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Dienstag, 28. Juli 2015

Die wichtigste Errungenschaft der 68er-Bewegung (Peter Schneider)

Die wichtigste Errungenschaft der 68er-Bewegung in Deutschland bleibt, dass sie massenhaft - und vielleicht für immer - mit der Kultur des Gehorsams gebrochen hat. Ihre größte Sünde war, dass ihre Anführer nach einem basisdemokratischen und freiheitlichen Aufbruch am Ende einer im Kern antidemokratischen Doktrin erlagen und vor den Verbrechen ihrer revolutionären Vorbilder - in Kuba, Vietnam, in Kambodscha und in China - die Augen schlossen. Ich glaube nicht, dass sich der spezifisch deutsche Wahn einer Weltrevolution unter der Rubrik "notwendige Kosten" abbuchen und rechtfertigen lässt. Aber ich würde lügen, wenn ich nicht hinzufügte, dass es ohne eine gewisse Portion Wahnsinn und Selbstüberhebung diese Rebellion nicht gegeben hätte. Ohne Wahn keine Rebellion.
Man kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale Chance hatten, die Macht zu ergreifen. Zum Glück haben die neuen Lebens- und Kommunikationsformen, die die Bewegung sozusagen nebenbei und hinter dem Rücken ihrer Ideologen hervorbrachte, eine unendlich folgenreichere Ansteckungsgefahr bewiesen als die bombastischen Programme ihrer Wortführer. Aus dem Zusammenstoss einer importieren, personell mit dem Nazireich tief verstrickten und nur formal existierenden Demokratie mit einer radikalen, am Ende ins Totalitäre überschwappenden Protestbewegung ist die bei weitem lebendigste zivile Gesellschaft in der Geschichte Deutschlands entstanden. 
Quelle: Rebellion und Wahn. Mein '68

Sonntag, 26. Juli 2015

Nur das Wissen um die Leistung der Vergangenheit kann vor dem falschen Hochmut bewahren (Wilhelm Winkelmann)

In diesen Jahren, da Technik und Industrie mehr als je das Geschehen des Tages bestimmen und für die Zukunft wohl noch beherrschender werden, als wir es jetzt schon erdenken können, mag es gut sein, sich jener Zeiten zu erinnern, in denen Maschine und Industrie noch nicht regierten sondern der Einzelne mit seiner Hände Werk, das ist das Handwerk, all jene Dinge schuf, die im täglichen Leben gebraucht wurden. 
Je mehr mit den heranwachsenden Generationen anscheinend auch das Wissen darüber verschwindet, dass es wirklich einmal Jahrhunderte und Jahrtausende gegeben hat, in denen nicht nur alles Nützliche und Notwendige, sondern auch alles Große und Erhabene von der Hand des Menschen unmittelbar geschaffen und gestaltet wurde, um so notwendiger mag es sein, auf dies ganz Andere vergangener Zeit hinzuweisen. 
Denn nur so lässt sich die Gegenwart recht verstehen. Nur dies Wissen um die Leistung der Vergangenheit kann vor dem falschen Hochmut bewahren, als sei nur der gegenwärtige Tag mit seinen Erscheinungen das Höchste und als sei die Geschichte der Menschheit nur gleichbedeutend mit technischem Fortschritt und neuen technischen Errungenschaften.
Denn gemessen an dem, was die Menschheit im Innersten seit Jahrtausenden bewegt, was ihr Glück und ihre Freude ausmacht, ihre täglichen Sorgen sowohl als dem Bemühen um den Sinn des Lebens, den Jahrtausende alten Gesprächen um die beste Gestaltung der menschlichen Gemeinschaft, eben in diesen menschlichen Bereichen ist, soweit wir alte Überlieferungen verfolgen können, nur wenig Fortschritt und wenig Entwicklung, sondern nur das immer gleiche Bemühen geblieben.  

