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Samstag, 30. Mai 2015

Amerikanischer versus Europäischer Denkstil (Fareed Zakaria)

Ich erinnere mich, dass ich riesige Mengen an Lehrstoff auswendig lernte, sie für Klassenarbeiten wieder und wieder durchkaute und sie anschließend sofort vergaß. Als ich in den Vereinigten Staaten aufs College ging, lernte ich eine andere Welt kennen. Während das amerikanische System der Genauigkeit und dem Auswendiglernen - ob in der Mathematik oder Poesie - zu wenig Gewicht bemisst, schneidet es mit Blick auf die Schulung des kritischen Denkens viel besser ab, den Fähigkeiten also, die man braucht, um im Leben erfolgreich zu sein. Andere Bildungssysteme bringen einem bei  wie man Prüfungen besteht; das amerikanische System vermittelt den Schülern eigenständiges Denken. 
Dieser Vorzug erklärt sicherlich bis zu einem gewissen Grad, weshalb Amerika so viele Unternehmer, Erfinder und wagemutige Persönlichkeiten hervorbringt. In des USA haben die Menschen die Freiheit, Risiken einzugehen, Autoritäten in Frage zu stellen, zu scheitern und sich hochzurappeln.  ...
Die amerikanische Kultur liebt und fördert die Fähigkeit zur Problemlösung, das Hinterfragen von Autoritäten und Querdenken. .. Sie belohnt Leute mit Eigeninitiative, Tüftler und Eigenbrötler. Dies alles sind Kräfte die "von unten" wirken und sich nicht staatlich verordnen lassen.
Quelle: Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter

Mit Franz Oppenheimer zu einer Sozialen Daten-Marktwirtschaft (Alfred Fuhr)

Ein Gastbeitrag von Alfred Fuhr 

Wie es gelingen kann, mit Franz Oppenheimer die freie Konkurrenz und den Denkstil der Sozialen Daten-Marktwirtschaft zurück in die Internetökonomie zu holen. 

Franz Oppenheimer -  geb. 1864, gestorben 1943 - ist ein heute weitgehend vergessener Ökonom und einer der ersten aktiven Soziologen in Deutschland, der sich zur Soziologie als seiner Leitdisziplin bekannte,
weil sie über das fachmännische Spezialistentum hinausgehend gerade diese Zusammenhänge zu ihrem eigentlichen Untersuchungsgebiet macht
, wie Werner Müller-Esterl, der damalige Präsident der Goetheuniversität Frankfurt, in seiner Einleitung zum kleinen Band Franz Oppenheimer - Ökonom und Soziologe der ersten Stunde schreibt, das von dem Nationalökonomen Volker Caspari, der an der TU Darmstadt lehrt und dem Soziologen Klaus Lichtblau herausgegeben wird. Beide haben das Büchlein, das in der Reihe Biografien der Gründer, Gönner und Gelehrten zum 100.Geburtstag der Johann Wolfgang Goethe Universität im Jahr 2014 erschienen ist, akribisch den Nachlass Oppenheimers gesichtet. Was mir am Buch gefällt, trotz der nur 10 Jahre dauernden Lehr - und Forschungstätigkeit von Franz Oppenheimer in Frankfurt, ist, dass seine Arbeit in einer lesbaren Form und mit viel Bildmaterial ausgestattet, komprimiert dargestellt wird. Das gilt insbesondere für die Wege und die Motivation, die bei ihm dazu geführt haben, sich damals zur Soziologie zu bekennen, sein Medizinstudium und seine berufliche Tätigkeit in Berlin aufzugeben, um in Frankfurt einer der ersten akademischen Soziologie-Professoren zu werden, und dann in zehn Jahren neben seiner Lehre und Forschungsarbeit auch die Erste Frankfurter Schule und die Frankfurter Gesellschaft für Soziologie 1921 zu gründen. Neben dieser Pionierarbeit ist Franz Oppenheimer aber auch einer der Vorbereiter eines Denkstils, der, wie ich finde, am ehesten anschlußfähig an die Internet-Ökonomie ist, und der ihn darüber hinaus zu einem Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland macht.

