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Mittwoch, 29. April 2015

Einige Bemerkungen zur "Weltgeltung" Heideggers

Von Ralf Keuper

Bei nüchterner Betrachtung fällt auf, dass Heidegger abseits der Feuilletons und einiger philosophischer Zirkel kaum relevant ist. Die dominierenden Denkschulen der letzten Jahrzehnte auf internationaler Ebene waren und sind eindeutig die von Heidegger so verachteten liberalen, wie vor allem der Neoliberalismus nach F.A. von Hayek, Milton Friedman, Ludwig von Mises, Karl Popper u.a. Hinzu kommt noch der Keynesianismus. Diese Theorien haben eine weitaus größere Bedeutung erlangt, als Heideggers Philosophie. Während also die einen nicht nur auf der theoretischen Ebene, sondern auch in der Praxis eine hohe Geltung erlangt haben, beschränkt sich Heideggers Einfluss auf die bereits erwähnten Rezeptions- und Zitationszirkel. In den letzten Jahrzehnten neu hinzu gekommen sind die Hirnforschung, Informatik und die Künstliche Intelligenz, die ebenfalls eine deutlich höhere Relevanz für den öffentlichen Diskurs haben, als Heidegger mit seiner Seinsphilosophie und der daraus abgeleiteten Technikkritik. Dieser Befund gilt übrigens auch für die Kritische Theorie von Horkheimer/Adorno bis zu Habermas. 

Die ökonomische Bedeutung von Heideggers Philosophie beschränkt sich weitestgehend auf den universitären Lehrbetrieb, Verlage und einige Publizisten, vor allem aus den Reihen der sog. "Konservativen Revolution", aber auch auf die Kritiker. Für einzelne Personen oder auch Gruppen ist die Beschäftigung mit Heidegger daher häufig ein lukratives Geschäftsmodell. Für Wirtschaft und Gesellschaft sind die Auswirkungen dagegen irrelevant. Insofern lebt der Mythos Heidegger von der Kritik, ja auch der Polemik, die gegen ihn erhoben wird. Sie sorgen dafür, dass das Geschäft nicht vollständig zum Erliegen kommt. So gesehen ist die Herausgabe der Schwarzen Hefte ein echter Glücksfall - sowohl für die Heideggerianer wie auch für die Kritiker. 

Dennoch bleibt der Eindruck bestehen, dass kaum eine Philosophie der letzten Jahrzehnte in jeder Beziehung so überschätzt wurde wie die von Heidegger. So ohne durchgreifende Wirkung auf die "Realität", das "Seyn" waren bisher nur wenige philosophische Schulen. Der Eindruck drängt sich auf, dass diese Philosophie künstlich am Leben gehalten wird ("Riding the dead horse"). Verglichen mit Denkschulen wie dem Liberalismus, dem Kritischen Rationalismus und dem Pragmatismus etwa, ist ihr Einfluss geradezu marginal. Lediglich aus philosophiehistorischer Sicht ist Heideggers Denken noch von Interesse. Und selbst da wird seine Philosophie ihr Dasein, ihre Existenz auf ewig in der Schmuddelecke fristen. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, dass der Geltungsverlust von Heideggers Philosophie in den nächsten Jahren anhalten bzw. noch offensichtlicher wird. Beschleunigt wird diese Entwicklung noch dadurch, dass die Generation derjenigen, die mit Heidegger noch persönlichen Kontakt oder zu dessen näherem Umfeld hatten, in den nächsten Jahren, in wenigen Jahrzehnten abtreten wird, mit Konsequenzen für dieses Denkkollektiv, wie sie u.a. von Thomas S. Kuhn ausführlich beschrieben wurden. 

Dienstag, 28. April 2015

Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler (Fernsehinterview)

Ein sehens- und hörenswertes Fernsehinterview mit Sebastian Haffner zu seinem Buch Anmerkungen zu Hitler

Heidegger vor und nach den "Schwarzen Heften" - Eine kurze Bestandsaufnahme

Von Ralf Keuper

In den letzten Monaten haben sich zahlreiche Artikel mit der Bedeutung der "Schwarzen Hefte" für die weitere Rezeption von Martin Heidegger und seiner Philosophie auseinandergesetzt. Im Anschluss nun eine (subjektive) Auswahl von Beiträgen, aus der Zeit vor und nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte. 

Es versteht von selbst, dass die Auswahl keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Persönlich halte ich die Philosophie Heideggers für kompromittiert.

Beiträge, die sich lange vor der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte kritisch mit der Person und der Philosophie Heideggers auseinandergesetzt haben:
Beiträge, wonach die Philosophie Heideggers auch nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte noch einige Gültigkeit hat bzw. in denen die Autoren die Ansicht vertreten, dass die Heidegger-Forschung neu betrieben werden muss:
Beiträge, die im Kern dafür plädieren, dass die Trennung von Werk und Person, von Ideologie und Philosophie nicht (mehr) aufrecht erhalten werden können (Eine Position, die ich inhaltlich teile)
Beiträge, die sich kritisch mit der Rolle der Familie Heidegger im Zuge der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte sowie der Herausgabe des Nachlasses beschäftigen:

