ob eventueller himmlischer Strafen sein könnten, sagte Keating:
Wir sind keine Klempner, wir haben es hier mit Lyrik zu tun. Man kann doch nicht Gedichte bemessen wie amerikanische Charts. 
Anscheinend ist unser Bedarf an Charts unstillbar. Wie anders ist die Flut von Rankings zu erklären, die fast jeden Tag durch die Meldungen gehen und Bereiche in eine Rangfolge glauben bringen zu müssen, um uns - ganz uneigennützig und auf Basis wissenschaftlicher Kriterien versteht sich - ein wenig Orientierung zu geben. Kaum ein Bereich bleibt von der Vermessung ausgenommen: Städte, Regionen, Länder, Banken, Universitäten, Bibliotheken, Anwaltskanzleien, die reichsten Personen eines Landes, der Welt, ja selbst das Glück bzw. die "Lebenszufriedenheit" - alles muss, alles kann nach einem einheitlichen Maßstab bewertet werden. Den Philosophen Konrad Paul Liessmann veranlasste diese Ranking-Gläubigkeit und der Missionseifer ihrer Propheten zu dem bissigen Beitrag Der Weisheit letzter Stuss

Wer allerdings, wie ich bisher, geglaubt hat, das Bedürfnis so ziemlich alles zu vermessen und in eine Rangfolge zu bringen, sei ein Produkt unserer Zeit, wird feststellen müssen, dass es bereits Anfang des 18. Jahrhunderts Bestrebungen gab, einen einheitlichen Bewertungsmaßstab für die künstlerischen Schöpfungen des Menschen zu kreieren. Wie dem Beitrag Erfolgsgeschichte Rangliste in der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen ist, entwickelte der französische Künstler und Kunstkritiker Roger de Piles im Jahr 1708 ein Verfahren, um die Rangfolge von Malern bestimmen zu können. Auch sonst ist der Artikel lesenswert, da er ein differenziertes Bild von dem Thema Ranking zeichnet. 

Eine wahre Quelle von Rankings ist in Deutschland die Bertelsmann - Stiftung und ihr Ableger CHE. Beide stehen seit einiger Zeit in der Kritik. Erst kürzlich stellte der MDR die Frage: Bertelsmann-Studien: Eigeninteresse oder Wissenschaft?. Für die Vertreter von Lobbycontrol jedenfalls, lässt sich darauf eine klare Antwort geben. Das Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) muss sich immer wieder vorhalten lassen, bei seinen Studien nach unwissenschaftlichen Kriterien vorzugehen. Jürgen Kaube berichtet in seinem Beitrag Uni-Ranglisten - Widerstand gegen den Unfug des "Rankings" von den Beweggründen, die die deutschen Soziologen und den Verband der Historiker dazu bewogen haben, ihren Mitgliedern von der Teilnahme an dem CHE-Ranking abzuraten. 

Wie immer man es auch dreht: Kein Ranking ist frei von Interessen, von blinden Flecken, von Ausgangsbedingungen, Versuchsanordnungen und Grundannahmen, die eine bestimmte Richtung vorgeben und großen Einfluss auf die Ergebnisse haben. Wie Thomas Macho in seinem Vortrag Wie entstehen Weltbilder? auf der Ars Electronica 2012 zeigt, sind selbst so vermeintlich unverdächtige Repräsentationsmittel wie Landkarten keineswegs "objektiv". 

