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Dienstag, 20. Oktober 2015

Der deutsche Ingenieur - ein Auslaufmodell?

Von Ralf Keuper

Zugegeben: In letzter Zeit drängte sich einem häufiger der Eindruck auf, dass die deutsche Ingenieurskunst ihren Zenit überschritten hat. Vorläufiger Höhepunkt ist sicherlich der VW-Skandal, der - je nach Sichtweise - einmal mehr unter Beweis gestellt hat, wozu deutsche Ingenieure in der Lage sind. 

Dennoch erscheint es mir zu früh, den Abgesang auf den deutschen Ingenieur anzustimmen, wie in dem lesenswerten Beitrag Deutschlands Problem ist der deutsche Ingenieur. Das bedeutet nicht, dass das German (Over-)Engineering keine Generalüberholung benötigt. Es ist weitgehend zutreffend, dass deutsche Ingenieure mittlerweile vorwiegend in der Optimierung des Bestehenden brillieren und weniger in der Konstruktion von Produkten und Lösungen, die vielleicht nicht ganz perfekt sind, den Ansprüchen der Kunden aber genügen, ja sogar von ihnen weiterentwickelt werden. Was früher einmal als Bonmot in der Softwareentwicklung kursierte: Die Banane reift beim Kunden, ist heute an vielen Stellen Standard. 

Vor einigen Wochen schrieb ich in Deutsche Industrie: Auch digital "unkaputtbar" ?
Bisher basierte das deutsche Modell auf vergleichsweise langen Innovationszyklen, die genügend Zeit für die schrittweise Verbesserung, für German (Over-) Engineering ließen. Im digitalen Zeitalter gilt das häufig nicht mehr. Die Zyklen werden kürzer, die Produkte nicht selten nach der Auslieferung weiter bearbeitet. Ein Modus, den die Deutschen bisher nicht wirklich beherrschen. Hier gilt noch immer: Unsere Produkte sind, allein schon wegen ihrer hohen Qualität, selbsterklärend. Falls es doch mal Probleme gibt, rückt der Kundenservice aus - oder der Kunde muss in die Werkstatt. Was aber, wenn die Produkte im ersten Wurf gar nicht so perfekt sein und vielleicht auch gar nicht mehr diese Perfektionsgrad erreichen müssen, da ihre Lebensdauer ohnehin begrenzt ist? Stattdessen handelt es sich künftig um einen kontinuierlichen Formwandel. Die Gefahr besteht, dass sich die deutsche Industrie mit ihrem Hang zum Over Engineering in eine Komplexitätsfalle begibt, wie sie Jürgen Kluge u.a. in Wachstum durch Verzicht. Schneller Wandel zur Weltklasse: Vorbild Elektronikindustrie thematisiert haben
Noch vor wenigen Jahren waren mahnende Stimmen aus den Reihen einiger Wirtschaftsjournalisten zu vernehmen, wonach die wachsende Zahl von Finanzleuten an der Spitze einst von Ingenieuren geführter Unternehmen ein Abfall von alten bewährten Tugenden sei. Viele sehen in der Tatsache, dass Finanzprofis den Ton in vielen DAX-Unternehmen angeben, eine akute Gefahr für die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Bei der Gelegenheit macht auch häufig das Wort vom Managerismus die Runde. 

Wer mit Mitarbeitern sog. Hidden Champions spricht, bekommt häufig zu hören, dass die wachsende Zahl der Controller das eigentliche Problem ist. Dazu passt die Abrechnung von Bob Lutz, einem der führenden Automobilmanager der letzten Jahrzehnte, in seinem Buch Car Guys vs Bean Counters: The Battle For The Soul Of American Business. Legendär ist der Einfluss der Controller bei Bertelsmann. Den ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma veranlasste die hohe Zahl von Contollern bei Bertelsmann einmal zu der Bemerkung: 
In Gütersloh sitzt auf jedem Baum ein Controller.
Nicht wenige führen die Tatsache, dass Bertelsmann in den letzten Jahren den Anschluss an die Weltspitze in der Medienbranche verloren hat, auf den Einfluss der Controller zurück. Optimierung, Verbesserung des Bestehenden, risikoadverses Verhalten, geringe Investitionen in neue, dafür um so mehr in laufende Geschäftsmodelle sind die Folge. Clayton Christensen machte in seinem Buch The Innovator's Dilemma diese Haltung, die Bevorzugung vermeintlich sicherer Geschäftsfelder, dafür verantwortlich, dass neue Chancen übersehen werden und Investitionen in neue Geschäftszweige unterbleiben, bis es irgendwann zu spät ist. 

James Utterback erklärte das Verhalten einst erfolgreicher Unternehmen, die sich gegen Innovationen stemmen, wie folgt:    
Ein wiederkehrendes Muster der Fälle in dieser Studie liegt in der Häufigkeit, mit der sich mächtige Wettbewerber nicht nur gegen innovative Bedrohungen stemmen, sondern auch gegen alle Versuche, diese zu verstehen. Lieber gehen sie in Deckung und verschanzen sich mit ihren älteren Produkten. Das führt dann zu einem gewaltigen Anstieg von Produktivität und Leistungen, mit der die alte Technologie unter Umständen einen noch nie dagewesenen Aufschwung erlebt. Aber in den meisten Fällen ist das nur das letzte Aufbäumen für dem endgültigen Tod (in: Mastering the Dynamics of Innovation).
Ein besonders gutes Beispiel für diese Haltung ist derzeit die deutsche Automobilindustrie. 

Andererseits gilt für Utterback aber auch:
Established firms also carry the burden of large investments in people, equipment, plant, materials, and knowledge, all of which are closely linked to the established technology. It takes a rare kind of leaderhip to shift resources away from areas where one currently enjoys success to an area that is new and unproven (ebd.).
Sofern nicht einer oder mehrere Personen an der Spitze das Ruder herum reißen, kann die beste Ingenieurskunst, ob deutschen oder amerikanischen Ursprungs, daran nichts ändern. Der Vorteil von Unternehmen wie Amazon, Google und Apple besteht eben darin, dass hier wenige Personen die nötigen Befugnisse haben, um einen rechtzeitigen Kurswechsel vornehmen zu können. Dass es sich dabei um die Eigentümer handelt, ist kein Zufall. Ein angestellter Manager wird dieses Risiko nicht eingehen. Der Aufsichtsrat würde es kaum goutieren. 

Insofern führt die Zuspitzung auf den Berufsstand des Ingenieurs, so berechtigt die Kritik in einigen Punkten auch ist, am eigentlichen Problem vorbei.

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