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Sonntag, 12. Juli 2015

Sind wir der Antike mehr verpflichtet als dem Christentum?

Von Ralf Keuper

In einem Interview mit der österreichischen Zeitung Standard vertritt der Historiker Egon Flaig den Standpunkt, dass Europa der Antike mehr verpflichtet sei bzw. sein müsse als dem Christentum, was er u.a. wie folgt begründet:
Denn in der griechischen Antike entstanden die Idee und die Wirklichkeit eines autonomen politischen Raumes, in dem Menschen einander begegnen als Bürger mit gleichen Rechten, sich selber Gesetze geben und ihre politischen Ordnungen schaffen – in öffentlichen Debatten im politischen Raum und institutionalisiert durch Abstimmungen. Von diesem griechischen Erbe zehrt und lebt unser Republikanismus. Und solange wir an ihm festhalten, kann die Religion nicht das Fundament unserer politischen Ordnung sein.
Rudolf Eucken sah die Vorzüge der antiken Denk- und Lebensart am Beispiel der alten Griechen ähnlich wie Flaig heute:
Das Griechentum hat den Menschen zur vollen Erweckung und Erweisung seiner geistigen Kraft aufgerufen und dabei eine wunderbare Individualität eingesetzt, es vollzog die Schöpfung eines allumfassenden Reiches der Wahrheit und Schönheit und gab mit solcher Kultur dem Menschen eine sichere Überlegenheit gegen alle bloße Natur, auch ein freudiges Selbstvertrauen, es bildet als Ganzes einen herrlichen Tatbeweis seiner Größe. ...

So verbleibt das gute Recht einer Lebensschicht, wo der Mensch vertrauensvoll seine Kraft in den Lebenskampf einsetzt und in ihm zu bewähren sucht. Das ergibt eine hohe Schätzung des Griechentums, das in unserem Kulturkreise zuerst das geistige Vermögen des Menschen in seinem ganzen Umfang belebte und zu gleichmäßiger Entfaltung führte, das fest in der Wirklichkeit stand und zugleich unvergleichlich mehr aus ihr machte. Was immer an ihm vergänglich sein mag, dauernd wirkt aus ihm ein Antrieb zur Belebung aller Kraft, ein freudiger Glaube an das Vermögen des Menschen, ein energisches Zusammenfassen aller Mannigfaltigkeit zur Einheit und zur Harmonie, ein Verwerfen aller gemeinen Nützlichkeit, eine Anerkennung des Selbstwerts des Lebens und ein Streben, ihm bei sich selbst einen Sinn und Halt zu geben; so wirkt aus ihm eine durchgängige Veredlung und Erhöhung des Menschentums. So gewiss die Aufgaben für allen Zeiten bleiben, so gewiss bleibt uns dauernd wertvoll, was uns im Wirken für sich durch eine lebensvolle Vorhaltung einer großen Leistung zu stärken vermag; das aber tut das Griechentum, so bleibt es ein "Besitztum für immer". (in: Die Lebensanschauungen der großen Denker)
Über das Christentum schrieb Eucken:
Alle Einwendungen der vordringenden Kultur der vordringenden Kultur, aller Widerspruch der wissenschaftlichen Arbeit berührten sein tiefstes Wesen nicht, weil es von Haus aus etwas anderes und höheres war als alle bloße Kultur, weil es namentlich nicht eine vorhandene Welt nur abzubilden oder zu verbessern, sondern eine neue Welt zu schaffen versprach. So ist das Christentum bei allen seinen Gefahren und Mißständen die bewegende Macht der Weltgeschichte, die geistige Heimat der Menschheit geworden, es bleibt sie auch da, wo der Widerspruch gegen die kirchliche Fassung das Bewusstsein beherrscht. (ebd.)
Wilhelm Windelband schrieb: 
Denn so sehr war die alte Welt von des Gedankens Blässe angekränkelt, so tief von dem Bedürfnis nach Erkenntnis durchsetzt, dass jede der Religionen nicht nur dem Gefühl, sondern auch dem Verstande Genüge tun wollte und deshalb ihr Leben in eine Lehre zu verwandeln bemüht war. Das gilt selbst vom Christentum und gerade von ihm. Freilich lag die wahre Siegeskraft der Religion Jesu darin, dass sie in diese abgelebte, blasierte Welt mit der Jugendkraft eines reinen, hohen Gottesgefühls und einer todesmutigen Überzeugung trat: aber sie vermochte die Welt der alten Kultur nur dadurch zu erobern, dass sie diese in sich aufnahm und verarbeitete: und wie sie in dem äußeren Kampf dagegen ihre Verfassung ausbildete und dadurch schließlich so weit erstarkte, dass sie von dem römischen Staate Besitz ergreifen konnte, so hat sie auch in ihrer Verteidigung gegen die Philosophie deren Begriffswelt sich zu eigen gemacht, um damit ihr dogmatisches System aufzubauen. (in: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie)
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