Lange vor den Diktatoren hat unsere Zeit die geistige Diktatorenverehrung hervorgebracht. Siehe George. Dann auch Kraus und Freud, Adler und Jung. Nimm noch Klages und Heidegger hinzu. Das Gemeinsame ist wohl ein Bedürfnis nach Herrschaft und Führerschaft, nach dem Wesen des Heilands. 
Thomas Meyer in der SZ vom 21./22.03.2015
Nein, Heidegger hat sich gerade dort unter Kontrolle, wo er Perversitäten mit der Lockerheit des Denkers ausspricht. Denn sie stehen übergangslos neben den sich unerschüttert gebenden Einsichten. "Anders wäre inmitten der rasenden Vernichtungsmöglichkeiten von allem die nur in einer einzigen Niederschrift verwahrte Bemühung des Denkens auf das Äußerste gefährdet". Die "Anmerkungen" sind vielmehr der vollständige Zusammenfall und Zusammenbruch von Autobiografie und Denken.
Marion Heinz in einem Interview mit der ZEIT: 
Es kann ja nicht sein, dass man Heidegger für unverzichtbar hält, bloß weil wir jemanden brauchen, der uns auf die Gefahren unserer Zeit aufmerksam macht. Die ernsthafte Auseinandersetzung über den Wert von Heideggers Denken und darüber, was nun, nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte, von der weithin behaupteten Weltgeltung bleibt, steht erst am Anfang.
Otto Pöggeler:
Hätte ein Philosoph aber nicht Anlaß, sich darauf zu besinnen, ob es Menschenrechte gebe - ein zu verteidigendes Recht auf Leben, auf Glaubensfreiheit und so fort?
Karl Popper: 
I appeal to the philosophers of all countries to unite and never again mention Heidegger or talk to another philosopher who defends Heidegger. This man was a devil. I mean, he behaved like a devil to his beloved teacher, and he has a devilish influence on Germany. … One has to read Heidegger in the original to see what a swindler he was.
Leszek Kolakowski: 
Was immer die Erklärung ist, man kann überzeugt sein, dass jede religiöse oder soziale Bewegung, mag sie auch den aggressivsten Anti-Intellektualismus predigen, begeisterte Unterstützung durch einige Intellektuelle finden wird, die in der bürgerlichen Zivilisation des Westens groß geworden sind und deren Werte ostentativ verwerfen, um sich der Herrlichkeit gesunder Barbarei zu beugen (in: Leben trotz Geschichte)
Jeanne Hersch
Er kann jemandem durch sein Talent in Erfindung von Ausdrucksweisen philosophische Erfahrung verschaffen. Er kann auch verführen. Ich bin überzeugt, daß Heidegger Macht lieber hat als Wahrheit für Freiheit. ... Wenn ich sage, daß Heidegger die Macht lieber hat als die philosophische Wahrheit, sage ich etwas ganz Schlimmes. Verstehen Sie das? 
Raymond Klibansky: 
Es handelt sich vielleicht um einen der schwerwiegendsten Fälle, weil er als Philosoph, dessen eigenwilliges Denken die Grundlagen des modernen Denkens umstürzen wollte, großen Einfluss hatte. 1929 erlebte ich seinen Vortrag "Was ist Metaphyisk?" mit. Ich war über die Mischung von wirklicher und scheinbarer Tiefe und über die Ungeniertheit verblüfft, mit der er am Ende dem griechischen Text des Phaidros von Platon antat, um seine These über Philosophie und Existenz zu untermauern.(in: Gespräche mit Georges Leroux)
 Max Rychner:
Heidegger finde ich seit 22 Jahren immer wieder greulich und werde nun wohl dabei bleiben. Er ist die Gegenwelt zu Goethe und allem, was ich liebe ... Ein nicht abreissender Strom von Franzosen pilgert zu ihm; er spricht sein Abraxas mit ihnen und sie steigen, wie mir diese Woche zwei Zeugen versicherten, sogleich ein auf ihn; aber die Sprache ist nur eines der Verständigungsmittel. Sie wittern einander und fühlen sich einig von den Dunkelzonen des Sonngeflechts her.
Max Müller:
Das Denken ist nur dann Denken im Heideggerschen Sinne, wenn es in der Antwortlosigkeit verharrt. Für mich steckt darin dann doch ein gewisser...''Nihilismus''. Dieser führt dazu, daß der so antwortlos Denkende dann auch im Politischen der Verantwortung ausweicht. Das wollte Heidegger nicht und hat es letzten Endes doch getan. 
Wenn schon "Einblick in das was ist", dann auch in Heideggers Feigheit, verantwortlich zu sein
Ernst Tugendhat
Ich bin aufgewachsen in einem Umkreis von jüdischen Emigranten, die Heidegger-Schüler waren und die so getan haben, als könnte man sein Werk von seiner Person trennen ...
Der C. H. Beck Verlag hat mir nahegelegt, ein Buch über "Sein und Zeit" zu schreiben. Aber das täte ihm zu viel Ehre an. Nicht nur die Art, wie er sich in der Nazizeit verhalten hat, sondern auch, wie er sich geäußert hat nach 1945 - schrecklich. Ich glaube, dass er etwas Verlogenes hatte. Menschlich-politisch allemal, aber auch im Philosophischen.
Alfred Grosser
Also ich würde sagen, bei Heidegger ist ein Antisemitismus auch mit seiner Philosophie verbunden, bei Grass ist sein Waffen-SS-Dabeisein nicht verbunden mit seinen Büchern.
Gordon A. Craig:
Zu der Flut neuer Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung in den ersten Tagen nach Hitlers Machtantritt, den sogenannten "Märzgefallenen - gehörte auch die Mehrzahl der Lehrstuhlinhaber und Intellektuellen, und diese Leute trieben den professoralen Stil in dem Bemühen, das neue Regime zu rechtfertigen und es als in Deutschlands Geschichte und kultureller Tradition wurzelnd darzustellen, auf neue Höhen der Komplexität. Bei dieser Übung spielte der Philosoph Martin Heidegger eine Starrolle, indem er verkündete, Hitler und das deutsche Volk seien durch Fügung aneinander gebunden und "geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags, der das Schicksal des deutschen Volkes in das Gepräge seiner Geschichte zwingt". ... Alfred Rosenberg, der Philosoph der Bewegung wetterte gegen Leute, die "auf rein logischem Wege (fortschreiten), indem sie von Axiomen des Verstandes weiter und weiter schließen". Man musste den "ganzen blutlosen intellektualistischen Schutthaufen rein schematischer Systeme loswerden". Damit war Hitler sehr einverstanden. Seiner Ansicht nach war es nicht Pflicht guter Deutscher, Situationen zu analysieren und dann überlegt zu handeln. Sie sollten "fühlen", "die Stimme des Blutes hören", den "Schicksalsrausch" empfinden (ein von Heidegger geprägter Begriff) und dann mit "Härte und "Fanatismus" handeln, wie ihr Führer es befahl. (in: Über die Deutschen) 
Thomas Mann
Der Dichter der "Buddenbrooks" nennt zum Beispiel im April 1944 Heidegger einen "Nazi par existence", also gerade nicht "par excellence", sondern qua seines Soseins. Des weiteren bezichtigt er ihn der Eigenschaft, ein "krimineller Sprachschänder" zu sein, was gleich an Heideggers Wort von der "Jemeinigkeit" exemplifiziert wird. "Jemeinigkeit! Zuerst hielt ich es für einen Berolinismus, der mit ,gemein' zu tun habe. Und das hat es denn ja auch."
Peter Schneider:
Vom Eingang zur völlig überfüllten Halle des Audimax aus gesehen wirkte der kleine Mann noch kleiner. Ich hörte seinen getragenen, pausenreichen Singsang, aber ich verstand ihn nicht, wollte ihn auch nicht verstehen. Ich mochte die andachtsvolle Stille nicht, mochte seine substantivierten Verben und Adverbien nicht, mochte die priesterliche Tonart seines Vortrags nicht. Ich hatte das Gefühl, dass von mir, von jedem Zuhörer ein Unterwerfungsakt gefordert war; dass man sich kniefällig dem Neusprech dieses deutschen Geistesfürsten nähern musste, um zu dem erlesenen Kreis derer zu gehören, die mit leuchtenden Augen behaupteten, ihn zu verstehen.