Am Beispiel der Wissenskulturen zeigt der Philosoph Hans Jörg Sandkühler, wie stark Forschergemeinschaften oder Institute von bestimmten, die eigene Sicht begrenzenden Faktoren geleitet werden:
In sie (Wissenskulturen) eingeschlossen sind ein bestimmter epistemischer Habitus, bestimmte Evidenzen, Perspektiven und weltbildabhängige Präsuppositionen, bestimmte Überzeugungen, eigensinnige sprachliche, semiotische und semantische Üblichkeiten, besondere Auffassungen zu möglichen epistemischen Zielsetzungen, Fragen und Problemlösungen, kulturspezifische Praktiken und Techniken und in diesem Kontext anerkannte Werte, Normen und Regeln. (in: Kritik der Repräsentation)
Es ist zunächst einmal kaum etwas daran auszusetzen, wenn Forscher oder Institute Rankings erstellen und veröffentlichen. Problematisch wird es dann, wenn sie mit dem Anspruch verbunden sind, den alleingültigen Maßstab abzugeben, an dem sich alle anderen zu orientieren haben, wenn sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, objektiven wissenschaftlichen Ergebnissen ihre Berechtigung abzusprechen. 
Mit Albert O. Hirschmann wäre jedoch zu fragen, welche Interessen, welche Annahmen, welches Weltbild verbergen sich dahinter?

Hin und wieder sollen Rankings sogar bewusst manipuliert worden sein, wie "Deutschlands Beste" vom ZDF und bei einigen 3. Programmen der ARD, darunter der WDR und NDR. Der WDR hat, wie Boris Rosenkranz feststellt, ohnehin ein besonderes Verständnis von Transparenz

Weitere Informationen:


Samstag, 4. Oktober 2014

Auch die umfassendste Bildung bietet keinen Schutz gegen extremistische Ansichten

Von Ralf Keuper

Dass auch Menschen mit ungewöhnlich hohem Bildungsstand den Verlockungen extremistischer Bewegungen nur allzu oft erliegen, dürfte nicht erst seit der berühmt-berüchtigten Rektoratsrede Martin Heideggers allgemein bekannt sein. 

Leszek Kolakowski kommt bei dem Versuch zu ergründen, woher die Bereitwilligkeit Intellektueller, sich einem totalitären, betont anti-intellektuellen Denken zu unterwerfen, stammt, zu dem Resumee:
Was immer die Erklärung ist, man kann überzeugt sein, dass jede religiöse oder soziale Bewegung, mag sie auch den aggressivsten Anti-Intellektualismus predigen, begeisterte Unterstützung durch einige Intellektuelle finden wird, die in der bürgerlichen Zivilisation des Westens groß geworden sind und deren Werte ostentativ verwerfen, um sich der Herrlichkeit gesunder Barbarei zu beugen. (in: Intellektuelle contra Intellekt)
Trotzdem überrascht es immer wieder, wenn Fälle von Institutionen oder Berufsgruppen bekannt werden, die man für relativ immun extremistischen Ansichten gegenüber gehalten hatte. Ein solcher Fall wurde in dieser Woche bekannt, als die Süddeutsche Zeitung über die Habilitationsschrift von Alexander Korb berichtete (Die innere Spaltung vom 01.10.2014), in welcher dieser die deutsche Presseszene der 50er Jahre behandelt. Darin kann Korb anhand zahlreicher Quellen die enge Verstrickung des ehemaligen SZ-Chefredakteurs, Hermann Proebst, und des langjährigen SZ-Innenpolitikchefs, Hans Schuster, in die nationalsozialistische Propaganda belegen. 
Damit sind zwei weitere führende Köpfe der SZ der Nachkriegszeit belastet. Erst im letzten Jahr kam zum Vorschein, dass einer der Gründer der SZ, Franz Josef Schöningh, weitaus intensiver mit dem nationalsozialistischem Regime kollaboriert hatte, als bis dahin bekannt war. Weder bei Proebst, noch bei Schuster und ganz gewiss auch nicht bei Schöningh handelte es sich um Personen, die aufgrund ihres Bildungsniveaus als besonders empfänglich für anti-intellektuelles Denken gelten konnten. 

Hermann Proebst beispielsweise  wurde von seinen SZ-Kollegen als "human, gescheit, belesen, gebildet, historisch interessiert, musikliebend und gesesellschaftsfreudig" (ebd.) beschrieben. Der perfekte Bildungsbürger. 

Harry Graf Kessler hielt in seinen Tagebüchern die geistige Stimmung, in der sich weite Teile des deutschen Bürgertums im Jahr 1932 befanden, fest:
Kurz, diese ganze Schicht des intellektuellen Deutschlands, das in der mehr goethischen, romantischen Periode seine Wurzeln hat, ist ganz Nazi-verseucht, ohne zu wissen warum (in: Harry Graf Kessler. Tagebücher. Tagebücher 1918-1937)
Woher seine Abneigung der goethischen, romantischen Periode gegenüber stammte, vertraute Graf Kessler seinem Tagebuch an, als er die Rede des Psychologen Wilhelm Wundt auf der Goethe-Tagung im Jahr 1927 Revue passieren ließ: 
Seine (Wundts) nicht sehr tiefe Rede verstärkte aber doch in mir die Zweifel am Wert der "deutschen Weltanschauung" und "deutschen Philosophie", die schließlich mit einem übersteigerten Indivdualismus, Historismus, Nationalismus, mit der Überbewertung des Organischen gegenüber dem Vernünftigen zum Weltkrieg und zu allem Elend und Barbarismus unserer Zeit geführt haben. 
Noch heute beschäftigt nicht nur Forscher die Frage, warum ausgerechnet die für ihr kunst- und bildungsbeflissenes Bürgertum bekannte Stadt München zur Hauptstadt der Bewegung wurde. 

In einem Interview mit Wolf Jobst Siedler und Frank A. Meyer erzählte Joachim C. Fest, dass in seinem Elternhaus die Werke von Thomas Mann, wie Die Buddenbrooks, nicht geduldet wurden. Für den Vater Joachims Fests ("Thomas Mann kommt mir nicht ins Haus") war Thomas Mann durch seine Betrachtungen eines Unpolitischen ein Gegner der Republik und der Demokratie. Später hat Thomas Mann u.a. durch seine Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft öffentlich Partei für die Demokratie ergriffen. Trotzdem bleibt ein verstörendes Ereignis, das Wolf Lepenies in Thomas Mann und sein "Bruder Hitler" schildert. Lepenies nimmt darin Bezug auf den Essay "Bruder Hitler", den Mann 1938 im amerikanischen Exil niederschrieb. 

Joachim Fest legte noch kurz bevor er verstarb sein bürgerliches Bekenntnis in dem Buch Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend ab. 

Nicht selten sind es die "Normalbürger" ohne hohe Bildung, die der Vernunft am nächsten stehen. Die Gruppe der Intellektuellen, die den Versuchungen der Unfreiheit widerstanden, bezeichnete Ralf Dahrendorf treffend als die Erasmier.

Weitere Informationen:

Leszek Kolakowski: Intellektuelle contra Intellekt

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Einige Anmerkungen zum Neoliberalismus

Von Ralf Keuper

Spätestens seit der Finanzkrise steht der Neoliberalismus unter Rechtfertigungsdruck. Obwohl inzwischen der Glaube an die Selbstheilungskräfte der Märkte erschüttert ist, ist der Neoliberalismus noch immer allgegenwärtig, wie Colin Crouch in seinem Buch Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus - Postdemokratie II mit einem leicht resignierten Unterton feststellt. 

Unterdessen wird die Kritik am Neoliberalismus schärfer. So ging der Psychoanalytiker Paul Verhaeghe kürzlich im Guardian hart mit diesem Denkstil, Denkkollektiv im Sinne von Ludwik Fleck, ins Gericht. Darin wirft er dem Neoliberalismus vor, alle schlechten Eigenschaften der Menschen zum Vorschein zu bringen, ja sogar sie noch zu belohnen. Seine Gedanken zu dem Thema hat Verhaeghe in seinem Buch Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft zusammengefasst. In Deutschland bewegt sich nach meinem Eindruck Byung-Chul Han auf einer ähnlichen Argumentationslinie wie Verhaeghe. Beispielhaft dafür ist ein Interview, das er kürzlich der ZEIT gegeben hat. 