Die Bodensperre, der durch Großgrundeigentum monopolisierte Produktionsfaktor Boden als Monomanie und die freie Konkurrenz als Oppenheimers Geistesblitz - das sind die wesentlichen Passagen, die ich zur Unterstützung meiner Behauptung, dass die Arbeiten von Franz Oppenheimer und seine Reine Ökonomie als Kritik der politischen Ökonomie hervorragend geeignet sind, um die Internetökonomie von heute zu verstehen, finden sich auch in dem erwähnten kleinen Band. 

Oppenheimer erkannte 1893 die Bedeutung des Klassenmonopols auf Großgrundbesitz als eines der zentralen Probleme von Wirtschaft und Gesellschaft,  
ja die eigentliche Ursache von Pauperisierung und Elend.
Die Autoren zeichnen die Linien, die bei Oppenheimer zu drei Büchern führten, nach. Sie machten ihn zu einem Spezialisten und Kritiker der großen Theorien über das Produktionsmittel Land: Adam Smith, Thomas Richard Malthus, Johann Heinrich von Thünen,und - Karl Marx. Den größten Respekt hatte Oppenheimer aber vor der Theorie von David Ricardo:
Seit Jahren und Jahren stand sozusagen, das Gespenst Ricardos an meinem Bette, das Gefühl der Verpflichtung, mich mit der entscheidenten Leistung dieses größten Theoretikers unserer Wissenschaft ... mit seiner Theorie der Grundrente auseinaders zu setzen.
Wie kann man das eherne Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag und die Gesetzmäßigkeiten der unausweichlichen periodischen Verarmung und Verelendung der unteren Gesellschaftschichten widerlegen? 

Oppenheimer`s Hauptthema war, und das macht ihn für die Internetökonomie als Blaupause interessant, die Ricardosche Annahme von der unterschiedlichen Fruchtbarkeit der Böden 
zeigt nun logisch zwingend, dass eben unter der Vorraussetzung freier Konkurrenz und in Abhängigkeit von der Gesamtnachfrage von z.B. Getreide die Produktion ausgedehnt wird und zwar vom fruchtbarsten Boden ausgehend bis zu dem Boden mit niederer Fruchtbarkeit, der gerade noch benötigt wird, um die Nachfrage zu befriedigen. 
ERGO: Es ist nicht das Klassenmonopol, sondern die unterschiedliche Fruchtbarkeit, die hier die Bodenrente bestimmt. Obwohl es Oppenheimer, so die Autoren, nicht gelang, diese Theorie zu widerlegen, führt sein Denkstil zu den richtigen Fragen, auf die wir auch mit der Internetökonomie eine Antwort geben müssen: Was ist ein natürlicher Lohn für die, die darin arbeiten, was sind virtuelle Monopole des Grundeigentums im Netz, was ist dort die Bodenrente, und wie kann man dort zur freien Konkurrenz von Angeboten und ihrer Nachfrage gelangen? Sind Daten die Krumen und der Humus, mit dem die Internetökonomie fruchtbar wurde, warum sind manche "Böden" fruchtbarer? Was bedeutet dann technologischer Fortschritt in der Bodenbearbeitung? Wie lässt sich freie Konkurrenz im Netz sozial gestalten? Was ist ein Monopol im Internet?

Schumpeter bescheinigte Oppenheimer Talent, lehnte aber seinen Monopolbegriff entschieden ab. 

Am gelehrten Disput zwischen Oppenheimer und Schumpeter in den Jahren 1918/19 lässt sich erkennen, wie Oppenheimer damals zwischen allen Stühlen saß, und wie er durch seinen Monopolbegriff zu einer Reizfigur wurde, die uns heute vielleicht helfen kann, das Internet und die entfessellte Datensammelwut und das Abstecken der Claims dort, die Marktmacht in der Digitalisierung erst einmal zu verstehen, um dann in einem zweiten Schritt mit Oppenheimer und seinen prominenten Studenten Alfred Müller Armack und Ludwig Erhard dann zu einer Sozialen Daten-Marktwirtschaft - als Erfolgsmodell für einen europäischen Denkstil und zur Lösung der größten Probleme in der Internetökonomie zu kommen.

Zum Autor: Alfred Fuhr ist Verkehrs- und Kundensoziologe. Seit einigen Jahren betreibt er Das Fuhrwerk - Bureau für Kundensoziologie in Frankfurt (Main). Daneben ist er noch Gründungsmitglied und Sprecher des Internetclubs Data Assistance Europe, dem auch der Betreiber dieses Blogs angehört. 

