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Freitag, 23. Januar 2015

Einige Anmerkungen zu Heidegger

Von Ralf Keuper

Während der Rücktritt des Vorsitzenden der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Günter Figal, für einiges Aufsehen sorgt, machen sich die Anhänger seiner Philosophie und Person auf einem Kongress in Paris daran, ihr Vorbild vor dem Vorwurf des Antisemitismus und der intellektuellen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus in Schutz zu nehmen. 
Auf der anderen Seite macht das Philosophie Magazin in der Sonderausgabe Die Philosophen und der Nationalsozialismus die tiefe Verstrickung führender Philosophen während des Dritten Reiches am Beispiel Heideggers fest. 

Die Kontroverse ist nicht neu. Seit Jahrzehnten taucht sie immer wieder auf, um wenig später, nachdem die Parteien ihre Statements abgegeben haben, zu versanden. Die Herausgabe der "Schwarzen Hefte" hat die Position der Heidegger-Anhänger jedoch deutlich geschwächt. Das Bild vom politisch naiven Mitläufer, der als im Sein verwurzelter Philosoph mit der Machtübernahme der Nazis zur bloßen Zeitgenossenschaft genötigt wurde, ist kaum noch aufrecht zu erhalten. Es war mehr als nur ein bedauerliches, kurzes Abweichen vom Denkweg. 

Die Popularität Heideggers über nahezu alle Konfessionen und politischen Lager hinweg ist ein in dieser Form wohl einmaliges, zumindest äußerst seltenes Phänomen. Zu Heideggers Philosophie bekannten bzw. bekennen sich u.a. Jean-Paul Sartre, Hubert L. Dreyfus, Jacques Derrida und Alan Finkielkraut. Von Heideggers Philosophie beeinflusst wurden u.a. die Psychologen Clark Moustakas und Viktor E. Frankl. Selbst einige Technologie-Propheten greifen auf Gedanken Heideggers zurück, wie Greg Satell von Digital Tonto
Wie nur wenige hat Hannah Arendt zur Popularität Heideggers nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen, wie u.a. aus Nationalsozialismus und Totalitarismus bei Hannah Arendt und Aurel Kolnani von Emmanuel Faye hervorgeht. 

Auf der anderen Seite haben sich führende Philosophen schon früh z.T. äußerst kritisch mit der Person und dem Werk Martin Heideggers auseinandergesetzt, wie Karl R. Popper. In einem Interview mit der Zeitung Die Welt aus dem Jahr 1990 sagte Popper über Heideggers "Rezept":
Heidegger ist sozusagen der Hegelianer unserer Zeit, der unter anderem auch ein Nazi war. Das Schlimmste ist, dass man in Deutschland und in der ganzen Welt, zum Beispiel in Südamerika, Frankreich und Spanien, Heidegger bewundert und nachgemacht hat.
Es gibt eine Art Rezept für diese Dinge. Das Rezept besteht darin: Man sage Dinge, die großartig klingen, aber keinen Inhalt haben, und gebe dann Rosinen hinein - die Rosinen sind Trivialitäten. Und der Leser fühlt sich gebauchpinselt, denn er sagt, das ist ja ein ungeheuer schweres Buch! Und dabei habe ich mir einiges schon selber gedacht!
Das ist das Rezept für so viele solcher Sachen, die in dieser Weise geschrieben wurden. So schreibt zum Beispiel Heidegger: "Was ist das Wesen des Kruges? Der Krug schenket" Wer kann dagegen etwas sagen? Gewöhnlich schreibt er ja Dinge, die man überhaupt nicht versteht, und zwar seitenweise! (in: Die Welt im Gespräch mit Karl Popper, Sonderdruck des dreiteiligen Interviews, Februar 1990)
Der Person und Philosophie Heideggers ebenfalls nur wenig abgewinnen konnte Raymond Klibansky, der erst im hohen Alter in seinem Geburtsland Frankreich als Philosoph Anerkennung fand. Die "Welt" zitiert Klibansky mit den Worten:
Mit den Mitläufern des Regimes hat er nach dem Krieg "nicht mehr wirklich" reden können, sagt er. Ebensowenig wie mit den heutigen Heideggerianern, die immer noch einen Mann zum Idol stempeln, der das "Wirkliche" mit dem "Führer" gleichgesetzte. "Niemals ist ein philosophischer Gedanke so prostituiert worden. Die französischen Heideggerianer haben nichts begriffen."
Das kann auch heute noch einige Gültigkeit für sich beanspruchen. Nur wenig Sympathie hegte Klibansky für Hannah Arendt und ihre Philosophie, die er beide für deutlich überbewertet hielt. Ihr gegenüber gab er Jeanne Hersch den Vorzug. 