Obwohl ich - vor allem, weil er sich nie nach uns, seinem vorbeischlurfenden Nachbarn, umgedreht hatte - für jeden Einwand gegen Heidegger aufgeschlossen war, habe ich während meiner Studienzeit in Freiburg niemanden getroffen, der mich auf Heideggers Freiburger Rektoratsrede von 1933 und seine begeisterte Begrüßung des Naziregimes aufmerksam gemacht hätte. Ich fand nur Heidegger-Jünger, frisch Erweckte, die bereit waren, ihm auf seinen "Holzwegen" zu folgen. (in: Rebellion und Wahn. Mein '68) 
Heidegger in der Literatur und Musik: 
Weitere Beiträge:

Sonntag, 26. April 2015

Das Gesicht. Eine Kulturgeschichte (Daniel McNeill)

Anatomisch gesehen ist das Gesicht ein Terrain, von dem vieles hinter Schleiern verborgen liegt. Seine äußere Gestalt kündet von sowohl im Urmeer wie in der Savanne entwickelten Technologien, und hinter einzelnen Details verbergen sich interessante Geheimnisse. Warum besitzen unsere Ohrmuscheln im Innern diese merkwürdigen Spiralen? Wieso haben wir Lippen, und wozu sind unsere Augenbrauen und unser Haar gut? Sie leisten uns .. wichtige und großartige Dienste. Die Funktion anderer Teile des Gesichts, wie des Kinns und der Nase, sind jedoch weit weniger leicht zu durchschauen. ...
Das Gesicht vermag ungeheuer viel zu signalisieren. Im Leben und in einigen Romanen .. sendet es Botschaften von verblüffender inhaltlicher Tiefe und unendlicher Nuanciertheit aus. Wir stützen uns ständig auf diese Botschaften, ohne es recht zu wollen, da keiner von uns sie wirklich genau zu definieren weiss. Wir lesen eine Sprache, die wir nicht sprechen können, die wir vielleicht nicht einmal bewusst wahrnehmen. Und doch täuschen wir immer wieder bestimmte Signale vor. Täuschung kommt überall in der Kommunikation zwischen Lebewesen vor, selbst Schimpansen verstehen es, mit ihrem Gesicht zu lügen. Das Gesicht ist beides: Wahrheit und Fata Morgana. ...
Ein Gesicht wird zu einem richtigen Gesicht, wenn es einen Mund und Sinnesorgane enthält. Vielleicht ist dieses Gebilde sogar älter als Schalen aus Muschelkalk oder Skelette aus Knochen. Genetiker sind der Ansicht, dass vielzelliges Leben vor ungefähr 1,2 Milliarden Jahren entstand, Fossilien von Kreaturen mit harten Körperbestandteilen datieren jedoch erst aus einer viel späteren Periode, sie sind nicht älter als 544 Millionen Jahre. In der gewaltigen Zeitspanne dazwischen krabbelten und huschten Weichkörperorganismen wie die bizarren, federähnlichen Organismen der Ediacara-Fauna auf der Erde umher, ihre Überbleibsel findet man aber nur selten. Das erste Gesicht entstand wahrscheinlich gegen Ende dieser Periode. ...
Die Struktur des Gesichts wird von einem Meisterbildner festgelegt: der Suche nach Nahrung. Weil sie fressen müssen, um zu überleben, dominiert das Maul im Gesicht aller Lebewesen, bei Kröten, bei Füchsen, bei Kaimanen und Gnus. Das Maul ist das Portal, durch welches ein Tier die Welt assimiliert und beginnt, sie von Nicht-Selbst in Selbst umzuwandeln. Hier lauern jedoch auch jede Menge Gefahren, Obacht ist von allergrößter Bedeutung. Deshalb stehen drei Wächtersinne in der Nähe des Maules zur Verfügung - der Geschmacks-, der Geruchs- und der Gesichtssinn-, um Gifte rechtzeitig aufzuspüren und Ambrosia von Asche zu unterscheiden. Die Geschmacksknospen befinden sich im Mund, die Nasenöffnung dicht darüber um im obersten Rang sitzen die Augen. 