Man kann daraus ersehen, so berechtigt auch immer der Stolz auf neue technische Leistungen sein mag, wie wenig im Grunde all dies Äußerliche doch für den Menschen selbst bedeutet.  
Wenig aber auch, wenn wir bedenken, auf wieviel Schultern und Generationen dieses täglich Neue schon ruht. Denn nur dadurch, dass jede Generation oder vergangenen Jahrtausende das bereits Bekannte sicher in die Zukunft überlieferte oder ihre neue Erfindung hinzufügte, sind wir heute in der Lage weiter zu bauen. 
Wilhelm Winkelmann, Der Schmied von Beckum, in: Beiträge zur Frühgeschichte Westfalens 

Mittwoch, 22. Juli 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus dem Bereich Philosophie und Wissenschaft #17

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Dienstag, 21. Juli 2015

Die Kapitulation des deutschen Bürgertums vor dem Adel im Hohenzollernstaat (Norbert Elias)

Der Hohenzollernstaat trug alle Kennzeichen eines durch erfolgreiche Kriege hochgebrachten Militärstaates an sich. Seine führenden Männer waren durchaus offen für die Notwendigkeit einer zunehmenden Industrialisierung und im weiteren Sinne einer wachsenden Modernisierung. Aber bürgerliche Industrielle und Kapitalbesitzer bildeten nicht die herrschende, die Oberschicht des Landes. Die Stellung des Kriegs- und Beamtenadels als höchstrangierende und mächtigste Schicht der Gesellschaft wurde durch den Sieg von 1871 nicht nur gewahrt, sondern verstärkt. Nicht das gesamte, aber doch ein guter Teil des Bürgertums passte sich verhältnismäßig rasch diesen Gegebenheiten an. Sie fügten sich als Vertreter einer zweitrangigen Klasse, als Untertanen, in die Gesellschaftsordnung des Kaiserreiches ein. .. 
Eine eigentümliche Spielart des Bürgertums trat so auf die Szene: bürgerliche Menschen, die die Lebenshaltung und die Normen des Militäradels zu den ihren machten. Damit verbunden war eine klare Distanzierung von den Idealen der deutschen Klassik. Das Versagen der eigenen Schicht bei dem Bemühen, das Ideal der Einigung Deutschlands zu verwirklichen, und die Erfahrung, dass es unter Leitung des Militäradels verwirklicht worden war, führte zu einem Vorgang, den man vielleicht als Kapitulation weiter Kreise des Bürgertums vor dem Adel bezeichnen kann. Sie wandten sich nun entschlossen gegen den klassischen bürgerlichen Idealismus, zugunsten eines Scheinrealismus der Macht. 
Quelle: Norbert Elias: Studien über die Deutschen  

Sonntag, 19. Juli 2015

"Wodka: Trinken und Macht in Russland" von Sonja Margolina

Von Ralf Keuper

Das Buch Wodka. Trinken und Macht in Russland von Sonja Margolina hat mein Russland-Bild erschüttert. Zwar war mir bekannt, dass der Wodka in Russland ein Nationalgetränk ist; aber dass sein Einfluss so weit in die Gesellschaftsstruktur und Geschichte des Landes hineinreicht, war mir neu. 

Die (Steuer-) Einnahmen aus dem Verkauf des Wodka waren schon unter Ivan dem Schrecklichen ein Pfeiler des russischen Staatshaushalts. Eine zentrale Rolle hatte dabei der Kabak; wenn man so will, vom Staat oder vom Herrscher betriebene Schänken bzw. Trinkhäuser:
Im Kabak sollten nur Bauern und Städter niederer Herkunft trinken; die höheren Schichten - Bojaren und Geistliche - durften für den Eigenbedarf zu Hause brauen und erhielten das Recht, Kabaken zu betreiben. ... der Moskauer Kabak war von Anfang an kein Wirtshaus, kein Ort für gesellige Zusammenkünfte, und erst recht sollte er nicht zur Kultstätte einer Opfergemeinschaft mit ihren orgiastischen Ausschweifungen werden. Letztlich war er nichts weiter als eine Produktionsstätte, in der der Schnaps der Rohstoff, das exzessive Trinken der Arbeitsprozess und die Einnahmen für den Fiskus das Endprodukt waren. Die trostlosen Trinkhütten mit ihrer dürftigen Einrichtung sollte die Kunden dazu verführen, schnell und viel zu trinken. 
Trinken wurde damit zur Pflicht aller Untertanen. Wer nicht exzessiv trank, machte sich verdächtig, musste gar mit drakonischen Strafen und gesellschaftlicher Ächtung rechnen. 

