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Dienstag, 30. Juni 2015

Der Landsknecht als Symbol (Patrick Leigh Fermor)

Als ich erst einmal auf meine Landsknechtformel gekommen war - die Massivität des Mittelalters, ausgeschmückt mit einem Wust aus willkürlichen Versatzstücken der Renaissance - , fand ich sie überall bestätigt. Ich sah sie, wohin ich blickte: nicht nur in den Giebeln, Glockenstühlen, Brunnensteinfassungen, Erkern und Arkaden - in den wilden Riesen, die in Tempera, über ganze Hausfassaden hinweg miteinander rangen - , ich sah sie überall. Die Heraldik, in allen deutschen Städten allgegenwärtig, war das beste Beispiel. Die Wappen auf süddeutschen Mauern waren früher so einfach wie auf die Spitze gestellte Plätteisen mit einem umgestülpten Kübel darauf: doch unter dem Einfluss der neuen Formel erblühte jedes davon zu Formen wie dem unteren Teil eines in zwei Hälften gesägten Cellos, schwungvoll eingekerbt zum Zeichen seiner eingelegten Lanze, unter dem zwanzigfachen Bild durchbrochener Helme, gekrönt von Herzogskronen, jede Helmzier überbordend mit Hörnern oder Flügeln oder Straußen- oder Pfauenfedern, allesamt nun plötzlich in Scherpen gehüllt, so üppig, so verschlungen, so zerklüftet wie riesige Blätter im Sturm. .. Alles war in Bewegung. War es die Landsknechtsregel, die auf die Typografie übergriff und die verschnörkelten Großbuchstaben schuf, gezwirbelte Serifen, und rund um die Frakturschriften der Epoche nach Gutenberg die umeinandergewundenen tiefschwarzen Schnörkel entstehen ließ, die wie Bänder, die ein Jongleur an der Spitze eines Stabes schwingt? 
Er ist der Inbegriff dieser Zeit, und sein Einfluss ist allgegenwärtig: in den bunten Glasringen, auf denen die Weinpokale sitzen, die vor den Lokalen knarrend an schmiedeeisernen Stangen schaukeln, in den Schnitzereien der hölzernen Stempel und den eisernen Ornamenten der Treppengeländer, in den Kranzleisten der Vertäfelungen und den kalligrafischen Schnörkeln der Sinnsprüche an den Wänden, dem bacchantischen Dickicht aus holzgeschnitztem Efeu, aus Weinreben und Trauben und Blättern. ...
In der Gemütlichkeit dieser Gasthäuser mit ihrem sägemehlbestreuten Boden, eingehüllt in Zigarren- oder Knasterwolken, saß ich über mein Tagebuch gebeugt und hielt die Summe meiner Überlegungen fest. Der Landsknecht als Symbol!
 Quelle: Die Zeit der Gaben

Sonntag, 28. Juni 2015

Der Glaube an die Kraft der Demokratie im alten Athen

In Athen kennt man auch keinen auf das Privatleben der Bürger zielenden politisch-gesellschaftlichen Konformitätsdruck - anders als im Kriegsstaat Sparta. Das Erziehungswesen ist frei von einseitiger Ausrichtung auf militärischen Drill; man setzt vielmehr bewusst auf natürlichen Mut und das aktive Denken und Handeln der Bürgersoldaten. Die reiche Festkultur Athens bietet die dazu notwendigen und wirksamen Erholungspausen von der harten Arbeit und nimmt den bedrückenden Mißmut aus dem Alltag. Im öffentlichen und kulturellen Leben der Stadt, der "Bildungsstätte von Hellas", soll möglichst jeder Bürger imstande sein, "sich als selbständige Persönlichkeit mit Anmut und geistiger Beweglichkeit darzustellen"; der Glaube an die Kraft der Demokratie gipfelt hier in einer stolzen Zuversicht, dass mit der freiheitlichen bürgerlichen Ordnung in Athen wesentliche Voraussetzungen dafür erbracht worden sind, um eine ganze Polisgesellschaft zu höchsten menschlichen Leistungen zu befähigen. Eine berühmte Formulierung, die wortwörtlich auf Perikles selbst zurückgehen dürfte, lautet: "Wir lieben das Schöne, bei (privater) Schlichtheit; wir lieben Bildung und Weisheit, ohne darüber weichlich und unentschlossen zu werden".
Quelle: Gustav Adolf Lehmann - Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen

Mittwoch, 24. Juni 2015

Archipelisches Denken (Édouard Glissant)

Von Ralf Keuper

Der aus der Karibik stammende Schriftsteller, Philosoph und Essayist Édouard Glissant wurde einer breiteren Öffentlichkeit besonders durch sein Konzept der Kreolisierung bekannt. Eingebürgert hat sich dafür auch der Begriff des "Archipelischen Denkens". 

