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Sonntag, 30. November 2014

Die (unterschätzte) Kraft/Macht der Symbole

Von Ralf Keuper

Unter einem Symbol wird gemeinhin eine Form der geistigen Abbildung der Welt verstanden. Ohne Symbole wäre das Zusammenleben der Menschen kaum möglich. Die Kraft bzw. Macht der Symbole sollte daher nicht unterschätzt werden, weder was ihre positiven noch was ihre negativen Auswirkungen betrifft. Totalitäre Systeme oder Herrscher wussten und wissen z.T. noch immer die Kraft der Symbole geschickt für ihre Zwecke einzusetzen. In den Religionen haben Symbole seit jeher einen hohen Stellenwert. 

Ernst Cassirer vertrat daher nicht zu Unrecht die Ansicht, dass der Mensch vor allem ein symbolschaffendes Lebewesen sei. Sein Hauptwerk trägt nicht umsonst den Titel Philosophie der symbolischen Formen

In der Kunst sorgte der Symbolismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts für Aufsehen. 

Symbole begleiten uns täglich, wie zum Beispiel in Form von Piktogrammen, die sich in den sozialen Netzwerken großer Beliebtheit erfreuen. Wahre Meister auf dem Gebiet der Piktogramme waren Otto Neurath, Gerd Arntz und Otl Aicher

Pierre Bourdieu prägte den Begriff Symbolisches Kapital

Neueste Forschungen gehen davon aus, dass bereits die Steinzeitmenschen die ersten symbolischen Nachrichten hinterlassen haben, wie es in dem lesenswerten Beitrag Entwicklung der Schrift heisst. 

Aber auch der Computer betreibt in gewisser Weise nichts anderes als  die Verarbeitung von Symbolen
In seinem Buch Machtbeben sprach der Zukunftsforscher Alvin Toffler u.a. von dem Aufkommen der Supersymoblwirtschaft. Kennzeichnend für diese Wirtschaftsform sei, so Toffler, nicht mehr der Besitz von Wissen, sondern von das Wissen vom Wissen. Als Folge daraus werde ein neues Wertschöpfungssystem entstehen:
Dieses neue Wertschöpfungssystem ist voll und ganz auf die sofortige Verarbeitung von Daten, Ideen, Symbolen und Symbolismen angewiesen. Eine Supersymbolwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes. (ebd.)
Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Bereich "Big Data", Cognitive Computing und Semantisches Internet ist das gar nicht mal so weit hergeholt. 

Samstag, 29. November 2014

Hat die Geschichte eine DNA?

Von Ralf Keuper

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Genetik auch in der Geschichtswissenschaft Einzug hält. Seinen aktuellen Ausdruck findet diese Strömung in der Umbenennung des Jenaer Max-Planck-Instituts für Ökonomik in das für "Geschichte und Naturwissenschaften."

Jörg Feuchter wertet das in Die DNA der Geschichte als einen begrüßenswerten und überfälligen Schritt. In seinem Artikel liefert Feuchter eine Fülle von Beispielen, die zeigen, dass die Genetik der Geschichtswissenschaft neue Impulse geben kann. Einige bisher als sicher geglaubte Tatsachen konnten widerlegt oder modifiziert werden. 

Wie wohl nicht anders zu erwarten stösst die Verbreitung der "Leitwissenschaft" Genetik in Fachkreisen nicht nur auf ungeteilten Zuspruch, wie bei Jan Keupp, der seine punktuelle Kritik in seinem Blog-Beitrag Kein Wunder nirgendwo – die genetische Herausforderung der Geschichte zusammenfasst. Darin schreibt er u.a.:
Der Fehler liegt zumeist auf Seiten jener Historiker, die den methodischen Grundlagen des eigenen Faches nicht mehr vertrauen und unüberlegt der vermeintlichen Faktizität naturwissenschaftlicher Evidenzen huldigen
Wie Wolfgang Ullrich in Des Geistes Gegenwart darlegt, werden selbst vermeintlich objektive Forschungsergebnisse mit einer Bedeutung aufgeladen, die weniger den Tatsachen oder Daten, sondern eher der Interpretation der Forscher entstammen. Letztlich ist auch die Genetik nichts anderes als eine weitere Repräsentationstechnik. Irgendwie wäre das die Rückkehr der Hegelschen und Spenglerschen Geschichtsphilosophie im neuen Gewand. 