Samstag, 25. April 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #11

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind:

Donnerstag, 23. April 2015

Bismarck

Von Ralf Keuper

In diesem Jahr jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag von Otto von Bismarck, von 1866 bis 1890 Ministerpräsident und zuletzt Reichskanzler unter König Wilhelm I, dem späteren Kaiser Wilhelm I und Kaiser Wilhelm II. Der Vollständigkeit halber sei auch die kurze Regentschaft von Kaiser Friedrich III erwähnt, die jedoch nur 99 Tage währte. 

Bismarck, der als "Eiserner Kanzler" in die Geschichte einging, wusste schon zu Lebzeiten zu polarisieren. Seine Stunde schlug, als König Wilhelm I von Preußen ernsthaft mit dem Gedanken spielte, seine Abdankung einzureichen. Grund war die ablehnende Haltung im preußischen Landtag gegenüber der Heeresreform des Königs. Bismarck, zu der Zeit Gesandter Preußens in Paris, bekam davon Wind und entschloss sich ohne zu zögern, den König persönlich aufzusuchen und ihm seine Dienste anzubieten. König Wilhelm I ging auf das Angebot ein, ohne zu ahnen, dass diese Arbeitsbeziehung bis zu seinem Lebensende anhalten sollte. Bismarck, monarchistisch vom Scheitel bis zur Sohle, konnte mit der parlamentarischen Demokratie nur sehr wenig anfangen. Für ihn war die Treue zum König und zu Preußen das Maß der Dinge. Selbst Deutschland stand demgegenüber zurück. Diese Haltung änderte Bismarck erst später. Bismarck ging mit seinen politischen Gegnern, wie den Liberalen, den konservativen, den Katholiken und vor allem den Sozialdemokraten nicht zimperlich um. Mehrmals löste er den Landtag auf, um ungehindert durchregieren zu können. Solange sein Herrscher hinter ihm stand, konnte er frei agieren und musste keine allzu großen Rücksichten nehmen. 


In der Außenpolitik verfolgte Bismarck das, was wir heute als Expansionspolitik bezeichnen würden. In seine Amtszeit fielen drei Kriege, die allesamt siegreich beendet wurden. Der größte Triumpf war sicherlich der Sieg 1870/71 über Frankreich, der den Weg zur Einigung Deutschlands ebnete. Danach begann der Stern Bismarcks langsam zu sinken. Bismarck betrachtete die Expansion des Deutschen Reiches mit dem Sieg über Frankreich und die Annexion von Elsaß-Lothringen als abgeschlossen. Weitere Gebietsansprüche hatte er nicht; auch an Kolonien war ihm nicht sonderlich gelegen. Mit der Übernahme der Herrschaft durch Wilhelm II geriet Bismarck immer mehr ins Abseits. Der ebenso forsch auftretende wie unsichere Wilhelm II. sah in Bismarck ein Relikt vergangener Zeiten, das ihn daran hindere, Deutschland zur Weltmacht zu machen. Nach einigen Querelen und internen Intrigen gegen ihn, reichte Bismarck auf Druck Wilhelm II sein Rücktrittsgesuch ein, das der Kaiser annahm. 


Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Bismarck auf seinem Gut Friedrichsruh und im angrenzenden Sachsenwald; ein Geschenk Kaiser Wilhelm I für seine Verdienste um Preußen und des Deutschen Reiches. In diesen Jahren verfasste Bismarck seine Memoiren, die eine Abrechnung mit dem von ihm verachteten Kaiser Wilhelm II waren. Wilhelm II hielt er für eine Gefahr, für jemanden, der alles kaputt machen würde. Zwanzig Jahre nach seinem Tod, so Bismarck, wäre das Deutsche Kaiserreich Geschichte. Auslöser des nächsten großen Krieges in Europa, so Bismarck weiter, werde irgendein mehr oder weniger unwichtiges Ereignis auf dem Balkan sein. 


Er sollte in allen Punkten Recht behalten. 

Es fällt schwer, Bismarck abschließend zu beurteilen. Sicherlich war er kein Demokrat. Die Sozialgesetzte führte er nur ein, um der Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen, was letztlich scheiterte. Er unterschätzte die Dynamik der Industrialisierung und des Kapitalismus. Es war nicht mehr seine Welt. Was seine eigene Rolle betraf, so war Bismarck bescheiden. Geschichte, so seine Überzeugung, könne nicht gemacht werden. Es reicht schon, wenn der Staatsmann die Gelegenheiten, die sich ihm bieten, am Schopf packt. Er verstand sich mehr als Geburtshelfer, denn als Erzeuger. In gewisser Weise ein Politiker mit Augenmaß m Sinne von Max Weber. Nicht nur daran unterschied er sich von seinem Nachfolger, der 1933 das Amt des Reichskanzlers antrat. 

