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Sonntag, 19. Juli 2015

"Wodka: Trinken und Macht in Russland" von Sonja Margolina

Von Ralf Keuper

Das Buch Wodka. Trinken und Macht in Russland von Sonja Margolina hat mein Russland-Bild erschüttert. Zwar war mir bekannt, dass der Wodka in Russland ein Nationalgetränk ist; aber dass sein Einfluss so weit in die Gesellschaftsstruktur und Geschichte des Landes hineinreicht, war mir neu. 

Die (Steuer-) Einnahmen aus dem Verkauf des Wodka waren schon unter Ivan dem Schrecklichen ein Pfeiler des russischen Staatshaushalts. Eine zentrale Rolle hatte dabei der Kabak; wenn man so will, vom Staat oder vom Herrscher betriebene Schänken bzw. Trinkhäuser:
Im Kabak sollten nur Bauern und Städter niederer Herkunft trinken; die höheren Schichten - Bojaren und Geistliche - durften für den Eigenbedarf zu Hause brauen und erhielten das Recht, Kabaken zu betreiben. ... der Moskauer Kabak war von Anfang an kein Wirtshaus, kein Ort für gesellige Zusammenkünfte, und erst recht sollte er nicht zur Kultstätte einer Opfergemeinschaft mit ihren orgiastischen Ausschweifungen werden. Letztlich war er nichts weiter als eine Produktionsstätte, in der der Schnaps der Rohstoff, das exzessive Trinken der Arbeitsprozess und die Einnahmen für den Fiskus das Endprodukt waren. Die trostlosen Trinkhütten mit ihrer dürftigen Einrichtung sollte die Kunden dazu verführen, schnell und viel zu trinken. 
Trinken wurde damit zur Pflicht aller Untertanen. Wer nicht exzessiv trank, machte sich verdächtig, musste gar mit drakonischen Strafen und gesellschaftlicher Ächtung rechnen. 

Über die Jahrhunderte hat es nicht an Versuchen gefehlt, der Trunksucht Einhalt zu gebieten. Weder die Kirche, das Zarenhaus, Lenin, Stalin noch Gorbatschow haben es vermocht, den  Staat vom "Säufer-Etat" unabhängig zu machen. Das Volk fand immer wieder Mittel und Wege, die Auflagen zu umgehen. 

Die selbstzerstörerische Wirkung des Alkohols hat inzwischen bedrohliche demografische Dimensionen angenommen. Margonlina spricht von einer "Humankatastrophe":
In den neunziger Jahren starben 3,5 Millionen Männer, von denen fast jeder Dritte im arbeitsfähigen Alter war. In den Altersgruppen der Männer zwischen 20 und 64 liegen die Sterberaten 2001 um mindestens vierzig Prozent höher als ein Jahrzehnt zuvor, bei den Männern zwischen 45 und 54 Jahren sogar um sechzig Prozent und bei den Frauen zwischen 20 und 59 um dreißig Prozent höher als 1970. Solche Werte sind in den Industrieländern beispiellos: Nirgendwo ist es zu einer derart dramatischen und anhaltenden Erhöhung der Sterberaten in Friedenszeiten gekommen. Die russische Bevölkerung hat dadurch bei ähnlichen Geburtenraten wie die deutsche eine viel niedrigere Lebenserwartung: Im Jahr 2002 lag sie bei 59 für Männer und bei 72 für Frauen. .. Das Wegbrechen des demografischen Mittelbaus, das nach Ansicht der Fachleute eine kriegsähnliche Dimension erreicht, die dramatische Differenz in der Lebenserwartung der Geschlechter und ein negatives Bevölkerungswachstum sind unverkennbare Symptome für die Bevölkerungsimplosion in Russland.
Angesichts der Größe Russlands und seinem Wunsch, seine alte Bedeutung wiederzuerlangen, wenigstens aber als Großmacht anerkannt zu werden, ist die Bevölkerungsimplosion existenzbedrohend:
Die unumkehrbare Bevölkerungsimplosion, deren Beschleunigung auf das Konto des Wodka-Konsums geht, ist im Begriff, den umfassenden Niedergang einer der größten Nationen zu beschleunigen. Verständlicherweise weckt diese Aussicht Ängste und sogar Panik bei den Betroffenen. Die Entwicklung - so lautet inzwischen der offizielle Standpunkt - berge nicht nur eien "Gefahr für die nationale Sicherheit" der Russen, sondern entpuppe sich auch als explosiver geopolitischer Faktor. 
Letzteres gilt vornehmlich für die "Gelbe Gefahr". Es ist fraglich, ob Russland künftig noch in der Lage sein wird, Sibirien unterhalten und vor Gebietsansprüchen der Chinesen bewahren zu können:
Den fünf Millionen Russen im Süden des Fernen Ostens stehen in den drei chinesischen Grenzprovinzen mehr als hundert Millionen Einwohner gegenüber. .. Mitte des 21. Jahrhunderts könnten die Chinesen, trotz aller Kontrollen, mit zehn Millionen die größte Minderheit in Russland sein. 
Sollte sich an dem russischen Trink- und wohl auch Denkstil nichts wesentlich ändern, steht dem Land ein schleichender Niedergang bevor:
Vor dem Hintergrund der Zerfallsprozesse, die die sogenannte "Transformation" in Russland noch immer dominieren, wird der Wandel im Trinkstil wahrscheinlich als passiver und elementarer Prozess vonstatten gehen: dort unter dem Einfluss des wachsenden Wohlstands und der Annäherung des Lebensstandards an den europäischen Mittelstand, hier aufgrund der unvermeidlichen Migration. Schon heute gibt es tausende von Dörfern und Siedlungen, in denen der Großteil der Männer im nicht erklärten Krieg gegen den Fusel gefallen ist, und es ist kein Ersatz in Sicht.
Zum einen, so Margolina, hat der Wodka Russland auf dem Weg zur Großmacht begleitet, ihn in gewisser Weise vielleicht sogar geebnet, gleichzeitig aber auch zu einer permanenten Überforderung geführt, welche die Kräfte des Landes aufzehren:
Einmalig ist die Rolle des Wodkas in Russland nicht deshalb, weil man zu viel getrunken hat und für Alkoholvergiftungen besonders anfällig war, sondern weil er in mörderischer Weise zur einzigartigen historisch-anthropologischen Überforderung Russlands als Großmacht beitrug, deren Folge zugleich eine Ursache die Trunksucht war. Die Humankatastrophe, die Russland eingeholt hat, erscheint als kumulativer Ausdruck dieser Überforderung. Nun bleibt für einen selbstverblendenen Übermut immer weniger Platz und Zeit. 
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