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Samstag, 31. Januar 2015

Einige Anmerkungen zu Emile Cioran

Von Ralf Keuper

Es ist machmal schon etwas irritierend, wie Autoren als große Denker und Stilisten gefeiert werden, deren Biografie, zumindest an einigen Stellen, zum Lob nur wenig Anlass gibt. Um einen solchen Fall handelt es sich m.E. bei Emile Cioran, der häufig als einer der größten Stilisten der französischen Sprache des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. 

Das mag so sein. 

Eine Radiosendung des SWR versuchte vor einigen Jahren, den Denker und Stilisten Cioran einem größeren Publikum näher zu bringen. 


Darin  kam nur kurz die Sympathie Ciorans für den Nationalsozialismus in Deutschland zur Sprache. Ansonsten aber überwog die Begeisterung für das Werk Ciorans, das sich durch einen radikalen Skeptizismus, Nihilismus und eine grenzenlose Verneinung des Lebens auszeichnet. Gerade, weil er gegen so ziemlich alles, vor allem gegen die bürgerliche Welt war, halten ihn einige für einen wichtigen Denker, der uns gerade heute noch viel zu sagen, zu bieten hat. 

Freilich: Die Geschmäcker sind verschieden und nicht jeder radikale Skeptiker ist abzulehnen. Im Fall von Cioran jedoch, ist ein hohes Maß an Skepsis angebracht. Im Jahr 2011 erschien anlässlich von Ciorans 100. Geburtstag ein Buch, das während der 1930er Jahre entstand, und das zahlreiche Passagen enthält, in denen Cioran seine Bewunderung für Hitler, Großdeutschland und den Nationalsozialismus bekundet. 

Seine Bewunderer wenden zu seiner Verteidigung ein, Cioran sei an die Quelle der menschlichen Existenz gelangt, und mit Einsichten zurückgekehrt, die seine Kritiker schlicht nicht wahrhaben wollen, weil es mit ihrem Selbstbild nicht zu vereinen ist. Cioran habe der Wahrheit dagegen unerschrocken in die Augen geblickt. Auch habe er seine Jugendsünde in seinem späteren Werk auf schonungslose Weise verarbeitet. 

Im persönlichen Umgang soll Cioran sehr angenehm, sogar humorvoll gewesen sein. Von Lebensverneinung keine Spur, weshalb Jungle World darin auch eine Masche, einen Marketing-Trick zu erkennen glaubte

Die Rezensionen seines Werkes aus der, sagen wir, frühen Schaffensperiode, waren überwiegend wohlwollend, wie bei Cicero, der Frankfurter Rundschau, dem Deutschlandradio Kultur und dem ORF

Neben der ZEIT wollte auch Hannes Stein in der Welt, bereits 2006, nicht so recht in den Chor der Bewunderer und "Cioran-Versteher" einstimmen. 
Zum Schluss seiner Rezension des Buches Cioran. Der Ketzer von Patrice Bollon schreibt Stein:
Patrice Bollons Fazit ist einleuchtend: Cioran wäre ohne die politischen Irrsinnigkeiten seiner Jugend nie und nimmer er selbst geworden. "Hat er sich doch im Widerstand gegen sie gestaltet ... Durch sie hat er die Notwendigkeit einer ,therapeutischen' Lebenskunst erkannt - was für ihn das höchste Ziel des Denkens darstellte: geheilt zu werden, vor allem von sich selbst ..." Der kleine Schönheitsfehler an dieser Deutung ist, dass Cioran nie über seine faschistische Episode gesprochen hat, wenigstens nicht freiwillig. Und so bleibt, wie Wolf Biermann im Refrain seines Cioran gewidmeten Liedes singt, am Ende nur "Melancholie, Melancholie - im Herzen die schwarze Galle".
Nun denn. Wer Cioran lesen will, soll, kann und darf das selbstverständlich tun. Eine Prise schwarzer Humor oder Zynismus kann hin und wieder nicht schaden. Vgl. dazu: Zitate, Aphorismen und Lebensweisheiten von Emile Michel Cioran

Andererseits aber sollte man, um nicht allzu sehr von Ciorans Nekrophilie angesteckt zu werden, zu den Schriften Erich Fromms greifen, in denen dieser die Liebe zum Leben thematisiert, wie beispielsweise in Liebe Sexualität und Matriarchat. Beiträge zur Geschlechterfrage:
Ist die Liebe zum Leben etwas, das allen Menschen, wenn auch in unterschiedlichem Maß, zu eigen ist? Es wäre schön, wenn dies so wäre, doch leider gibt es auch Menschen, die nicht das Leben lieben, sondern statt dessen Totes, Zerstörung, Krankheit, Verfall, Desintegration "lieben". Sie werden nicht vom Wachstum und Lebendigkeit angezogen, es sei denn aus Abneigung und aus dem Wunsch, beides zu ersticken. Sie hassen das Leben, weil sie sich seiner nicht erfreuen oder keine Kontrolle darüber ausüben können. Sie leiden an der einzigen wirklichen Perversion, die es gibt, nämlich vom Toten angezogen zu werden. Ich habe diese Menschen "nekrophil" genannt. ...
Je mehr jemand das Leben liebt, desto mehr muss er fürchten, unter der ständigen Bedrohung der Wahrheit, Schönheit und Unversehrtheit des Lebens zu leiden. Dies ist tatsächlich so, besonders heute. Wer sich vor diesem Schmerz zu bewahren versucht, indem er dem Leben gegenüber gleichgültig wird, der erzeugt nur einen noch größeren Schmerz. .. Glücklich zu sein, ist nicht das Wichtigste im Leben, sondern lebendig zu sein. Zu leiden ist nicht das Schlimmste im Leben; das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit. Leiden wir, dann können wir versuchen, die Ursachen des Leidens zu beseitigen. Fühlen wir hingegen gar nichts, sind wir gelähmt. Bis jetzt war in der Geschichte der Menschen das Leiden die Geburtshelferin für Veränderung. Sollte - zum ersten Mal - Gleichgültigkeit die Fähigkeit des Menschen zunichte machen, sein Schicksal zu wenden?
Vielleicht aber liegen Cioran und Fromm, so paradox das auch klingen mag, gar nicht so weit auseinander. Extreme können sich berühren ;-)

Auf Cioran trifft m.E. zu, was Paul Tillich einmal als unschöpferische existentialistische Haltung beschrieben hat:
Die modernen Zyniker wollen nicht als Anhänger irgendeiner Schule gelten. Sie glauben nicht an die Vernunft, sie kennen kein Kriterium für Wahrheit, kein Wertsystem und keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn. Sie versuchen, jede Norm, die ihnen gegeben wird, zu untergraben. Ihr Mut findet keinen schöpferischen Ausdruck, aber er drückt sich in ihrer Lebenshaltung aus. Sie verwerfen mutig jede Lösung, die sie der Freiheit beraubt, alles zu verwerfen, was sie verwerfen wollen. Die modernen Zyniker sind einsam, obwohl sie der Gesellschaft bedürfen, um ihre Einsamkeit zeigen zu können. Sie kennen weder vorläufige Sinnbezüge noch einen letzten unbedingten Sinn und fallen deshalb leicht der neurotischen Angst zum Opfer. Zwanghafte Selbstbejahung wie fanatische Selbstaufgabe sind häufig Ausdruck des nicht-schöpferischen Mutes, man selbst zu sein. (in: Der Mut zum Sein)
Über Jahrzehnte lebte Cioran in der - nicht unbegründeten Sorge - , die Securitate könnte seine Vergangenheit ans Licht zerren, was seiner Popularität in Frankreich und anderswo erheblich geschadet hätte. Infolgedessen verhielt sich Cioran bestimmen Kreisen gegenüber ruhig. So schonungslos, lebensverneinend bzw. sich selbst verneinend und wahrheitsliebend war Cioran dann doch nicht. Alles hat seine Grenze ;-)



Hegel und der Staat - ein deutsches Verhängnis

Von Ralf Keuper

Hegels Geschichtsphilosophie und Staatstheorie bieten noch immer reichlich Stoff für Diskussionen und Spekulationen. Von der Anziehungskraft seiner Gedanken fühlten und fühlen sich zahlreiche Intellektuelle fast schon magisch angezogen. Während einige, wie Karl Popper und Jacob Burckhardt Hegels Geschichtsphilosophie und deren leitende Annahme, in der Geschichte verwirkliche sich der (Welt-) Geist, als Historizismus (Popper) schroff ablehnten, waren andere, wie Karl Marx und aktuell Slavoj Žižek in Weniger als nichts - Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus dafür empfänglicher. Regelmäßig feiert Hegel ein Comeback

Auch zu seinen Lebzeiten war Hegel nicht unumstritten. Sein schärfster Kritiker war Arthur Schopenhauer, der für Hegels Philosophie den Begriff "Hegelei" in Umlauf brachte. 