Über die Jahrhunderte hat es nicht an Versuchen gefehlt, der Trunksucht Einhalt zu gebieten. Weder die Kirche, das Zarenhaus, Lenin, Stalin noch Gorbatschow haben es vermocht, den  Staat vom "Säufer-Etat" unabhängig zu machen. Das Volk fand immer wieder Mittel und Wege, die Auflagen zu umgehen. 

Die selbstzerstörerische Wirkung des Alkohols hat inzwischen bedrohliche demografische Dimensionen angenommen. Margonlina spricht von einer "Humankatastrophe":
In den neunziger Jahren starben 3,5 Millionen Männer, von denen fast jeder Dritte im arbeitsfähigen Alter war. In den Altersgruppen der Männer zwischen 20 und 64 liegen die Sterberaten 2001 um mindestens vierzig Prozent höher als ein Jahrzehnt zuvor, bei den Männern zwischen 45 und 54 Jahren sogar um sechzig Prozent und bei den Frauen zwischen 20 und 59 um dreißig Prozent höher als 1970. Solche Werte sind in den Industrieländern beispiellos: Nirgendwo ist es zu einer derart dramatischen und anhaltenden Erhöhung der Sterberaten in Friedenszeiten gekommen. Die russische Bevölkerung hat dadurch bei ähnlichen Geburtenraten wie die deutsche eine viel niedrigere Lebenserwartung: Im Jahr 2002 lag sie bei 59 für Männer und bei 72 für Frauen. .. Das Wegbrechen des demografischen Mittelbaus, das nach Ansicht der Fachleute eine kriegsähnliche Dimension erreicht, die dramatische Differenz in der Lebenserwartung der Geschlechter und ein negatives Bevölkerungswachstum sind unverkennbare Symptome für die Bevölkerungsimplosion in Russland.
Angesichts der Größe Russlands und seinem Wunsch, seine alte Bedeutung wiederzuerlangen, wenigstens aber als Großmacht anerkannt zu werden, ist die Bevölkerungsimplosion existenzbedrohend:
Die unumkehrbare Bevölkerungsimplosion, deren Beschleunigung auf das Konto des Wodka-Konsums geht, ist im Begriff, den umfassenden Niedergang einer der größten Nationen zu beschleunigen. Verständlicherweise weckt diese Aussicht Ängste und sogar Panik bei den Betroffenen. Die Entwicklung - so lautet inzwischen der offizielle Standpunkt - berge nicht nur eien "Gefahr für die nationale Sicherheit" der Russen, sondern entpuppe sich auch als explosiver geopolitischer Faktor. 
Letzteres gilt vornehmlich für die "Gelbe Gefahr". Es ist fraglich, ob Russland künftig noch in der Lage sein wird, Sibirien unterhalten und vor Gebietsansprüchen der Chinesen bewahren zu können:
Den fünf Millionen Russen im Süden des Fernen Ostens stehen in den drei chinesischen Grenzprovinzen mehr als hundert Millionen Einwohner gegenüber. .. Mitte des 21. Jahrhunderts könnten die Chinesen, trotz aller Kontrollen, mit zehn Millionen die größte Minderheit in Russland sein. 
Sollte sich an dem russischen Trink- und wohl auch Denkstil nichts wesentlich ändern, steht dem Land ein schleichender Niedergang bevor:
Vor dem Hintergrund der Zerfallsprozesse, die die sogenannte "Transformation" in Russland noch immer dominieren, wird der Wandel im Trinkstil wahrscheinlich als passiver und elementarer Prozess vonstatten gehen: dort unter dem Einfluss des wachsenden Wohlstands und der Annäherung des Lebensstandards an den europäischen Mittelstand, hier aufgrund der unvermeidlichen Migration. Schon heute gibt es tausende von Dörfern und Siedlungen, in denen der Großteil der Männer im nicht erklärten Krieg gegen den Fusel gefallen ist, und es ist kein Ersatz in Sicht.
Zum einen, so Margolina, hat der Wodka Russland auf dem Weg zur Großmacht begleitet, ihn in gewisser Weise vielleicht sogar geebnet, gleichzeitig aber auch zu einer permanenten Überforderung geführt, welche die Kräfte des Landes aufzehren:
Einmalig ist die Rolle des Wodkas in Russland nicht deshalb, weil man zu viel getrunken hat und für Alkoholvergiftungen besonders anfällig war, sondern weil er in mörderischer Weise zur einzigartigen historisch-anthropologischen Überforderung Russlands als Großmacht beitrug, deren Folge zugleich eine Ursache die Trunksucht war. Die Humankatastrophe, die Russland eingeholt hat, erscheint als kumulativer Ausdruck dieser Überforderung. Nun bleibt für einen selbstverblendenen Übermut immer weniger Platz und Zeit. 
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Freitag, 17. Juli 2015