Montag, 25. Mai 2015

Der Wiener Kreis und sein Verhältnis zur Frankfurter Schule

Von Ralf Keuper

Der legendäre Wiener Kreis steht im Rahmen der Feierlichkeiten zum 650-Jahr-Jubliäum der Universität Wien wieder im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Aus diesem Anlass haben sich in den letzten Wochen mehrere Beiträge mit dem Wiener Kreis, seiner Geschichte und Bedeutung für Philosophie und Wissenschaft beschäftigt. 

Hier eine Auswahl:
Definition "Wiener Kreis":
Der Wiener Kreis war eine Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern im Wien der Zwischenkriegszeit. Unter den Titeln Wissenschaftliche Weltauffassung und Logischer Empirismus entwickelte er eine philosophische Weltsicht, die sich im amerikanischen Exil schließlich zu der analytischen Philosophie und Wissenschaftstheorie modifizierte und verdichtete, die heute die weltweit einflussreichsten Spielarten philosophischer Methodik repräsentiert. „Wissenschaftliche Weltauffassung“ ist die Idee, Philosophie im klassischen Sinn, als eine über den Wissenschaften stehende und diese leitende Disziplin, zu ersetzen, durch eine von den Wissenschaften selbst geleitete Weltsicht, deren Grundlage einerseits die moderne mathematische Logik bildet, andererseits in sogenannten Protokollsätzen fest zu machende empirische Befunde, also Logik plus Empirie, kurz: „Logischer Empirismus“. Dieser Zugang ist antimetaphysisch, weil er die Idee einer genuin philosophischen Methode konterkariert. An die Stelle der von der antiken Philosophie, über die Scholastik des Mittelalters, bis hin zu Kant und Hegel vorangetriebenen Versuche einer Philosophie, die alle wissenschaftlichen Erklärungen letztendlich den umfassenden apriorischen Prinzipien der Philosophie unterzuordnen trachtete, setzt die Wissenschaftliche Weltauffassung des Wiener Kreises eine bloß den Überblick über die vorhandenen wissenschaftlichen Ressourcen anstrebende „Wissenschaftstheorie“. (Quelle: Der Wiener Kreis. Ausgewählte Texte)
In seinem Buch Positivismusstreit beschreibt Hans-Joachim Dahms das Verhältnis des Wiener Kreises und der Frankfurter Schule:
Bei der Frankfurter Schule war der Bereich Naturwissenschaft und Mathematik faktisch ausgeblendet, beim Wiener Kreis der sozialwissenschaftliche und historische Bereich unterentwickelt. Eine solche Konstellation ist, von ihren Entwicklungschancen her betrachtet, ambivalent. Von der Entscheidung darüber, als wie groß die Gemeinsamkeiten angesehen und wie stark die jeweiligen Defizite auf beiden Seiten empfunden wurden, hing letztlich ab, ob Kontakte oder ob sogar die Zusammenarbeit mit der anderen Seite gesucht oder gemieden wurde. ... Im ganzen ergibt der Vergleich von politischer Haltung und Aktivität der Frankfurter Schule mit dem Wiener Kreis vor 1933, grob gesagt, folgende Bilanz: hier (in Frankfurt) eine ausgebautere sozialwissenschaftliche Theorie, dort (in Wien) eine intensivere Beteiligung an praktischer sozialistischer Politik bei den meisten Mitgliedern des Wiener Kreises.
Weitere Informationen:

Der Wiener Kreis

Positivismusstreit

Samstag, 23. Mai 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #14

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Sonntag, 17. Mai 2015

John von Neumann (Vater des digitalen Zeitalters)

Von Ralf Keuper

John von Neumanns Einfluss auf die Computerwissenschaften, ist, obwohl als Person nicht so bekannt wie Alan Turing und Kurt Gödel, mindestens ebenso so groß. Das weniger in theoretischem Sinn, wenngleich er auch hier wegweisende Arbeiten verfasst hat, als vielmehr in praktischer Hinsicht, was sich in der Zeit vor und während des 2.Weltkriegs als Glücksfall erweisen sollte. Von Neumann war ein begnadeter, wie wir heute sagen würden, Wissenschaftsmanager. Er besaß die Fähigkeit, Menschen unterschiedlicher Charaktere und Fachrichtungen zusammenzubringen und ihre Arbeit zu organisieren, dass daraus brauchbare Ergebnisse resultierten. Zu gute kam ihm dabei, dass er in der Lage war, die komplexesten Zusammenhänge in einfache Worte bzw. Beschreibungen zu fassen.