Poppers Kritik gegenüber Hegels Geschichtsphilosophie, wie er sie in seiner Streitschrift Die offene Gesellschaft und ihre Feinde formuliert, rief bzw. ruft ihrerseits scharfen Widerspruch hervor. Einen Einstieg gibt die Seite Hegel-System
Popper wollte seine im neuseeländischen Exil verfasste Schrift auch nicht als wissenschaftliche Arbeit, sondern in erster Linie als politische Meinungsäußerung verstanden wissen. 
Von seiner ablehnenden Haltung Hegel gegenüber ist Popper jedoch nie abgewichen. In einem Interview mit der Zeitung Die Welt im Jahr 1990 brachte Popper seine Haltung zum Ausdruck. Seiner Ansicht nach haben die Deutschen im 19. Jahrhundert die fatale Entscheidung getroffen, Hegel Kant vorzuziehen:
Die Deutschen standen schon vor 1848 vor einer Entscheidung: Kant oder Hegel? Sollen wir den Frieden wählen, oder die Macht des Staates? Zu ihrem Unglück wählten sie Hegel und das Gerede. Das konnte man mit geringerer Anstrengung erlernen. (in: Die Welt im Gespräch mit dem Philosophen Sir Karl Popper, Sonderdruck Februar 1990)
Einige Forscher sehen, wie Hubert Kiesewetter in Von Hegel zu Hitler, in Hegels Staatstheorie einen Wegbereiter des NS-Staates. Auch diese These blieb nicht ohne Widerspruch, wie aus einer Rezension in der FAZ aus dem Jahr 1974 hervorgeht. 

Trotzdem lässt sich nicht von der Hand weisen, dass Hegels Philosophie mit ihrem Anspruch auf das Absolute deutliche totalitäre Züge aufweist, was ihn für spätere Interpretationen theoretischer und praktischer Art mitverantwortlich macht. 

Wie problematisch Hegels Staatsverständnis war und ist, beschrieb Rudolf Eucken Anfang des 20. Jahrhunderts eindrücklich:
Aber er (Hegel) trägt auch ein gutes Stück Schuld an der Überspannung der Staatsidee, an jenem Politismus, der die Selbstständigkeit und Ursprünglichkeit des Lebens gefährdet. Kaum je wurde der Staat so mit übertriebenen Ausdrücken gefeiert, wie es von Hegel geschah. Ihm erschien der Staat als die vollgültige Verkörperung der Weltvernunft, als der Richter über Gut und Böse, er sieht in ihm den "göttlichen Willen als gegenwärtigen, sich zur wirklichen Gestalt und Organisation einer Welt entfaltenen Geist", er verehrt ihn als ein "Irdisches Göttliches", er setzt ihm keine Grenzen, er konnte als das erste Prinzip eines Staates erklären: "dass es keine höhere Vernunft, Gewissen, Rechtschaffenheit gibt, als das, was der Staat für Recht erkennt". Ein solches Streben hat später Marx ins Wirtschaftliche übertragen und dadurch, wie wir wissen, dämonische Bewegungen hervorgerufen.
Wenn Hegel den Staatsgedanken stark überspannt hat, so verband er den Staat eng mit den Tiefen des Geisteslebens. Der Politismus des Parteistaates dagegen gerät unvermeidlich in Abhängigkeit von dem unwürdigen Menschengetriebe, das keine Macht der Ideen kennt. Hier dient alle Einrichtung der gemeinsamen Verhältnisse den selbstischen Zwecken einer besonderen Richtung, ja einer besonderen Partei, es fehlt hier eine überlegende Einheit, welche über das Nebeneinander hinausheben könnte.
Je mehr solch ein geistloser Politismus vordringt und alles an sich rafft, um so notwendiger wird es, dem Staat feste Grenzen zu ziehen, zunächst der Schädigung der Unabhängigkeit der Individuen und besonderer Verbände nach bestem Vermögen zu widerstehen, dann aber auch die prinzipielle Begründung des Politismus zu überprüfen. Die moderne Staatsidee ruht schließlich auf der Überzeugung von einer Immanenz der Vernunft in unserem Bereich; ohne eine solche Immanenz muss auch das staatliche Leben auseinanderfallen. Aber es wird zu einer ungeheuren Gefahr, dieses immanente Wirken als ein absolutes zu geben und sich ihm unbedingt zu beugen. ..

Alle staatlichen Einrichtungen bedürfen der Ergänzung und Kritik seitens der freien Gesellschaft.(in: Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt)
Hegels kritiklose Verehrung des Staates ist und bleibt daher hoch problematisch. Insofern kann man Hegel durchaus weiterhin als Feind der offenen, pluralistischen Gesellschaft bezeichnen und sich der Einschätzung Ralf Dahrendorfs anschließen:
Hegel wie Rousseau sind großzügig im Gebrauch des Wortes "Freiheit". .. Doch sind tatsächlich beider Theorien mit Recht zur Ahnenreihe des Totalitarismus gezählt worden.  .. Karl Popper hat dann Hegels Staatstheorie als gefährlichen Vorläufer des totalen Staates mit seiner geschlossenen Gesellschaft enthüllt. Beide Thesen sind nicht unumstritten. Auch bewegen wir uns in einem Gelände, in dem Bestätigung und vor allem Falsifizierung .. schwierig ist. So muss eine Entscheidung getroffen werden. Sie fällt hier für Kant und gegen Rousseau, vor allem aber gegen Hegel. (in: Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung)
Nachtrag:

Karl Popper hat seine Kritik an Hegel und dessen Staatstheorie auf dem Popper-Symposium präzisiert:
Ich lese Hegel schon sehr lange nicht mehr, einfach deshalb, weil ich ihn nicht für ehrlich halte. Er sucht nicht die Wahrheit: Er will beeindrucken. Hegels Philosophie war wirklich die erste Philosophie, die in Deutschland mit Machtfrage zu tun hatte. Hegels Philosophie war die Vergötterung des Staates, und zwar speziell des preußischen Staates. Der preußische Staat wurde von Hegel in großartiger Weise als der "Marsch Gottes durch die Welt" erklärt. Diese Hegelsche Philosophie wurde von Marx aufgegriffen. (in: Karl R. Popper/Konrad Lorenz: Die Zukunft ist offen)

Freitag, 30. Januar 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus der Wissenschaft #2

Von Ralf Keuper

Wer geglaubt hatte, die katholische Kirche würde noch immer mit dem wissenschaftlichen Fortschritt hadern, kann sich von dem Vorsitzenden der Päpstlichen Akademie, Bischof Marcelo Sánchez Sorondo, eines besseren belehren lassen. Jedoch hat die Begeisterung für die Wissenschaft ihre Grenzen, jedenfalls was die eigene (Kirchen-)Geschichte angeht. Dieser könnte die Kirchenführung einige wichtige Anregungen entnehmen, wie sie wieder näher an die Menschen heran rücken könnte, wie der Theologie-Professor Hubert Wolf in seinem neuen Buch Krypta darzulegen versucht. Aber auch sonst besteht in der Katholischen Kirche weiterer Aufklärungsbedarf, insbesondere was ihre Rolle während der Weimarer Republik betrifft, wie der Historiker Christoph Hübner in seinem Buch Die Rechtskatholiken, die Zentrumspartei und die katholische Kirche bis zum Reichskonkordat 1933. Ein Beitrag zur Geschichte der Weimarer Republik schreibt. 