Der erste medienwirksame Frontalangriff auf den Neoliberalismus kam im Jahr 1997 aus der Feder von Viviane Forrester. Ihr Buch Der Terror der Ökonomie stieß jedoch selbst bei vielen wohlmeinenden Rezensenten auf Kritik. Zu plakativ und pessimistisch war ein häufig zu lesender Vorwurf. Eigentlicher Wortführer der Kritiker des Neoliberalismus ist, neben Naomi Klein, der renommierte Linguist Noam Chomsky, der kaum eine Gelegenheit auslässt, sein Missfallen gegenüber dem Neoliberalismus kund zu tun, wie in seinem Buch profit over people. Neoliberalismus und globale Weltordnung

So weit so gut oder auch nicht, je nach Sichtweise. Allerdings stellt sich die Frage, warum der Neoliberalismus überhaupt so erfolgreich werden konnte? Schließlich fiel er nicht vom Himmel, wenngleich sein Inhalt für einige eine Offenbarung sein mag. 

Von Victor Hugo stammt der Satz: 
Nichts ist mächtiger, als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. 
Dieser Zeitpunkt scheint um das Jahr 1980 eingetreten zu sein. Eng verbunden damit sind die Begriffe Thatcherismus und Reagonomics.  Vorausgegangen war dem Durchbruch die, wie man fairerweise zugestehen muss, unermüdliche Arbeit von Forschern wie Milton Friedman und Friedrich August von Hayek über mehrere Jahrzehnte. Offensichtlich war die eher an Keynes oder an der Nachfrage orientierte Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik mit ihrem Latein am Ende. 

Welche Alternativen zum Neoliberalismus stehen überhaupt zur Verfügung? Der Sozialismus etwa, der seinen Praxistest nicht bestanden hat, so wohlwollend man ihm auch ansonsten gegenüberstehen mag? Doch wohl nicht. Von den anderen Ismen, die deutlich extremer sind, ganz zu schweigen. Wäre der Sozialismus so, wie ihn Oscar Wilde in seiner Schrift Der Sozialismus und die Seele des Menschen skizziert hat, könnte man vielleicht noch darüber verhandeln. Gleiches gilt für den Humanistischen Sozialismus von Erich Fromm

So aber bleibt uns nur die Ideenkritik im Sinne Isaiah Berlins, Karl Poppers oder Ralf Dahrendorfs. Und die reicht m.E. aus, um zu zeigen, dass der Neoliberalismus mittlerweile seine Befugnisse deutlich überschritten hat und zur reinen Ideologie geworden ist. Wie für Ideologien typisch, hat auch der Neoliberalismus die Tendenz, für sich den Anspruch zu erheben, alle Bereiche des menschlichen Lebens abdecken zu können. Besonders augenfällig wird das an Gary Becker und seiner Schrift Ökonomie des menschlichen Verhaltens. Allumfassende Theorien haben das Manko, dass sie bestimmte Aspekte, die sie für nebensächlich halten, ausblenden müssen. Ganz im Sinne von Hegel, der mal sinngemäß gesagt hat:
Wenn die Fakten nicht zur Theorie passen - schlecht für die Fakten!
An diesem Punkt sind sich Hegel und die Vertreter des Neoliberalismus erstaunlich nahe. Das mündet dann leicht in einen Modell-Platonismus