Was sich dahinter verbirgt hat Marsha Pierce in Die Welt als Archipel einprägsam formuliert:
Für Glissant ist die Insel eine Metapher für die Neuformulierung unseres Raumdenkens – sie steht sinngemäß für das Verständnis von Raum als etwas Grenzenlosem. Konzeptionell ist die Insel also nicht eine fixe, losgelöste, isolierte Einheit, sondern steht vielmehr in zweifachen Abweichungs- und Umkehrungsprozessen: Sie streckt sich unbegrenzt in verschiedene Beziehungsrichtungen nach außen aus, zugleich kehrt sie sich zur Hinterfragung des eigenen Selbst und der Selbsterkenntnis nach innen. Das ist Glissants Vorstellung von archipelischem Denken: die Fähigkeit, die Insel zu sehen und sich zugleich ihrer Verbindung zu etwas wesentlich Größerem bewusst zu sein, der Beziehung zu einer Gruppe von Inseln, als Bindeglied zu einem Archipel. Es handelt sich um eine Philosophie, bei der man sich simultan des Hier und Dort, des Nah und Fern intensiv bewusst ist und sich damit verbunden fühlt. Archipelisches Denken öffnet uns alle Meere und jeden Ort. Wir können uns beispielsweise in Lexika definierte Inseln wie Barbados, Tobago, St. Lucia, Jamaica und Kuba als Teil des karibischen Archipels vorstellen, wir können aber auch ihre Beziehungen zu einem weiträumigeren, theoretischen Archipel betrachten, das Uganda, Deutschland, Neuseeland, Thailand, Argentinien, Hawaii, China und Kanada einschließt.
Konträr zur archipelischen verhielt sich für Glissant die kontinentale Art des Denkens:
Glissant unterscheidet zwischen einer myopischen, kurzsichtigen, beziehungsweise kontinentalen Art des Denkens, wie er es nennt, das sich "seiner selbst sicher" ist, und einem archipelischen Denken, das ein "zitterndes Denken" darstellt, das sich "seiner selbst nicht sicher" ist. Was er dabei aufzeigt, ist die Fähigkeit des archipelischen Denkens, eine dynamische Existenz zu schaffen, in der die Antwort auf die Frage, wer wir sind, zu keinem Zeitpunkt absolut, abgeschlossen, gewiss oder "sicher" ist. Es wird vielmehr durch das zufällige Zusammentreffen disparater Elemente ständig neu geschaffen, stets geformt in Beziehungen zu unseren Nachbarn – in unseren Interaktionen mit anderen Inseln.
Das archipelische Denken hat für Glissant noch weitere Vorzüge:
Archipelisches Denken ermöglicht das unvorhersehbare Entstehen von Identitäten, die äußerst ausgreifend und verflochten sind – wie ein Wurzelwerk. Mit Glissants Worten: "Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass, wenn ich meine eigene Identität ändern kann, indem ich sie mit einer anderen austausche, dies nicht bedeutet, dass ich als identifizierbare Person verschwinden werde. Es bedeutet nicht, dass mich ein großes Loch verschluckt. Es bedeutet nicht, dass ich in der Luft hänge. Es bedeutet nicht, dass ich mich in ein unverständliches Fantasiegebilde auflösen werde. Wir sollten uns an die Vorstellung gewöhnen, dass die Identitäten von Menschen in unserer heutigen Zeit tatsächlich Beziehungsidentitäten sind – ich nenne sie rhizomatische Identitäten, also die Wurzel, die sich in den Boden gräbt und zugleich ihre Zweige nach allen Seiten zu anderen Wurzeln ausstreckt."
Die Besonderheit von Glissants Denken und Schreiben fasste der Tagesspiegel anlässlich des Todes des Schriftstellers vor gut vier Jahren in folgende Worte:
Glissants Texte zielen nicht auf ein abgeschlossenes Denksystem. Das Offene seines Werks fordert den Leser heraus, weil es ungewöhnliche Verbindungslinien aufzeigt. Eine pittoreske oder naturalistische Karibikliteratur war seine Sache nicht, vielmehr unterhielt er eine fließende Beziehung zum Text à la William Faulkner, dem er einen Essay widmete. Damit setzt er der das Fremde vermessen wollenden europäischen Tradition eine karibische Poetik der Vielstimmigkeit und der Gleichzeitigkeit verschiedener Zweitebenen entgegen. Die Undurchdringlichkeit des Anderen, das Nicht-Erklärbare, ist etwas Positives, so lautet eine seiner Thesen gegen die falsche Klarheit universalistischer Modelle im aktuellen Dokumentarfilm „Édouard Glissant: Un monde en relation“ des New Yorker Regisseurs Manthia Diawara. 
Der Band Kreolisierung revisited: Debatten um ein weltweites Kulturkonzept beschäftigt sich kritisch mit Aktualität der Kreolisierung nach Glissant u.a. . 

Wer sich darüber hinaus für die Besonderheiten der Karibik interessiert, sei auf das Buch Der Baum des Reisenden. Eine Fahrt durch die Karibik von Patrick Leigh Fermor hingewiesen. 