In Erinnerung an ein Jahrhundert. Gespräche mit Georges Leroux, sagt Klibansky über Heidegger:
Es handelt sich vielleicht um einen der schwerwiegendsten Fälle, weil er als Philosoph, dessen eigenwilliges Denken die Grundlagen des modernen Denkens umstürzen wollte, großen Einfluss hatte. 1929 erlebte ich seinen Vortrag Was ist Metaphyisk? mit. Ich war über die Mischung von wirklicher und scheinbarer Tiefe und über die Ungeniertheit verblüfft, mit der er am Ende dem griechischen Text des Phaidros von Platon antat, um seine These über Philosophie und Existenz zu untermauern. 
Über Hannah Arendt:
Ich kannte sie als Studentin, als sie sich zu Heidegger hingezogen fühlte; sicherlich handelte es sich um eine ungewöhnlich intelligente Frau, dennoch scheint mir der Ruf, den sie heute genießt, ein wenig überzogen. Sie fand gute Formulierungen, aber wenn man genau hinschaut, geht ihr Denken nicht sehr in die Tiefe. Sie ist eher eine Schriftstellerin als die Verfasserin einer philosophischen Grundlagenkritik. 
Einer der wenigen Intellektuellen Frankreichs, der den Wortspielereien Heideggers widerstand, war Pierre Bourdieu, wie Rudolf Augstein in seiner Rezension des Buches Heidegger und der Nationalsozialismus von Victor Farias hervorhebt. Seine Haltung gegenüber Heideggers Philosophie brachte Bourdieu in seinem Buch Die politische Ontologie Martin Heideggers und in einem Fernsehinterview zum Ausdruck. 