Über die Forschergruppe am Institute for Advanced Study schreibt George Dyson:
Die von John von Neumann rekrutierten Ingenieure griffen auf die Erfahrungen zurück, die sich während des Kriegs als Radartechniker, Kartografen oder Flakschützen gesammelt hatten; sie unterwarfen die Ablenkspulen einer pulskodierten Steuerung und unterteilten den Bildschirm in 32x32 numerisch adressierbare Zellen, die der Elektronenstrahl individuell ansteuern konnte. Weil die vom Strahl erzeugte elektrische Ladung auf der beschichteten Glasscheibe für den Bruchteil einer Sekunde erhalten blieb und periodisch aufgefrischt werden konnte, vermochte jede dieser Kathodenstrahlröhren mit ihren 17 Zentimeter Durchmesser 1024 Bits zu speichern, wobei der Energiezustand jeder Zelle jederzeit abfragbar war. Der Übergang von analog zu digital hatte begonnen. 
George Dyson gibt in seinem Buch Turings Kathedrale. Die Ursprünge des digitalen Zeitalters eine Fülle von Beispielen, wie von Neumann die Entwicklung bei der Herstellung der ersten digitalen Rechner maßgebend beeinflusst hat. Auch bekannt als Von-Neumann-Rechner.

Früh erkannte von Neumann die Bedeutung der Arbeiten Alan Turings und Kurt Gödels für den Bau eines Universalrechners:
Auch wenn Turing Gast der Universität Princeton war und von Neumann am Institut arbeitete, teilten sich Mathematiker aus beiden Einrichtungen Arbeitsräume in der Fine Hall. "Turing hatte ein Arbeitszimmer direkt neben von Neumann, und von Neumann interessierte sich sehr für solche Sachen", sagt Herman Goldstine. "Er wusste über die Arbeit Turings genau Bescheid und ... verstand ihre Bedeutung, als der richtige Zeitpunkt kam. ... Julian Bigelow pflichtet ihm bei: "Es war kein Zufall, dass der Programmspeicher-Rechner ein rundes Jahrzehnt, nachdem  ... Emil Post und Alan Turing den theoretischen Rahmen für diese Art des Denkens geliefert hatten, Wirklichkeit wurde", bestätigt er. Von Neumann sei mit "der Arbeit von Gödel, Post und Church vertraut" gewesen und habe daher gewusst, dass der Universalrechner machbar war. 
Seine Ehefrau, Klári von Neumann, beschrieb ihren Ehemann einmal so:
Die reinen Mathematiker behaupteten, er sei zum theoretischen  Physiker geworden; die theoretischen Physiker sahen in ihm einen großartigen Berater in Sachen angewandter Mathematik; der mathematischer Praktiker war unheimlich beeindruckt, dass ein so versierter Elfenbein-Mathematiker ein so großes Interesse an den Anwendungsproblemen zeigte, und ihr vermute, dass er in manchen Regierungskreisen womöglich als Experimentalphysiker oder sogar als Ingenieur eingestuft wurde. 
Sein wohl wichtigster theoretischer Beitrag stammt aus den letzten Lebensjahren, als sich von Neumann mit Fragen der künstlichen Intelligenz beschäftigte. Sein Manuskript wurde nach seinem Tod von seiner Frau überarbeitet und unter dem Titel The Computer and the Brain herausgegeben. 

Weitere Informationen:

John von Neumann and stochastic simulations

Donnerstag, 14. Mai 2015

Einige Anmerkungen zu "Münkler Watch"

Von Ralf Keuper

Erst relativ spät wurde ich auf die aktuelle Diskussion um den bekannten Politikwissenschaftler Herfried Münkler aufmerksam. Im Zentrum steht dabei der Blog "Münkler Watch". Der Blog wird von einem oder mehreren Studenten der Humboldt-Universität Berlin betrieben, an der Münkler den Lehrstuhl für Politische Theorie bekleidet. 