Carlo Schmid über Konrad Adenauer

Politik bedeutete ihm rationaler Umgang mit der Macht, um sich dort behaupten zu können, wo der Gang der Dinge bestimmt wird und Energien ausgelöst werden, die nach außen und nach innen das Leben des Staates ausmachen. Seine Ideologie war einfach: Die Menschen sind so, wie sie immer waren, und reagieren darum, wie sie immer reagierten. Ihre Wünsche sind stets die gleichen: Sicherheit, Wohlstand, Geborgenheit des Leibes und der Seele und ein wenig Glück. Konrad Adenauer war kein sehr belesener Mann. Sein Vokabular war bescheiden und seine Gedankenwelt einfach. Er sah darin einen Vorzug für den Politiker, weil es ihm bei den Dingen des Staates nach seiner Ansicht um Probleme geht, die zu erfassen der gesunde Menschenverstand ausreicht und bei deren Meisterung hoher Gedankenflug nur schaden kann.
Er handelte nach der Forderung des Tages. Da die Tage sich wandeln, führte diese Maxime dazu, dass auch seine Politik sich wandelte, ohne dass er das Bedürfnis empfunden hätte, das gestern für notwendig Befundene heute zu widerrufen oder seine Gründe für den Wandel zu erläutern. Das war kein Zynismus, sondern das natürliche Verhalten eines Mannes, der weiss, dass der Staatsmann nicht viel anders tun kann, als die Zeit in ihrem Wandel mit seinem Tun zu begleiten.
Der Boden der Politik war für ihn ein Kampffeld, auf dem um das Recht und die Möglichkeit gestritten wird, den Gang der Geschichte zu bestimmen. Das Parlament war für ihn eine Kampfbahn, auf der es darum geht, sich gegen seine Gegner zu behaupten und sie in die Schranken ihrer Machtlosigkeit zurückzuweisen. Er versicherte oft genug, man dürfe bei der Auswahl der Mittel nicht "pingelig" sein. Er scheute keine List und konnte sich, wenn der erstrebte Erfolg erzielt worden war, mit seinen Widersachern schmunzelnd über den gelungenen "Kunstgriff" unterhalten. In kleinen Dingen war er leicht kompromissbereit; worauf es ihm ankam, war der Durchstoß bis zu dem Punkt, von dem aus der Aufmarsch zum nächsten Vorstoß gesetzt werden konnte. ...
Die Persönlichkeitsrechte waren für ihn keine philosophischen oder ethischen Postulate, sondern die praktischste, auf der Erfahrung von Generationen beruhende Form, eine Ordnung ohne Furcht vor Not und Gefahr einzurichten, darin jeder nach seinem Vermögen Erfolg haben kann. .. 
Den Obrigkeitsstaat alter Ordnung mochte er nicht, doch er glaubte, dass gerade in einer Demokratie den emotionalen Faktoren Kräfte und Institutionen die Waage halten müssen, die die Staatsräson verkörpern und Überlieferungen lebendig halten. Zu seinen Grundüberzeugungen gehörte, dass der Staat ein fruchtbares Verhältnis zu den Kirchen finden müsse, aber er war nicht klerikal. In policis habe die Kirche weder ja noch nein, sondern bestenfalls Amen zu sagen - diese Formel gebrauchte er gelegentlich. ...
Was ein Mann für die Geschichte eines Volkes bedeutet, weisen nicht die verschlungenen Linien seines Innenlebens aus, sondern die Spuren, die sein Wirken hinterließ. Diese Spuren zeigen Konrad Adenauer als einen Mann, dessen politische Grundentscheidung für Deutschland das Geschick unseres Volkes für lange Zeiträume geprägt hat und darüber hinaus auch die Möglichkeiten und Wege eines europäischen Staatensystems nachhaltig bestimmte. Er war, was Goethe "eine Natur" nannte: Hüter des Bestehenden beim umprägenden Durchgang durch das Tor, das in die Zukunft führt. Darum konnte er die Welt, in der er wirken wollte, sich so anverwandeln, dass Zustimmung und Ablehnung sich je und je mit seiner Person verbanden. Mochte geschehen was auch immer, "er" hatte das Verdienst, "er" trug die Schuld. So machten ihn Freunde und Gegner zum Mann der Stunde. 
Quelle: Carlo Schmidt - Erinnerungen 