Der Journalismus muss sich in letzter Zeit von verschiedenen Seiten einen Mangel an Objektivität vorhalten lassen. In der Tat, so die Kommunikationswissenschaftlerin Cornelia Mothes, müssten sich die Journalisten der Diskussion um die Objektivität ihrer Berichterstattung stellen

Sie Soziologin Paula-Irene Villa, sprach in einem Interview mit dem manager magazin über vom Ehrgeiz getriebene Eltern und darüber, weshalb die Angst vor dem Mittelmaß inhuman ist. Ihr Kollege Reinhard Kreissl erläutert in einem Gespräch mit profil.at, warum er Investitionen in Menschen für wichtiger hält als die in Technik

Am kommenden Sonntag bringt der Deutschlandfunk die Sendung Ordnung im Geäst. Der neue Stammbaum der Vögel und Insekten


Donnerstag, 29. Januar 2015

Hegel gegen sich selbst gewendet (Egon Friedell)

Aber Hegels Philosophie sollte sich an ihm selber bewahrheiten, indem sie gegen ihn selber recht behielt. Es zeigte sich, dass es keine letzte Synthese gibt, sondern jede nur immer wiederum eine These ist, dazu bestimmt, in ihren Gegensatz umzuschlagen. Er erzeugte eine Schule, die sich hegelisch nannte, aber das war, was er selbst "die Nachahmung in der Umkehrung" genannt hatte. Die Generation, die am Ende der zwanziger Jahre führend wurde, vollzog mit lange zurückgestauter, um so ungestümer hervorbrechender Energie die Antithese. Sie wandte sich gegen alle Romantik und Reaktion im Staat, im Glauben, in der Kunst, in der Lebensführung, gegen die Welt der "Schattenküsse" und "Schattenkönige", gegen das ganze Schattenfigurentheater, das im Schatten der Heiligen Allianz sein gespenstisches Leben führte, gegen die Schattenbegriffe der deutschen Ideenromantik, deren letzter und souveränster Meister Hegel gewesen war. Er wurde gestürzt; und zwar im Namen Hegels. 
Quelle: Kulturgeschichte der Neuzeit, Band 2

Mittwoch, 28. Januar 2015

Die Philosophie und der Nationalsozialismus (Sonderausgabe philosophie Magazin)

Von Ralf Keuper

Die Sonderausgabe Die Philosophie und der Nationalsozialismus des philosophie Magazins beschäftigt sich mit der Rolle führender deutscher Intellektueller bei der Verbreitung und Bekämpfung des nationalsozialistischen Gedankenguts. 

Es überrascht nicht, dass die überwältigende Mehrheit der Universitätsprofessoren dem NS-Regime mit einer devoten Haltung begegnete. Von offenem Widerstand oder Ablehnung des nationalsozialistischen Gedankenguts findet sich bei den Professoren, die nicht emigrieren mussten, keine Spur. Eine der wenigen Ausnahmen ist Karl Jaspers, der es aber wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau unterließ, offene Kritik am NS-Regime zu üben. Bei ihm handelt es sich um einen der wenigen Fälle innerer Emigration. 

Als besonders wandlungsfähig erwies sich Joachim Ritter, Gründer der nach ihm benannten Ritter-Schule, neben der Gadamer-Schule das einflussreichste "Denkkollektiv" (Ludwik Fleck) in der deutschen universitären Philosophie der Nachkriegszeit. 
Vor der Machtübernahme der Nazis war Ritter dem Marxismus zugewandt, was dazu führte, dass ausgerechnet der später vor den Nazis geflohene Ernst Cassirer ein gutes Wort für Ritter einlegen musste, um die Ablehnung der Habilitation zu verhindern. Auch sonst ließ Ritter kaum eine Gelegenheit aus, um seine Verbundenheit mit dem NS-Regime unter Beweis zu stellen. 
Noch Ende 2013 glaubte eine Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach Ritter als einen der Vordenker der Europäisierung und Modernisierung präsentieren zu können. 

Aber auch der Begründer der anderen wirkungsmächtigen Denkschule der Nachkriegszeit, Hans-Georg Gadamer, hatte sich schnell den neuen Verhältnissen angepasst. Am 11. November 1933 unterzeichnete Gadamer, wie viele andere auch, das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Im Oktober 1935, so liest man auf Wikipedia weiter, nahm Gadamer freiwillig am Dozentenlager des NS-Dozentenbundes teil. Daneben übernahm er die Vertretung von zwei Lehrstühlen, die zuvor von jüdischen Professoren geräumt werden mussten. Im August 1933 wurde Gadamer Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Während des zweiten Weltkriegs war Gadamer Mitarbeiter am NS-Projekt Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften

Ich erwähne diesen Sachverhalt nur deshalb in dieser Breite, da selbst Hans-Jörg Sandkühler in dem im Heft abgedruckten Interview Gadamer für nur wenig belastet hält. Die Redaktion des philosophie Magazins sieht das scheinbar anders. Zusammen mit Joachim Ritter, Otto Friedrich Bollnow, Hans Freyer und Arnold Gehlen führt es Gadamer, zu Recht wie ich finde, unter den Belasteten Biografien. Informativ bzw. aufschlussreich in dem Zusammenhang ist Hans-Georg Gadamer und die Stauungen des Unbewussten

Kein anderer Philosoph ist so von den Nazis für ihre Ideologie vereinnahmt worden, wie Friedrich Nietzsche. In der Tat bietet Nietzsches Werk einige Passagen, die sich mit der NS-Ideologie kompatibel machen lassen. Diese Aufgabe übernahm nur allzu breitwillig Alfred Baeumler. Volker Gerhard fasst das in dem Interview mit dem philosophie Magazin in die Worte: 
Nietzsche wird durch Übersehen, durch Weglassen und durch maßloses Betonen auf die nationalsozialistische Ideologie zurechtgebogen
Großen Raum nimmt der "Fall Heidegger ein". Hervorzuheben ist der Beitrag Heideggers verborgene Wahrheiten und die "Schwarzen Hefte" von Sidonie Kellerer, die sich in einigen Schriften intensiv mit Heidegger und seiner Rolle während der NS-Zeit beschäftigt hat. In dem erwähnten Beitrag räumt sie mit einigen Mythen und Legenden auf, die unter den Heideggerianern weit verbreitet sind, wie etwa seine Haltung zur Technik. Bestimmendes Motiv Heideggers ist die geschichtliche Machtmission, für die er bei seinen Lesern wirbt. Bedroht wird diese für Heidegger vor allem durch das "internationale Judentum". 

Zum Schluss schreibt Kellerer:
Heideggers stets indirekte, gewollt ambivalente Sprache ist vor dem Hintergrund seiner Überzeugung zu verstehen, er müsse als Philosoph die geschichtliche "Wesensart" der Deutschen gegen das machenschaftliche Unwesen verteidigen. Seine Philosophie ist "unsichtbar", weil es gilt, den verschlagenen Feind in die Irre zu führen. Noch 1949 wird Heidegger Ernst Jünger gegenüber offenbaren, dass der jüdische unsichtbare Krieg noch immer im Gange ist. So schreibt er ihm von der "fortbestehenden, aber inzwischen schlauer gewordenen Rachsucht ..., wir müssen im eigentlichen unangreifbar bleiben", und in diesem Sinne wiederholt er litaneihaft seine Botschaft: "Jedes Zugeständnis an Verständlichkeit ist schon Zerstörung".
Das, so muss man gestehen, hat er mit Bravour durchgehalten ;-)

Als Gegner Heideggers taucht in dem Heft auch Karl Löwith auf. In einer Sendung des SWF im Jahr 1959 anlässlich des 70. Geburtstags von Heidegger sprach Löwith eine Eloge in das Mikrophon. Ich mag mich täuschen, aber: Kritik hört sich irgendwie anders an. Ein merkwürdiger, befremdlicher Elitismus eines Kathederphilosophen kommt einem da entgegen. Schwülstig und devot. Ein Interpret auf dem Holzweg. 