Die Autoren, die anonym sind, kritisieren auf ihrem Blog die, ihrer Ansicht nach, sexistischen, rassistischen, eurozentristischen und militaristischen Äußerungen Münklers während seiner Vorlesungen. 

Das Echo auf die Aktivitäten der Studenten in den Medien fällt unterschiedlich aus. So weit ich es beurteilen kann, überwiegt die Kritik. 

Stellvertretend dafür:
Mehr oder weniger neutrale Positionen:
Unterstützung für den Watch-Blog:
Münkler war schon in der Vergangenheit keineswegs unumstritten. Seine Äußerungen in der Schuldfrage des 1. Weltkrieges blieben nicht ohne Widerspruch. Sein Interview mit der FAZ vor wenigen Wochen, in dem es u.a. um den Einsatz von Kampfdrohnen ging, kommentierte World Socialist Web Site mit dem Beitrag Herfried Münkler preist Kampfdrohnen und Giftgas als „humane“ Waffen kritisch. 
Unstrittig ist wohl, dass Münkler zum Zynismus neigt und sein Humor gewöhnungsbedürftig ist, was für sich genommen keine Argumente sind, die gegen seine Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler sprechen. 

Das Online-Magazin IPG bescheinigte Münkler unlängst eine Produktivität, die an die eines mittelprächtigen US-Think Tanks heranreiche; was als Kompliment gemeint war. Münkler ist in den Medien präsent, wie nur wenige Wissenschaftler in Deutschland. Insofern überrascht es nicht, wenn einige von ihnen dem Watch-Blog nur wenig Sympathie entgegenbringen, wie Medienvertreter sich überhaupt noch schwer tun mit dieser Form öffentlicher Meinungsäußerung. 

Ein Professor, der medial so präsent ist wie Münkler, wird damit leben müssen, wenn er selber über alternative Kanäle in die Kritik gerät. Das bedeutet nicht, dass man die Studierenden deshalb in den Rang von Freiheitskämpfern erheben muss - ebenso aber halte ich die Bezeichnung von Trotzkisten für unangebracht. Das ist in beiden Fällen überzogen. 

Ganz so falsch scheint mir Peter Nowak auf Telepolis nicht zu liegen, wenn er davon spricht, dass es sich bei Münkler-Watch um eine neue Form des Studentenprotestes in der Digitalmoderne handeln könnte. Wissenschaft lebt von Kritik. In Münklers Vorlesungen war dafür, nicht nur nach Ansicht der Studenten, wenig Raum; was aber nicht nur ein Problem von Münkler ist. 

In dem aktuellsten Beitrag Münkler-Watch: Klasse, Herr Münkler! Es geht doch! zeigt sich der Blog erfreut über die jüngste Vorlesung Münklers. 

Vielleicht finden die Seiten ja doch noch zu einem Dialog - ganz ohne Blog.

Dienstag, 12. Mai 2015

In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden .. (Ernst Cassirer)

In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein. In allen kritischen Augenblicken des sozialen Lebens sind die rationalen Kräfte, die dem Wiedererwachen der alten mythischen Vorstellungen Widerstand leisten, ihrer selbst nicht mehr sicher. In diesen Momenten ist die Zeit für den Mythus wieder gekommen. Denn der Mythus ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel auf seine Stunde und Gelegenheit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die bindenden Kräfte im sozialen Leben der Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen Kräfte zu bekämpfen. 
Aus: Ernst Cassirer: Der Mythus des Staates, zitiert aus der Rede von Heinrich August Winkler anlässlich des 70. Jahrestages der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, abgedruckt in der FAZ vom 09.05.2015

Weitere Informationen:

Über Mythologien

Montag, 11. Mai 2015

Wenn ein Wissen reif ist, Wissenschaft zu werden (Johann Wolfgang von Goethe)

Wenn ein Wissen reif ist, Wissenschaft zu werden, so muss notwendig eine Krise entstehen: denn es wird die Differenz offenbar zwischen denen, die das einzelne trennen und getrennt darstellen, und solchen, die das Allgemeine im Auge haben und gern das Besondere an- und einfügen möchten. Wie nun aber die wissenschaftliche, ideelle, umgreifendere Behandlung sich mehr und mehr Freunde, Gönner und Mitarbeiter wirbt, so bleibt auf der höheren Stufe jene Trennung zwar nicht so entschieden, aber doch genugsam merklich.
Diejenigen, welche ich die Universalisten nenne, sind überzeugt und stellen sich vor: dass alles überall, obgleich mit unendlichen Abweichungen und Mannigfaltigkeiten, vorhanden und vielleicht auch zu finden sei; die andern, die ich Singularisten benennen will, gestehen den Hauptpunkt im allgemeinen zu, ja, sie beobachten, bestimmen und lehren hiernach; aber immer wollen sie Ausnahmen finden, da wo der ganze Typus nicht ausgesprochen ist, und darin haben sie recht. Ihr Fehler aber ist nur, dass sie die Grundgestalt verkennen, wo sie sich verhüllt, und leugnen, wenn sie sich verbirgt. Da nun beide Vorstellungsweisen ursprünglich sind und sich einander ewig gegenüberstehen werden, ohne sich je zu vereinigen oder aufzuheben, so hüte man sich vor aller Kontroverse und stelle seine Überzeugung klar und nackt hin. 
So wiederhole ich die meinige: dass man auf diesen höheren Stufen nicht wissen kann, sondern tun muss: so wie an einem Spiele wenig zu wissen und alles zu leisten ist. Die Natur hat uns das Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinaus wirken können noch wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und Vermögen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Züge zu tun, von denen wir uns Gewinn versprechen; dies versucht nun ein jeder auf seine Weise und lässt sich nicht gern einreden. Mag das also geschehen, und beobachten wir nur vor allem genau: wie nah oder fern ein jeder von uns stehe, und vertragen uns sodann vorzüglich mit denjenigen, die sich zu der Seite bekennen, zu der wir uns halten. Ferner bedenke man, dass man immer mit einem unauflöslichen Problem zu tun habe, und erweise sich frisch und treu, alles zu beachten, was auf irgend eine Art zur Sprache kommt, am meisten dasjenige, was uns widerstrebt: denn dadurch wird man am ersten das Problematische gewahr, welches zwar in den Gegenständen selbst, mehr aber noch in den Menschen liegt. Ich bin nicht gewiss, ob ich in diesem so wohl bearbeiteten Felde persönlich weiter wirke, doch behalte ich mir vor, auf diese oder jene Wendung des Studiums, auf diese oder jene Schritte der einzelnen aufmerksam zu sein und aufmerksam zu machen. 
Quelle: Johann Wolfgang von Goethe: Aller Anfang ist heiter. Ein Brevier von Heinz Friedrich

Samstag, 9. Mai 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #13

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind:

Freitag, 8. Mai 2015

Nicht nur München war die "Stadt der Bewegung"

Von Ralf Keuper

Münchens Ruf haftet seit den 1930er Jahren der Makel an, die "Hauptstadt der Bewegung" (gewesen) zu sein. Am  30 April diesen Jahres wurde in München das NS-Dokumentationszentrum eröffnet, das dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte beleuchtet.

Keine Frage: München war, ist und bleibt die Stadt, in der Hitler sein Netzwerk aufbauen und von wo aus er später seinen Siegeszug an die Macht im Deutschen Reich antreten konnte. 
Warum gerade München ein so geeigneter Ort für Hitler und seine Bewegung war, erläutert Franziska Brüning in Wie München zur Brutstätte für den Nazi-Terror wurde
München war aber auch - schon vor dem Ersten Weltkrieg - ein Sammelbecken rechter Ideologen und völkischer Aktivisten. Die Revolution 1918, vor allem aber die folgende Räterepublik waren besonders für die bürgerlichen Bewohner eine traumatische Erfahrung. Das politische Pendel schlug von ganz links nach ganz rechts.
Für die Nazis entstanden ideale Bedingungen, mit ihren Ideen die Gesellschaft nach und nach zu vergiften. Hinzu kam, dass die städtischen und staatlichen Behörden den späteren Diktator unterschätzten, sofern sie nicht mit ihm sympathisierten. Familien aus der Kulturszene wie die Inhaber der Berliner Klavier- und Flügelfabrik Bechstein oder die Verlegerfamilien Bruckmann und Hanfstaengl hofierten Hitler und empfahlen ihn in der besseren Gesellschaft weiter.
Besonders Helene Bechstein und Elsa Bruckmann förderten die politische Karriere Hitlers mit großzügigen finanziellen Zuwendungen.  