Weitere Informationen:


Bismarck-Biografie: Der Reichskanzler als Hebamme

Mittwoch, 22. April 2015

Thomas Müntzer und der Bauernkrieg - die erste Revolution auf deutschem Boden

Von Ralf Keuper

An dem Theologen und Reformator Thomas Müntzer scheiden sich noch immer die Geister. Für die einen ein religiöser Fanatiker, für die anderen der erste deutsche Freiheitskämpfer. Auf alle Fälle hat er für die Nachwelt ein mächtiges Zeichen gesetzt. In Deutschland sollten seine Forderungen nach Freiheit und Gleichheit erst Jahrhunderte später in Erfüllung gehen. Martin Luther beäugte Müntzers Aktivitäten schon sehr bald kritisch, um sich später dann vollends gegen ihn zu stellen. Während Luther nur die Macht der Klerus bekämpfte und einschränken wollte, wandte sich Müntzer auch gegen den Adel. 


Die erste Aufgabe des Adels war für Müntzer, für Gerechtigkeit auf Erden zu sorgen. Würden sie diesem Auftrag nicht gerecht, ginge ihre Macht auf das Volk über. Luther unterstützte den Adel im Kampf gegen die aufständischen Bauern, befahl dem Adel sogar die Vernichtung der Aufständischen. 

Sicher hätte Müntzer, im Nachhinein betrachtet, diplomatischer vorgehen können bzw. sollen - das sagt sich nur so leicht aus der Entfernung von hunderten von Jahren. Er war, wie wir, ein Kind seiner Zeit und von seiner Mission erfüllt. Mut kann man ihm nicht absprechen, ebenso wenig wie edle Motive. 

Allemal ein Grund, sich seiner auch künftig zu erinnern - gerade in Deutschland. 

Weitere Informationen:

Thomas-Müntzer-Gesellschaft e.V.

Theologe und Revolutionär


Großer Deutscher Bauernkrieg 1524 bis 1526

Bauernhof und Bauernkrieg

Historiker: Müntzers Rolle in Reformation besser würdigen

Sonntag, 19. April 2015

Wissen oder Bildung?

Von Ralf Keuper

In dem lesenswerten Beitrag Die wahren Aufgaben der Universitäten. Echte Bildung anstatt nur Wissensvermittlung zieht Gottfried Schatz eine Trennungslinie zwischen Wissen und Bildung. Aufgabe der Bildung sei nicht in erster Linie, die Anhäufung, die Vermittlung von Wissen, sondern das Interesse am Nichtwissen zu wecken. Wissen, das einmal gelehrt wurde, erstarrt viel zu schnell und verwandelt sich in Dogmen, wenn es nicht immer wieder infrage gestellt wird.
Der Besitz von Wissen bedeutet uns weniger als die Überzeugung, dass wir Wissen stets neu schaffen können. Wissen ist ein Kind der Vergangenheit und kann in einer stetig sich wandelnden Welt nie die Zukunft sichern. Dies kann nur die ewig junge Kraft wissenschaftlichen Denkens, die in allem Gegenwärtigen die Hypothese des Zukünftigen sucht. Dazu braucht es Menschen mit neuen Ideen, die es wagen, überliefertes Wissen anzuzweifeln. Es braucht Menschen, die sehen, was jeder sieht, dabei aber denken, was noch niemand gedacht hat.
Damit keine Erstarrung eintritt bzw. sie schnell überwunden wird, ist ein Denkstil nötig, der nicht danach strebt, in den Besitz letzter Wahrheiten zu kommen, um sie dann zum höchsten Prinzip zu erklären, dem sich alle anderen zu unterwerfen haben, wie etwa Heideggers Seyn oder Hegels Weltgeist, sondern ein Denken, das nach Nichtwissen strebt, weil es daraus seinen Antrieb erhält. Nichtwissen wird in Wissen umgewandelt. Ein fortlaufender, nie endender Vorgang. Aufgabe der Bildung ist es, diesen Prozess zu unterstützen. 

Weitere Informationen:




Samstag, 18. April 2015

Der Geist braucht Metropolen - Metropolen brauchen den Geist

Die Fallstudien aus dem Altertum zeigen immer von neuem ein charakteristisches Zusammenspiel bestimmter Gegebenheiten, aus denen eine Metropole des Geistes entsteht. Am ersten Anfang steht ein gravierendes Ereignis, das die Frage nach gegebenen Traditionen wachruft, entweder weil eine Katastrophe die bisherigen Traditionen erschüttert hat, oder weil eine Gründungssituation nach (neuen) Traditionen verlangt. Für eine kurze Zeit werden Kräfte frei, die ein erstaunliches "Mehr" an kultureller Produktivität erzeugen. Besonders die Literatur ist das Medium, durch welches der Mensch sich einer neuen (oder neu erscheinenden) Erfahrungswelt nähern kann, um sie verstehend zu durchringen und mit seiner Imaginationskraft verstehbar zu machen. Auf die Phase der Produktivität folgt, nicht selten mit Abstand und ihrerseits aus besonderem Anlaß, die Kanonisierung. Die entstandene (oder die neuaufbereitete) Literatur wir normativ. Als >Klassik< begriffen, steht sie über lange Zeit zur Rezeption bereit und tut ihre, bisweilen immense, kulturgeschichtliche Wirkung. Als ein Beitrag dazu will auch der vorliegende Band verstanden werden, wenn er an die Bedeutung von Theben, Babylon, Ch´ang-an, Jerusalem, Athen, Alexandria, Rom und schließlich Konstantinopel erinnert.
Quelle: "Metropolen des Geistes" von Martin Hose und Christoph Levin (Hrsg.) 