Keinesfalls unerwähnt bleiben sollen die Intellektuellen, die sich schon frühzeitig äußerst kritisch mit der NS-Ideologie auseinandergesetzt haben, wie Ernst Bloch und Karl Kraus. Auch Thomas Manns Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft wird erwähnt. Diese jedoch bildet einen merkwürdigen Kontrast zu seinem einige Jahre später erschienenen Essay Bruder Hitler. Zum Kreis der Gegner zählen weiterhin Albert Einstein, Helmut Plessner, Simone Weil, Kurt Huber, Jean Cavaillès und Ernst Cassirer

Lesenswert sind auch John Deweys kritische Gedanken zur typisch deutschen Pflichtauffassung, wie sie vor allem auf Kant zurückgeht. 

Beachtenswert ist auch das Interview mit Barbara Zehnpfennig über Hitlers Weltanschauung. Gegenstand ihrer Forschung ist Hitlers Buch Mein Kampf. Zwar sei das Werk aus literarischer und wissenschaftlicher Sicht unbedeutend; dennoch gewährt es tiefe Einblicke in die Gedankenwelt Hitlers. In Mein Kampf entwirft Hitler bereits sein Programm bis bzw. für die Machtübernahme. Sein Weltbild war zu jenem Zeitpunkt bereits gefestigt bzw. geschlossen, die wesentlichen Fragen beantwortet. Obgleich Hitler kein gebildeter Mann gewesen sei, wäre es grundfalsch, ihn nicht für intelligent zu halten. Das war er sehr wohl. 
Ich behaupte sogar, dass Hitler mit einer hohen Intelligenz ausgestattet war, einem untrüglichen Instinkt für Machkonstellationen, einem ausgeprägten Sinn für Dramaturgie und den richtigen Augenblick. Dass seine Gegner ihn intellektuell weit unterschätzt haben, kam ihm sehr entgegen. Oben drauf kam noch sein Machtwille. Ähnlich äußert sich Sebastian Haffner in seinen Anmerkungen zu Hitler. Kurzum: Hitler war alles mögliche, nur eines ganz bestimmt nicht: dumm. 
Hitler hatte ein sicheres Gespür für Menschen, die seinen Zwecken dienlich waren, ebenso für jene, die ungefährlich waren sowie für Personen, die ihm in die Quere kommen konnten. Ein Alfred Rosenberg reichte für seinen Bedarf völlig aus; ein Heidegger war da überflüssig, und ohnehin zu unverständlich, zu professoral, wohl auch zu eigensinnig und nicht primitiv, anti-rational genug. 

Wer sich für die Verstrickung der Philosophie im Nationalsozialismus interessiert, kann aus der Sonderausgabe viele neue und wichtige Erkenntnisse gewinnen. 

Update

Über twitter erreicht mich eben der Hinweis, dass Adorno und die Kritische Theorie in dem Heft nicht erwähnt werden. Bei der Gelegenheit: In dem Heft wird auch Erich Rothacker erwähnt, der während der NS-Zeit Abteilungsleiter in Göbbels' Propagandaministerium war und darüber hinaus eine nationalsozialistischer Rassentheorie entwarf. Pikantes "Detail" dabei: Ab 1947 war Rothacker ordentlicher Professor an der Universität Bonn. Während dieser Zeit war er Doktorvater von Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel. Der "junge" Habermas bezeichnete "Sein und Zeit" übrigens einmal "als das bedeutendste philosophische Ereignis seit Hegels Phänomenologie..." Auch sonst fällt bzw. fiel die Kritik von Habermas an Heidegger recht moderat aus. Scheinbar gilt für ihn noch immer, dass mit Heidegger gegen Heidegger zu denken sei ... 

Weitere Informationen:



Philosophie im Nationalsozialismus

Nationalsozialismus und Philosophie

Montag, 26. Januar 2015

Rudolf Carnap über den Fortschritt in der Philosophie (Fernsehinterview)

Von Ralf Keuper

Ein Philosoph, der es m.E. wie Nicolai Hartmann und Leonard Nelson verdient hätte, wiederentdeckt zu werden, ist Rudolf Carnap


In einem Fernsehinterview im Jahr 1964 erläuterte er die Grundzüge seiner philosophischen Haltung. Wie bei Gottlob Frege und Bertrand Russell, ist auch für Carnap die Mathematik von großer Bedeutung für die Philosophie. Das gilt vor allem für die Geometrie. Hier unterscheidet Carnap zwischen der mathematischen(nicht-euklidische) und der physikalischen (euklidischen) Geometrie. Einstein hätte, so Carnap, seine Relativitätstheorie ohne die Nicht- Euklidische Geometrie kaum aufstellen können. Das ist für Carnap ein Beleg für den Fortschritt in der Philosophie. 

Ein weiteres Forschungsfeld Carnaps war die logische Semantik, d.h. die Analyse der logischen Beziehungen zwischen den Bedeutungen. Als künftige Aufgabe der Philosophie sah Carnap die logische Analyse von Wertaussagen. Individuellen Entscheidungen des Menschen haftet laut Carnap nichts Absolutes an. Nicht der Inhalt sollte Gegenstand der Analyse sein, sondern die logischen Beziehungen über diese Wertaussagen, um dadurch Widersprüche und Inkonsistenzen aufdecken zu können. Carnap unterschied zwischen faktischen Fragen und Wertfragen. 

Im Fall der induktiven Logik vertrat Carnap die Ansicht, dass, um Fehlschlüsse zu vermeiden, mit Wahrscheinlichkeiten gearbeitet werden solle. 


Sonntag, 25. Januar 2015

Das Feld wissenschaftlicher Erkenntnis kann nicht als die absolute Wahrheit gelten (Karl Jaspers)

Das Feld wissenschaftlicher Erkenntnis mit ihrer zwingenden, allgemeingültigen Richtigkeit kann nicht als die absolute Wahrheit gelten.
Hier liegt der entscheidende Punkt. Die Wissenschaft hat zwar einen neuen, bestimmten, großartigen Wahrheitsbegriff verwirklicht, der aber keineswegs alle Wahrheit umfasst. Der wissenschaftliche Wahrheitsbegriff als allgemeingültige Richtigkeit lässt vielmehr anderer Wahrheit, dem Umgreifenden, den Raum frei.
Ohne Verleugnung wissenschaftlichen Erkennens, vielmehr durch sie gefördert, bleibt der Sprung zur Transzendenz möglich. Er ist im philosophischen Denken erhellbar. 
Quelle: Karl Jaspers: Wahrheit und Wissenshaft - Adolf Portmann: Naturwissenschaft und Humanismus - Zwei Reden 

Die Technologie des alten China (Dokumentationsfilm)

Von Ralf Keuper

Der sehenswerte Dokumentationsfilm Die Technologie des alten China zeigt u.a., dass die Technik im Reich der Mitte schon vor zweitausend Jahren einen Stand erreicht hatte, zu dem Europa erst Jahrhunderte später aufschließen konnte. 



Beispielhaft dafür sind die Seismografie, die von dem Gelehrten Zhang Heng in gewisser Weise erfunden wurde, die Erdölförderung, die industrielle Massenfertigung, für die die Terrakotta-Soldaten exemplarisch sind, die Verwendung von Chrom und nicht zuletzt der von Sung Song konstruierte Kosmische Motor, den man als Vorläufer der modernen Rechenmaschinen auffassen kann. 

Seit Jahrzehnten grübeln Wissenschaftshistoriker wie Joseph Needham und David S. Landes darüber, weshalb China seine Führungsrolle als Technologienation im Mittelalter an Europa verlor. 

Allerdings: Ganz so rückständig, wie auch der Film es noch rüber bringt, war die Technologie im Europa des Mittelalters dann doch nicht, wie Marcus Popplow in seinem Buch Technik im Mittelalter veranschaulicht. 

Weitere Informationen:

ZEW Wirtschaftsforum 2014: Technologie-Weltmacht China - Wunsch oder Wirklichkeit?