Montag, 13. Juli 2015

Deutschlands Weg in die Modernität war lang (Ralf Dahrendorf)

Deutschlands Weg in die Modernität war aus mancherlei Gründen lang. Die Verwerfungen von industriellen Wirtschaftsstrukturen und traditionalen Sozialstrukturen in der deutschen Gesellschaft erwiesen sich als lebensfähig und sogar überraschend widerstandsfähig. Der beharrliche Traditionalismus bestimmter Gruppen und Schichten entschärfte die möglichen Wirkungen der formellen Gleichheitsrechte, die schrittweise in Recht, Politik und Gesellschaft in Deutschland einzogen; objektiv vorhandene Chancen wurden subjektiv nicht wahrgenommen. Es gab Schichten, die mit diesem Zustand halber Modernität ein Interesse verband. Ihnen half die auch sonst symptomatische deutsche Ideologie der klassenlosen Gemeinschaft, mit der Erhaltung der eigenen Position auch den Weg der Gesellschaft in die Modernität aufzuhalten. So blieben die Gleichheitsrechte lange Zeit unvollkommen; deshalb sind die Chancen der Teilnahme noch heute unterschiedlicher, als es der allgemeine Status des Staatsbürgers erlaubt; so hat es die deutsche Gesellschaft den Liberalen schwer gemacht, ihre Konzeption einer rationalen Politik zum Prinzip der Verfassung zu erheben. 
Quelle: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland

Sonntag, 12. Juli 2015

Sind wir der Antike mehr verpflichtet als dem Christentum?

Von Ralf Keuper

In einem Interview mit der österreichischen Zeitung Standard vertritt der Historiker Egon Flaig den Standpunkt, dass Europa der Antike mehr verpflichtet sei bzw. sein müsse als dem Christentum, was er u.a. wie folgt begründet:
Denn in der griechischen Antike entstanden die Idee und die Wirklichkeit eines autonomen politischen Raumes, in dem Menschen einander begegnen als Bürger mit gleichen Rechten, sich selber Gesetze geben und ihre politischen Ordnungen schaffen – in öffentlichen Debatten im politischen Raum und institutionalisiert durch Abstimmungen. Von diesem griechischen Erbe zehrt und lebt unser Republikanismus. Und solange wir an ihm festhalten, kann die Religion nicht das Fundament unserer politischen Ordnung sein.
Rudolf Eucken sah die Vorzüge der antiken Denk- und Lebensart am Beispiel der alten Griechen ähnlich wie Flaig heute:
Das Griechentum hat den Menschen zur vollen Erweckung und Erweisung seiner geistigen Kraft aufgerufen und dabei eine wunderbare Individualität eingesetzt, es vollzog die Schöpfung eines allumfassenden Reiches der Wahrheit und Schönheit und gab mit solcher Kultur dem Menschen eine sichere Überlegenheit gegen alle bloße Natur, auch ein freudiges Selbstvertrauen, es bildet als Ganzes einen herrlichen Tatbeweis seiner Größe. ...