Weitere Informationen:



Dienstag, 23. Juni 2015

"Canossa" als Ausgangspunkt für die "Entzauberung der Welt" (Stefan Weinfurter)

"Canossa" war ein Ereignis, aber es steht auch als historische Chiffre. Diese bezeichnet den Beginn und den Weg der "Entzauberung der Welt". So hat Max Weber den Rationalisierungsprozess umschrieben, bei dem die Einheit von religiöser und "staatlicher" Ordnung sich auflöst. Dieser Vorgang birgt zwangsläufig neue regulative Ideen in sich, die den Wertekodex einer Gesellschaft zutiefst beeinflussen. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit stechen im Umfeld von "Canossa" als Leitideen heraus. Sie förderten eine zunehmende Strenge in der Anwendung von Normen und Regeln. Gesetze und Vorschriften erhielten eine andere Verbindlichkeit als zuvor. Und es zeigten sich erste Ansätze dazu, den "staatlichen" Bereich durch eigene Gesetze zu regeln, etwa durch den zwanghaften Rückgriff auf römisches Recht. ... 
Von hier (Canossa) gingen die ersten Impulse dafür aus, weltliche Lebensordnungen zu konzipieren, die Kirche als eigene Institution zu definieren und wissenschaftliche Methoden der Wahrheitssuche zu entwickeln. Erstaunlich rasch brachte es das "Licht der Vernunft" so weit, dass man an der Pariser Universität schon im 13. Jahrhundert wagen konnte, Gottes Existenz zu leugnen. Man konnte sich die Welt bereits gottlos vorstellen, auch wenn diese Auffassung auf Betreiben der Amtskirche sogleich wieder mit Nachdruck ausgelöscht wurde. Doch der Stein war ins Rollen gebracht und zog seine Bahn über manche Unebenheiten bis hin zur Aufklärung. Für die "Entzauberung der Welt" benötigten man einen langen Atem. Ihr Ausgangspunkt aber lag in "Canossa". 
Quelle: Canossa. Die Entzauberung der Welt. 

Samstag, 20. Juni 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #16

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Universität in der Demokratie — Demokratisierung der Universität (Jürgen Habermas)

Die Zeitschrift Merkur hat dankenswerter Weise den Aufsatz Universität in der Demokratie —Demokratisierung der Universität von Jürgen Habermas aus dem Jahr 1967 online gestellt. 

Weitere Informationen:

Mittwoch, 17. Juni 2015

Marktkonforme Kreativität (Hartmut von Hentig)

Liege ich falsch, wenn ich sage: Die hier beschworene Kreativität (im Sinne von Benchmarking, Optimierung, Flexibilisierung, Dezentralisierung, flache Strukturen) mein technisch und wissenschaftlich vorn sein - in Gentechnik, Biotechnik, Ökotechnik, Molekulartechnik, Mikrosytemtechnik, Weltraumtechnik, Computer- und Kommunikationstechnik, Managementtechnik, kurz: in High Tech auf allen Gebieten, auf denen Vorsprung wirtschaftliche Vorteile bringt und Nachhinken oder gar Verschlafen wirtschaftlichen Niedergang bedeutet? Diese Kreativität sucht nicht einen Ausweg aus dem Netz der Systemzwänge - der unaufhaltsam fortschreitenden Rationalisierung der Arbeitsvorgänge, der immer weiter um sich greifenden Mediatisierung, der globalen Abhängigkeiten, der Dominanz der Wirtschaft über alle Lebensbereiche, voran über die Politik -, sondern einen entschiedenen, breiten, selbstverständlichen Zugang zu dem, was da läuft. Mit dem Wort Kreativität entlockt man uns die Bereitschaft, in den "mainstream" der Entwicklung - möglichst weit vorn - einzumünden. 
Quelle: Kreativität - Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff

Sonntag, 14. Juni 2015

Goethe und seine Farbenlehre - schöner irren

Von Ralf Keuper

Seine Farbenlehre hielt Johann Wolfgang von Goethe für seine größte Leistung. Auf kein anderes Werk war er so stolz, wie auf seine Theorie, durch die er das Wesen der Farbe erklären wollte. 

Seinem Sekretär Johann Peter Eckermann diktierte er: 
Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. […] Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute […].
Mit seinen Veröffentlichungen zielte er in besondere Weise auf Newton und dessen naturwissentliche Sicht auf die Farbwahrnehmung, die Goethe widerlegen wollte. 

In ihrer Bewertung der Farbenlehre wichen zahlreiche namhafte Wissenschaftler von der Selbsteinschätzung Goethes deutlich ab. Seine Kritik an Newton gilt allgemein als gegenstandslos. 

Warum Goethes Farbenlehre dennoch diskutiert wird, versucht Wikipedia zu erklären:
Geistesgeschichtlich und wissenschaftshistorisch bedeutsam ist die Farbenlehre bis heute deshalb, weil sie Goethes ganzheitlichen Ansatz der Naturbetrachtung und seine Beobachtungsgabe dokumentiert. Sie belegt seine Bevorzugung der Anschauung gegenüber der Abstraktion. Aus dieser Anschauung und dem subjektiven Empfinden leitete er auch die psychologischen Wirkungen der Farben auf den Menschen ab und entwickelte damit eine Art Farbenpsychologie.
Der Vorzug eines ganzheitlichen Ansatzes besteht darin, dass er nie ganz richtig, aber auch nie ganz falsch ist. Davon profitiert allem Anschein nach die Farbenlehre Goethes bis heute ;-)

