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Montag, 6. April 2015

"Arabische Soziologie. Studien zur Geschichte und Gesellschaft des Islam" von Abdulkader Irabi

Von Ralf Keuper

In letzter Zeit macht das Schlagwort der "Islamisierung" die Runde; allzu häufig ohne den Betrachter mit einem besseren Verständnis auszustatten, was angesichts der Vielschichtigkeit der Thematik nicht wirklich überrascht.

Auch das Werk Arabische Soziologie. Studien zur Geschichte und Gesellschaft des Islam von Abdulkader Irabi kann diesen Missstand wohl nicht vollständig beseitigen, wohl aber ein andere, umfassendere Sicht auf das Thema liefern, als es sonst üblich ist. Das Buch erschien 1989. Ob und inwieweit es dem aktuellen Forschungsstand entspricht, kann ich daher nicht beurteilen. Jedoch wirken die Gedanken auf mich so, als seien sie noch immer aktuell. 

Die Auswirkungen, welche mit der Einführung des Islam für die im arabischen Raum zuvor weit verbreiteten Stammesgesellschaften bzw. auf das Beduinentum einher gingen, beschreibt Irabi u.a. wie folgt:
Mit dem Islam vollzog sich eine tiefgreifende Veränderung in der arabischen Gesellschaft- und Bewusstseinsstruktur, die alle Bereiche der Gesellschaft erfasste und ihr Wertsystem determinierte. Es handelt sich hierbei um einen revolutionären Prozess, der sich nicht ohne Gewalt vollziehen konnte. Die alte Gesellschaftsordnung wurde zu Grabe getragen, an ihre Stelle trat ein neues System, das die Araber zum geschichtlichen Handeln erweckte. Die Veränderung der politischen und sozialen Organisation reicht in ihre nachhaltigen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein und erweist sich immer noch von größter Bedeutung für das Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur. ...

Die strukturellen Transformationen der Gesellschaft entsprangen der Lehre des Koran; seine Dogmen konstituieren eine neue Gemeinschaft. Nicht mehr die Blutsbande, sondern die religiöse Gemeinschaft der Gläubigen, auch nicht der Stammesverband, sondern der Staat regeln die zwischenmenschlichen Beziehungen. 
Für die Soziologie bietet der Wandlungsprozess der arabischen Gesellschaft zahlreiche Anknüpfungspunkte:
Der Islam bewirkte eine Umstrukturierung des gesellschaftlichen Seins und einen Bruch mit der Geschichte. Soziologisch ist diese Wandlung insofern relevant, als er Inner- und Außerweltlichkeit gleichermaßen betonte und in seinem Pragmatismus beide Aspekte der Quintessenz des Glaubens betrachtete. ... Darüber hinaus regelt der Islam die zwischenmenschlichen Beziehungen; aus ihm werden Normen abgeleitet, die das gesellschaftliche Verhalten bestimmen.

Diese religions- und politisch-soziologische Relevanz des Islam veranlasste einige Denker, von der islamischen Soziologie, ein anderes Mal der arabischen Soziologie oder von den Grundlagen der Soziologie im Koran zu besprechen. Darunter verstanden sie die islamische Betrachtungsweise der Gesellschaft und das Interaktionsverhältnis von Religion und Gesellschaft sowie auch von Geschichtsphilosophie und Anthropologie im Koran und die Relevanz des Islam als Grundlage gesellschaftlicher Systeme. ...
Für eine arabische Soziologie ist der Rekurs auf die Geschichtsauffassung und die gesellschaftliche Konzeption des Koran unumgänglich, zum einen, weil der Islam das Denken und Verhalten des einzelnen ebenso geprägt hat wie die arabische Gesellschaft, zum anderen, weil er ebenfalls das soziale Denken und die Sozialphilosophie bestimmt hat.  
Als "Vater" der arabischen, ja sogar der Soziologie überhaupt, gilt nicht nur für Irabi Ibn Khaldun. Weitere Informationen: Ibn Khaldun: „Die Muqaddima“ - Auch damals wusste niemand, wer die hohen Steuern erfunden hat und Die arabische Soziologie Teil 1: Der soziologische Denker Ibn Khaldun und die Gründung der rational- empirischen Sozialwissenschaft im 14. Jahrhundert. Eine besondere Bedeutung in Kahlduns Gesellschafts- und Geschichtstheorie hat die asabija. 

