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Samstag, 24. Oktober 2015

Mythisches Venedig (Michelangelo Muraro)

Die natürliche Umwelt Venedigs, das Wasser, sagt Goethe, war so stark, dass sie einen Menschentypus für sich schuf, verschieden von allen anderen. Auf diesen fast verlassenen Inseln war der Mensch Alleinherrscher. Venedig ist wie ein einziges großes Haus, worin man sich frei bewegt; eine Stadt, so sehr auf ihre Umwelt und ihr Lebensgefühl zugeschnitten, dass auch die heutige Zeit sie nicht grundlegend verändern konnte. In dieser Welt wird der Mensch nicht zu abstraktem Denken verleitet, sondern erwirbt sich, angesichts der drängenden Kräfte der Natur, des alles beherrschenden Wassers, der Unbilden der Witterung und des Windes, der sein Schiff treibt, einen Sinn für das Konkrete, Reale, sei es in seinen Beziehungen zu den Dingen oder zur Gesellschaft; er lernt das Leben und seine vielfältigen Gaben schätzen, bewahrt alles Vergangene und bewertet das Gegenwärtige, Gute, ist voll Aufschwung und Vertrauen, bereit, sein ganzes Wesen einzusetzen. Diese Liebe zur Wirklichkeit erklärt die beiden anderen Grundgegebenheiten der Seele Venedigs: die Achtung vor der Vergangenheit und den weltoffenen Charakter der ganzen Stadt.
Instinktiv folgt der Kaufmann nicht einem festen Schema, oder vorgefassten Ideen, sondern wählt das Gute da, wo er es findet. Er stellt nicht die Gegenwart kritisch der Vergangenheit gegenüber, noch verneint er die eine oder die andere. Deshalb sieht man in Venedig alte Traditionen weiterleben, während es sich gleichzeitig neuen und fortschrittlichen Ideen öffnet. Seine Geschichte ist die eines dauernden Wachstums, und so gut wie man niemals ein altes Gesetz aufhob, so gut wurden Denkmäler und Kunstwerke nicht ersetzt, nur weil sie der Vergangenheit angehörten. Venedig ist die Stadt des verständnisvollen Zusammenlebens und der unvorgesehensten Nachbarschaften, von welcher Berengo schreiben konnte: "Das Gesicht Venedigs ist das einer Stadt, die an der Grenze zwischen Europäern und Türken, Armeniern und Griechen, Katholiken und Protestanten, orthodoxen Juden und Muselmanen liegt". Die dauernde Gegenwart einer so lebendigen Vergangenheit ermöglichte jederzeit unvermutete, wertvolle Begegnungen, ahnungsvolle Blick in die Zukunft.
Quelle: Venedig und seine Kunstschätze 

Weitere Informationen:

Wenn Venedig stirbt. Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte

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