An Versuchen, die Farbenlehre Goethes zu retten bzw. in einem hellen Licht erstrahlen zu lassen, fehlt es bis zum heutigen Tag nicht. Wenn sie schon nach strengen wissenschaftlichen Maßstäben beim besten Willen nicht haltbar ist, so kann sie doch noch immer als glänzende Polemik, wie in Goethes Farbenlehre. Schöner irren, verklärt werden. Der vorläufig letzte Rettungsversuch stammt von Olaf l. Müller und seinem Buch "Mehr Licht". Goehte mit Newton im Streit um die Farben

Ein Wissenschaftler, der in dem Zusammenhang erwähnt werden muss, ist Joseph von Fraunhofer, auf den u.a. die Fraunhoferschen Linien zurückgehen

Wenn man von den nicht mehr zu leugnenden Defiziten der Farbenlehre Goethes absieht, bleibt die Beschäftigung mit dem Wesen der Farbe weiterhin wichtig, insbesondere in der Kunstgeschichte, wie wohl nicht nur John Gage , der Goethe mehrfach lobend erwähnt, meint:
Der Farbe kommt für den Kunsthistoriker, wie mir scheint, besondere Bedeutung zu, weil sie ihn dazu zwingt, sich mit zahlreichen anderen Bereichen menschlicher Erfahrung auseinanderzusetzen. Da sie nahezu immer sich selbst ist und nur zu selten eine Darstellung ihrer selbst, und weil sie das Zeug ist, aus dem Darstellungen gemacht sind, muss die Farbe in Kunsterzeugnissen konkret erlebt werden. Folglich bietet sie ein Korrektiv zu dem regen Zweig unseres Fachs, der sich in jüngster Zeit ungeachtet der Tatsache, dass "der Blick" zum modischen Thema erhoben wurde, bemüht hat, das, was das Auge wahrnimmt, aus seinem Diskurs auszusparen und statt dessen den "Text" in den Mittelpunkt zu rücken. Mit anderen Worten: Die Farbe sollte die Kunstgeschichte wieder zur Würdigung des Sichtbare hinführen, und schon allein aufgrund dessen gebührt ihr ein Platz an oberster Stelle auf jeder zukünftigen kunsthistorischen Tagesordnung (in: Die Sprache der Farbe: Bedeutungswandel der Farbe in der bildenden Kunst)
Weitere Informationen:

Samstag, 13. Juni 2015

Wie souverän ist Deutschland?

Von Ralf Keuper

Eine Frage, die in letzter Zeit gehäuft auftritt, ist, ob es sich bei Deutschland tatsächlich um ein souveränes Land handelt. Neue Nahrung hat die Diskussion durch den sog. NSA-Skandal bekommen, der bei nicht wenigen den Eindruck hat entstehen lassen, Deutschland sei mehr oder weniger von den USA abhängig. 

Die Kontroverse an sich ist jedoch nicht neu. Immer wieder tauchen Behauptungen auf, dass das Deutsche Reich 1945 - rechtlich gesehen - nicht untergegangen und die Bundesrepublik Deutschland daher kein "echter Staat" und schon gar nicht souverän sei. Das Grundgesetz habe nur provisorischen Charakter - noch immer fehle eine Verfassung, ebenso wie ein Friedensvertrag. 
Selbst Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes, war davon überzeugt, dass das GG eines Tages durch eine Verfassung ersetzt werden müsse (Vgl. dazu "Was heisst eigentlich: Grundgesetz?") - so ganz abwegig ist das Argument daher nicht. Die Frage ist allerdings, ob es sich hierbei um ein noch immer aktuelles Problem handelt. 

Gut auf den Punkt hat das Thema m.e. Egon Bahr gebracht:

Es wäre langsam mal an der Zeit, dass einmal grundsätzlich geklärt wird, welche Relikte aus der Besatzungszeit gelten immer noch. ... Souverän ist kein Land mehr. 
Ein weitere kritische Stimme, ist die von Josef Foschepoth, der intensiv zu dem Thema Besatzungsrecht und Geheimdienste geforscht hat. 


Gewohnt satirisch hat sich Die Anstalt mit dem Thema auseinandergesetzt. 


Wie objektiv ist die Mathematik?

Von Ralf Keuper

Die Mathematik gilt gemeinhin als das Sinnbild einer exakten Wissenschaft. Die Beweisführung ist hier eindeutig geregelt, und zwar anhand von Maßstäben und Regeln, die, jedenfalls für die wissenschaftliche "Community", nachvollziehbar und überprüfbar sind. Das dürfte wohl auch einer der Gründe dafür sein, weshalb viele Ökonomen versuchen, ihre Thesen mit mathematischen Formeln zu belegen, was unter den Mathematikern nicht selten Stirnrunzeln auslöst.

Jedenfalls ist das Bild der vorurteilsfreien, objektiven Mathematik ein wenig korrekturbedürftig, wenn man den Beitrag Beweisführung in der Mathematik - Wann ist ein Beweis richtig? auf sich wirken lässt. 

