Meine Blog-Liste

Dienstag, 15. September 2015

Kritische Kartographie

Von Ralf Keuper

Dass man die Macht der Karten nicht unterschätzen sollte, war auf diesem Blog in Die Macht der Karten ("Mapping the World") bereits ein Thema. Zu dem Zeitpunkt kannte ich allerdings noch nicht die Disziplin der Kritischen Kartografie, wie sie in Deutschland vor allem in Person von Georg Glasze gelehrt wird. Zum Einstieg in die Thematik eignen sich der Artikel Kritische Kartografie sowie der Radiobeitrag Georg Glasze über "kritische Kartografie".

Zu Beginn seines erstgenannten Beitrag schreibt Glasze über den Stand der Forschung:
In den Lehrbüchern zur Kartographie inklusive der neueren Lehrbücher zur computergestützten Kartographie und zu Geographischen Informationssystemen überwiegt ein technischer Zugang zur Kartographie (bspw. Wilhelmy et al. 2002, Kraak/Ormeling 2003, Slocum et al. 2009). Die gesellschaftlichen und diskursiven Rahmenbedingungen der Herstellung von Karten werden ebenso wenig thematisiert wie die sozialen Effekte der Kartographie. Andererseits ist auffällig, dass auch in einigen neueren Lehr- und Handbüchern der Kultur- und Sozialgeographie, welche auf die Gemachtheit von Geographien abheben, keine Auseinandersetzung mit dieser „Säule“ geographischen Wissens erfolgt (Gebhardt et al. 2003, Gebhardt et al. 2007, Weichha2008). Fast scheint es, als würden Karten allein dem Feld der angewandten Kartographie und der GIS-Studien überlassen und als meide die neuere Kultur- und Sozialgeographie die Auseinandersetzung mit diesem Medium. 
An einem Beispiel aus der Praxis zeigen Holger Lehmeier und Gregor Glötzl, wie wichtig die kritische Auseinandersetzung mit der Kartographie in politischen Diskussionen ist, wie in Auf die falsche Karte gesetzt –ein kritisch-kartographischer Blick auf die Debatteum den Bericht des Bayerischen Zukunftsrats
Darin wird die Arbeit des Bayerischen Zukunftsrats kritisch beleuchtet, dessen Karte über die Großstadtregionen und Leistungszentren sowie Regionen ohne Anbindung an Leistungszentren Auslöser hitziger Debatten, auch unter CSU-Politikern in den vermeintlichen Randregionen, war. Die Karte genügte, wie die Autoren zeigen, in keiner Weise den gängigen Kriterien der wissenschaftlichen Kartographie. 

Resümierend halten die Autoren fest:
Die Karten dienten nicht etwa nur zur Visualisierung von Argumenten, sondern fanden auch als Beweisstücke zum Beleg der Absichten des Rates, als Mittel zur Anheizung emotionaler Diskussionspunkte oder als Medium scherzhafter Repliken Verwendung. In vielerlei Hinsicht machte die skizzenhafte und mit vielen Ungenauigkeiten („Konjunktive“) behaftete Ausführung der Originalkarte die aufgeheizte Diskussion dabei erst möglich. Die Steuerung der Debatte durch die Autoren der Studie war aufgrund der asymmetrischen Kommunikationssituation, in der sich der Zukunftsrat befand, nicht möglich. Die durch die Karte transportierten, subtextualen Aussagen (beispielsweise die Interpretation „Wer nichts leistet gehört nicht zu Bayern“) führten zur Entwicklung eines argumentativen Eigenlebens. Bald wurde erzürnt darüber diskutiert, dass „der Zukunftsrat“ oder die (vermeintlich dahinter stehende) Regierung den ländlichen Raum zurücklassen wolle. Der umfangreiche und sicherlich in Inhalt und Form fragwürdige Bericht wurde so auf einige wenige Aussagen komprimiert, die sich an der Karte festmachen ließen.
Sicherlich verlief die Debatte nicht im Sinne der Mitglieder des Rates oder ihrer Auftraggeber. Es zeigte sich vielmehr, dass das machtvolle Instrument „Karte“ durch seinen unsachgemäßen und unzureichend reflektierten Gebrauch zu Diskussionen führte, die weder von ihren Verfassern intendiert noch für ihre Zwecke nützlich waren. Karten können daher offenbar nicht nur wirkmächtige, sondern auch potenziell kontraproduktive Werkzeuge im öffentlichen Diskurs sein.
Interessanterweise erwähnt Hans-Jörg Sandkühler die Kartografie in seiner Kritik der Repräsentation an keiner Stelle. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen