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Samstag, 28. Februar 2015

Beratersprech: Wenn Textbausteine und Schablonen das eigenständige Denken ersetzen

Von Ralf Keuper

Wohl jeder Berufsstand bildet mit der Zeit sprachliche Gewohnheiten heraus, die für Außenstehende nur schwer verständlich sind. Genannt sei der Ärztestand, der schon berüchtigt für seine schwer leserlichen, häufig ins Fachlatein abgleitenden Befunde ist. Ähnliches gilt für die Juristen, und auch im Handwerk bedient man sich spezieller Begriffe und Redewendungen. Warum also sollen Berater nicht auch ihren eigenen Sprachstil entwickeln?

Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. 

So haben die Berater eine Sprache kreiert, die gemeinhin als "Beratersprech" tituliert wird; ein schwer verdauliches Gemisch aus Anglizsmen und Phrasen, die von fast allen Angehörigen dieses Berufsstandes wie im Schlaf beherrscht werden. Novizen erlernen die Sprache, sofern sie sie nicht schon während des Studiums aufgesogen haben, binnen kürzester Zeit. Und so verwundert es dann auch nicht mehr, wenn man bei einem Blick in die diversen Beiträge aus der Hand von Beratern auf dieselben Textbausteine und Schablonen stösst. Schon gleich nach der Problemschilderung, die manchmal sogar erste Ansätze eigenständigen Denkens erkennen lässt, greift der Autor, die Autorin auf die bewährten Bausteine zurück. Fortan ist die Rede von Kostensenkungen, die dringend zur Sicherung oder Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit erforderlich seien, wie überhaupt die gesamten Prozesse auf den Prüfstand gehören, und, so noch nicht erfolgt, standardisiert werden müssen. Nur auf diese Weise, durch Normierung, könne die Organisation agil auf das sich verändernde Marktumfeld reagieren. Wieso gerade Standardisierung und Vereinheitlichung eine Organisation agiler machen und - nicht zu vergessen - zu bahnbrechenden Innovationen ermutigen soll, bleibt ein Rätsel - nicht nur der Wissenschaft, sondern wohl auch der Lebenspraxis. Ein Gemisch wirrer, sich widersprechender Gedanken, die einen Denkstil offen legen, für dessen Erwerb ein Studium, ganz gleich ob als Bachelor oder Master, reine Zeit- und Geldverschwendung - kurzum: in hohem Maß ineffizient ist. 

Freilich: Einheitsdenken und Denkkollektive gibt es auch unter philosophischen, ökonomischen und historischen Schulen (von den sog. Qualitätsmedien ganz zu schweigen), man denke nur an die Heideggerianer und Hegelianer. Im Vergleich dazu sind die aus der Anwendung von Beratersprech resultierenden Kollateralschäden, selbst wenn die Ratschläge in die Praxis umgesetzt werden, noch moderat. Das entbindet die Zunft jedoch nicht davon, ein reflexives Verhältnis zur eigenen Sprach- und Denkweise zu entwickeln. Wie anders will man zu für den Kunden wertvollen Einsichten und Ratschlägen gelangen? Ohne originäres Denken ist keine wirkliche Innovation möglich. Darüber können auch seitenlange Abhandlungen, welche den Lesern bzw. den potenziellen Kunden die Vorzüge von Innovationen nahe bringen wollen, nichts ändern, zumal dann, wenn sie alle dieselbe Schablone verwenden.

Ein Phänomen, das so neu nicht ist. So beklagte Walther Rathenau, dem selbst der Ruf vorauseilte, ein Denkautomat zu sein, in seiner Schrift "Von den kommenden Dingen" im Jahr 1916:
Schon heute, zunächst in Politik und Wirtschaft, sodann in Technik und Wissenschaft, übermüdet das Überangebot intelligenter, versagt der Bestand intuitiver und charaktervoller Kräfte. Der Intellekt beginnt selbstverständliche Voraussetzung zu werden, wirksam bleibt nur die Erhöhung, die ihm durch die edlere Komponente zuteil wird. Es treten die angeborenen Kargheiten der Intelligenz zutage; die unerträgliche Ähnlichkeit alles dessen, was gedacht und getan wird, im Größten wie im Kleinsten, ebnet die Bahn für unerhörten Vorsprung Dessen, der Pelion auf Ossa türmt, der die Kraft des Verstandes durch Intuition überhöht.  
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Die "Königlich Deutsche Legion" als Vorbild für eine Unionsarmee?

Von Ralf Keuper

In seinem lesenswerten Buch Der längste Nachmittag. 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo regt Brendan Simms auf den letzten Seiten an, die Königlich Deutsche Legion, deren hartnäckige Verteidigung des Gehöfts La Haye Sainte während der Schlacht von Waterloo mitentscheidend für den Sieg über Napoleon war, zum Vorbild für eine gemeinsame europäische Armee zu nehmen.

Für Simms war die Abkehr von dem, wenn man so will, Kodex der Königlich Deutschen Legion, wie er in der Schlacht von Waterloo von dem Offizier Georg Baring in vorbildlicher Weise repräsentiert wurde, einer der Gründe für die spätere bedingungslose Aufopferungsbereitschaft deutscher Offiziere und Soldaten im ersten und zweiten Weltkrieg, deren trauriger Höhepunkt die Schlacht bei Stalingrad war. 

Für Simms sind Mut und Tapferkeit durchaus vereinbar mit Rationalität und Augenmaß und kein Freischein für Fatalismus:
Der Heldenmut der Garnison von La Haye Sainte war rational, nicht selbstmörderisch; sie kämpften zwar bis zur letzten Kugel, aber nicht bis zum letzten Mann. .. Baring .. opferte keinen seiner Männer aus Leichtsinn zugunsten der Ehre oder im Geist einer todesverachtenden Hybris.
Harry Graf Kessler schrieb in seinem Tagebuch nicht ganz ohne Grund sinngemäß: 
Die Engländer und Franzosen ziehen in den Krieg, um zu siegen, die Deutschen, um zu sterben.
Wahr daran ist, dass Engländer und Franzosen in der Geschichte eine deutlich geringere Neigung gezeigt haben, auch noch so aussichtslose Kämpfe bis zum bitteren Ende durchzufechten, wie das die Deutschen nur allzu oft vorgemacht haben - und das nicht nur in Stalingrad, sondern auch in eher peripheren Kampfplätzen von untergeordneter Bedeutung, wie im Kurland. Ein strategischer Rückzug, um die Truppen zu retten und neu zu formieren, galt als unehrenhaft. Starrsinn statt kluge Weitsicht. 

Aber auch die englische Militärführung war nicht immer frei von Starrsinn, wie während des ersten Weltkriegs, als sie in der Somme-Schlacht mehrfach Sturmangriffe auf die deutschen Stellungen befahl, in deren Verlauf tausende englische Soldaten von deutschen MGs niedermäht wurden. Nicht umsonst spricht man von dem blutigsten Tag der britischen Geschichte. Ein Grund dafür, weshalb der erste Weltkrieg im kollektiven Bewusstsein der Briten bei weitem nicht in so hohem Ansehen steht, wie der zweite. 
Die Franzosen unter General Petain haben während des Ersten Weltkrieges bei der Schlacht um Verdun, anders als die Deutschen, deren Befehlshaber von Falkenhayn von der "Blutpumpe Verdun" sprach, die Truppen in regelmäßigen Abständen ausgetauscht. 

Ähnlich fatalistisch wie die deutsche Militärführung im 2. Weltkrieg war die japanische, wofür nicht nur die berühmt-berüchtigten Kamikaze-Flieger stehen. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte der Zen-Buddhismus mit seiner betont anti-intellektuellen Haltung. Ganz anders dagegen die Chinesen, die nicht darauf aus sind, den Gegner vollständig zu vernichten, und schon gar nicht selbst vernichtet zu werden. 

Wie auch immer. Die Gedanken von Simmens verdienen es, näher betrachtet zu werden. Die Königlich Deutsche Legion war, als Teil der britischen Armee, auch von deren Kampfstil geprägt, was wohl der entscheidende Grund für ihre Haltung gewesen sein dürfte.

In dieser Tradition stand in gewisser Hinsicht das Infanterie Regiment Nr. 9 in Potsdam, aus dem ungewöhnlich viele Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime hervorgingen.

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Freitag, 27. Februar 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #3

Von Ralf Keuper

Erneut eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft, die in mir in den letzten Tagen und Wochen aufgefallen sind:

Dienstag, 24. Februar 2015

Hochschulwatch: Verflechtung von Wissenschaft und Wirtschaft

Von Ralf Keuper

Die aktuelle Veröffentlichung der Initiative Hochschulwatch, wonach die Wirtschaft Universitäten und Fachhochschulen jährlich mit insgesamt 1,3 Milliarden Euro fördert, sorgt für Diskussionen, wie im Deutschlandfunk in dem Gespräch Gefährden Stiftungsprofessuren und private Drittmittel die Forschungsfreiheit?

Strittig ist dabei vor allem die Frage nach den Vertragsinhalten zwischen den Hochschulen und den Unternehmen/Stiftungen, die nicht immer vollständig offen gelegt werden, u.a. mit dem Hinweis auf den Wettbewerbsschutz. Nur - wie es in der Diskussion auch zur Sprache kommt: Was hat Forschung, die der Geheimhaltung unterliegt, an öffentlichen Hochschulen zu suchen?

Dass die Verflechtung von Wissenschaft und Wirtschaft nicht ganz unproblematisch ist, zeigt aktuell der Fall des als Leugner des menschengemachten Klimawandels bekannt gewordenen des US-Astrophysikers Willie Soon, dessen Studien von der Energiewirtschaft finanziert wurden, ohne dass Soon dies kenntlich gemacht hat. 

Ganz abgesehen von der Frage nach der Freiheit der Forschung, liegt das Problem von Drittmitteln auch darin, dass dadurch die Pfadabhängigkeit einer Volkswirtschaft verstärkt werden kann, indem z.B. die Gelder in Anwendungen gehen, deren Innovationsgrad gering ist, wie bei den sog. inkrementellen Innovationen. Das ist gerade in Deutschland ein weit verbreitetes Phänomen bzw. Problem. 

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Sonntag, 22. Februar 2015

Echte Wissenschaft kennt keinen Tiefsinn (Edmund Husserl)

Tiefsinn ist ein Anzeichen des Chaos, das echte Wissenschaft in einen Kosmos verwandeln will, in eine einfache, völlig klare, aufgelöste Ordnung. Echte Wissenschaft kennt, soweit ihre wirkliche Lehre reicht, keinen Tiefsinn. Jedes Stück fertiger Wissenschaft ist ein Ganzes von den Denkschritten, deren jeder unmittelbar einsichtig, also gar nicht tiefsinnig ist. Tiefsinn ist Sache der Weisheit, begriffliche Deutlichkeit und Klarheit Sache der strengen Theorie.  .. Unsere Zeit will nur an "Realitäten" glauben. Nun, ihre stärkste Realität ist die Wissenschaft, und so ist die philosophische Wissenschaft das, was unserer Zeit am meisten Not tut. Wenn wir uns aber, den Sinn unserer Zeit deutend, diesem großen Ziele zuwenden, so müssen wir uns auch klar machen, dass wir es nur in "einer" Weise erreichen können, nämlich wenn wir mit dem Radikalismus, der zum Wesen echter philosophischer Wissenschaft gehört, nichts Vorgegebenes hinnehmen, nichts Überliefertes als Anfang gelten und uns durch keinen noch so großen Namen blenden lassen, vielmehr in freier Hingabe an die Probleme selbst und die von ihnen ausgehenden Forderungen die Anfänge zu gewinnen suchen. 
Quelle: Wissenschaft und Weltanschauung, in: Edmund Husserl. Arbeit an den Phänomenen. Ausgewählte Schriften

Samstag, 21. Februar 2015

Fundstücke und andere Kuriositäten #3 - War Bismarck doch kein Genie?

Von Ralf Keuper

An Otto von Bismarck haben sich ganze Generationen von Historikern abgearbeitet. Zu den bekanntesten Biografien über den Eisernen Kanzler zählen die aus der Feder von Hans-Ulrich Wehler und Jonathan Steinberg
Trotzdem scheint es noch immer weiße Flecken zu geben, die eine tiefere Analyse zu erfordern scheinen, die wiederum Anlass für die Verfassung einer weiteren Biografie sind, wie die derzeit aktuellste von Christoph Nonn.

Nonn präsentiert Bismarck nicht als einsames politisches Genie, sondern sieht in ihm nur den Geburtshelfer der Geschichte. Nicht also habe Bismarck Geschichte gemacht, sondern ihr lediglich assistiert. Überhaupt falle die Bilanz Bismarcks, insbesondere was die Innenpolitik angeht, recht bescheiden aus. 

In der Süddeutschen Zeitung vom 20. Februar ist Stephan Speicher in Kein Genie durchaus geneigt, einigen der Thesen Nonns zu folgen bzw. ihnen eine gewisse Berechtigung zu bescheinigen. Die Gefolgschaft verweigert Speicher allerdings, wenn Nonn zu spekulativ argumentiert, z.B. was Bismarcks Staatsstreich-Pläne betrifft und sein Ziel, den Parlamentarismus über kurz oder lang abzuschaffen. Das geht Speicher dann doch zu weit, weshalb er zum Schluss seiner Besprechung schreibt:
Bismarck, so Nonn, war kein Genie, "stets eine Hebamme historischer Ereignisse". Aber ist die Hebammenkunst nicht in der Politik das Größte - alles, was darüber hinausgreift, schon Weltinbrandsetzung? 
Nicht allein in der Politik ist die Hebammenkunst von unschätzbarem Wert. Auch der eigentliche Begründer der westlichen Philosophie, Sokrates, war für seine Mäeutik bekannt und z.T. auch gefürchtet.  

Die Geschichte nahm dann eine dramatische Wendung, wenn Politiker oder Herrscher, wie Napoleon oder Hitler, glaubten, die Geschichte in ihrem Sinne formen zu können. Häufig waren Philosophen nur allzu gern bereit, die Größe, das Genie des Mannes ins Metaphysische zu überhöhen, wie Hegel, der in Napoleon auf dem Pferd den Weltgeist am Werke zu sehen meinte, oder Heidegger, der in seiner berüchtigten Rektoratsrede den "Führer" als Erlöser des deutschen Volkes feierte. 

Dann doch lieber eine Nummer kleiner. 

Was immer man gegen Bismarck sagen kann, Augenmaß besaß er. 

Freitag, 20. Februar 2015

Was ist Säkularisierung? (Carl-Friedrich von Weizsäcker)

Heute ist uns eine Bewusstseinsstufe zugänglich, auf der die historische Naivität derer, die ihren eigenen Standpunkt mit der absoluten Wahrheit gleichsetzen, verdampfen muss. Haben wir diesmal verstanden, so sind wir nicht schlechter dran, denn man wird von niemandem erwarten, dass er seine Urteile auf etwas anderes stützt als aus das, was er wissen kann. Wir begreifen nun nur unsere Aufgabe der ständigen Selbstkorrektur besser als zuvor. Sind wir freilich Philosophen, so werden wir uns fragen, ob wir einen Begriff von Wahrheit haben, der dieser Bewusstseinsstufe entspricht. Eine Philosophie, die leisten will, was diese Bewusstseinsstufe verlangt, wird vermutlich den Kreis der gegenseitigen Abhängigkeit unserer Begriffe mehrmals durchlaufen müssen ... Aber man darf die Analyse nicht vernachlässigen, und ich würde mich keiner weiteren Analyse der Geschichte gewachsen fühlen, wenn ich nicht zuvor die Begriffe unserer Wissenschaft, die Instrumente in der Werkstatt der modernen Rationalität, kritisch geprüft hätte.
Quelle: C.F. von Weizsäcker: Die Tragweite der Wissenschaft 

Donnerstag, 19. Februar 2015

Einige Anmerkungen zur Ontologie

Von Ralf Keuper

Seit der Antike hat die Ontologie einen festen Platz in der Philosophie. Bereits zu jener Zeit konkurrierten unterschiedliche Interpretationen des "Seins".  In der Philosophiegeschichte stehen hierfür die Positionen von Parmenides und Heraklit.

Die Haltung von Parmenides beschreibt Wilhelm Weischedel. Entscheidend war für Parmenides die Suche nach dem Sein. Weischedel zitiert Parmenides mit den Worten:
So bleibt nur Kunde von dem Wege, dass das Sein "ist" .
Daraus, so Weischedel, leitet sich die wesentliche philosophische Aussage des Parmenides ab:
Das Sein ist
Erläuternd fügt Weischedel hinzu:
Das klingt freilich recht formal. Gemeint ist aber mehr. Gemeint ist unter dem Begriff des Seins das, was bleibt, wenn das zweideutige Seiende, also die Dinge, ins Nichts hinabsinken. Gemeint ist das, was dann, wenn das uneigentliche Seiende, an das sich die Meinung hält, untergeht, das das Eigentliche Bestand hat. Gemeint ist das, was die einzige und alleinige, die wahre Wirklichkeit ist. (in: Die philosophische Hintertreppe)
Für Parmenides war das Sein nur als Ganzes denkbar. Dieses wiederum war nicht durch Gegensätze oder Konflikte gekennzeichnet. In ihm waltet das unteilbare Eine, das mit allem zusammenhängt. Ferner gilt, dass das Sein nicht vergänglich und in Bewegung, sondern statisch, in sich ruhend, und ewig ist. 
Anders als Parmenides, steht für Heraklit das Werden, die ständige Verwandlung im Vordergrund. Das Sein verharrt daher nicht in Unbeweglichkeit, sondern ist stets im Fluss. "Panta rhei - Alles fließt" ist wohl eine der berühmtesten Aussagen der Philosophie. 

Trotzdem, so Weischedel, gibt es zwischen Parmenides und Heraklit Überschneidungen:
Er (Heraklit) entdeckt vielmehr, dass im Bezogensein der Gegensätze aufeinander eine tiefere, diese haltende Einheit sichtbar wird. Er ist also nicht, wie die Tradition will, einfachhin der Philosoph des Werdens gegenüber Parmenides als dem Philosophen des Seins. Auch er dringt hinter die Ebene des Werdens zurück in die des Seins (ebd.)
Nach Ansicht einiger Philosophen hat sich an dem Stand der Diskussion über die Jahrhunderte kaum etwas geändert. Erst mit Martin Heidegger habe die Ontologie die alten Kategorien überwunden. Es schlug die Stunde der Fundamentalontologie

Auf den ersten Seiten in seinem Hauptwerk Sein und Zeit gibt Heidegger den Weg vor:
Das "Gefragte" der auszuarbeitenden Frage ist das Sein, das, was Seiendes als Seiendes bestimmt, das, woraufhin Seiendes, mag es wie immer erörtert werden, je schon verstanden ist. Das Sein des Seienden "ist" nicht selbst ein Seiendes. Der erste philosophische Schritt im Verständnis des Seinsproblems besteht darin, .. "keine Geschichte erzählen", d.h. Seiendes als Seiendes durch Rückführung auf ein anderes Seiendes in seiner Herkunft zu bestimmen, gleich als hätte Sein den Charakter eines möglichen Seienden. Sein als das Gefragte fordert daher eine eigene Aufweisungsart, die sich von der Entdeckung des Seienden wesenhaft unterscheidet. Sonach wird auch das Erfragte, der Sinn von Sein, eine eigene Begrifflichkeit verlangen, die sich weder wesenhaft abhebt gegen die Begriffe, in denen Seiendes seine bedeutungsmäßige Bestimmung erreicht. 
Das ist noch halbwegs verständlich. Auf den folgenden Seiten verschwimmen die Grenzen, die Heidegger in dem Zitat noch zieht, immer mehr. Er wird immer unklarer, was von ihm auch so beabsichtigt war. Wie so oft, erschließt sich die Gedankenwelt eines Philosophen erst durch das Werk eines seiner Schüler, wie in diesem Fall von Max Müller in dessen Buch Existenzphilosophie (dazu auch: Martin Heidegger. Briefe an Max Müller und andere Dokumente). Das transzendentale Sein eines (transzendenten) Gottes fällt für Heidegger nicht mehr in das Ressort der Philosophie. 

An Heideggers Fundamentalontologie ist von mehreren Seiten Kritik geübt worden, wie von Johannes Hirschberger:
Wahrheit ist nicht mehr die sich mit dem Seienden deckende Aussage, sondern das sich lichtende Sein selbst. Darin bestehe zugleich die Freiheit. Sie ist Geschehenlassen des Sich-entbergens und Sich-sammelns des Seins. Frage: Ist dann der Mensch frei oder das Sein? Ist die Person noch Person, wenn sie reiner Ausstand ist und nicht Selbstand? (in: Kleine Philosophiegeschichte)
Hirschberger bringt m.E. die Problematik der Heideggerschen Fundamentalonotologie gut zum Ausdruck. Freiheit des einzelnen, im Sinne von Verantwortlichkeit, Ethik, Transzendenz, kann es für Heidegger nicht geben bzw. kann kein Maßstab für das Handeln sein. Freiheit hängt allein von der Gnade des "Seins" ab. So gesehen überrascht die Anfälligkeit Heideggers für die NS-Ideologie nicht mehr. Wer immer sich als oberster "Hirte des Seins" für höhere Aufgaben empfiehlt und das mit großem rhetorischen Geschick zu begründen, zu suggerieren vermag, wie ein Führer, kann, muss sich dabei nicht, auf die Fundamentalontologie Heideggers berufen, die in ihrem Kern totalitär ist und auch nicht anders sein kann. Das Sein ersetzt das Gewissen. 
Das verbindet Heidegger übrigens mit Ernst Jünger und dessen "Totaler Mobilmachung" in der Schrift Der Arbeiter. In seinen Tagebüchern sinniert Jünger häufig über die "titanischen Kräfte", die den Weltlauf bestimmen würden, für die der einzelne letztlich nur ein willenloses Werkzeug ist. 

So schreibt Jünger in Der Arbeiter:
Denn das unverlierbare Erbteil des Einzelnen ist es, dass er der Ewigkeit angehört, und in seinen höchsten und unzweifelhaftesten Augenblicken ist er sich dessen völlig bewusst. Es ist seine Aufgabe, dass er dies in der Zeit zum Ausdruck bringt. In diesem Sinne wird sein Leben zu einem Gleichnis der Gestalt. 
Dem einzelnen bleibt nichts, als dem "Ruf des Seins" zu folgen, um so zu einem "Gleichnis der Gestalt" zu werden. Diese Sicht ist mit jedem totalitären Herrschaftssystem kompatibel. 

Ganz anders die philosophische Grundhaltung von Heideggers Antipoden, Ernst Cassirer, die Ernst Wolfgang Orth charakterisiert, indem er u.a. Cassirer zitiert:
"Das Sein ist hier nirgends anders als im Tun erfassbar". Damit verbindet Cassirer das Kantische und das Vicosche Motiv, d.h. er erkennt die ursprüngliche Einheit beider. Deshalb wird von ihm auch zunehmend statt von Vernunft und Verstand von Geist gesprochen - als dem Namen für den Träger und Akteur alles Weltverständnisses. Das Sein, die Wirklichkeit, die Welt - welcher Art immer - sind gemäß dieser Auffassung Kulturphänomene, Ergebnisse geistiger Aktivität. Es geht dabei gerade um einen gehaltlicheren Weltbegriff. "Die Philosophie der symbolischen Formen richtet ihren Blick nicht ausschließlich und nicht in erster Linie auf das rein wissenschaftliche, exakte Weltbegreifen, sondern auf alle Richtungen des Weltverstehens. Sie sucht dieses letztere in seiner Vielgestaltigkeit, in der Gesamtheit und in der inneren Unterschiedenheit seiner Äußerungen zu erfassen. Und immer zeigt sich, dass das Verstehen der Welt kein bloßes Aufnehmen, keine Wiederholung eines gegebenen Gefüges der Wirklichkeit ist, sondern dass es eine freie Aktivität des Geistes in sich schließt. Es gibt kein echtes Weltverständnis, das nicht in der Weise auf bestimmten Grundrichtungen, nicht sowohl der Betrachtung, als vielmehr der geistigen Formung, beruht (in: Ernst Cassirer. Symbol, Technik, Sprache)
Die nach meinem Dafürhalten interessantesten Gedanken zur Ontologie der "jüngeren" Zeit stammen von Nicolai Hartmann. In Neue Wege der Ontologie schreibt Hartmann:
Der Weg der neuen Ontologie stellt sich so als Kategorialanalyse dar - ein Verfahren, das weder in Induktion noch in Deduktion aufgeht, weder aus rein aposteriorischer noch aus rein apriorischer Erkenntnis bestritten wird. Es setzt die ganze Breite der Erfahrung voraus, sowohl der des Alltags und des praktischen Lebens, als auch der wissenschaftlichen. Ja, man kann hinzufügen, es setzt auch die philosophische Erfahrung voraus, diejenige nämlich, welche in dem geschichtlichen Gange menschlicher Denkarbeit als eine lange Reihe von Versuchen, Fehlschlägen und Selbstkorrekturen verzeichnet ist. Diese ganze Summe gemachter Erfahrungen bildet die Ausgangsebene des Gegebenen, wobei die Einschläge kritischen Wissens um ihre eigenen Unsicherheitsexponenten durchaus mit einzurechnen sind und in gewisser Hinsicht das Wichtigste bilden.
Von Kritik im Sinne Hartmanns liest man bei Heidegger und seinen Schülern, wie Gadamer, erstaunlich wenig. Wenn, dann nur im ästhetischen Sinn oder mit stark kulturpessimistischem Unterton. 

Wiederum anders die Haltung von Karl Japsers der Ontologie gegenüber, die er unter der Überschrift Existenzerhellung ist keine Ontologie zusammenfasste: 
Da aber Existenz nicht als Objekt und nicht als objektiviertes Subjekt sein kann, sondern Ursprung bleibt, der in Subjektivität und Objektivität nur appellierend zu erhellen ist, so würde Existenzerhellung vereitelt, wenn sie sich als ontologische Lehre entwickelte.(in: Karl Jaspers: Philosophie II. Existenzerhellung)

Moskaus indirekte Strategie (Ferdinand Otto Miksche)

Von Ralf Keuper

In letzter Zeit stößt man im Netz häufiger auf die Bemerkung, dass Russlands "Grand Strategy" im Ukraine-Konflikt aufzugehen scheint. Eng mit diesem Konzept verwandt ist die Indirekte Strategie bzw. der Indirekte Ansatz, der vor allem durch den britischen Militärhistoriker Basil Liddell Hart bekannt wurde. 
Der Militärschriftsteller Ferdinand Otto Miksche griff in seinem Buch Moskaus indirekte Strategie. Erfolge und Niederlage, das 1983 erschien, die Gedanken Liddell Harts auf. Die Idee zur Landung der Alliierten in der Normandie stammt übrigens, neben den Amerikanern, von Miksche, der zu der Zeit im Stab de Gaulles für die Invasionspläne zuständig war. 

In den Jahren danach wurde Miksche zwar nicht zu einem "Falken", wohl aber zu einem entschiedenen Kritiker der Außen- und Geopolitik der damaligen Sowjetunion. Die Position des Westens der Sowjetunion gegenüber, hielt Miksche für zu weich. Westliche Regierungen seien anfällig für die taktischen Manöver der russischen Führung. Immer wieder würden sie den Russen und deren Verschleierungstaktik auf den Leim gehen:
Das Rezept dieser im Rahmen der indirekten Strategie geführten "Salamitaktik" ist nicht neu. Die Russen sind bekanntlich die besten Schachspieler, die sowohl im Denken als auch im Handeln den Westmächten weit voraus sind. Mit zäher Beharrlichkeit und Bauernschläue betreiben sie seit Jahrzehnten dasselbe Spiel, das auf den Kundigen bereits ermüdend wirkt. Ihre Manöver, Vorschläge zur Schaffung von neutralen oder atomfreien Zonen, um nur einige zu nennen, wiederholen sich regelmäßig, wenn auch das ideologische Dekorum stets mit neuen Farben auflackiert wird. 
Erstaunlich ist, wie leicht der Westen immer wieder auf die gleichen Tricks der Sowjets hereinfällt. Meisterhaft versteht es sowjetische Diplomatie, die innenpolitischen Zwangslagen demokratischer Regierungen, besonders bei bevorstehenden Wahlen auszunutzen.
Miksche zitiert im weiteren Verlauf Karl Marx, der in der New York Dailiy Tribune den Beitrag The Eastern Question verfasste. Darin schrieb Marx:
Indem Russland auf die Feigheit und Furcht der europäischen Höfe .. zählt, spielt es den Haudegen und überspannt seine Forderungen so weit wie möglich, um sich später großmütig mit den nächstliegenden Zielen zufrieden zu geben
Worte, die auch im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise häufiger fallen.

Als weiteren Beleg für seine These zitiert Miksche aus dem Nachruf auf Leonid Breschnew in der Prawda aus dem Jahr 1975. Ganz im Sinne Lenins verfolgte auch Breschnew unter dem Deckmantel des "antimperialistischen Kampfes" eine Expansionspolitik: 
Bereit zu sein, Lagen zu jeder Zeit und in jeder Form des Kampfes, ob friedlich oder nicht friedlich, ob legal oder illegal, auszunutzen. Der Sieg der Arbeiterklasse wird davon abhängen, inwieweit sie und ihre kommunistische Partei alle Kampfformen beherrschen und ob sie Lageänderungen gemäß zu blitzschnellem Umstellen der Taktik bereit und fähig sind. 
Glücklicherweise sind viele Szenarien, die Miksche für die Jahre nach 1983 für sehr wahrscheinlich hielt, nicht eingetreten. Die Sowjetunion brach auseinander. Ihre geopolitischen Ambitionen kann Russland - so jedenfalls - nicht weiter führen. 

Was von den Überlegungen Miksches ist auch heute gültig? Handelt die heutige russische Führung nach den Methoden der Indirekten Strategie im Sinne Miksches? Machen wir es uns damit nicht zu einfach? Oder handelt es sich schlicht um das gängige Vorgehen auf der weltpolitischen Bühne, das nicht nur die Russen beherrschen?

Wer auf der Suche nach Antworten ist, sollte m.E. regelmäßig bei Frank Lübberding und seinem Blog Wiesaussieht vorbeischauen und sich z.B. den Beitrag Wie man den Krieg verhindert durchlesen. Lübberding ist für mich einer der profundesten Kenner auf dem Gebiet der Außen- und Geopolitik. 


Dienstag, 17. Februar 2015

In Lübeck beginnt die "kritische Rekonstruktion" der Innenstadt

Von Ralf Keuper

Erfreuliche Neuigkeiten aus Lübeck, der "Königin der Hanse". Wie Till Briegleb in der SZ vom 16.02.2015 in Die Zukunft des Giebelhauses schreibt, hat die Stadt Lübeck mit dem Wettbewerb Gründungsviertel ein Signal mit bundesweiter Wirkung gesendet. 

Damit legt die Hansestadt ein Bekenntnis zur Kritischen Rekonstruktion ab, ein Begriff aus der Architekturtheorie, der von Josef Paul Kleihues geprägt wurde. Der "vollständige Bruch mit der historischen Altstadtstruktur" nach dem Krieg sei eine "Fehlentwicklung und erheblicher Störfaktor", so die Stadt.  

An der Ausschreibung nahmen 133 Architekturbüros aus ganz Europa teil. Die 14 siegreichen Entwürfe können in dem neuen Stadtviertel ohne zusätzliche Genehmigung realisiert werden. Nicht weniger als ein neues historisches Bewusstsein für den Städtebau zu befördern, ist das erklärte Ziel der Stadt. 

Dass die Stadt Lübeck damit richtig liegt, beweist der Wiederaufbau des Prinzipalmarktes in Münster nach dem 2. Weltkrieg. Eine weisere Entscheidung ist von der Bürgerschaft Münsters selten gefällt worden. 

In diesem Punkt muss ich Hermann Lübbe zustimmen, der in den Westfälischen Nachrichten vom 03.05.2000 schrieb:
Hier gab es noch einen unbeschädigten Bürgersinn ... Münster hat gezeigt, wie man's machen muss. Die münstersche Ablehnung modernistischer Tabula-rasa Architektur zu Gunsten eines historisierenden Aufbaus zeigt aber keine Rückwärtsgewandtheit und Zukunftsscheu. In Münster spiegelte sich die Erfahrung von Kontinuität. Und Bedeutung sowie Interesse an diesen dauerhaft wirkenden Herkunftsbeständen nimmt in einer Zeit sich rasant verändernder Lebenswelten zu, so dass die auch dem Erstbesucher dieser Stadt auffällige Herkunftstreue Münsters die Verheißung hat, ein Indiz von besonderer Zukunftsfähigkeit zu sein. (in: Münster. Wiederaufbau und Wandel. Mit 500 Abbildungen, von Bernd Haunfelder)


Montag, 16. Februar 2015

"Einführung in die Wissenschaftstheorie" von Elisabeth Ströker

Von Ralf Keuper

Einführung in die Wissenschaftstheorie von Elisabeth Ströker zählt für mich zum Besten, was zu diesem Thema in deutscher Sprache bisher veröffentlicht wurde. Auf gerade mal 135 Seiten schafft sie es, die Grundzüge der Wissenschaftstheorie herauszuarbeiten, ohne sich dabei auf eine bestimmte Position festzulegen, was wiederum nicht als Opportunismus zu werten ist. Erst zum Schluss lässt Ströker erkennen, welcher Richtung sie den Vorzug gibt.
Ströker ist stark von der Phänomenologie Edmund Husserls beeinflusst, was nicht verwundert, stand sie doch als Direktorin dem Husserl-Archiv der Universität Köln vor. Dennoch handelt es sich hier nicht um einen phänomenologischen Aufguss Husserlscher Prägung.

In der Einleitung schreibt Ströker über ihr Verständnis von Wissenschaftstheorie:
Es mag auf den ersten Blick naheliegen, als zuverlässigste Quellen für ihre Informationen die methologischen Äußerungen der Wissenschaftler anzusehen. Indessen hat die Wissenschaftsgeschichte in mehr als einem Falle gezeigt, dass solche Quellen, wo sie nicht überhaupt nur spärlich fließen und bald wieder versiegen, allzu leicht ein nur trübes und nicht selten sogar verfälschtes Bild der Wissenschaft geben. Sicheres und erfolgreiches Fortschreiten in der Wissenschaft hat sich nicht allem mit einem gänzlichen Mangel an Reflexion auf ihre Methoden von seiten der Wissenschaftler, sondern sogar auch mit deren gänzlich inadäquater Beschreibung als durchaus vereinbar erwiesen. Der Wissenschaftstheoretiker wird also keinesfalls nur aus Gründen unzureichenden Umfangs und mangelnder Genauigkeit wissenschaftlicher Selbstmitteilung auf diese allein nicht hören dürfen. Es kann ihm nicht erspart bleiben, dem Wissenschaftler auch bei seiner Arbeit selbst zuzuschauen - weniger darauf achtend, was dieser über sein Tun sagt, als vielmehr darauf, wie es tatsächlich beschaffen ist. Zu ihm aber gehört eine auslösende Fragestellung, die nicht allein aus einem größeren Problemzusammenhang heraus zu begreifen ist, sondern deren Sinnverständnis auch die Kenntnis bereits erworbener, jedoch in der Regel nicht mehr explizit formulierter, weil längst selbstverständlich gewordener Problemlösungen voraussetzt. Deshalb wird für den Wissenschaftstheoretiker ein gewisses Maß an spezifischer wissenschaftlicher Fachkompetenz unerlässlich, will er sich nicht dem berechtigten Vorwurf wissenschaftlichen Räsonnierens aussetzen.  ...
Methoden, so gründlich sie auch als solche analysiert zu werden verlangen, sind gleichwohl nichts für sich selbst, sondern sind Mittel zur Behandlung bestimmter Sachfragen. Die "Sache" aber, um die es geht, ist nicht nur gebietsmäßig in den verschiedenen Wissenschaften und Wissenschaftsgruppen jeweils als solche eine andere; sie enthält auch in der Art ihrer wissenschaftlichen Befragung Rückverweisungen auf das fragende Subjekt. Weit davon entfernt, ihm einfach vorgegeben zu sein, als sei sie vor aller Problemfassung schon da und als nähme das Subjekt nur gleichsam nachträglich eine gegen sie selbst gleichgültige Beziehung auf, um zu erkennen, wie sie "an sich" beschaffen ist, erweist sich bei näherem Hinsehen vielmehr die Sache selbst als durchaus abhängig von der Art der Fragestellung und ihrer wissenschaftlichen Behandlung. Diese hinwiederum richtet sich, obzwar auf die Sache, so doch nicht allein nach ihr, sondern rückt in sie in einen Horizont des Interesses. Die Bildung von Interessenperspektiven, die Festlegung von Sichtweisen für eine bestimmte Gegenständlichkeit mit ihren prinzipiellen Möglichkeiten der Ergänzung und Abwandlung ist aber ein Vorgang, in dem die Wissenschaftler nicht bloß passive Zuschauer eines von ihnen unabhängig sich abspielenden Geschehens sind, sondern bei dem sie sich äußerst aktiv verhalten. 
Insbesondere die letzten Sätze zeigen eine enge Verwandschaft der Wissenschaftstheorie Strökers mit der von Ludwik Fleck.

Für gelungen halte ich auch die Kritik Strökers an Poppers Falsifikationsprinzip. Zwar lehnt sie Poppers Kritischen Rationalismus nicht gänzlich ab, macht aber auf einige grundlegende Defizite aufmerksam.

Warum sie das Falsifikationsprinzip in der Auslegung Poppers für zu streng und in gewisser Weise sogar für fortschritts- und wissenschaftsfeindlich hält, erläutert Ströker wie folgt:
Man muss, um das zu sehen, nicht einmal darauf hinweisen, dass im wissenschaftlichen Alltag eine Vielzahl von Verfahren praktiziert werden, die nichts von einem Bemühen um Falsifizierung und nicht einmal von kritischer Prüfung zeigen, ja es nicht einmal als sinnvoll erscheinen lassen. So enthält etwa die Wissenschaft allenthalben Problemgebiete, deren Theoretisierung noch gar nicht weit genug fortschritten ist, um hier bereits an kritische Prüfungen denken zu lassen, ohne dass man ihre Bearbeitung deswegen als unwisenschaftlich, ihre Ergebnisse als nicht gültig würde verwerfen können. Auch scheint Popper als selbstverständlich vorauszusetzen, dass die Wissenschaft einen in jeder ihrer Entwicklungsphasen und in allen ihren Gegenstandsbereichen völlig eindeutigen und logisch klaren Zusammenhang von Sätzen bildet, dessen Systematik grundsätzlich durchschaubar ist, dessen Verästelungen und Verknüpfungen jedenfalls nach strengen, methologisch einsichtigen und stets rationaler Kritik standhaltenden Prinzipien herstellbar wie auch eventuell auflösbar sind und die speziell auf eine Ordnung verweisen, welche sich bestenfalls in einem geschlossenen System finden ließe. Dass die Wissenschaft eine solche Systematik anstrebt und sie an einzelnen Stellen auch erreicht hat, ist so wenig bestreitbar, wie es unzweifelhaft eine wissenschaftstheoretische Fiktion ist, zu meinen es spiegele ein "fertiges" Satzsystem auch den langwierigen Forschungsprozess wider, in dem er gewonnen wurde. 
Irgendwie gewinnt man mit Blick auf die Debatte um das Für und Wider der Wissenschaftskommunikation den Eindruck, dass sich der Diskurs über die Bedeutung der Wissenschaftstheorie seitdem, das Buch erschien 1973, kaum weiter entwickelt hat. 

Ironischer- bzw. tragischerweise war Elisabeth Ströker selbst Hauptfigur in einem der ersten Plagiatsfälle, über den die Medien damals (1990 und später) berichteten. Dabei ging es um ihre Dissertation aus dem Jahr 1953. 

Das sollte hier nicht unerwähnt bleiben. 

Fast zeitgleich hat Björn Haferkamp auf seinem Blog das Buch Wissenschaftstheorie zur Einführung von Martin Carrier vorgestellt. 

Samstag, 14. Februar 2015

Das Automobil - vom Abstieg eines Superstars

Von Ralf Keuper

Das Auto ist bekanntlich der Deutschen liebstes Kind. Auch das der Kanzlerin, wie generell der Bundesregierung und zahlreichen Landesregierungen häufig nachgesagt wird, der Automobil- und Zulieferindustrie besondere Aufmerksamkeit teilhaftig werden zu lassen. Derweil, so einige Kritiker, verpasse Deutschland den Anschluss an die technologische Entwicklung, wie im Bereich der Digitalisierung. 
Erst vor einigen Wochen konnten Kommentatoren ihr Entzücken kaum unterdrücken, als Daimler auf der CES in Las Vegas sein Modell eines selbstfahrenden Autos vorstellte
Kritiker sehen darin nur den - verständlichen, aber letztlich vergeblichen - Versuch, die Prinzipien des Individualverkehrs in die Digitalmoderne zu überführen. An dem (Premium-)Auto als Statussymbol, das sich die meisten eh nur noch per Finanzierung und/oder als Firmenwagen leisten können, wird nicht gerüttelt.
Wären mittlerweile nicht andere, branchenfremde Unternehmen dabei, in den Markt für selbstfahrende Automobile einzudringen, dürfte die Strategie der Massen- und Premiumhersteller auch künftig aufgehen. 
Allein, die Zeichen mehren sich, dass das Mobilitätsverhalten der Menschen sich grundlegend zu wandeln beginnt. Das Auto als Statussymbol genießt unter den heranwachsenden Generationen keinen allzu hohen Stellenwert mehr. 

Für Gerhard Matzig ist die Krise des Autos auch die seiner Ästhetik, wie er in der Süddeutschen Zeitung vom 14.11.2014 in Fahr zur Hölle schreibt:
Das Auto könnte heute, der Erfolg der Hybrid-Modelle und der Elektromobilität bleibt ungewiss, an sein Ende gekommen sein - 128 Jahre nachdem Carl Benz den Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 wie eine Kutsche aussehen ließ. Zu Ende ist jedenfalls die Faszination. Die Magie. Der Sex. Neuauflagen von Bildbänden wie "Cars & Girls", auf denen sich Mädchen in delirierender Absicht auf der Motorhaube eines 280 SL oder eines 911ers winden, bezeugen die Erosion eines Zeitalters. ...
Die Kundenbetreuer sind geschult darin, dem Abholer zu einem emotionalen Klick zu verhelfen. Warum? Weil die Autos von heute das auch dringend brauchen. Sie sind nicht ansehnlich genug, um aus eigener Kraft zu überzeugen. Die lachhaften Tricks der Autohäuser sind so tragisch wie der Sprühglanz auf Felgen und Rädern, der so schnell verblasst. Tatsächlich steckt das Car-Design in seiner bisher tiefsten Sinn-Krise. Gerade auch in Deutschland.

In einem Interview im Jahr 2013 erwähnte der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer Google und seine Bestrebungen, im Markt für selbstfahrende PKW Fuss zu fassen, mit keinem Wort. Freilich: Er wurde auch nicht danach gefragt.

Johann-Günther König hält den Traum einer Autogesellschaft ohnehin für ausgeträumt, wie er in seinem Buch Die Autokrise schreibt. In seinem Buch Die Geschichte des Automobils hat er nach Ansicht eines Rezensenten einen weiteren Abgesang auf das Automobil vorgelegt.  

Erst kürzlich ließ Daimler-Chef Zetsche wissen, dass Google vielleicht die Automobilindustrie "disrupten" könne, kaum aber zu einem Massenhersteller aufsteigen dürfte. Soeben gesagt, da kommt die Meldung, dass Apple ebenfalls mit dem Gedanken spielt, in das Automobilgeschäft bzw. in das Geschäft mit der Mobilität einzusteigen. Daneben scharren schon diverse Telekommunikationskonzerne, wie SoftBank, und Internetkonzerne wie Baidu, Alibaba und Tencent mit den Hufen. Konsequent, wenn man bedenkt, dass das Auto inzwischen eine mobile Kommunikations- und Medienplattform geworden ist. Klaus Stricker, Autoexperte bei Bain, rät den Autobauern schon jetzt, sich zu verbünden, wenn sie auf Dauer noch eine Chance gegen Apple, Google & Co. haben wollen. 

Die genannten Herausforderer sind übrigens bisher nicht damit aufgefallen, sich auf Nischenmärkte zu konzentrieren. 