Samstag, 24. Januar 2015

Moses Mendelssohn und die Aufklärung in Deutschland

Von Ralf Keuper

In dem Beitrag Ein deutscher Sokrates stellt Thomas Klatt den Philosophen und Aufklärer Moses Mendelssohn vor. Da jüdische Bürger damals zum Staatsdienst keinen Zutritt hatten, war Mendelsson gezwungen, sich sein Wissen autodidaktisch anzueignen. Dazu diente ihm neben ausgedehnter Lektüre auch der Besuch von Kaffeehäusern. Anders als die meisten seiner Zeitgenossen fasste Mendelsson Bildung nicht im Sinne des Bildungsbürgertums auf, sondern billigte u.a. auch sportlichen Aktivitäten oder dem Tanz ihr Recht zu. 
Im Gegensatz zu den Kathederphilosophen gebrauchte Mendelssohn einen klaren Sprachstil, da er sich nicht in erster Linie an ein Fachpublikum, sondern an Leser aus dem Bürgertum wandte. Deshalb wird Mendelssohn auch häufig als "Bürgerphilosoph" bezeichnet. 


Einer seiner Nachfahren ist Julius H. Schoeps, Verfasser des Buches Das Erbe der Mendelssohns: Biographie einer Familie


Fundstücke und andere Kuriositäten #1

Von Ralf Keuper

Es gibt sie noch, die Meldungen, die mein Weltbild, wenn auch nur kurzweilig, durcheinander zu bringen vermögen. So geschehen während der Lektüre in dem Buch Hitlers Holding. Die Reichswerke "Hermann Göring" von August Meyer

Dort steht:
Noch im Jahre 1941 war Brasilien Deutschlands wichtigster südamerikanischer Handelspartner. Rohstoffe im Wert von RM 23,6 Millionen erreichten Deutschland, während Brasilien für RM 10,8 Millionen importierte. 1940 betrug der entsprechende deutsche Import Erzeugnisse im Werte von 25,1 Millionen RM. 
Doch es gab auch militärpolitische Überlegungen. Der Einmarsch in die Sowjetunion hatte Churchill und Stalin zu Verbündeten gemacht. Auch die USA und England rückten näher zusammen. Besorgt stellte man sich die Frage: Würden die Sowjets der Angriffswucht der deutschen Armeen standhalten? Und die USA hatten Angst vor einer "Fünften Kolonne" in Südamerika, gestützt von Mussolini und Franco. Jedes Mittel, das deutsche Potential in Rußland zu schwächen und das alliierte Ansehen in Südamerika zu stärken, konnte also nur nützen. So gesehen, kann man verstehen, dass die deutschen Waffenlieferungen an Brasilien nicht behindert wurden.  
Mitte Juli 1941 hatten England und die USA zugestimmt, entsprechende Transporte über Portugal abzuwickeln. Die Verschiffung sollte wie gesagt mit US-Frachtern erfolgen. So lief am 23.8.1941 der Frachter "Exeter" in Lissabon nach New York aus mit deutschen Waffen und Munition. Im folgte dann die "Excambion". 
Deutsche Seekräfte behelligten den Transport nicht, obwohl man mit den USA auf See praktisch schon im Kriegszustand war. In New York wurde dann umgeladen auf brasilianische Schiffe, und Anfang November 1941 war alles wohlbehalten in Rio eingetroffen. 
In deutschen Zeitungen durfte über das Geschäft nicht berichtet werden - für deutsche Soldaten an der Ostfront, denen es an Nachschub mangelte, wäre dies unfassbar gewesen. 

Romano Guardini im Portrait (Film)

Von Ralf Keuper

Ein sehenswerter Dokumentarfilm des Bayerischen Rundfunks aus der Serie Berühmte Forscher und Gelehrte stellt Werk und Leben des Theologen und Religionsphilosophen Romano Guardini vor. 


Weitere Informationen:

Was ist eine Weltanschauung? (Romano Guardini)

Freitag, 23. Januar 2015

Einige Anmerkungen zu Heidegger

Von Ralf Keuper

Während der Rücktritt des Vorsitzenden der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Günter Figal, für einiges Aufsehen sorgt, machen sich die Anhänger seiner Philosophie und Person auf einem Kongress in Paris daran, ihr Vorbild vor dem Vorwurf des Antisemitismus und der intellektuellen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus in Schutz zu nehmen. 
Auf der anderen Seite macht das Philosophie Magazin in der Sonderausgabe Die Philosophen und der Nationalsozialismus die tiefe Verstrickung führender Philosophen während des Dritten Reiches am Beispiel Heideggers fest. 

Die Kontroverse ist nicht neu. Seit Jahrzehnten taucht sie immer wieder auf, um wenig später, nachdem die Parteien ihre Statements abgegeben haben, zu versanden. Die Herausgabe der "Schwarzen Hefte" hat die Position der Heidegger-Anhänger jedoch deutlich geschwächt. Das Bild vom politisch naiven Mitläufer, der als im Sein verwurzelter Philosoph mit der Machtübernahme der Nazis zur bloßen Zeitgenossenschaft genötigt wurde, ist kaum noch aufrecht zu erhalten. Es war mehr als nur ein bedauerliches, kurzes Abweichen vom Denkweg. 

Die Popularität Heideggers über nahezu alle Konfessionen und politischen Lager hinweg ist ein in dieser Form wohl einmaliges, zumindest äußerst seltenes Phänomen. Zu Heideggers Philosophie bekannten bzw. bekennen sich u.a. Jean-Paul Sartre, Hubert L. Dreyfus, Jacques Derrida und Alan Finkielkraut. Von Heideggers Philosophie beeinflusst wurden u.a. die Psychologen Clark Moustakas und Viktor E. Frankl. Selbst einige Technologie-Propheten greifen auf Gedanken Heideggers zurück, wie Greg Satell von Digital Tonto
Wie nur wenige hat Hannah Arendt zur Popularität Heideggers nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen, wie u.a. aus Nationalsozialismus und Totalitarismus bei Hannah Arendt und Aurel Kolnani von Emmanuel Faye hervorgeht. 

Auf der anderen Seite haben sich führende Philosophen schon früh z.T. äußerst kritisch mit der Person und dem Werk Martin Heideggers auseinandergesetzt, wie Karl R. Popper. In einem Interview mit der Zeitung Die Welt aus dem Jahr 1990 sagte Popper über Heideggers "Rezept":
Heidegger ist sozusagen der Hegelianer unserer Zeit, der unter anderem auch ein Nazi war. Das Schlimmste ist, dass man in Deutschland und in der ganzen Welt, zum Beispiel in Südamerika, Frankreich und Spanien, Heidegger bewundert und nachgemacht hat.
Es gibt eine Art Rezept für diese Dinge. Das Rezept besteht darin: Man sage Dinge, die großartig klingen, aber keinen Inhalt haben, und gebe dann Rosinen hinein - die Rosinen sind Trivialitäten. Und der Leser fühlt sich gebauchpinselt, denn er sagt, das ist ja ein ungeheuer schweres Buch! Und dabei habe ich mir einiges schon selber gedacht!
Das ist das Rezept für so viele solcher Sachen, die in dieser Weise geschrieben wurden. So schreibt zum Beispiel Heidegger: "Was ist das Wesen des Kruges? Der Krug schenket" Wer kann dagegen etwas sagen? Gewöhnlich schreibt er ja Dinge, die man überhaupt nicht versteht, und zwar seitenweise! (in: Die Welt im Gespräch mit Karl Popper, Sonderdruck des dreiteiligen Interviews, Februar 1990)
Der Person und Philosophie Heideggers ebenfalls nur wenig abgewinnen konnte Raymond Klibansky, der erst im hohen Alter in seinem Geburtsland Frankreich als Philosoph Anerkennung fand. Die "Welt" zitiert Klibansky mit den Worten:
Mit den Mitläufern des Regimes hat er nach dem Krieg "nicht mehr wirklich" reden können, sagt er. Ebensowenig wie mit den heutigen Heideggerianern, die immer noch einen Mann zum Idol stempeln, der das "Wirkliche" mit dem "Führer" gleichgesetzte. "Niemals ist ein philosophischer Gedanke so prostituiert worden. Die französischen Heideggerianer haben nichts begriffen."
Das kann auch heute noch einige Gültigkeit für sich beanspruchen. Nur wenig Sympathie hegte Klibansky für Hannah Arendt und ihre Philosophie, die er beide für deutlich überbewertet hielt. Ihr gegenüber gab er Jeanne Hersch den Vorzug. 