So verbleibt das gute Recht einer Lebensschicht, wo der Mensch vertrauensvoll seine Kraft in den Lebenskampf einsetzt und in ihm zu bewähren sucht. Das ergibt eine hohe Schätzung des Griechentums, das in unserem Kulturkreise zuerst das geistige Vermögen des Menschen in seinem ganzen Umfang belebte und zu gleichmäßiger Entfaltung führte, das fest in der Wirklichkeit stand und zugleich unvergleichlich mehr aus ihr machte. Was immer an ihm vergänglich sein mag, dauernd wirkt aus ihm ein Antrieb zur Belebung aller Kraft, ein freudiger Glaube an das Vermögen des Menschen, ein energisches Zusammenfassen aller Mannigfaltigkeit zur Einheit und zur Harmonie, ein Verwerfen aller gemeinen Nützlichkeit, eine Anerkennung des Selbstwerts des Lebens und ein Streben, ihm bei sich selbst einen Sinn und Halt zu geben; so wirkt aus ihm eine durchgängige Veredlung und Erhöhung des Menschentums. So gewiss die Aufgaben für allen Zeiten bleiben, so gewiss bleibt uns dauernd wertvoll, was uns im Wirken für sich durch eine lebensvolle Vorhaltung einer großen Leistung zu stärken vermag; das aber tut das Griechentum, so bleibt es ein "Besitztum für immer". (in: Die Lebensanschauungen der großen Denker)
Über das Christentum schrieb Eucken:
Alle Einwendungen der vordringenden Kultur der vordringenden Kultur, aller Widerspruch der wissenschaftlichen Arbeit berührten sein tiefstes Wesen nicht, weil es von Haus aus etwas anderes und höheres war als alle bloße Kultur, weil es namentlich nicht eine vorhandene Welt nur abzubilden oder zu verbessern, sondern eine neue Welt zu schaffen versprach. So ist das Christentum bei allen seinen Gefahren und Mißständen die bewegende Macht der Weltgeschichte, die geistige Heimat der Menschheit geworden, es bleibt sie auch da, wo der Widerspruch gegen die kirchliche Fassung das Bewusstsein beherrscht. (ebd.)
Wilhelm Windelband schrieb: 
Denn so sehr war die alte Welt von des Gedankens Blässe angekränkelt, so tief von dem Bedürfnis nach Erkenntnis durchsetzt, dass jede der Religionen nicht nur dem Gefühl, sondern auch dem Verstande Genüge tun wollte und deshalb ihr Leben in eine Lehre zu verwandeln bemüht war. Das gilt selbst vom Christentum und gerade von ihm. Freilich lag die wahre Siegeskraft der Religion Jesu darin, dass sie in diese abgelebte, blasierte Welt mit der Jugendkraft eines reinen, hohen Gottesgefühls und einer todesmutigen Überzeugung trat: aber sie vermochte die Welt der alten Kultur nur dadurch zu erobern, dass sie diese in sich aufnahm und verarbeitete: und wie sie in dem äußeren Kampf dagegen ihre Verfassung ausbildete und dadurch schließlich so weit erstarkte, dass sie von dem römischen Staate Besitz ergreifen konnte, so hat sie auch in ihrer Verteidigung gegen die Philosophie deren Begriffswelt sich zu eigen gemacht, um damit ihr dogmatisches System aufzubauen. (in: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie)
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Samstag, 11. Juli 2015

150 Jahre Wiener Ringstraße - der Boulevard als Gesamtkunstwerk

Von Ralf Keuper

Die Wiener Ringstraße ist in gewisser Hinsicht ein Gesamtkunstwerk, wie es in dieser Form wohl einmalig in der Welt ist. Der Ringstraßenstil war über mehrere Jahrzehnte hinweg prägend für die Architektur im Habsburger Reich. Nirgendwo sonst auf der Welt befinden sich auf so engem Raum so viele Kultureinrichtungen wie Theater und Museen. Hinzu kommen noch die Universität, das Wiener Rathaus, das Parlament und zahlreiche Kaffeehäuser, unter denen das Café Landtmann das Bekannteste ist. 