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #10

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind:

Mittwoch, 15. April 2015

Deutungsmacht. Religion und belief systems in Deutungsmachtkonflikten

Die Frankfurter Rundschau berichtet in dem Beitrag Wer hat die Deutungsmacht? über den Philosophen und Theologen Philipp Stoellger, der derzeit an der Universität Rostock das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt Deutungsmacht. Religion und belief systems in Deutungsmachtkonflikten leitet. 

Inzwischen hat Philipp Stoellger den Sammelband Deutungsmacht: Religion und belief systems in Deutungsmachtkonflikten herausgegeben.

Sonntag, 12. April 2015

"Mythos und Logik im 20. Jahrhundert" von Michael Hochgesang

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Mythos und Logik im 21. Jahrhundert. Eine Auseinandersetzung mit der neuen Naturwissenschaft, Literatur, Kunst und Philosophie untersuchte der Literaturwissenschaftler Michael Hochgesang die nicht immer glückliche Beziehung mythischer Weltbilder mit der Logik. Auf seinem Streifzug durch die verschiedenen Disziplinen, wie der Quantentheorie, der Existenzphilosophie und der Tiefenpsychologie, versucht Hochgesang zwischen den beiden oft so gegensätzlichen Sphären zu vermitteln, ohne jedoch die Rationalität, die Logik gegen mythische Spekulationen, oder Esoterik einzutauschen.

Bereits zu Beginn stellt Hochgesang sein Programm vor:
Logisches Denken, das sich an Vorstellungen vollzieht, z.B. beim Lösen technischer Probleme, darf nicht, ..., mit dem Denken in Vorstellungen, dem anschaulichen Denken verwechselt werden. ... Insbesondere die künstlerische Schöpfung vollzieht sich in solchem Bereich eines Denkens, bei dem das Logische eingesenkt ist in den Mutterboden des Anschaulichen und des Sprachlichen. Wenn man schöpferisches Denken als hyperlogisch (überlogisch) bezeichnet, wie das in der Psychologie geschehen ist, so wird damit sein eigentliches Wesen verfehlt. Mag auch beim schöpferischen Denken des modernen Menschen eine Entwicklung der Intelligenz durch logisches Denken vorausgegangen sein, so behält diese Intelligenz doch immer den Zugang zum Vorlogischen (Prälogischen) und darf ihn nie verlieren. Das Prälogische ist kein überwundener geschichtlicher Zustand, es ist immer noch und immer wieder der Mutterboden schöpferischen Gestaltens. 
Mit dieser Position bewegt sich Hochgesang diametral zu der von Georg Oesterdiekhoff.

Wer nach diesen Zeilen geglaubt hat, Hochgesang hätte eine besondere Vorliebe für die Tiefenpsychologie oder die Existenzphilosophie, irrt. Beiden Richtungen kann Hochgesang nur wenig abgewinnen. 

Zur Tiefenpsychologie:
Demgegenüber kommt es darauf an zu erkennen, dass Unbewusstes und Bewusstes, Bild und Begriff, mythisches und logisches Denken ihre Kräfte und ihre Rechte aus den gleichen Wurzeln menschlicher Existenz ableiten, dass sie nicht wie Feinde sich bekämpfen, die aus verschiedenen Richtungen kommen, der eine von unten, der andere von oben, sondern dass sie auseinander erwachsen sind. 
Über Heideggers Existenzphilosophie:
Die Anschauung der Weiträumigkeit, die Heidegger herbeiholt, um das Nichts zu charakterisieren, enthält die ganze Paradoxie von Heideggers später Philosophie. Da nach Heidegger gilt: "Urteilen ist: richtiges Vorstellen", kann seine Philosophie sich nicht mit Begriffen und Schlüssen begnügen; sie braucht Vorstellungen. Andererseits aber bleibt sie der philosophischen abendländischen Tradition stark verhaftet, die im Denken in Begriffen und Schlüssen die Überlegenheit gegenüber dem Mythos begründet sieht. Heideggers Philosophie verwendet die aus ihren logischen Ordnungen gerissenen abstrakten Begriffe, deren Begrifflichkeit sie verleugnet, und sucht sie mit sprachlichen und stilistischen Mitteln zu mythischen Realitäten zu verzaubern. 
Über Jaspers' Existenzphilosophie:
Das 'Umgreifende' und das 'Umgreifende alles Umgreifenden', diese beiden obersten Begriffe von Japsers' Philosophie sind anschaulich nur aus Verlegenheit; sie sollen das absolut Ungegenständliche und Unanschauliche bezeichnen. Ein Turner, der vom Boden zur Reckstange springt, weil er glaubt, sie sei fest genug, sich daran zu halten, fällt, falls seine Überzeugung irrig ist oder falls er sie gar gedankenloserweise selbst lose gemacht hat, zur Erde zurück. Jaspers ist der Denker, der als Existenzialphilosoph mit beigetragen hat, die Reckstange des rationalen Denkens lose zu machen. 
Gegen Ende kommt Hochgesang auf seine einführenden Gedanken zurück:
Der Mensch muss lernen, dass 'Erkenntnis' intellektueller Art niemals der Sinn seines Daseins sein kann. Unser Denken muss aus einer Emanzipation zum herrschenden und kalt führenden Organ unseren Wesens zurückgeholt werden zur Mitte, es muss sich wieder einordnen in seinen mythischen Grund, in unser leib-seelisches Dasein. ... Der Mensch soll daher nicht nach der absoluten Wahrheit verlangen, die ihm immer vorenthalten sein wird, er soll streben, wahrhaftig zu sein und weise zu werden.  .. Wenn er etwas Höheres denken will, als er selbst ist, kann er nur von der Ganzheit der menschlichen Person ausgehen. Jede Verabsolutierung von Teilkräften seines Wesens ist schon im Ansatz bruchstückhaft. ... Der Mensch kann Gott nur bildhaft denken. Aber er soll dieses Bild nicht zum Götzen machen, er muss es immer wieder aufheben, verwerfen, weil Gott nicht in irgendein bestimmtes Bild eingehen darf. .. Ob man diese übergeordnete, handelnde, fühlende und sprechende Gestalt, auch auf Gestalt und Sprache kommt es an, diesen Gott, dessen Ebenbild der Mensch ist, als menschliche Schöpfung, als ein aus menschlichem Denken und Phantasieren entstandenes Produkt auffasst oder umgekehrt, den Menschen als Schöpfung Gottes und seine Vorstellung von Gott eine offenbare Vorstellung, ist freilich dann nicht mehr eine Frage der Überlegung, weil hier nur der Glaube entscheidet. 
Weitere Informationen:

