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Dienstag, 10. Februar 2015

Der Club der Erasmier

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Versuchungen der Unfreiheit - Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung bezeichnete Ralf Dahrendorf Intellektuelle, die auch in Zeiten der Bedrängnis und des Totalitarismus an ihren freiheitlich-liberalen Überzeugungen festgehalten haben, in Anlehnung an Erasmus von Rotterdam, als "Erasmier". 

Dahrendorf beginnt das Kapitel Erasmus von Rotterdam war Vorbote der liberalen Tugenden mit den Worten:
Das ist es also, was man braucht, um den Versuchungen der Unfreiheit zu widerstehen: die Fähigkeit, sich auch wenn man allein bleibt nicht vom eigenen Kurs abbringen zu lassen; die Bereitschaft, mit den Widersprüchen und Konflikten der menschlichen Welt zu leben; die Disziplin des engagierten Beobachters, der sich nicht vereinnahmen lässt; die leidenschaftliche Hingabe an die Vernunft als Instrument der Erkenntnis und des Handelns. Das sind Tugenden, Kardinaltugenden der Freiheit.
Erasmier par excellence waren für Dahrendorf:
  • Karl R. Popper
  • Isiaah Berlin
  • Raymond Aron
  • Leszek Kolakowski 
und mit leichten Abstrichen
Wie alle Listen, so kann auch diese für sich nicht beanspruchen, vollständig zu sein. Persönlich würde ich hinzufügen:
und noch weitere, vor allem jene, die nicht zum Kreis der Intellektuellen zählten.

Keineswegs nämlich haben sich Intellektuelle gegenüber den Versuchungen der Unfreiheit als immun erwiesen. Prominenteste Beispiele sind Martin Heidegger, Carl Schmitt und Georg Lukács.

Kolakowsk schrieb zu diesem Phänomen:
Was immer die Erklärung ist, man kann überzeugt sein, dass jede religiöse oder soziale Bewegung, mag sie auch den aggressivsten Anti-Intellektualismus predigen, begeisterte Unterstützung durch einige Intellektuelle finden wird, die in der bürgerlichen Zivilisation des Westens groß geworden sind und deren Werte ostentativ verwerfen, um sich der Herrlichkeit gesunder Barbarei zu beugen (in: Leben trotz Geschichte)
Sicher: Die Philosophie der Lebenskunst bleibt ein zentrales Anliegen der Philosophie. Insofern kann ich Björn Haferkamp in seinem aktuellen Beitrag Die Kunst zu leben – Die Aktualität der antiken Philosophie nur zustimmen. 
Allerdings werden diese Denkschulen dann zum Problem, wenn sie für sich beanspruchen, Antworten für alle Lebenslagen bereit zu halten. 

Nachdenkenswert auch folgende Worte Karl Poppers:
Es gibt eine Tradition, eine ungeheuer starke Tradition der intellektuellen Unbescheidenheit und Unverantwortlichkeit. Ich habe ungefähr im Jahre 1930 einen Spaß gemacht: Ich habe gesagt: Viele der Studenten gehen an die Universität nicht mit der Einstellung, dass da ein großes Reich des Wissens ist, von dem sie vielleicht ein kleines Stück erfassen können, sondern sie gehen an die Universität um zu lernen, wie man unverständlich und eindrucksvoll redet. Das ist die Tradition des Intellektualismus. .. Es gibt eine Tradition an den Universitäten, die diese Einstellung legitimiert, und das ist die Tradition, die man mit dem Wort Hegelianismus bezeichnen kann. Hegel wird besonders in Deutschland ungeheuer bewundert. Die Leute glauben ganz ernsthaft, dass Hegel ein großer Philosoph war, weil er große Worte gemacht hat. Und das ist diese unerhörte intellektuelle Unbescheidenheit, die unter den Intellektuellen grassiert.  ... Wir müssen uns immer wieder klar machen, wie ungeheuer viel wir nicht wissen. Und es ist vor allem die Wissenschaft, die uns lehrt, was wir nicht wissen. Und wir sollen vor allem die Wissenschaft in dem Sinn ansehen, dass sie uns überall zu Grenzen führt, wo wir sehen: Ja, wir wissen eigentlich noch gar nichts. (in: Karl R. Popper/Konrad Lorenz: Die Zukunft ist offen)
Wenn es einer in der Lebenskunst zu fast höchster Vollendung gebracht hat, dann wohl Michel de Montaigne, von dem Stefan Zweig einmal sagte:
Montaigne hat das schwerste Ding auf Erden versucht: sich selbst zu leben, frei zu sein und immer freier zu werden. 
In dem Zusammenhang ebenfalls lesens- und erwähnenswert: Castellio gegen Calvin: Ein Gewissen gegen die Gewalt von Stefan Zweig

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