Überhaupt sei an dieser Stelle an die diversen Veröffentlichungen des Chemikers und (ungewollten) Wegbereiters der Genetik, Erwin Chargaff, erinnert, wie auf das Fernseh-Interview Sünden und Tricks der Genklempner:


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"Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik" von Wolfgang Ullrich

Von Ralf Keuper

Bücher wie dieses, kommen viel zu selten vor. In Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik befreit Wolfgang Ullrich die Wissenschaftstheorie von dem engen Korsett der widerspruchsfreien Logik. 
Als Kunstwissenschaftler und Medientheoretiker ist Ullrich für dieses Vorhaben geradezu prädestiniert. 
Seine eigene Haltung bezeichnet Ullrich als die eines Opportunisten, der nicht an letztgültige Beweise und ins Absolute verklärte Bedeutungen glaubt. Dafür ist ihre Herkunft zu sehr von menschlichen Interessen und Eitelkeiten bestimmt. 
Der Opportunist im Ullrichschen Sinne hütet sicher daher vor einseitigen Positionen:
Opportunisten wie ich hegen starke Sympathie für Pendants. Sie sind für mich eine Form, die vor Einseitigkeit schützt und das Denken abwechslungsreich hält, aber auch bewusst machen kann, wie Urteile sich jeweils einem Arrangement verdanken und daher nie etwas Endgültiges sind. Statt in der beurteilten Sache selbst zu liegen, sind Erkenntnisse und Bedeutungen vielmehr durch das Setting bedingt, in das die Sache jeweils gebracht wird. Insofern sind Pendants Instrumente gegen essentialistische Neigungen; sie verhindern, etwas fest als etwas auszugeben. Un wer der Idee des Pendants konsequent folgt, wird das In-der-Schwebe-Halten sogar zelebrieren, die Pendelbewegung zu keinem Abschluss kommen lassen und sich jeder endgültigen Aussage enthalten.
Es wäre voreilig, in dieser Haltung ein Plädoyer für Beliebigkeit oder Anything Goes erkennen zu wollen. Eher entspricht sie einem Denkstil, der flexibel genug ist, um unterschiedliche Positionen aufzunehmen, ohne sich von einer einzigen oder wenigen dominieren zu lassen. Letztendlich läuft das für mich auf die Verwendung des gesunden Menschenverstands hinaus, der glücklicherweise weitgehend unabhängig vom Bildungsstand und der Herkunft ist. 

Sonntag, 16. November 2014

Vom Einfluss arabischer Gelehrter auf die Renaissance und die europäische Wissenschaft

Von Ralf Keuper

Lange Zeit war die Vorstellung weit verbreitet, dass die Renaissance ihre Inspiration ohne weitere Vermittlung aus den Quellen, d.h. direkt aus den Werken der antiken Philosophen bezogen habe. 
Mittlerweile gilt es als bewiesen, dass ohne die Übersetzungstätigkeit islamischer Gelehrter, wie insbesondere von Averroës, das Wissen der alten Griechen erst viel später seinen Weg nach Europa gefunden hätte. 

Aber nicht nur das: Die arabischen Gelehrten beließen es nicht nur bei der reinen Übertragung in ihre eigene Sprache, sondern führten die Gedanken und Experimente weiter, wobei sie zu neuen Entdeckungen und Theorien gelangten, wie der berühmte Begründer der Optik Alhazen und der Astronom Al Tusi. Die Methode der Empirie ist seither fester Bestandteil der westlichen Wissenschaften. 

Ein Schlüsselstellung bei der Vermittlung des im Westen lange Zeit für verloren gehaltenen Wissens der antiken Denker nahm die spanische Stadt Toledo ein. Im 12. und 13. Jahrhundert war die Stadt die unbestrittene Geistesmetropole Europas. Hier trafen sich christliche, jüdische und arabische Gelehrte zum Gedankenaustausch. Ohne Toledo und seine Übersetzerschule wäre die Wissenschaftsgeschichte Europas anders verlaufen. 

Die Renaissance konnte daher auf einen vergleichsweisen großen und gut erschlossenen Wissensstand aufsetzten. Aber auch dabei waren Vermittler von großer Bedeutung: Wie die Medicis in Florenz. 


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Sonntag, 9. November 2014

Das Zeitalter des Anthropozän bricht an

Die Anzeichen verdichten sich, dass in der Erdgeschichte ein neues Kapitel aufgeschlagen wird: Das Anthropozän - das Menschenzeitalter. 


Die Frage, ob der Mensch zu einer Naturgewalt geworden ist und was daraus folgt, beschäftigt inzwischen Wissenschaftler und Künstler zunehmend. 

Verliert die Natur tatsächlich ihre Sonderstellung, die sie über mehrere Milliarden-Jahre innehatte? 

Zweifel sind angebracht. Sicher ist: Die Erde kann ohne den Menschen, der Mensch (noch) nicht ohne die Erde existieren. 

Aber: Vielleicht weist der neue Film Interstellar ja einen Ausweg ;-) 

Recht unkonventionell behandelt das Thema der Paderborner Poetry Slammer Sulaiman Masomi in seinem Text  bzw. Performance "Die Erde".  

Weitere Informationen:


Sonntag, 2. November 2014

Über die Vervollkommnung der Wissenschaft (Leonard Nelson)

Von Ralf Keuper

Leonard Nelson und seine Philosophie sind in unserer Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten. Seine an mathematischer Logik orientierte (Wissenschafts-) Philosophie hat u.a. einen starken Einfluss auf Karl Popper ausgeübt
Aber nicht nur aus diesem Grund lohnt die Beschäftigung mit Leonard Nelson und seiner Philosophie, auf die ich selbst erst kürzlich nur durch Zufall stieß.
Darunter ragen m.E. seine Gedanken zum wissenschaftlichen Fortschritt hervor, wie die folgenden:
Wenn nun die Vervollkommnung der Wissenschaft nur auf dem Wege über mehr oder weniger mangelhafte Begründung gelingt, so ist doch damit nicht gesagt, dass die vorläufigen Darstellungen, die die Wissenschaft zu durchlaufen genötigt ist, in ihren Ergebnissen irrig sein müssten. Denn ein unzulänglich begründetes Ergebnis braucht darum noch nicht falsch zu sein. Es verhält sich vielmehr im allgemeinen so, dass die Entdeckung neuer Wahrheiten der Ausbildung der zu ihrer Begründung erforderlichen Methoden voraneilt. Die Geschichte der Erfahrungswissenschaften und der Mathematik ist reich an Beispielen dafür, wie sich das Genie der großen Forscher gerade darin zeigt, dass die Entdeckungen zu Tage fördern, deren Begründung die methodischen Mittel, über die ihre Zeit verfügt, überhaupt nicht hinreichen. .. Den genialen Forscher leitet ein Wahrheitsgefühl, das ihn weiter und sicherer führt als die schulgerechte Anwendung methodischer Regeln. Mit diesem Wahrheitsgefühl begabt, nimmt er die Ergebnisse vorweg, zu denen sich die nicht mit dieser Gabe Begnadeten oft nur durch die vereinigte methodische Arbeit von Generationen den Weg bahnen (in: Leonard Nelson. Ausgewählte Schriften. Studienausgabe,herausgegeben und eingeleitet von Heinz-J. Heydorn)
Nelson bringt hierfür einige prominente Beispiele:
"Meine Resultate habe ich längst, ich weiß nur noch nicht, wie ich zu ihnen gelangen werde" hat Gauss gesagt. Kepler hätte - nach einer treffenden Bemerkung Poincarés - seine berühmten Gesetze niemals entdecken können, wenn er mit den uns heute zur Verfügung stehenden Beobachtungsmitteln ausgerüstet an seine Aufgabe herangetreten wäre. Die von Kepler benutzten Beobachtungen Tycho de Brahes waren nämlich hinreichend ungenau, um ihn auf Resultate kommen zu lassen, die zwar nicht streng richtig waren, aber gerade darum den Weg zu den größten Fortschritten der Astronomie gebahnt haben. Denn wäre man von Anfang an auf exakte Beobachtungen angewiesen gewesen, so hätte man gleich vor so verwickelten Verhältnissen gestanden, dass diese Fortschritte schwerlich jemals möglich geworden wären (ebd.)
Das erinnert an die Vorgehensweise, die Wissenschaftsphilosophie Albert Einsteins, die dieser selbst einmal als "Hypothetischen Deduktionismus" bezeichnet hat. 
Bei allen Vorzügen, die man der Logik bei der Forschung zubilligen muss, wäre es dennoch von großem Nachteil für die Wissenschaft, wenn sie in ihrer reinsten, strengsten Form zur Anwendung käme:
Man kann aber heute noch viel weiter gehen und behaupten, dass auch die heutige Wissenschaft in ihren methodisch am vollkommensten ausgebauten Teilen der Kritik nicht standhalten könnte, die man an sie anlegen müsste, wenn man den logischen Purismus auf die Spitze treiben und jeden nicht mit absoluter Strenge begründeten Satz in der Wissenschaft für verbotene Ware erklären wollte. Was dies für das Schicksal der Wissenschaft bedeuten würde, kann man daraus ersehen, dass selbst die einfachsten Grundsätze der Arithmetik, auf denen das Einmaleins beruht, dann preisgegeben werden müssten. Denn man muss zugeben, dass die Lehre von den ganzen Zahlen bis zur Stunde der letzten Strenge der Begründung entbehrt (ebd.).
Darin liegt auch die Gefahr philosophischer Systeme:
Im allgemeinen sind es erst die Schüler der großen Philosophen, die, weil ihnen die schöpferische Begabung fehlt und sie daher auf das Gerüst des Systems angewiesen sind, darauf ausgehen, in die Lehre des Meisters eine solche Konsequenz zu bringen, dass darin nichts stehen bleibt, was sich nicht logisch auf die Prinzipien des Systems zurückführen lässt. Dabei ergibt sich dann oft das merkwürdige Verhältnis, dass ein solches, von den Schülern logisch ausgebildetes System eine von der seines Schöpfers völlig verschiedene Weltansicht zur Folge hat (ebd.).
Gedanken von ungebrochener Aktualität.