Weitere Informationen:





































Zu Philosophen werden wir nicht durch Philosophien (Edmund Husserl)

Aber zu Philosophen werden werden wir nicht durch Philosophien. Am Historischen hängenbleiben, sich daran in historisch-kritischer Betätigung zu schaffen machen und in eklektischer Verarbeitung oder in anachronistischer Renaissance philosophische Wissenschaft betreiben zu wollen: das gibt nur hoffnungslose Versuche. Nicht von den Philosophien, sondern von den Sachen und Problemen muss der Antrieb zur Forschung ausgehen. Philosophie ist aber ihrem Wesen nach Wissenschaft von den wahren Anfängen und Ursprüngen .. . Die Wissenschaft vom Radikalen muss auch in ihrem Verfahren radikal sein, und das in jeder Hinsicht. Vor allem darf sie nicht ruhen, bis sie ihre absolut klaren Anfänge, d.i. ihre absolut klaren Probleme, die im eigenen Sinn dieser Probleme vorgezeichneten Methoden und das unterste Arbeitsfeld absolut klar gegebener Tatsachen gewonnen hat. Nur darf man sich nirgends der radikalen Vorurteilslosigkeit begeben und etwa von vornherein solche Sachen mit empirischen Tatsachen identifizieren, also sich gegenüber den Ideen blind stellen, die doch in so großem Umfang in unmittelbarer Anschauung absolut gegeben sind. 
Quelle: Wissenschaft und Weltanschauung, in: Edmund Husserl: Arbeit an den Phänomenen. Ausgewählte Schriften, hrsg. von Bernhard Waldenfels

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #2

Von Ralf Keuper

Hier eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft, die in mir in den letzten Tagen und Wochen aufgefallen sind:

Wissenschaft und Forschung
Philosophie

Dienstag, 10. Februar 2015

Der Club der Erasmier

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Versuchungen der Unfreiheit - Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung bezeichnete Ralf Dahrendorf Intellektuelle, die auch in Zeiten der Bedrängnis und des Totalitarismus an ihren freiheitlich-liberalen Überzeugungen festgehalten haben, in Anlehnung an Erasmus von Rotterdam, als "Erasmier". 

Dahrendorf beginnt das Kapitel Erasmus von Rotterdam war Vorbote der liberalen Tugenden mit den Worten:
Das ist es also, was man braucht, um den Versuchungen der Unfreiheit zu widerstehen: die Fähigkeit, sich auch wenn man allein bleibt nicht vom eigenen Kurs abbringen zu lassen; die Bereitschaft, mit den Widersprüchen und Konflikten der menschlichen Welt zu leben; die Disziplin des engagierten Beobachters, der sich nicht vereinnahmen lässt; die leidenschaftliche Hingabe an die Vernunft als Instrument der Erkenntnis und des Handelns. Das sind Tugenden, Kardinaltugenden der Freiheit.
Erasmier par excellence waren für Dahrendorf:
  • Karl R. Popper
  • Isiaah Berlin
  • Raymond Aron
  • Leszek Kolakowski 
und mit leichten Abstrichen
Wie alle Listen, so kann auch diese für sich nicht beanspruchen, vollständig zu sein. Persönlich würde ich hinzufügen:
und noch weitere, vor allem jene, die nicht zum Kreis der Intellektuellen zählten.

Keineswegs nämlich haben sich Intellektuelle gegenüber den Versuchungen der Unfreiheit als immun erwiesen. Prominenteste Beispiele sind Martin Heidegger, Carl Schmitt und Georg Lukács.

Kolakowsk schrieb zu diesem Phänomen:
Was immer die Erklärung ist, man kann überzeugt sein, dass jede religiöse oder soziale Bewegung, mag sie auch den aggressivsten Anti-Intellektualismus predigen, begeisterte Unterstützung durch einige Intellektuelle finden wird, die in der bürgerlichen Zivilisation des Westens groß geworden sind und deren Werte ostentativ verwerfen, um sich der Herrlichkeit gesunder Barbarei zu beugen (in: Leben trotz Geschichte)
Sicher: Die Philosophie der Lebenskunst bleibt ein zentrales Anliegen der Philosophie. Insofern kann ich Björn Haferkamp in seinem aktuellen Beitrag Die Kunst zu leben – Die Aktualität der antiken Philosophie nur zustimmen. 
Allerdings werden diese Denkschulen dann zum Problem, wenn sie für sich beanspruchen, Antworten für alle Lebenslagen bereit zu halten. 

Nachdenkenswert auch folgende Worte Karl Poppers:
Es gibt eine Tradition, eine ungeheuer starke Tradition der intellektuellen Unbescheidenheit und Unverantwortlichkeit. Ich habe ungefähr im Jahre 1930 einen Spaß gemacht: Ich habe gesagt: Viele der Studenten gehen an die Universität nicht mit der Einstellung, dass da ein großes Reich des Wissens ist, von dem sie vielleicht ein kleines Stück erfassen können, sondern sie gehen an die Universität um zu lernen, wie man unverständlich und eindrucksvoll redet. Das ist die Tradition des Intellektualismus. .. Es gibt eine Tradition an den Universitäten, die diese Einstellung legitimiert, und das ist die Tradition, die man mit dem Wort Hegelianismus bezeichnen kann. Hegel wird besonders in Deutschland ungeheuer bewundert. Die Leute glauben ganz ernsthaft, dass Hegel ein großer Philosoph war, weil er große Worte gemacht hat. Und das ist diese unerhörte intellektuelle Unbescheidenheit, die unter den Intellektuellen grassiert.  ... Wir müssen uns immer wieder klar machen, wie ungeheuer viel wir nicht wissen. Und es ist vor allem die Wissenschaft, die uns lehrt, was wir nicht wissen. Und wir sollen vor allem die Wissenschaft in dem Sinn ansehen, dass sie uns überall zu Grenzen führt, wo wir sehen: Ja, wir wissen eigentlich noch gar nichts. (in: Karl R. Popper/Konrad Lorenz: Die Zukunft ist offen)
Wenn es einer in der Lebenskunst zu fast höchster Vollendung gebracht hat, dann wohl Michel de Montaigne, von dem Stefan Zweig einmal sagte:
Montaigne hat das schwerste Ding auf Erden versucht: sich selbst zu leben, frei zu sein und immer freier zu werden. 
In dem Zusammenhang ebenfalls lesens- und erwähnenswert: Castellio gegen Calvin: Ein Gewissen gegen die Gewalt von Stefan Zweig