Meine Blog-Liste

Samstag, 31. Januar 2015

Einige Anmerkungen zu Emile Cioran

Von Ralf Keuper

Es ist machmal schon etwas irritierend, wie Autoren als große Denker und Stilisten gefeiert werden, deren Biografie, zumindest an einigen Stellen, zum Lob nur wenig Anlass gibt. Um einen solchen Fall handelt es sich m.E. bei Emile Cioran, der häufig als einer der größten Stilisten der französischen Sprache des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. 

Das mag so sein. 

Eine Radiosendung des SWR versuchte vor einigen Jahren, den Denker und Stilisten Cioran einem größeren Publikum näher zu bringen. 


Darin  kam nur kurz die Sympathie Ciorans für den Nationalsozialismus in Deutschland zur Sprache. Ansonsten aber überwog die Begeisterung für das Werk Ciorans, das sich durch einen radikalen Skeptizismus, Nihilismus und eine grenzenlose Verneinung des Lebens auszeichnet. Gerade, weil er gegen so ziemlich alles, vor allem gegen die bürgerliche Welt war, halten ihn einige für einen wichtigen Denker, der uns gerade heute noch viel zu sagen, zu bieten hat. 

Freilich: Die Geschmäcker sind verschieden und nicht jeder radikale Skeptiker ist abzulehnen. Im Fall von Cioran jedoch, ist ein hohes Maß an Skepsis angebracht. Im Jahr 2011 erschien anlässlich von Ciorans 100. Geburtstag ein Buch, das während der 1930er Jahre entstand, und das zahlreiche Passagen enthält, in denen Cioran seine Bewunderung für Hitler, Großdeutschland und den Nationalsozialismus bekundet. 

Seine Bewunderer wenden zu seiner Verteidigung ein, Cioran sei an die Quelle der menschlichen Existenz gelangt, und mit Einsichten zurückgekehrt, die seine Kritiker schlicht nicht wahrhaben wollen, weil es mit ihrem Selbstbild nicht zu vereinen ist. Cioran habe der Wahrheit dagegen unerschrocken in die Augen geblickt. Auch habe er seine Jugendsünde in seinem späteren Werk auf schonungslose Weise verarbeitet. 

Im persönlichen Umgang soll Cioran sehr angenehm, sogar humorvoll gewesen sein. Von Lebensverneinung keine Spur, weshalb Jungle World darin auch eine Masche, einen Marketing-Trick zu erkennen glaubte

Die Rezensionen seines Werkes aus der, sagen wir, frühen Schaffensperiode, waren überwiegend wohlwollend, wie bei Cicero, der Frankfurter Rundschau, dem Deutschlandradio Kultur und dem ORF

Neben der ZEIT wollte auch Hannes Stein in der Welt, bereits 2006, nicht so recht in den Chor der Bewunderer und "Cioran-Versteher" einstimmen. 
Zum Schluss seiner Rezension des Buches Cioran. Der Ketzer von Patrice Bollon schreibt Stein:
Patrice Bollons Fazit ist einleuchtend: Cioran wäre ohne die politischen Irrsinnigkeiten seiner Jugend nie und nimmer er selbst geworden. "Hat er sich doch im Widerstand gegen sie gestaltet ... Durch sie hat er die Notwendigkeit einer ,therapeutischen' Lebenskunst erkannt - was für ihn das höchste Ziel des Denkens darstellte: geheilt zu werden, vor allem von sich selbst ..." Der kleine Schönheitsfehler an dieser Deutung ist, dass Cioran nie über seine faschistische Episode gesprochen hat, wenigstens nicht freiwillig. Und so bleibt, wie Wolf Biermann im Refrain seines Cioran gewidmeten Liedes singt, am Ende nur "Melancholie, Melancholie - im Herzen die schwarze Galle".
Nun denn. Wer Cioran lesen will, soll, kann und darf das selbstverständlich tun. Eine Prise schwarzer Humor oder Zynismus kann hin und wieder nicht schaden. Vgl. dazu: Zitate, Aphorismen und Lebensweisheiten von Emile Michel Cioran