Darin geht es um den Beweis der abc-Vermutung, den der japanische Mathematiker Shin'ichi Mochizuki für sich beansprucht. Um aber den Beweis nachprüfen zu können, ist es auch nach Ansicht von Mochizuki nötig, ein halbes Jahr intensives Studium zu investieren. Dazu ist aber nicht nur sein Doktorvater, Gerd Faltings, der bisher einzige deutsche Träger der Fields-Medaille, nicht bereit. 

Handelt es sich im Fall Mochizuki um die überspannte Idee eines Mathematikers, der nach Anerkennung sucht, oder um eine wirkliche, bahnbrechende Leistung? Mochizuki ist ein weltweit anerkannter Mathematiker, und damit kein Außenseiter, wie Kurt Heegner, dem der Beweis für das Klassenzahl-1 Problem gelang. 

Unter Verweis auf Pierre Bourdieu und dessen Forschungen über die Felder kultureller Produktion sehen Kritiker in der Community der Mathematiker Mechanismen am Werk, die sie blind machen für Ideen, die ihren Vorstellungen zuwider laufen. Ludwik Fleck spricht in dem Zusammenhang von Denkkollektiven, die, ohne dass ihnen das immer bewusst ist, eine Umgebung, ein Feld schaffen, das nur bestimmte Sichtweisen zulässt. 

Handelt es sich bei Mochizuki nun um einen zweiten Fall Heegner? Anders als Heegner ist Mochizuki kein Außenseiter. Aber das alleine beweist nicht viel ... 

Weitere Informationen:

Top-Mathematiker ratlos: Niemand versteht Herrn Mochizuki

Sonntag, 7. Juni 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #15

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Nicht die Ergebnisse des nach Erkenntnis der Wirklichkeit suchenden Denkens schenken uns geistige und seelische Kraft (Carlo Schmid)

Nicht die Ergebnisse des nach Erkenntnis der Wirklichkeit suchenden Denkens schenken uns geistige und seelische Kraft, sondern die Taten und Leiden des Forschens. Indem wir uns um Wissenschaft bemühen, erfahren wir, wohin uns Vernunft nicht zu führen vermag und wo die Schwelle eines Glaubens beginnt, der unserem Vernunftdenken eines Gewissheit gibt, dass Gott nicht mit Würfeln spielt ..
Die Vernunft wird uns nie erklären können, was Schicksal ist. In der Welt des Cato von Utica blühten keine Blumen, und die Göttin der Pflicht ist eine karge Nährmutter, wenn allein sie unsere Tempel bewohnt. Die Epikureer und die Aufklärer glaubten es auf ihre Weise zu wissen, doch im Gärtchen des wissend gewordenen Candide wird außer bekömmlichen Gemüse nicht viel gewachsen sein, das ihn nähren könnte ... Vernunft kann die Menschen nur dann zum Blühen und Fruchten bringen, wenn die Musen sie begleiten - nicht als gefällige Weggenossinnen, sondern als Hüterinnen des Weges zu den Müttern und Wächterinnen über die Schätze in den Tiefen unserer Brust. ...
Pure Betrachtung gibt dem Leben keinen Sinn. Sinn ist allein, wo einer das durch Betrachtung Begriffene ergreift und nach den Notwendigkeiten der Zeit in Taten umsetzt, die die Nöte der Zeit zu wenden vermögen. 
Quelle: Carlo Schmid. Erinnerungen  

Donnerstag, 4. Juni 2015

"Handwerk und Mundwerk. Über das Herstellen von Wissen" von Peter Janich

Von Ralf Keuper

Das neue Buch Handwerk und Mundwerk. Über das Herstellen von Wissen von Peter Janich schlägt derzeit in den Feuilletons hohe Wellen. Dem Autor geht es darum, die Rolle des Handwerks, was seinen Beitrag für die Herstellung von Wissen betrifft, ins rechte Licht zu rücken.  

Martin Schneider schreibt in seiner Rezension Unentbehrliche Handarbeit:
Es wäre zu kurz gegriffen, im Hinblick auf Janichs Werk von einer "Ehrenrettung" handwerklich-technischer Tätigkeit zu sprechen. Der Autor stellt vielmehr deren fundamentale Bedeutung beim Herstellen neuen Wissens heraus. Technik und Naturwissenschaft, schreibt er, seien immer in den zeitgenössischen gesellschaftlichen Kontext eingebunden und existierten nie für sich allein. Das gesellschaftliche Umfeld bilde den Rahmen der Wissensproduktion, und die (fließenden) Grenzen empirischer Forschung sieht Janich in den sich ständig ändernden Beschränkungen technischer Machbarkeit.
Weitere Rezensionen, die Lust auf das Buch machen:




Hand- oder Mundwerk? Gegen den Dünkel

Peter Janich: Handwerk und Mundwerk

Das Werk der Hand wächst aus dem Geist (Nikolaus von Kues)