Die epochale Leistung Ibn Khalduns, die er mit seinem Hauptwerk "Muqadimma" vollbrachte, fasst Irabi in die Worte:
Stammeskämpfe, Partikularismus, Regionalismus, Konstitutionskrise des arabischen Staates, asabija und Stammesstaat, mangelnde Rationalität des Staates, autokratische Herrschaft, Religion und Gesellschaft sowie Religion und Staat sind einige der soziologischen Aspekte, die wir hier erwähnen und die Ibn Khalduns "Muqadimma" als die eigentliche Initialschrift einer arabischen Gegenwartssoziologie erscheinen lassen. 
Eigentlich hat sich die arabische Soziologie seit Ihn Khaldun nach Ansicht Irabis nicht mehr entscheidend entwickelt. In ihren Grundzügen belässt sie es bei einer affirmativen Haltung, d.h. einer Analyse des Status Quo, ohne eine kritische Distanz zu den gegebenen Verhältnissen einzunehmen und den ökonomischen Ursachen gesellschaftlicher Konflikte auf den Grund zu gehen. 
Die Soziologie muss sich in verstärktem Maße mit der arabischen Gesellschaft auseinandersetzen, um ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Hierfür hat sie kritische Vorarbeit zu leisten und geistige Pionierarbeit zu übernehmen. Soziologie soll nicht nur zur Positivierung der Wissenschaften beisteuern, indem sie einen höheren Grad der Exaktheit erreicht, sondern die arabische Gesellschaft kritisch darstellen. Sie soll dem utilaristischen, stammesbezogenen Denken eine wissenschaftliche Denkweise entgegenstellen, die zur Sachlichkeit bei der Erkenntnis sozialer Probleme beiträgt. 

Obwohl die Soziologie ihre Wurzeln bei Ibn Khaldun hat und somit eine arabische Wissenschaft ist, haben es die arabischen Soziologen unterlassen, diese Tradition herauszuarbeiten. Statt dessen adaptieren sie im Zuge der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Verwestlichung die europäischen und amerikanischen Theorien und Methoden wie Positivismus, Funktionalismus, Strukturalismus etc. Eine solche Soziologie ist nicht nur wirklichkeitsfremd, sei betreibt Gegenwartsaffirmation. ...
Die Soziologie muss ein wissenschaftliches Selbstverständnis entwickeln, das die Vermittlung von kritischer Reflexion und Aufklärung als ihre unabdingbare Aufgabe ansieht. Vor allem den Auswirkungen der kolonialen Erbschaft auf die Gegenwart und der daraus hervorgegangenen Deformation der Gesellschaftsstrukturen gebührt besondere Berücksichtigung. 
Es ist daher schon fast zwangsläufig, wenn Irabi dem Postulat der wertfreien Wissenschaft, wie es von Max Weber vertreten wurde, eine Absage erteilt:
Soziologie hat gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, indem sie den Menschen zu verantwortlichem Handeln befähigt, ihm zur Entwicklung politisch-kultureller Orientierung verhilft und sich bei der Lösung gesellschaftlich wichtiger Probleme tauglich erweist; sie darf keine wertneutrale Wissenschaft sein. 
Die Diagnose der arabischen Gesellschaften, die Irabi 1989 erstellte, ist in Teilen wohl auch heute noch gültig. Als besonders problematisch erweist sich die Rolle der tradionellen politischen Elite:
Die traditionelle politische Elite, die sich aus dem Verwandschaftsfeld des Herrschers rekrutiert, trifft die Entscheidungen, dagegen hat die technokratische Elite kaum nennenswerte Entscheidungsbefugnisse. Dieser Zustand produziert Spannungen und Konflikte zwischen den beiden Eliten, welche jedoch durch ökonomische Überprivilegierung dieser Eliten teilweise abgefangen werden.  ... Angesichts dieses Anachronismus wächst der Unmut unter den von der Modernisierung erfassten Schichten, besonders den Studenten, Technokraten, Angestellten und Beamten. Sie trachten, über die Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse hinaus, nach politischer Partizipation. 
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