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Mittwoch, 21. Januar 2015

Niedergang des kritischen Bedürfnisses (Johan Huizinga)

Der heutige Mensch schöpft seine Lebenseinsicht nicht oder nur in seltenen Ausnahmen aus der Wissenschaft. Es ist nicht die Schuld der Wissenschaft selbst. Eine mächtige Strömung kehrt sich von ihr ab oder entstellt sie. Man glaubt nicht mehr an ihre Fähigkeit zur Führung. Zum Teil mit Recht; es gab eine Zeit, da sie zu große Ansprüche auf eine Meisterstellung in der Welt erhob. Aber es ist schon etwas anderes als eine unvermeidliche Reaktion. Es ist eine Verkümmerung des intellektuellen Bewusstseins mit im Spiel. Das Bedürfnis über verstandesmäßig erfassbare Dinge so exakt und objektiv als möglich zu denken und dieses Denken selbst kritisch zu prüfen, wird schwächer. Eine weitgehende Trübung des Denkvermögens hat sich vieler Geister bemächtigt. Jede Abgrenzung zwischen den logischen, den ästhetischen und den affektiven Funktionen wird absichtlich vernachlässigt. Das Gefühl wird, ohne kritischen Widerspruch des Verstands, ja bewusst im Gegensatz zu ihm, in die Urteilsfindung gemengt, gleichgültig welcher Art das Objekt des Urteils auch sei. Man proklamiert als Intuition, was in Wahrheit nur absichtliche Wahl auf Grund von Affekt ist. Man vermengt Interesse und Wunsch mit dem Grundstoff der Überzeugung. Und um dies alles zu rechtfertigen, erklärt man als notwendigen Widerstand gegen die Vorherrschaft der Vernunft, was in Wahrheit die Preisgabe des logischen Prinzips selbst ist.
Quelle: Im Schatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Lebens unserer Zeit, Leipzig 1935 

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