Eine Filmdokumentation hat sich diesem Boulevard in drei Teilen genährt, wobei der erste Teil bereits einen guten Überblick vermittelt. In diesem Jahr feiert die Ringstraße ihren 150. Geburtstag. 


Kaum jemand hat die Atmosphäre der Ringstraße und des 1. Bezirks literarisch so einzufangen gewusst, wie Stefan Zweig in seiner autobiografischen Schrift Die Welt von Gestern:
Diese Kunst der Angleichung, der zarten und musikalischen Übergänge, sie ward schon offenbar im äußern Gebilde der Stadt. In Jahrhunderten langsam gewachsen, aus innerem Kreise organisch entfaltet, war sie volkreich genug mit ihren zwei Millionen, um allen Luxus und alle Vielfalt einer Großstadt zu gewähren, und doch nicht so überdimensional, um abgelöst zu sein von der Natur wie London oder New York. Die letzten Häuser der Stadt spiegelten sich im mächtigen Strome der Donau oder sahen hinaus über die weite Ebene oder lösten sich auf in Gärten und Felder oder klommen in sachten Hügeln die letzten grün umwaldeten Ausläufer der Alpen hinauf; man fühlte kaum, wo die Natur, wo die Stadt begann, eines löste sich ins andere ohne Widerstand und Widerspruch. Innen wiederum spürte man, daß wie ein Baum, der Ring an Ring ansetzt, die Stadt gewachsen war; und statt der alten Festungswälle umschloß den innersten, den kostbarsten Kern die Ringstraße mit ihren festlichen Häusern. Innen sprachen die alten Paläste des Hofs und des Adels versteinerte Geschichte; hier bei den Lichnowskys hatte Beethoven gespielt, hier bei den Esterházys war Haydn zu Gast gewesen, da in der alten Universität war Haydns ›Schöpfung‹ zum erstenmal erklungen, die Hofburg hatte Generationen von Kaisern, Schönbrunn Napoleon gesehen, im Stefansdom hatten die vereinigten Fürsten der Christenheit im Dankgebet für die Errettung vor den Türken gekniet, die Universität hatte unzählige der Leuchten der Wissenschaft in ihren Mauern gesehen.
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Samstag, 4. Juli 2015

Die Möglichkeit der Revolution (Christoph Menke)

Von Ralf Keuper 

In der aktuellen Ausgabe von Merkur - Zeitschrift für Europäisches Denken steht zum freien Download der Beitrag Die Möglichkeit der Revolution von Christoph Menke zur Verfügung.  

Sofern ich den Autor richtig verstanden habe, ist eine Revolution für ihr Gelingen auf einen hohen Formalisierungs-, Rationalisierungs- und Disziplinierungsgrad in der Gesellschaft angewiesen. Das ist jedoch nur die nötige, nicht aber die hinreichende Bedingung. Der Autor räumt in dem Beitrag auch mit der weit verbreiteten Ansicht auf, dass auf eine Krise automatisch eine Revolution folgt. Zwar hat eine Revolution ohne vorausgegangene Krise kaum eine Chance; daraus den Schluss zu ziehen, dass auf eine Krise, mag sie auch als noch so bedrückend empfunden werden, die Revolution auf dem Fuße folgt, ist überzogen. 
Die Revolution ist nicht die Lösung irgendeiner Krise. Sie ist nichts anderes als der Neuanfang einer Geschichte, in der es Neuanfänge gibt. Die Revolution fängt das Anfangen an.
Eine echte Revolution zeichnet sich dadurch aus:
Die Revolution ist eine ontologische Tat. Sie verändert nicht nur, was die Dinge sind, sondern wie sie sind: ihre Seinsweise.