In Erinnerung an ein Jahrhundert. Gespräche mit Georges Leroux, sagt Klibansky über Heidegger:
Es handelt sich vielleicht um einen der schwerwiegendsten Fälle, weil er als Philosoph, dessen eigenwilliges Denken die Grundlagen des modernen Denkens umstürzen wollte, großen Einfluss hatte. 1929 erlebte ich seinen Vortrag Was ist Metaphyisk? mit. Ich war über die Mischung von wirklicher und scheinbarer Tiefe und über die Ungeniertheit verblüfft, mit der er am Ende dem griechischen Text des Phaidros von Platon antat, um seine These über Philosophie und Existenz zu untermauern. 
Über Hannah Arendt:
Ich kannte sie als Studentin, als sie sich zu Heidegger hingezogen fühlte; sicherlich handelte es sich um eine ungewöhnlich intelligente Frau, dennoch scheint mir der Ruf, den sie heute genießt, ein wenig überzogen. Sie fand gute Formulierungen, aber wenn man genau hinschaut, geht ihr Denken nicht sehr in die Tiefe. Sie ist eher eine Schriftstellerin als die Verfasserin einer philosophischen Grundlagenkritik. 
Einer der wenigen Intellektuellen Frankreichs, der den Wortspielereien Heideggers widerstand, war Pierre Bourdieu, wie Rudolf Augstein in seiner Rezension des Buches Heidegger und der Nationalsozialismus von Victor Farias hervorhebt. Seine Haltung gegenüber Heideggers Philosophie brachte Bourdieu in seinem Buch Die politische Ontologie Martin Heideggers und in einem Fernsehinterview zum Ausdruck. 

In einem Interview erläuterte Jeanne Hersch den Unterschied zwischen dem Philosophen und Lehrer Jaspers und Heidegger (Auszug): 
Frage: Würden Sie Heidegger vorwerfen, daß er strategisch war?
Jeanne Hersch: Strategisch ... ich glaube, er ist es manchmal. Heidegger ist strategisch. Ich habe einmal geschrieben und würde es wieder schreiben, daß Heidegger jemand ist, der die Macht genießt. Er liebt die Macht, er liebt zu zwingen. Ich habe mehrmals erlebt, wie er sich mehr Mühe gemacht hat zu zwingen, als zu überzeugen. Er will nicht Recht haben, er will der Sieger sein. Das gehört zu seiner Wahrheit. Seine Wahrheit soll meine Wahrheit werden. ... 
Heidegger ist begabt, Formeln zu finden, die unerwartet sind, die plötzlich erwecken und etwas schauen lassen, das man sonst nicht gesehen hätte. Das gibt es auch bei Heidegger. Ich sage nicht, daß seine Worte nichts schöpferisches haben. Sie haben etwas schöpferisches, aber nicht die Helle der Wahrheit für die Freiheit. ...
Er kann jemandem durch sein Talent in Erfindung von Ausdrucksweisen philosophische Erfahrung verschaffen. Er kann auch verführen. Ich bin überzeugt, daß Heidegger Macht lieber hat als Wahrheit für Freiheit. ...
Wenn ich sage, daß Heidegger die Macht lieber hat als die philosophische Wahrheit, sage ich etwas ganz Schlimmes. Verstehen Sie das?
In seinem Beitrag Jaspers' "Thesen zur Frage der Hochschulerneuerung" (1933) in kritischem Vergleich zu Heideggers Rektoratsrede zeigt Hans Saner, wie kompatibel Heideggers Denken zur NS-Ideologie war:
Heideggers Sprache ist voluntaristisch, martialisch, entschlossen, scharf, zwingend, machtbewusst, militant, ja über weite Strecken militaristisch. Sie ist durchsetzt von Superlativen .. und betont stark vertikale Strukturen. Sie stößt immerzu an mythische Grenzen des Schicksals sowie an metaphysische des Wesens, und sie legt großes Gewicht auf volkliche und nationale Bestimmungen. In diesem semantischen Gebräu entstehen Sätze etwa der folgenden Art:
  • Das Wesen der Universität "kommt erst zur Klarheit, Rang und Macht, wenn zuvörderst und jederzeit die Führer selbst Geführte sind - geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags, der das Schicksal des deutschen Volkes in das Gepräge seiner Geschichte zwingt.
  • "Die deutsche Universität gilt uns als die hohe Schule, die aus Wissenschaft und durch Wissenschaft die Führer und Hüter des Schicksals des deutschen Volkes in die Erziehung und Zucht nimmt".
  • "Wollen wir dieses Wesen der Wissenschaft, dann muss die Lehrerschaft der Universität wirklich vorrücken in den äußersten Posten der Gefahr der ständigen Weltungewißheit"
Daran anschließend schreibt Saner:
Diese und ähnliche Sätze hat Jaspers in seiner zurückhaltenen Kritik vermutlich gemeint, als er sagte, dass manches in der Rede "zeitgemäß", "forciert" anmute und "wohl einen hohlen Klang zu haben" scheine. In dieser Milde kann nur urteilen, wer die Sprache für ablösbar hält vom Gedanken. Wie immer es damit beschaffen sein mag - für keinen Denker gilt diese Ablösbarkeit weniger als für Heidegger. Und darum müssten eine Wortfelduntersuchung und eine Sprachanalyse zu einem katastrophalen Ergebnis führen: Die Rektoratsrede ist ein Dokument mythisierender nationaler Gewaltliteratur am Anfang des Niedergangs der deutschen Universität. (in: Karl Jaspers. Zur Aktualität seines Denkens, hrsg. von Kurt Salamun)
Erhellend in dem Zusammenhang ist der Beitrag "Das Herrchen des Seins" Heidegger und der Jargon der Unredlichkeit von Frank Madro.

Bleibt zu fragen, weshalb erst die Herausgabe der "Schwarzen Hefte" für die Bestürzung und Distanzierung sorgt, die schon vor Jahren, Jahrzehnten wiederholt geäußert, jedoch von vielen Katheder-Philosophen überhört wurden. 

Das lässt sich für mich mit der Wissenschaftsphilosophie von Thomas S. Kuhn und Ludwik Fleck erklären. Hat ein Paradigma sich erst einmal etabliert, findet es mit Leichtigkeit Anhänger und Propheten, die, wie Fleck es nannte, ein Denkkollektiv bilden, das sich erfolgreich gegen Kritik abzuschirmen, zu immunisieren versteht. Es bedarf einer, oder, wie in diesem Fall, anscheinend mehrerer Generationen, um dafür zu sorgen, dass alte Paradigmen abgelöst oder komplett verworfen werden. 

Letzteres scheint mir im vorliegenden Fall dringend geboten.

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist übrigens auch das Heidegger-Verwertungssystem in Form von Forschungsgeldern, Veröffentlichungen, Vorträgen etc.. 

Parallelen bestehen auch zum Mandarinentum im Sinne von Fritz K. Ringer

Interessant wäre es, der Frage auf den Grund zu gehen, weshalb Heideggers Denken in den angelsächsischen Ländern nur geringe Resonanz hervorgerufen hat. 

Weitere Informationen:



Donnerstag, 22. Januar 2015

Stationen des liberalen Protestantismus (Gesprächsreihe)

Von Ralf Keuper

Eine hörenswerte Sendung des Deutschland Radios über die maßgeblichen Stationen und Personen des liberalen Protestantismus in Deutschland. Gesprächspartner ist der Theologieprofessor Matthias Kroeger, der es m.E. sehr gut versteht, die charakteristischen Merkmale der verschiedenen Positionen, Auslegungen auf den Punkt zu bringen, was aber auch an den Fragen von Rüdiger Achenbach liegt. 