Donnerstag, 9. April 2015

Der allgemeine Charakter des Zusammenhangs in den Geisteswissenschaften (Wilhelm Dilthey)

Der allgemeine Charakter des Zusammenhangs in den Geisteswissenschaften ist also unser nächstes Problem. Der Ausgangspunkt ist die Strukturlehre des gegenständlichen Auffassens im allgemeinen. Sei zeigt in allem Auffassen eine fortschreitende Linie vom Gegebenen zu den Grundverhältnissen der Wirklichkeit, die hinter jenem dem begrifflichen Denken aufgehen. Dieselben Denkformen und dieselben ihnen untergeordneten Denkleistungen ermöglichen in den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften den wissenschaftlichen Zusammenhang. Von dieser Grundlage aus entstehen dann in der Anwendung jener Denkformen und Denkleistungen aus den besonderen Aufgaben und unter den besonderen Bedingungen der Geisteswissenschaften deren spezifische Methoden. Und da die Aufgaben der Wissenschaften ihre Methoden für die Lösung hervorrufen, so bilden die einzelnen Verfahrungsweisen einen inneren, vom Zweck des Wissens bedingten Zusammenhang. 
Quelle: Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

Montag, 6. April 2015

"Arabische Soziologie. Studien zur Geschichte und Gesellschaft des Islam" von Abdulkader Irabi

Von Ralf Keuper

In letzter Zeit macht das Schlagwort der "Islamisierung" die Runde; allzu häufig ohne den Betrachter mit einem besseren Verständnis auszustatten, was angesichts der Vielschichtigkeit der Thematik nicht wirklich überrascht.

Auch das Werk Arabische Soziologie. Studien zur Geschichte und Gesellschaft des Islam von Abdulkader Irabi kann diesen Missstand wohl nicht vollständig beseitigen, wohl aber ein andere, umfassendere Sicht auf das Thema liefern, als es sonst üblich ist. Das Buch erschien 1989. Ob und inwieweit es dem aktuellen Forschungsstand entspricht, kann ich daher nicht beurteilen. Jedoch wirken die Gedanken auf mich so, als seien sie noch immer aktuell. 

Die Auswirkungen, welche mit der Einführung des Islam für die im arabischen Raum zuvor weit verbreiteten Stammesgesellschaften bzw. auf das Beduinentum einher gingen, beschreibt Irabi u.a. wie folgt:
Mit dem Islam vollzog sich eine tiefgreifende Veränderung in der arabischen Gesellschaft- und Bewusstseinsstruktur, die alle Bereiche der Gesellschaft erfasste und ihr Wertsystem determinierte. Es handelt sich hierbei um einen revolutionären Prozess, der sich nicht ohne Gewalt vollziehen konnte. Die alte Gesellschaftsordnung wurde zu Grabe getragen, an ihre Stelle trat ein neues System, das die Araber zum geschichtlichen Handeln erweckte. Die Veränderung der politischen und sozialen Organisation reicht in ihre nachhaltigen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein und erweist sich immer noch von größter Bedeutung für das Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur. ...

Die strukturellen Transformationen der Gesellschaft entsprangen der Lehre des Koran; seine Dogmen konstituieren eine neue Gemeinschaft. Nicht mehr die Blutsbande, sondern die religiöse Gemeinschaft der Gläubigen, auch nicht der Stammesverband, sondern der Staat regeln die zwischenmenschlichen Beziehungen. 
Für die Soziologie bietet der Wandlungsprozess der arabischen Gesellschaft zahlreiche Anknüpfungspunkte:
Der Islam bewirkte eine Umstrukturierung des gesellschaftlichen Seins und einen Bruch mit der Geschichte. Soziologisch ist diese Wandlung insofern relevant, als er Inner- und Außerweltlichkeit gleichermaßen betonte und in seinem Pragmatismus beide Aspekte der Quintessenz des Glaubens betrachtete. ... Darüber hinaus regelt der Islam die zwischenmenschlichen Beziehungen; aus ihm werden Normen abgeleitet, die das gesellschaftliche Verhalten bestimmen.

