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Mittwoch, 7. Oktober 2015

Die (unterschätze) Macht der Technostruktur (John Kenneth Galbraith)

Die Macht im Geschäftsleben und die gesellschaftliche Macht liegen nicht mehr bei Einzelpersonen, sondern sind auf Organisationen übergegangen. Und die moderne Wirtschaftsgesellschaft kann man überhaupt nur als einen im ganzen erfolgreichen Versuch verstehen, auf dem Wege der Organisation eine künstliche Gruppenpersönlichkeit zu schaffen, die für ihre Zwecke einer natürlichen Person weit überlegen ist und zudem noch den Vorzug der Unsterblichkeit genießt. ...
Die wirkliche Errungenschaft der modernen Wissenschaft und Technologie besteht darin, dass man ganz normale Menschen nimmt, sie auf einem eng begrenzten Sachgebiet gründlich schult und dann durch entsprechende organisatorische Vorkehrungen dafür sorgt, dass ihr Wissen mit dem anderer, ebenso gründlich geschulter Spezialisten - und ebenso normaler Menschen - vereint wird. Auf diese Weise wird Genie entbehrlich. ..
Wenn von einer Gruppe Macht ausgeübt wird, dann geht die Macht unwiderruflich auf diese Organisation über. ..
Sowohl aus der Tendenz einer Verlagerung der Entscheidungsgewalt auf untere Ebenen der Firmenorganisation wie auch aus der Notwendigkeit, die Autonomie der Gruppe zu wahren, folgert, dass die rein formell ranghöchsten Angehörigen einer Organisation - zum Beispiel der Präsident von General Motors oder General Electric - nur eine bescheidene effektive Entscheidungsgewalt ausüben. Das bedeutet nicht, dass sie ohne Macht sind. Nur ist diese Macht auf jeden Fall geringer als der allgemeine Eindruck, die Firmenpropaganda oder gelegentlich auch die persönliche Eitelkeit zu erwecken versuchen. .. Das nominelle Haupt einer großen Kapitalgesellschaft ist eine sichtbare, greifbare und verständliche Größe, auch wenn es nur mit geringfügiger Macht ausgestattet ist und sich vielleicht schon im ersten Stadium der Pensionierung befindet. Es ist verlockend und für das Firmen-Image vielleicht sogar wertvoll, ihm eine Entscheidungsgewalt zuzuschreiben, die tatsächlich von einem langweiligen, schwer zu begreifenden Kollektiv ausgeübt wird. ...
Stets tragen die Menschen entweder die Organisation oder werden von ihr getragen. .. Wer aufgrund seiner Organisation Ansehen genießt, wird fast unweigerlich diese Verdienste der eigenen Persönlichkeit zuschreiben. Hierfür gibt es einen unfehlbaren Test: Man muss nur beobachten, was aus dem einzelnen wird, wenn er aus der Organisation ausscheidet. ... Doch für niemanden ist der Übergang so drastisch wie für den Wirtschaftsführer. .. Nach seinem letzten Flug im firmeneigenen Privat-Jet bleibt ihm nur noch ein Ehrenamt im Aufsichtsrat und manchmal nicht einmal das. Niemand interessiert sich für seine Memoiren; Wohltätigkeitsgesellschaften verlangen nach einem Mann, der noch mit beiden Beinen im Wirtschaftsleben steht; nur in der Kirche kann er noch eine öffentliche Aufgabe erfüllen, erst am Tag nach seinem Ableben wird sein Name wieder in den Zeitungen stehen. 
Quelle: Die moderne Industriegesellschaft 

Weitere Informationen:

Technostruktur

Konfiguration von Mintzberg

Der tiefe Fall der hochmütigen Manager 

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