Unserem Geist ist die Natur des Feuers gegeben. Er ist zu keinem anderen Zweck von Gott auf die Erde gesetzt, als dass er brenne und zu einer Flamme anwachse. Die schöpferische Tätigkeit des Menschenwesens hat kein anders Ziel als sich selbst. Es kommt die Menschheit in ihrem Schaffen nicht aus sich heraus, denn sie schafft nichts Neues, sondern das, was sie schafft, ist vorher schon in ihr gewesen, weil alles in ihr menschheitlich vorhanden ist. Der Geist aber hat die Kraft des Bildens und Gestaltens. Indem er nämlich in sich die Fähigkeit hat, zu denken, was er will, besitzt er die Kunst, seine Gedanken zu entfalten. Das wollen wir die Kunst des Bildens nennen, der sich die Bildhauer, Maler, Töpfer, Zimmerer, Dreher, Weber und andere Werkleute widmen. ... Jede sichtbare Form wird daher stets nur ein Abbild und Ähnlichkeit der wahren, unsichtbaren Form sein, die im Geiste der Geist selber ist. - Jeder Meister aber bringt sein Werk auf bestmögliche Weise hervor.
Quelle: Das Buch vom guten Handwerk, hrsg. von Konrad Gatz

Mittwoch, 3. Juni 2015

Wer nur richtig handeln und sprechen will, handelt gar nicht (Karl Jaspers)

Zwischen Menschen ist es gerade im Wesentlichen nicht möglich, gleichsam in einem Schlage das Wahre zu erfassen. Der Mensch und seine Welt sind nicht reif im Augenblick, sondern sie erwerben sich durch eine Folge von Situationen. Er muss durch vorläufige, halbe, unvollendete Positionen hindurch, damit sie sich ergänzen; durch ins Extrem übersteigerte, damit sie sich überschlagen. Wer nur richtig handeln und sprechen will, handelt gar nicht. Er tritt nicht ein in den Prozess und wird unwahr, weil er unwirklich ist. Wer wahr sein will, muss wagen, sich zu irren, sich ins Unrecht zu setzen, muss die Dinge auf die Spitze, oder auf des Messers Schneide bringen, damit sie wahrhaft und wirklich entschieden werden. 
Quelle: Philosophie II. Existenzerhellung 

Montag, 1. Juni 2015

Ein europäischer Denkstil als Mittel gegen das neue Römische Reich im Internet? (Alfred Fuhr)

Ein Gastbeitrag von Alfred Fuhr

Mit Hilfe der Beiträge zur ökonomischen Dogmengeschichte von Bertram Schefold ( Hg) und Volker Caspari aus dem Jahr 2003 und Schefolds Aufsatz Der Weg Alfred Müller-Armacks : Vom Interventionsstaat zur sozialen Marktwirtschaft könnte es vielleicht gelingen, die Kontinuität der 1. Frankfurter Schule mit ihrem interdisziplinären Geist bis zur Teamarbeit für die soziale Marktwirtschaft von Ludwig Erhard und Alfred Müller Armack seinem Staatssekretär und Studienfreund zu (re) konstruieren.

Versuchen wir es mal.

Alfred Müller - Armack war wie Ludwig Erhard, aber auch Max Horkheimer und Theodor Adorno, ein Student von Franz Oppenheimer. Zusammen mit dem oben genannten Beitrag von Bertram Schefold und dem bereits vorgestellten Büchlein von Volker Caspari, Klaus Lichtblau und Claudia Willms ergibt sich für mich die erkennbar klare Skizze eines interdisziplinären Denkstils, mit einer Leitungs - und Gestaltungsfunktion, der zu einem Wirtschaftsstil für uns heutige, die wir nach einer Internetökonomie suchen, werden könnte.

Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, dass, wie Bertram Schefold richtig am Anfang seines Aufsatzes schreibt, dass
"solche Denkstile, die, der Wirtschaft! und der Wissenschaft und Politik "... Orientierung zu geben vermögen" (nicht wie es die Legende um Ludwig Erhards Genius versucht zu erzählen)-nicht nur " von einer einzigen Persönlichkeit erdacht" worden ist , sondern es sehr viele Wegbereiter für die Soziale Marktwirtschaft brauchte, um sie erfolgreich und gegen die Mehrheit der Bevölkerung und gegen den politischen Willen durch zu setzen. "Sie antworteten in den mittleren Jahrzehnten dieses (inzwischen vergangenen) Jahrhunderts auf die Herausforderung der Wirtschaftskrise, der nationalsozialistischen Wirtschaftslenkung, und der zentralen Planung im sich formierenden Ostblock mit einer Erneuerung des Liberalismus."(Bertram Schefold, S. 505).
Es ist daher sicher nicht ganz unklug, den derzeit heiß favorisierten Wirtschaftslenkungsinstrumenten, wie Algorithmen und Predictive Analytics, den Big und Smart Data Idyllen, mit einer unbarmherzigen Analyse dieser Lenkungsfehler zu begegnen. Es ist egal, ob solche Meta-Lenkungsinstrumente von Technokraten ersonnen werden, oder, wie im politischen Interventionsstaatsideal eines utopischen Kommunismus, aus einer sozialen Heilserwartung vom besseren Menschen sich speisen, oder ob sie aus der Pervertierung von Effizienz und dem Rassenwahn und des Sozialdarwinismus des Nationalsozialismus und Stalinismus entstanden sind; auch wenn sie inzwischen nur noch tote Geschichte für die Wirtschaftsstile von heute zu sein scheinen, oder sich als quicklebendig und verkürzt oder postmodern als Wachstumsmoloch inszenieren und als mashup, vor allem wie bei der Partei - Wirtschafts Dichotomie in China, wieder Erfolge zu haben scheinen; oder als Bedrohung durch neuerdings leider auch wieder nach Glasnost-Zwischenspiel in Rußland in der Oligarchen Wirtschaft um Putin reinkarnieren oder sich hinter den islamischen Kalifatsphantasien in der Türkei des Erdogan Regimes verstecken.

Es gilt diesen Lenkungsinstrumenten die seit Jahrzehnten erfolgreiche Idee der Sozialen Marktwirtschaft und ihren Denkstil entgegen zu stellen, auch wenn durch den Techkapitalismus der amerikanischen Internetkonzerne in Deutschland die soziale Marktwirtschaft in ihren Grundfesten wieder neue Antworten geben muss, ja sie angesichts von Datenschutzversagen und der Ohnmacht der Bürger gegenüber Überwachung und Ausspähung und durch die ans absurde grenzenden Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit in einem echten Novum, wie dem Bahnstreik, kulminieren.

Wegen der Weigerung und Unfähigkeit von Arbeit und Kapital, die neue Unübersichtlichkeit der Machtverhältnisse zu handhaben, wird die reine Lehre einer liberalen, sozialen Marktwirtschaft als Königsweg von Wachstum, Balance und sozialer Gerechtigkeit doch ziemlich mit Füßen getreten.
Vielleicht ist es daher nicht ganz unnütz und nicht nur zum Verständnis der Internetökonomie nötig, sich immer wieder mit dem alten Kanon der Wirtschaftswissenschaftlichen Theorie, deren prominente Vertretern Ricardo, Schumpeter, und dem irgendwie dazwischen und damit zwischen allen Stühlen sich befindenden Franz Oppenheimer, seinem dritten Weg, und dessen erster kurzlebiger Frankfurter Schule zu beschäftigen.

Vielleicht kann man die Ausstrahlung dieses Denkstiles für die Digitalisierung nutzen, um die Probleme in der Internetökonomie, für die Uber, Amazon und Apple als große Namen und Disruptoren genannt werden müssen, und vor allem die derzeit heiß diskutierten Monopole von der Mutter aller kommerziellen Nutzung von Internettechnologie GOOGLE zu verstehen, mögliche ordnungspolitische Interventionen und der radikalsten Form davon, einem Ruf nach Bestrafung oder gar Zerschlagung von Google, könnte man mit einem klugen historischen Verweis auf den Denkstil von Oppenheimer und dessen Schüler Ludwig Erhard und einigen weiteren Personen, die in diesem Beitrag eine Rolle spielen werden, entgegentreten.

Alfred Müller Armack`s Genealogie der Denkstile in der Wirtschaft abzuleiten, könnte ein Instrument und einen neuen Denkstil bei Politik, Wissenschaft und Wirtschaft erzeugen. Fangen wir also mi ihm an. Sein Weg in das Ministerium von Ludwig Erhard begann mit seiner Ausbildung in Frankfurt und er hörte dort Vorlesungen von "Onkel Franz" Oppenheimer.
Schefold zitiert in seinem Beitrag über den Öffentlichkeitsarbeiter für den Denkstil der sozialen Marktwirtschaft, Alfred Müller Armack, der den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft in seinem Werk "Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft" in die Öffentlichkeit zu einem eigentlich völlig falschen Zeitpunkt trug, da Die wissenschaftlichen Ursprünge der sozialen Marktwirtschaft zu rekapitulieren ist, angeraten, wenn durch Datenschutzverbote auf der einen und Uber die gewachsene Vertrauenskultur in der Wirtschaft zerstört zu werden scheint, und die Verlockung groß ist, darauf mit einem staatlichen Großeinsatz in die Digitalisierung hinein zu schlagen. Die Ironie dabei ist, dass damals das
"Gedankenfeld der sozialen Marktwirtschaft durch wissenschaftliche Analysen vorbereitet" (wurde) die das "Entstehen unserer modernen Industriegesellschaft seit dem 16.Jahrhundert zum Gegenstand hatten. Ich meine die in der Zeit von 1900 bis 1930 zu hoher Blüte gelangte nachmarxistische Kapitalismusforschung", ( die der Nationalsozialismus verschüttet habe und allenfalls Max webers Ruhm.. in anderen Beziehungen die Zeit überdauert. (Müller- Armack, Genealogie der sozialen Marktwirtschaft, , Bern/Stuttgart 1974 .
Natürlich gibt es bis heute eine Weber Kontinuität.
"Aber die Werke von Strieder zur Genesis des modernen Kapitalismus, die Arbeiten von Böhm- Bawerk, Gothein, Lederer, Oppenheimer, Löwe, also auch von Sozialisten sind zurück getreten." (ebenda)
STOPP. Oppenheimer - ein Sozialist?

Da sei der Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard zitiert, der in seinen "Gedanken aus fünf Jahrzehnten" Oppenheimer so charakterisiert hat:
"ER (OPPENHEIMER) erkannte, den Kapitalismus als das Prinzip, das zur Ungleichheit führt, das der Ungleichheit geradezu statuiert, obwohl ihm gewiss nichts ferner lag als eine öde Gleichmacherei, auf der anderen Seite verabscheute er den Kommunismus, weil er zwangsläufig zur Unfreiheit führt. Es müsse einen Weg geben, - einen dritten Weg, der eine glückliche Synthese, einen Ausgang bedeutet." (Ludwig Erhard, Gedanken aus fünf Jahrzehnten, S.861)
Suchen wir also auf dieser Basis, den glücklichen Ausgang, aus aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit und der Ohnmacht der Datenraubnetzwerksharingökonomie.

Individueller Selbstschutz und Datensparsamkeit hier und Regulierung durch digitalen Wächterstaat, der jegliche private oder anonyme Kommunikation unter Strafe stellen möchte- (wie es der britische Premierminister David Cameron plant!) aber auch ein nur freies Spiel im Bällebad im Netz der ungeahnten Möglichkeiten sich der Ideen anderer einfach so zu bedienen oder die Sub- Sub - Unternehmer Ausbeutung offline im Baugewerbe auch als Möglichkeit für digitale Geschäftsmodelle weiter so vor sich hin wuchern zu lassen, das wird das Internet, aber auch die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland kaputt machen. Welche Ansätze gibt es, die den Denkstil von "Onkel Franz" Oppenheimer, seinen Studenten Alfred Müller -Armack und Ludwig Erhard mit den Erkenntnissen von Edward Snowden und Eric Schmidt`s Code Technokratie konfrontieren?
Das Internet und die Daten als Öl darin zu erkennen, das überfordert derzeit uns alle . Die Wirtschaft wird wie "Ganz Gallien" bei Asterix von den Römern durch die unerklärliche Marktmacht der Techkonzerne inzwischen sowohl offline als auch online dominiert - die großen Meinungskonzerne und die Medien haben bereits die weiße Flagge gehisst und kooperieren mit den neuen Besatzern, ja selbst unsere mächtige deutsche Autoindustrie baut an Modellen, um über E-Commerce Autos im Internet zu verkaufen oder mit Industrie 4.0 den Internetkonzernen direkt oder den Hackern auf Umwegen die Geheimnisse der Maschinenbauintelligent und des Qualitätsmangements in der Oberflächenbehandlung preis zu geben. Doch wo viel bedrohliches ist, da wächst das Rettende auch.

Vielleicht muss man sich nur einmal - mit Oppenheimer die richtigen Fragen stellen, denn einen Großgrundbesitz im Netz, wo es unbegrenzten Speicherplatz und grenzenlosen virtuellen Raum und keine Klasse gibt, die das Internet je beherrschen können wird, all das ist ja auch die Wahrheit. Wie bei Asterix sich in einem kleinen gallischen merkwürdige Individualisten und alte und junge Helden sich mit Freude und Spass und Musik zusammen finden und sich mit Hilfe von Internetpionieren als Druiden sich mit einem Zaubertrank die Stärke holen, so könnte sich eine Bewegung formen, die sich aus den eigenen Daten und einem Management unserer digitalen Identitäten heraus die neue Waffe formt, um in den schier aussichtslosen Kampf gegen NSA und die Übermacht der durch Ignoranz und Bequemlichkeit erstarkten Macht von Google, Apple und Amazon zu ziehen.

Wirtschaft 5.0. Die Macht der Diskretion.

Die an europäischen Werten orientierte Datenanalyse von verschlüsselten Daten, die durch die Zusammenarbeit von regionalen gewachsener Cluster in Datenfragen einen Mehrwert haben und bei deren Analyse Vertrauen die Wahre Datenqualität hervorbringt. Leicht wird es nicht werden, doch so wie es in Zeiten tiefster Not ja auch tollkühn war, jedem einfach 40 Mark in die Hand zu drücken und dann darauf zu vertrauen, dass die Bevölkerung nun nicht mehr zum Schwarzmarkt rennen wird, sondern die benötigte Ware in den Geschäften wahr nehmen und bezahlen und der Unternehmer seinen Gewinn daraus versteuern wird, klang damals auch wie eine schöne Utopie. Sie begann aber, wie die vergessene Geschichte der ersten Frankfurter Schule und der nachmarxistischen Kapitalismusanalyse zeigt, mit dem Wunsch nach Veränderung. Oppenheimer gab den Komfortberuf Arzt auf um zum Soziologen und Ökonom zu werden. Werden wir europäische Datenpiloten. Bauen wir uns einen dritten Weg eine neue digitale Infrastruktur, denken wir über Servicequalität im Netz - jenseits der Ermächtigung zu allem per AGB 's und Bequemlichkeit nach. Hinterfragen wir die Vorteile der schnellen und unkomplizierten Bestellung, für deren Lieferung dann ein natürlicher Lohn eben nicht mehr drin ist. Ich denke, in der verstaubten Theorie sind neue Denkstile zu finden, die dann zu einem neuen Wirtschaftsstil führen können. Die Kraft die darin versteckt ist, ist vielleicht das wirklich neue ÖL.