Neben Lessing werden in der Gesprächsreihe behandelt:

Mittwoch, 21. Januar 2015

Niedergang des kritischen Bedürfnisses (Johan Huizinga)

Der heutige Mensch schöpft seine Lebenseinsicht nicht oder nur in seltenen Ausnahmen aus der Wissenschaft. Es ist nicht die Schuld der Wissenschaft selbst. Eine mächtige Strömung kehrt sich von ihr ab oder entstellt sie. Man glaubt nicht mehr an ihre Fähigkeit zur Führung. Zum Teil mit Recht; es gab eine Zeit, da sie zu große Ansprüche auf eine Meisterstellung in der Welt erhob. Aber es ist schon etwas anderes als eine unvermeidliche Reaktion. Es ist eine Verkümmerung des intellektuellen Bewusstseins mit im Spiel. Das Bedürfnis über verstandesmäßig erfassbare Dinge so exakt und objektiv als möglich zu denken und dieses Denken selbst kritisch zu prüfen, wird schwächer. Eine weitgehende Trübung des Denkvermögens hat sich vieler Geister bemächtigt. Jede Abgrenzung zwischen den logischen, den ästhetischen und den affektiven Funktionen wird absichtlich vernachlässigt. Das Gefühl wird, ohne kritischen Widerspruch des Verstands, ja bewusst im Gegensatz zu ihm, in die Urteilsfindung gemengt, gleichgültig welcher Art das Objekt des Urteils auch sei. Man proklamiert als Intuition, was in Wahrheit nur absichtliche Wahl auf Grund von Affekt ist. Man vermengt Interesse und Wunsch mit dem Grundstoff der Überzeugung. Und um dies alles zu rechtfertigen, erklärt man als notwendigen Widerstand gegen die Vorherrschaft der Vernunft, was in Wahrheit die Preisgabe des logischen Prinzips selbst ist.
Quelle: Im Schatten von morgen. Eine Diagnose des kulturellen Lebens unserer Zeit, Leipzig 1935 

Sonntag, 18. Januar 2015

Die ungebrochene Aktualität der Idee der Offenen Gesellschaft

Von Ralf Keuper

In letzter Zeit ist viel von der Offenen Gesellschaft und damit indirekt auch von Karl Popper und seiner Schrift Die offene Gesellschaft und ihre Feinde die Rede, wie Florian Kech in Wie der Terror dem Philosophen Karl Popper zum Comeback verhilft schreibt. 

Eigentlicher Urheber des Begriffs der "Offenen Gesellschaft" ist Henri Bergson, wie Karl Popper in seinem Nachwort zu dem in Buchform erschienen Altenberger Gespräch, das unter dem Titel Karl R. Popper/Konrad Lorenz: Die Zukunft ist offen erschien, festhält:
Der Ausdruck "Offene Gesellschaft", in Gegensatz zu "geschlossene Gesellschaft" stammt von dem bedeutenden französischen Philosophen Henri Bergson und in anderer Verwendung aus meinem Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". 
Über sein Verständnis der Offenen Gesellschaft: 
Mit dem Ausdruck "offene Gesellschaft" bezeichne ich nicht sosehr eine Staatsform oder Regierungsform, sondern eher eine Art des menschlichen Zusammenlebens, in dem Freiheit der Individuen, Gewaltlosigkeit, Schutz der Minderheiten, Schutz der Schwachen wichtige Werte sind. In unseren westlichen Demokratien sind diese Werte für die meisten Menschen geradezu Selbstverständlichkeiten. 


Wiederentdeckt: Der Staatsmann, Historiker und Literat Justus Möser

Von Ralf Keuper

Justus Möser, der heute weitgehend unbekannt ist, gehörte im 18. Jahrhundert zu den führenden, wie man heute sagt, Intellektuellen in Deutschland. Mit seinen Schriften zur Staatslehre, aber auch mit seinen Satiren und Essays, übte er einen großen Einfluss auf das Denken seiner Zeitgenossen aus, wie u.a. auf keinen Geringeren als Goethe. In seinem lesenswerten Beitrag Justus Mösers "Patriotische Phantasien" für Deutschland beschäftigt sich Detlef Jena mit der Bewunderung Goethes für Möser. 

Sein wohl bekanntestes Werk sind die Patriotischen Phantasien. Jena schreibt dazu:
Die vier Bände gehören ob ihrer Bildhaftigkeit und Präzision zu den Glanzstücken deutscher Prosa wie auch des Journalismus des 18. Jahrhunderts. Aus der sachkundigen Beschreibung konkreter Zustände entwickelt Möser sein Ideal von der Familie, der Gesellschaft und vom Staat. Er regte den Leser an, ein bewusster Bürger zu werden und sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Ihm schwebte kein revolutionärer Sturz des Absolutismus vor, sondern vielmehr die Reformierung in eine quasi "Aktiengesellschaft" freier Bürger, die ihre Standesinteressen überwinden und den eigenen Besitz zum Wohle der Allgemeinheit mehren. Hier schimmerte der liberale Grundsatz durch, wenn es dem Einzelnen gut geht, profitiert die Gesellschaft davon.
Vor einigen Monaten beschäftigte sich Martin Siemsen in Warum Goethe den Osnabrücker Justus Möser bewunderte mit derselben Frage wie Detlef Jena.

Größter Anhänger der Schriften Mösers war jedoch Johann Gottfried Herder. Abgesehen davon waren dem Denken Mösers noch der Freiherr vom und zum Stein und der Ökonom Friedrich List zugetan. 

Der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila schrieb über Möser:
Angefangen bei Möser, Rivarol und Burke lässt sich sagen: Wenn ein Reaktionär ein Urteil spricht, wird der Urteilsspruch nur selten von der Geschichte nicht vollstreckt.

Wollen wir einen Reaktionär korrekt definieren, müssen wir uns an den ersten Reaktionär der modernen Geschichte erinnern, an Justus Möser. Er sprach sich nicht gegen Revolution aus, sondern gegen den Absolutismus. 
Edgar Salin schrieb in seiner Geschichte der Volkswirtschaftslehre:
Hinzu kommt, dass jeder Versuch einer Wirtschaftsgeschichte ein prachtvolles Vorbild an dem größten Geschichtsschreiber der Deutschen im 18. Jahrhundert, an Justus Möser, hatte, der, ein Romantiker vor der Romantik, ein Historiker vor dem Historismus, von Savigny als Begründer der geschichtlichen Rechtsschule anerkannt, auch als der wahre Ahn der geschichtlichen Wirtschaftsschule zu gelten hat.
Daneben erwähnt David S. Landes Möser in seinem Magnum Opus Wohlstand und Armut der Nationen als einen Moralisten

Während Goethe vom "herrlichen Möser" sprach, bezeichnete Karl Marx Möser als "blödsinnigen westfälischen Junker". 
Wenig wohlwollend äußerte sich auch der Ideengeschichtler Isaiah Berlin, der in Möser einen typischen Vertreter einer aristokratisch-elitären Haltung sah, die allen Versuchen, die Gesellschaft im Namen allgemeingültiger moralischer oder geistiger Ideale umzubilden, Widerstand entgegen brachte. 

Der Schriftsteller Martin Mosebach nannte Möser einmal den ersten und wichtigsten Kritiker des absolutistischen Staates. 

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Donnerstag, 15. Januar 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie

Von Ralf Keuper

In den letzten Tagen, Wochen sind einige interessante Beiträge aus dem Bereich Philosophie erschienen, die ich hier kurz vorstellen möchte:

In der ZEIT bespricht Friedrich W. Graf das neue Buch von Volker Gerhardt Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche. Der Philoblog weist auf die Festschrift zu Ehren des Sinologen Heiner Roetz hin. Roetz hat sich intensiv mit der chinesischen Philosophie beschäftigt. Auf New Historian widmet sich Daryl Worthington Bertrand Russell und dessen Buch "The Problems of Philosphy" .
In einem Interview mit Deutschlandradio Kultur gibt Thomas Grundmann nähere Auskunft über die Experimentelle Philosophie. Ein weiteres Radiointerview führte radio dreyeckland mit dem zurückgetretenen Vorsitzenden der Martin Heidegger - Gesellschaft, Günter Figal. Darin ging es um die Motivation Figals für seinen Rücktritt wie auch um die Frage, ob und inwieweit man Person und Werk Martin Heideggers nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte noch trenn kann und darf. 

Über twitter erreichte mich der Hinweis auf einen schon etwas älteren Artikel, der von dem kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila und seinem Buch Auf verlorenem Posten handelt. 