Andererseits aber sollte man, um nicht allzu sehr von Ciorans Nekrophilie angesteckt zu werden, zu den Schriften Erich Fromms greifen, in denen dieser die Liebe zum Leben thematisiert, wie beispielsweise in Liebe Sexualität und Matriarchat. Beiträge zur Geschlechterfrage:
Ist die Liebe zum Leben etwas, das allen Menschen, wenn auch in unterschiedlichem Maß, zu eigen ist? Es wäre schön, wenn dies so wäre, doch leider gibt es auch Menschen, die nicht das Leben lieben, sondern statt dessen Totes, Zerstörung, Krankheit, Verfall, Desintegration "lieben". Sie werden nicht vom Wachstum und Lebendigkeit angezogen, es sei denn aus Abneigung und aus dem Wunsch, beides zu ersticken. Sie hassen das Leben, weil sie sich seiner nicht erfreuen oder keine Kontrolle darüber ausüben können. Sie leiden an der einzigen wirklichen Perversion, die es gibt, nämlich vom Toten angezogen zu werden. Ich habe diese Menschen "nekrophil" genannt. ...
Je mehr jemand das Leben liebt, desto mehr muss er fürchten, unter der ständigen Bedrohung der Wahrheit, Schönheit und Unversehrtheit des Lebens zu leiden. Dies ist tatsächlich so, besonders heute. Wer sich vor diesem Schmerz zu bewahren versucht, indem er dem Leben gegenüber gleichgültig wird, der erzeugt nur einen noch größeren Schmerz. .. Glücklich zu sein, ist nicht das Wichtigste im Leben, sondern lebendig zu sein. Zu leiden ist nicht das Schlimmste im Leben; das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit. Leiden wir, dann können wir versuchen, die Ursachen des Leidens zu beseitigen. Fühlen wir hingegen gar nichts, sind wir gelähmt. Bis jetzt war in der Geschichte der Menschen das Leiden die Geburtshelferin für Veränderung. Sollte - zum ersten Mal - Gleichgültigkeit die Fähigkeit des Menschen zunichte machen, sein Schicksal zu wenden?
Vielleicht aber liegen Cioran und Fromm, so paradox das auch klingen mag, gar nicht so weit auseinander. Extreme können sich berühren ;-)

Auf Cioran trifft m.E. zu, was Paul Tillich einmal als unschöpferische existentialistische Haltung beschrieben hat:
Die modernen Zyniker wollen nicht als Anhänger irgendeiner Schule gelten. Sie glauben nicht an die Vernunft, sie kennen kein Kriterium für Wahrheit, kein Wertsystem und keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn. Sie versuchen, jede Norm, die ihnen gegeben wird, zu untergraben. Ihr Mut findet keinen schöpferischen Ausdruck, aber er drückt sich in ihrer Lebenshaltung aus. Sie verwerfen mutig jede Lösung, die sie der Freiheit beraubt, alles zu verwerfen, was sie verwerfen wollen. Die modernen Zyniker sind einsam, obwohl sie der Gesellschaft bedürfen, um ihre Einsamkeit zeigen zu können. Sie kennen weder vorläufige Sinnbezüge noch einen letzten unbedingten Sinn und fallen deshalb leicht der neurotischen Angst zum Opfer. Zwanghafte Selbstbejahung wie fanatische Selbstaufgabe sind häufig Ausdruck des nicht-schöpferischen Mutes, man selbst zu sein. (in: Der Mut zum Sein)
Über Jahrzehnte lebte Cioran in der - nicht unbegründeten Sorge - , die Securitate könnte seine Vergangenheit ans Licht zerren, was seiner Popularität in Frankreich und anderswo erheblich geschadet hätte. Infolgedessen verhielt sich Cioran bestimmen Kreisen gegenüber ruhig. So schonungslos, lebensverneinend bzw. sich selbst verneinend und wahrheitsliebend war Cioran dann doch nicht. Alles hat seine Grenze ;-)



Kommentare:

  1. Das ist wohl das Dilemma des extremen Skeptikers, dass ihm selbst naturgemäß am meisten Skepsis gebührt.

    AntwortenLöschen
  2. So ist es. Komisch nur, dass seine Bewunderer nicht in der Lage sind, diese nahe liegende Konsequenz zu ziehen. Dabei würden sie den Meister doch damit in gewisser Weise "ehren" ;-)

    AntwortenLöschen
  3. ich halte ciorans werk für eine strenge und asketische* schule eines seins, das letztendlich ins leben hinein führt. man bedenke das überlieferte paradoxon, das darin liegt, dass cioran angeblich viele menschen vorm selbstmord bewahrt hat. mich hat seine radikale skepsis vor zwanzig jahren derart durchgeschüttelt, das in mir schlussendlich etwas wach wurde, was sich vielleicht tatsächlich als liebe zum leben verstehen liesse... im vergangenen jahr enstand daraus dieses projekt für die katholische akademie stapelfeld. (* im der akzentuierung in der p. sloterdijk diesen begriff in seinem werk "du musst dein leben ändern" entwickelt.)

    http://c-potenz-cioran.blogspot.de/

    AntwortenLöschen