In einem Interview erläuterte Jeanne Hersch den Unterschied zwischen dem Philosophen und Lehrer Jaspers und Heidegger (Auszug): 
Frage: Würden Sie Heidegger vorwerfen, daß er strategisch war?
Jeanne Hersch: Strategisch ... ich glaube, er ist es manchmal. Heidegger ist strategisch. Ich habe einmal geschrieben und würde es wieder schreiben, daß Heidegger jemand ist, der die Macht genießt. Er liebt die Macht, er liebt zu zwingen. Ich habe mehrmals erlebt, wie er sich mehr Mühe gemacht hat zu zwingen, als zu überzeugen. Er will nicht Recht haben, er will der Sieger sein. Das gehört zu seiner Wahrheit. Seine Wahrheit soll meine Wahrheit werden. ... 
Heidegger ist begabt, Formeln zu finden, die unerwartet sind, die plötzlich erwecken und etwas schauen lassen, das man sonst nicht gesehen hätte. Das gibt es auch bei Heidegger. Ich sage nicht, daß seine Worte nichts schöpferisches haben. Sie haben etwas schöpferisches, aber nicht die Helle der Wahrheit für die Freiheit. ...
Er kann jemandem durch sein Talent in Erfindung von Ausdrucksweisen philosophische Erfahrung verschaffen. Er kann auch verführen. Ich bin überzeugt, daß Heidegger Macht lieber hat als Wahrheit für Freiheit. ...
Wenn ich sage, daß Heidegger die Macht lieber hat als die philosophische Wahrheit, sage ich etwas ganz Schlimmes. Verstehen Sie das?
In seinem Beitrag Jaspers' "Thesen zur Frage der Hochschulerneuerung" (1933) in kritischem Vergleich zu Heideggers Rektoratsrede zeigt Hans Saner, wie kompatibel Heideggers Denken zur NS-Ideologie war:
Heideggers Sprache ist voluntaristisch, martialisch, entschlossen, scharf, zwingend, machtbewusst, militant, ja über weite Strecken militaristisch. Sie ist durchsetzt von Superlativen .. und betont stark vertikale Strukturen. Sie stößt immerzu an mythische Grenzen des Schicksals sowie an metaphysische des Wesens, und sie legt großes Gewicht auf volkliche und nationale Bestimmungen. In diesem semantischen Gebräu entstehen Sätze etwa der folgenden Art:
  • Das Wesen der Universität "kommt erst zur Klarheit, Rang und Macht, wenn zuvörderst und jederzeit die Führer selbst Geführte sind - geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags, der das Schicksal des deutschen Volkes in das Gepräge seiner Geschichte zwingt.
  • "Die deutsche Universität gilt uns als die hohe Schule, die aus Wissenschaft und durch Wissenschaft die Führer und Hüter des Schicksals des deutschen Volkes in die Erziehung und Zucht nimmt".
  • "Wollen wir dieses Wesen der Wissenschaft, dann muss die Lehrerschaft der Universität wirklich vorrücken in den äußersten Posten der Gefahr der ständigen Weltungewißheit"
Daran anschließend schreibt Saner:
Diese und ähnliche Sätze hat Jaspers in seiner zurückhaltenen Kritik vermutlich gemeint, als er sagte, dass manches in der Rede "zeitgemäß", "forciert" anmute und "wohl einen hohlen Klang zu haben" scheine. In dieser Milde kann nur urteilen, wer die Sprache für ablösbar hält vom Gedanken. Wie immer es damit beschaffen sein mag - für keinen Denker gilt diese Ablösbarkeit weniger als für Heidegger. Und darum müssten eine Wortfelduntersuchung und eine Sprachanalyse zu einem katastrophalen Ergebnis führen: Die Rektoratsrede ist ein Dokument mythisierender nationaler Gewaltliteratur am Anfang des Niedergangs der deutschen Universität. (in: Karl Jaspers. Zur Aktualität seines Denkens, hrsg. von Kurt Salamun)
Erhellend in dem Zusammenhang ist der Beitrag "Das Herrchen des Seins" Heidegger und der Jargon der Unredlichkeit von Frank Madro.

Bleibt zu fragen, weshalb erst die Herausgabe der "Schwarzen Hefte" für die Bestürzung und Distanzierung sorgt, die schon vor Jahren, Jahrzehnten wiederholt geäußert, jedoch von vielen Katheder-Philosophen überhört wurden. 

Das lässt sich für mich mit der Wissenschaftsphilosophie von Thomas S. Kuhn und Ludwik Fleck erklären. Hat ein Paradigma sich erst einmal etabliert, findet es mit Leichtigkeit Anhänger und Propheten, die, wie Fleck es nannte, ein Denkkollektiv bilden, das sich erfolgreich gegen Kritik abzuschirmen, zu immunisieren versteht. Es bedarf einer, oder, wie in diesem Fall, anscheinend mehrerer Generationen, um dafür zu sorgen, dass alte Paradigmen abgelöst oder komplett verworfen werden. 

Letzteres scheint mir im vorliegenden Fall dringend geboten.

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist übrigens auch das Heidegger-Verwertungssystem in Form von Forschungsgeldern, Veröffentlichungen, Vorträgen etc.. 

Parallelen bestehen auch zum Mandarinentum im Sinne von Fritz K. Ringer

Interessant wäre es, der Frage auf den Grund zu gehen, weshalb Heideggers Denken in den angelsächsischen Ländern nur geringe Resonanz hervorgerufen hat. 

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