Sonntag, 11. Januar 2015

In der Philosophie wird nichts "Neues" entdeckt (Ludwig Wittgenstein)

In der Grammatik wird nichts "Neues" entdeckt. Wir können nur aufdecken und klar aussprechen, was wir immer schon unbewusst getan haben. Wenn einmal das erlösende Wort gefunden ist, gibt es doch keine Überraschung. Wir haben das Gefühl: Das hast du ja schon längst gewusst! Die Ergebnisse der Philosophie erscheinen also auf eine gewisse Art immer trivial. 
Quelle: Gerd Brand - Die grundlegenden Texte von Ludwig Wittgenstein 

Die Tragik der chinesischen Wissenschaft (Joseph Needham)

Mit ihren begrifflichen Modellen, ihrer Deduktion und Induktion kamen die Mohisten ebenso wie die Griechen an die eigentliche Schwelle der Wissenschaftstheorie. Die Vorstellung ist verführerisch, was geschehen wäre, wenn die Chinesen mohistische Logik und die taoistische Naturerkenntnis vereinigt hätten: vielleicht hätten sie jene Schwelle überschritten. Die Tragik der chinesischen Wissenschaft liegt darin, dass dies nie geschah. 
Quelle: Joseph Needham - Wissenschaft und Zivilisation in China. Band 1 

Donnerstag, 8. Januar 2015

Wir denken, weil wir riechen können

Der Geruchssinn war der Erste unserer Sinne. Es ist sogar denkbar, dass die treibende Kraft, um einen kleinen Klumpen olfaktorischen Gewebes im Neuralohr eines Urfisches ins Gehirn zu transportieren, die Riechfähigkeit war. Wir denken, "weil" wir riechen können. Diese Behauptung lässt sich schnell erläutern. Bevor Seh- und Hörvermögen begannen, unsere ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen, teilten wir mit allen übrigen Lebewesen einen gemeinsamen chemischen Sinn, der vom direkten Kontakt mit einer Materie im Wasser abhängig war. Und während neunzig Prozent unserer Zeit auf Erden haben wir genau auf diese Weise funktioniert. 
Quelle: Lyall Watson: Der Duft der Verführung. Das unbewusste Riechen und die Macht der Lockstoffe

Sonntag, 4. Januar 2015

Einige Anmerkungen zur Künstlichen Intelligenz

Von Ralf Keuper

Nachdem es vor Jahren um die Forschungen zur Künstlichen Intelligenz merklich ruhiger geworden war, da viele Versprechen sich als zu ambitioniert oder zu verfrüht erwiesen, verspüren die KI und ihre Protagonisten seit einiger Zeit wieder Aufwind. Sichtbares Merkmal dieser Entwicklung ist die wachsende Zahl von Veröffentlichungen, allein während der letzten Wochen, die von neuen Verfahren und Technologien berichten, die einige Versprechen aus der Vergangenheit einlösen sollen. Schon prescht Ray Kurzweil erneut mit einer Prognose vor, wonach die Künstliche Intelligenz im Jahr 2029 mit der menschlichen gleich ziehen werde

Nicht jeder teilt Kurzweils Optimismus. Ohnehin drängt sich der Eindruck auf, als hätten wir es hier mit dem Phänomen zu tun, das Karl Popper einmal als "Schuldschein-Materialismus" bezeichnete. Dieser argumentiert in etwa so: 
Wir können die Bewusstseinsvorgänge im Gehirn zwar noch nicht völlig auf materielle Ursachen zurückführen, es ist jedoch nur noch eine Frage der Zeit, bis uns der endgültige Nachweis gelingt. 
So läuft das schon seit Jahrzehnten. Einer der "Väter" der Künstlichen Intelligenz war übrigens der geniale Mathematiker Alan Turing.  Der Wissenschaftshistoriker George Dyson erwähnt in seinem erhellenden Buch Turings Kathedrale. Die Ursprünge des digitalen Zeitalters neben Turing auch andere Forscher, die sich bereits vor Jahrzehnten intensiv mit der Frage Künstlicher Intelligenz beschäftigten, wie Nils Aall Barricelli

In der Vergangenheit haben sich einige namhafte Wissenschaftler kritisch mit den z.T. doch recht vollmundigen Vorhersagen der Vertreter der Künstlichen Intelligenz auseinandergesetzt wie Noam Chomsky in einem Interview und Roger Penrose in seinem Buch Computerdenken

Hubert Dreyfus fasste seine Skepsis in die Worte:
Meine Vermutung lautet nach wie vor, dass die KI-Verfahren sich in isolierten Bereichen bewähren werden, aber dort versagen müssen, wo es um das Verstehen natürlicher Sprachen, das Erkennen gesprochener Texte, das Verstehen von Geschichten und um Lernen geht - also um Bereiche, deren Struktur die Struktur unserer alltäglichen physikalischen und gesellschaftlichen Welt widerspiegelt. (in: Die Grenzen künstlicher Intelligenz. Was Computer nicht können)
Adrian Kreye erwähnt in einem aktuellen Beitrag in der SZ vom 2.01.2015 (Maschinen, die erwachsen spielen) weitere kritische Stimmen prominenter Forscher, wie Jaron Lanier, der seine Haltung kürzlich in dem Beitrag The Myth Of AI zusammengefasst hat und den ehemaligen Direktor des Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory am MIT, Rodney Brooks, der seine kritische Sicht in dem Blog-Beitrag artificial intelligence is a tool, not a threat formuliert hat. Die Welt lässt in Die Datei, die Datei hat immer recht den Mathematiker Nick Bostrom zu Wort kommen, der in seinem Buch das Szenario der Machtübernahme der Supercomputer entwirft. 

Auf der anderen Seite sind die aktuellen Erfolgsmeldungen aus dem weiten Feld der Künstlichen Intelligenz schon beeindruckend, wovon die Beiträge Tech 2015: Deep Learning And Machine Intelligence Will Eat The World und #9: Creating sentient machines with ‘deep learning’ AI technology einen Eindruck vermitteln. Es handelt sich also keineswegs nur um Hirngespinste. 

Die verschiedenen Verfahren der Künstlichen Intelligenz werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die (Arbeits-)Welt z.T. gravierend verändern, was keineswegs bedeuten muss und m.E. wird, dass die KI oder Supercomputer die völlige Kontrolle übernehmen werden. Viele Versprechen werden auch künftig leer bleiben.

In seiner Rede Über das Ewig Kindliche hob Michael Ende die Bedeutung des Spiels, des Humors, der Phantasie und der Schönheit/Ästhetik hervor, die wesentlich für das Überleben der menschlichen Spezies sind. Intelligenz alleine reicht dafür nicht nicht aus. Ende sagt darin:
Ich glaube, dass in jedem Menschen, der noch nicht ganz banal, noch nicht ganz unschöpferisch geworden ist, dieses Kind lebt. Ich glaube, dass die großen Philosophen und Denker nichts anderes getan haben, als sich die uralten Kinderfragen neu zu stellen: Woher komme ich? Warum bin ich auf der Welt? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Ich glaube, dass die Werke der großen Dichter, Künstler und Musiker dem Spiel des ewigen und göttlichen Kindes in ihnen entstammen; dieses Kind, das ganz unabhängig vom äußeren Alter in uns lebt, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig; dieses Kind in uns, das nie die Fähigkeit verliert zu staunen, zu fragen, sich zu begeistern; dieses Kind in uns, das so verletzlich ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft; dieses Kind in uns, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet. (in: Das Michael Ende Lesebuch)
Auch Margaret A. Boden, die in ihrem lesenswerten Buch Die Flügel des Geistes. Kreativität und Künstliche Intelligenz eine Fülle von Argumenten und Belegen anführt, die zeigen, dass Computer der menschlichen Kreativität sehr nahe kommen können und für uns noch einige Überraschungen und Durchbrüche bringen werden, schreibt:
Künftige Computer werden Kreativität bis zu seinem gewissen Grad leisten; es lässt sich auch die Meinung vertreten, dass manche das schon jetzt tun. .. Doch es wäre unrealistisch anzunehmen, ein Computer-Modell könne die Leistung eines Chopin oder Schiller erreichen. Voraussichtlich würde es sogar die Möglichkeiten des Computers übersteigen, an Witz und Lebensklugheit eines Briefs heranzureichen, die ein Schulmädchen an ihre Busenfreundin schreibt. Das Warten auf Shakespeare per Computer ist ein Warten auf Godot.