Nicht vergessen werden sollte allerdings, dass einige der entschiedensten Gegner Hitlers aus München stammten oder hier im Widerstand aktiv waren, wie die Mitglieder der Weißen Rose oder Georg Elser

Neben München traten aber auch noch andere Städte in Deutschland als Plattform für Hilter und seine Ideologie hervor. Neben Nürnberg und Berlin war dies auch Hamburg. Lange Zeit hielt sich in der Hansestadt die Legende, Hamburg sei Hitler wegen seiner freiheitlichen und liberalen Gesinnung ein Dorn im Auge gewesen. Mit diesem Märchen räumte Karl-Heinz Janssen 1997 in dem Beitrag Hitler und die Hamburger gründlich auf. 

Noch in der Zeit, als er Redeverbot hatte, im Jahr 1926, konnte Hitler im großbürgerlichen Hamburger Nationalclub von 1919 vor 500 Gästen einen zweieinhalbstündigen Vortrag halten. In gewisser Weise machte das Hamburger Großbürgertum Hitler wieder salonfähig. Auch sonst hatte Hitler mit Hamburg große Pläne, wie u.a. aus dem Beitrag Hitlers Groß-Hamburg hervorgeht. In seinem Buch Hanseaten unter dem Hakenkreuz. Die Handelskammer Hamburg und die Kaufmannschaft im Dritten Reich zeichnet Uwe Bahnsen dagegen ein deutlich schmeichelhafteres Bild der Zivilcourage in Hamburg während des Dritten Reiches, was der Rezensentin Lu Seegers auf hsozkult stellenweise die Sprache verschlägt. 

Neben München, Nürnberg und Berlin darf sich auch Hamburg des zweifelhaften Rufs erfreuen, eine Stadt der Bewegung gewesen zu sein. 

Auch die rheinische Metropole Köln hatte entscheidenden Anteil an der Karriere Adolf Hitlers; fand hier doch im Jahr 1933 das Treffen Papens mit Hitler im Haus des Bankiers Schröder statt, das für den Historiker Karl Dietrich Bracher die Geburtsstunde des Dritten Reiches markiert. Dass Karneval und Nationalsozialismus sich nicht zwangsläufig ausschließen, belegten Markus Leifeld und Carl Dietmar in ihrem Buch Alaaf und Heil Hitler. Von einer Narrenrevolution in Köln während des dritten Reiches, kann daher keine Rede sein. 

Ebenfalls nicht vergessen werden sollte Hitlers legendäre Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf

Weitere Informationen:

Sonntag, 3. Mai 2015

Abenteuerlicher Simplizissimus (Fernsehfilm)

Von Ralf Keuper

Beim Simplicius Simplicissimus von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen handelt es sich um das wichtigste Prosawerk in deutscher Sprache aus der Zeit des Barock. Es handelt von den Wirren und Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, erzählt aus der Perspektive des Simplicius Simplicissimus. 

Der sehenswerte vierteilige Fernsehfilm Abenteuerlicher Simplizissimus, aus einer Zeit, in der das deutsche Fernsehen noch zu anspruchsvollen Produktionen fähig und/oder willens war ;-) zeigt das abenteuerliche Leben der Hauptfigur in der wohl dunkelsten Phase, die Deutschland und andere Länder Europas zu Beginn der Neuzeit durchlaufen haben. 

Samstag, 2. Mai 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #12

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind:

Freitag, 1. Mai 2015

Ignaz Semmelweis - Erfinder der Hygiene, Retter der Mütter und Gott der Hebammen

Von Ralf Keuper

Über Ignaz Semmelweis sind schon zahlreiche Bücher und Artikel, ja sogar ein Spielfilm, erschienen. Im Zentrum stehen dabei immer seine Forschungen, die er während seiner Zeit als Assistenzart am Allgemeinen Krankenhaus in Wien im Jahr 1846 aus eigenen Antrieb durchführte. Semmelweis hatte beobachtet, dass auffallend viele Kindbettinfektionen und tote Wöchnerinnen in den Abteilungen auftraten, in denen die Schwangeren von Ärzten untersucht wurden, die zuvor Leichen seziert hatten. In einer anderen Abteilung, in der hauptsächlich Hebammen tätig waren, kam es dagegen zu deutlich weniger Todesfällen. 

Semmelweis folgerte daraus, dass ein Zusammenhang zwischen der Tätigkeit der Ärzte und den Todesfällen bestehen müsse. Infolgedessen führte Semmelweis die Regelung ein, dass die Ärzte vor ihrem Kontakt mit den Schwangeren ihre Hände zuerst zu desinfizieren hatten. Danach ging die Zahl der Todesfälle in der Abteilung deutlich zurück. Hierfür musste Semmelweis große interne Widerstände überwinden. Fortan galt er unter seinen Kollegen, wie überhaupt in der Ärzteschaft, als Nestbeschmutzer. 
Seitdem wird Semmelweis als Begründer der modernen Hygieneforschung und als "Retter der Mütter" betrachtet. Die Hebammen erklärten ihn aus verständlichen Gründen zu ihrem Schutzheiligen. 

Die neue Biografie In den Händen der Ärzte. Ignaz Semmelweis - Pionier der Hygiene geht erneut dem Lebensweg dieses herausragenden Forschers nach. In ihrer Besprechung Retter der Mütter, Gott der Hebammen in der FAZ vom 24.04.15 relativiert Martina Lenzen-Schulte einige der bisherigen Annahmen, die über die Forschungen und Rolle von Semmelweis kursieren.

Lenzen-Schulte hebt hervor, dass die von Semmelweis beobachteten Missstände zu jener Zeit nur in den großen Kliniken auffallen konnten. Die Hausgeburten, die von der Anzahl her den weitaus größten Anteil der Geburten repräsentierten, konnten dagegen nicht mit derselben Systematik untersucht werden. Noch im Jahr 1896 brachten 99 Prozent der Mütter ihre Kinder zu Hause zur Welt. 

Lenzen-Schulte führt die Außenwirkung der Debatte auch darauf zurück, dass es sich hier um einen Stellvertreter-Krieg zwischen Ärzten und Hebammen handelte. Letztlich ging es dabei um die Absteckung von Reviergrenzen. 

Bei der Klärung der Frage, weshalb Semmelweis nicht schon zu Lebzeiten die Ehrungen zuteil wurden, die ihm zugestanden hätten, vermisst Lenzen-Schulte in dem Buch einen Hinweis auf die Arbeiten von Thomas S. Kuhn und Ludwik Fleck. Seine Kritik am Establishment der Ärzte wurde erst öffentlich wahrgenommen, als Semmelweis schon längst nicht mehr an der Klinik tätig war.

Parallel zu Semmelweis forderten auch andere Ärzte, wie etwa Thomas Watson in England oder Oliver W. Holmes in Boston, dass die Ärzte ihre Hände sorgfältig zu desinfizieren hätten, da sie ansonsten zu einem "Vehikel" werden würden. 

Lenzen-Schulte schreibt dazu:
Auch diese beiden Ärzte konnten sich zunächst nicht durchsetzen, was indes längst nicht als ein unerklärliches Scheitern verhandelt wird, wie bei Semmelweis, sondern als das übliche Hin und Her zwischen den der Tradition verhafteten Forschern und den Innovativen. Es dauert eben, bis sich eine neue Idee durchsetzt.
Hier muss man differenzieren. Längst nicht jede neue Idee braucht heutzutage noch Generationen, um sich durchsetzen zu können. In der damaligen Zeit jedoch, war es wohl das übliche Verfahren. Dennoch muss man Semmelweis einen großen Mut und hohe Aufrichtigkeit bescheinigen. Nur auf leisen Sohlen, mit diplomatischen Geschick allein, ist wissenschaftlicher Fortschritt kaum möglich. Ob man dafür dann die entsprechende Anerkennung, noch zu Lebzeiten, erhält, ist wohl auch künftig eine Frage des "Schicksals".

Weitere Informationen:

Ignaz Semmelweis: Retter der Mütter

Ignaz Semmelweis: "Welch unglaublicher Frevel!"