Thomas Piketty, Autor des derzeit heiß diskutierten Buches "Das Kapital im 21. Jahrhundert" bringt das Dilemma in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung ("Das ist doch total bescheuert", SZ vom 4./5. Oktober 2014) auf den Punkt. Auf die Frage "Was sollte sich an den Unis ändern", antwortet Pitetty:
.. Ich habe nichts gegen Theorie, solange sie benutzt wird, um etwas Relevantes zu erklären. Das Problem der Ökonomie: Forscher arbeiten mit hochentwickelten Modellen und anspruchsvoller Mathematik, um Kleinigkeiten zu erklären. Manchmal zeigen diese Modelle auch gar nichts. Aber man kann einen Doktortitel bekommen und eine ganze Karriere darauf aufbauen, allein Theoreme zu beweisen. Ohne ein einziges Mal auf die Daten aus der Realität zu schauen oder den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Das ist doch verrückt und muss sich ändern. Wir sollten nicht so viel über Methoden streiten und stattdessen versuchen, echte Probleme anzupacken. Man greift zur Geschichtswissenschaft, wenn es passt, an anderen Stellen zur Soziologie oder zur Statistik. 
Auf das Manko umfassender Ideale, wie der Neoliberalismus sie in dem Freien Markt, dem Homo Oeconomicus oder der "unsichtbaren Hand" erkennen will, wies John Rawls am Beispiel der Ideale der Autonomie und Individualität, wie sie John Stuart Mill und Immanuel Kant zum Kernelement ihrer Moralphilosophie machten, hin:
Als umfassende moralische Ideale sind Autonomie und Individualität für eine politische Gerechtigkeitskonzeption ungeeignet. Diese umfassenden Ideale werden daher trotz ihrer großen Bedeutung für das liberale Denken in den Theorien Kants und Mills überzogen, wenn sie als einzige angemessene Grundlage für einen Verfassungsstaat dargestellt werden. So verstanden wäre der Liberalismus nichts anderes als eine weitere sektiererische Lehre. (in: Die Idee des politischen Liberalismus)
Was wir benötigen sind andere Ansätze, wie die Plurale Ökonomie von Helge Peukert u.a. . Für noch geeigneter halte ich das Konzept des Evolutiven Wettbewerbs. Allerdings müssen wir acht geben, dass wir den Neoliberalismus nicht gegen den Biologismus eintauschen. Zur letztgenannten Denkrichtung gehört für mich auch Edward O. Wilson mit seiner Einheit des Wissens. Unschlüssig bin ich mir noch bei dem Modell der Postwachstums-Ökonomie

Jedenfalls brauchen wir mehr Alternativen. TINA ist sicher keine Alternative. Es gibt keine Theorie oder Ideologie, die für alle Wirtschafts- und Lebensbereiche gleichermaßen geeignet ist. Anderenfalls droht eine Eintönigkeit, die dann eines Tages tatsächlich den Weg in die Knechtschaft ebnen kann. 

Weitere Informationen:





Herbert A. Simon über die blinden Flecken der Neoklassik

Das Paradoxon der Freiheit (Karl R. Popper)

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Detroit: Auferstehung aus Ruinen?

Von Ralf Keuper

Der Niedergang, den die Stadt Detroit in den vergangenen Jahren durchlaufen musste, ist für zahlreiche Beobachter ein Symbol für den Bedeutungsschwund der Industrienation USA. Zu ihren Glanzzeiten die Welthauptstadt der Automobilindustrie, in den Mauern der Stadt residierten die "Großen Drei" - GM, Ford und Chrysler - , glich Detroit noch vor wenigen Jahren einem Mahnmal, einem Relikt aus der Blütezeit des Industriekapitalismus. 

Besucher verließen die Stadt nicht selten mit zwiespältigen Gefühlen, wie Katja Kullmann, die ihre Eindrücke in ihrem Buch Rasende Ruinen - Wie Detroit sich neu erfindet festhielt. Die Stadt, in der einst Henry Ford und Alfred P. Sloan internationale Wirtschaftsgeschichte schrieben, und die das Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft war, ist eifrig dabei, ihr Gesicht zu wandeln. Kaum eine Person verkörpert diesen Transformationsprozess so sehr wie der Mulit-Milliardär und gebürtige Detroiter, Dan Gilbert

Gilbert ist in den USA u.a. als Gründer des Finanzdienstleisters Quicken Loans bekannt geworden. In den letzten Jahren hat Gilbert ganze Häuserblocks aufgekauft, renoviert oder neu bebaut. Mehr als eine Milliarde Dollar hat Gilbert bereits in der Stadt investiert. Vor einiger Zeit beschloss er, die Zentrale seines Unternehmens aus der Vorstadt in die Innenstadt von Detroit zu verlegen. 