Diese religions- und politisch-soziologische Relevanz des Islam veranlasste einige Denker, von der islamischen Soziologie, ein anderes Mal der arabischen Soziologie oder von den Grundlagen der Soziologie im Koran zu besprechen. Darunter verstanden sie die islamische Betrachtungsweise der Gesellschaft und das Interaktionsverhältnis von Religion und Gesellschaft sowie auch von Geschichtsphilosophie und Anthropologie im Koran und die Relevanz des Islam als Grundlage gesellschaftlicher Systeme. ...
Für eine arabische Soziologie ist der Rekurs auf die Geschichtsauffassung und die gesellschaftliche Konzeption des Koran unumgänglich, zum einen, weil der Islam das Denken und Verhalten des einzelnen ebenso geprägt hat wie die arabische Gesellschaft, zum anderen, weil er ebenfalls das soziale Denken und die Sozialphilosophie bestimmt hat.  
Als "Vater" der arabischen, ja sogar der Soziologie überhaupt, gilt nicht nur für Irabi Ibn Khaldun. Weitere Informationen: Ibn Khaldun: „Die Muqaddima“ - Auch damals wusste niemand, wer die hohen Steuern erfunden hat und Die arabische Soziologie Teil 1: Der soziologische Denker Ibn Khaldun und die Gründung der rational- empirischen Sozialwissenschaft im 14. Jahrhundert. Eine besondere Bedeutung in Kahlduns Gesellschafts- und Geschichtstheorie hat die asabija. 

Die epochale Leistung Ibn Khalduns, die er mit seinem Hauptwerk "Muqadimma" vollbrachte, fasst Irabi in die Worte:
Stammeskämpfe, Partikularismus, Regionalismus, Konstitutionskrise des arabischen Staates, asabija und Stammesstaat, mangelnde Rationalität des Staates, autokratische Herrschaft, Religion und Gesellschaft sowie Religion und Staat sind einige der soziologischen Aspekte, die wir hier erwähnen und die Ibn Khalduns "Muqadimma" als die eigentliche Initialschrift einer arabischen Gegenwartssoziologie erscheinen lassen. 
Eigentlich hat sich die arabische Soziologie seit Ihn Khaldun nach Ansicht Irabis nicht mehr entscheidend entwickelt. In ihren Grundzügen belässt sie es bei einer affirmativen Haltung, d.h. einer Analyse des Status Quo, ohne eine kritische Distanz zu den gegebenen Verhältnissen einzunehmen und den ökonomischen Ursachen gesellschaftlicher Konflikte auf den Grund zu gehen. 
Die Soziologie muss sich in verstärktem Maße mit der arabischen Gesellschaft auseinandersetzen, um ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Hierfür hat sie kritische Vorarbeit zu leisten und geistige Pionierarbeit zu übernehmen. Soziologie soll nicht nur zur Positivierung der Wissenschaften beisteuern, indem sie einen höheren Grad der Exaktheit erreicht, sondern die arabische Gesellschaft kritisch darstellen. Sie soll dem utilaristischen, stammesbezogenen Denken eine wissenschaftliche Denkweise entgegenstellen, die zur Sachlichkeit bei der Erkenntnis sozialer Probleme beiträgt. 

Obwohl die Soziologie ihre Wurzeln bei Ibn Khaldun hat und somit eine arabische Wissenschaft ist, haben es die arabischen Soziologen unterlassen, diese Tradition herauszuarbeiten. Statt dessen adaptieren sie im Zuge der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Verwestlichung die europäischen und amerikanischen Theorien und Methoden wie Positivismus, Funktionalismus, Strukturalismus etc. Eine solche Soziologie ist nicht nur wirklichkeitsfremd, sei betreibt Gegenwartsaffirmation. ...
Die Soziologie muss ein wissenschaftliches Selbstverständnis entwickeln, das die Vermittlung von kritischer Reflexion und Aufklärung als ihre unabdingbare Aufgabe ansieht. Vor allem den Auswirkungen der kolonialen Erbschaft auf die Gegenwart und der daraus hervorgegangenen Deformation der Gesellschaftsstrukturen gebührt besondere Berücksichtigung. 
Es ist daher schon fast zwangsläufig, wenn Irabi dem Postulat der wertfreien Wissenschaft, wie es von Max Weber vertreten wurde, eine Absage erteilt:
Soziologie hat gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, indem sie den Menschen zu verantwortlichem Handeln befähigt, ihm zur Entwicklung politisch-kultureller Orientierung verhilft und sich bei der Lösung gesellschaftlich wichtiger Probleme tauglich erweist; sie darf keine wertneutrale Wissenschaft sein. 
Die Diagnose der arabischen Gesellschaften, die Irabi 1989 erstellte, ist in Teilen wohl auch heute noch gültig. Als besonders problematisch erweist sich die Rolle der tradionellen politischen Elite:
Die traditionelle politische Elite, die sich aus dem Verwandschaftsfeld des Herrschers rekrutiert, trifft die Entscheidungen, dagegen hat die technokratische Elite kaum nennenswerte Entscheidungsbefugnisse. Dieser Zustand produziert Spannungen und Konflikte zwischen den beiden Eliten, welche jedoch durch ökonomische Überprivilegierung dieser Eliten teilweise abgefangen werden.  ... Angesichts dieses Anachronismus wächst der Unmut unter den von der Modernisierung erfassten Schichten, besonders den Studenten, Technokraten, Angestellten und Beamten. Sie trachten, über die Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse hinaus, nach politischer Partizipation. 
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