Inzwischen hat es Gilbert geschafft, dass die Stadt unter den sog. Millenial Workers als hip wahrgenommen wird. Für die Stadt sprechen nicht zuletzt auch die vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten. Der Unternehmer Gilbert profitiert davon insofern, als er deutlich geringere Gehälter zahlen muss, als anderswo, wie beispielsweise im Silicon Valley oder in New York. Die Rekrutierung neuer Mitarbeiter fällt wegen der hohen Reallöhne und des hippen Image der Stadt ebenfalls leichter. 

Gilberts Engagement ist daher nicht nur von Heimatliebe getrieben, sondern mindestens im selben Umfang von betriebswirtschaftlichem Kalkül, was nicht verwerflich ist. Viele der Gebäude erwarb Gilbert zu günstigen Preisen. Sollte die Wiedergeburt der Stadt anhalten, so winken Gilbert auch hier große Gewinne - jedenfalls auf dem Papier. 

Gilbert gelinge es außerdem, so Joann Muller in ihrem Beitrag Gilbertville: A Billionaire's Drive To Rebuild The Motor Cityseinen Mitarbeitern das Gefühl zu vermitteln, Pioniere beim Wiederaufbau der Stadt Detroit zu sein. Also in gewisser Weise die regionale Neuauflage des "American Dream". Mittlerweile arbeiten wieder 85.000 Menschen in der Downtown, verglichen mit 78.000 im Jahr 2010. Für 2016 rechnet das Southeast Michigan Council of Governments mit 100.000.

Ob Detroit in Zukunft eine lebens- und liebenswerte Stadt, ähnlich wie Seattle, sein wird, ist trotz der enormen Bemühungen, womit nicht nur die von Gilbert gemeint sind, noch nicht ausgemacht. 

Ähnlich wie Ewald Engelen, Sukhdev Johal, Angelo Salento und Karel Williams in ihrem Manifest der "Grounded City" argumentieren Julian Agyeman und Duncan McLaren mit ihrem Modell der "Sharing Cities". Obwohl der Verdacht nahe liegt, propagieren die Autoren keine Uberisierung der Städte. Vielmehr möchten sie erreichen, dass die Städte ihr soziales Kapital, z.B. durch mehr solidarisches Handeln und kostengünstige Infrastrukturen, stärken. Die Fixierung auf neue, digitale Technologien und eine Elite aus Designern, Beratern, Startup-Unternehmern und Investoren, wie in London, führe dagegen zur Bildung von Inseln innerhalb der Städte, deren Bewohner oft keinen Bezug mehr zu ihrem näheren Umfeld haben und sich folglich auch nicht dafür engagieren.

Gut möglich, dass der Pioniergeist in Detroit, so er denn existiert, dieser Entwicklung entgegen läuft und unter den Einwohnern ein Zusammengehörigkeitsgefühl schafft. Wer weiss: Vielleicht kann Detroit anderen Städten einmal als Vorbild dienen. 

Nachtrag:

Über twitter warf Die_Kehrseite ein, dass die Probleme der Stadt Detroit auch auf den Speckgürtel, u.a. bestehend aus den wohlhabenden Vororten Dearborn, Rochester Hills und Bloomfield, zurückgeführt werden können. Diese würden die Infrastruktur der Innenstadt von Detroit nutzen, ohne sich jedoch an den Kosten für die Infrastruktur zu beteiligen. Ein wichtiger Punkt, der auch meiner Ansicht nach, häufig und gerne übersehen wird - nicht nur in den USA.