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Samstag, 29. August 2015

Werte verteidigen ist eine Sache, aber Werte schaffen oder erneuern eine andere (Michael Ende)

Werte verteidigen ist eine Sache, aber Werte schaffen oder erneuern eine andere. Was hilft alle gesellschaftskritische Argumentation gegen die Vergiftung und Zerstörung der Natur, wenn der Baum selber uns im Grunde nichts mehr bedeutet? Aber ein Poet, der mich in einem Gedicht die Schönheit eines Baumes, die Brüderlichkeit zu diesem geheimnisvollen Wesen erleben lässt, gilt als unzeitgemäß, als nahezu lächerliches Relikt aus der Vergangenheit, während ein Autor, der ein zorniges Pamphlet gegen die Umweltzerstörung schreibt, wobei ihm selbst der Wald nicht mehr bedeutet als die biologisch-chemische Grundlage unseres eigenen Lebens, für progressiv, ja mutig gehalten wird.
Werte sind nicht von allein da, sozusagen angeboren und selbstverständlich, sondern Werte müssen geschaffen und immerfort erneuert werden, damit sie vorhanden sind. Alle Gesellschaftskritik setzt einen gemeinsamen Wert voraus, nämlich den Wert des Menschen. Es ist Aufgabe der Dichter, diesen Wert immer von neuem zu schaffen - jeder auf seine Art, jeder in seiner Zeit und in seiner Kultur. Tun sie es nicht, dann verliert dieser Wert sehr schnell an Farbe und Kontur, an Wirklichkeit, die Folge ist Barbarei und Bestialität. Schriftsteller und Künstler, die sich darin gefallen im Namen einer höchst fragwürdigen "Wahrheitsliebe" den Wert des Menschen immer noch tiefer herabzusetzen und zu zerstören, mögen zwar in unserer gegenwärtigen Zivilisation des reinen Intellektualismus sehr erfolgreich sein, in Wahrheit aber sägen sie den Ast ab, auf dem sie selber sitzen.
Quelle: Das Michael Ende Lesebuch

Samstag, 22. August 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #18

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Freitag, 14. August 2015

Vom Wirkungsgrad unserer Arbeit (Walter Rathenau)

Was uns bleibt, ist das Eine: unsere Arbeitskraft. Nichts anderes haben wir, nichts anderes ist steigerungsfähig, zwar nicht nach Menschenzahl und Stunden, wohl aber, und das bitte ich Sie, sich einzuprägen und durchzudenken, dem Wirkungsgrad nach. Das ist der Punkt, um den sich unsere ganze gegenwärtige und zukünftige Wirtschaft in Deutschland dreht, der Wirkungsgrad unserer Arbeit.
in: Wirtschaft ist Schicksal 

Sonntag, 9. August 2015

"Die grosse Mauer. China gegen den Rest der Welt" von Julia Lovell

Von Ralf Keuper

Wie ein roter Faden durchzieht die grosse Mauer die Geschichte Chinas. Für Julia Lovell ist sie "das" Erklärungsmuster, anhand dessen sich die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen des Reiches der Mitte nachvollziehen lassen; daher auch der Titel ihres Buches Die grosse Mauer. China gegen den Rest der Welt

Entgegen der im Westen weit verbreiteten Annahme, die Große Mauer habe ausschließlich zu Verteidigungszwecken und der Abschottung gedient, sei also vornehmlich aus militärhistorischer Sicht von Interesse, belegt Lovell mehr als einmal, wie korrekturbedürftig diese Auffassung ist: 
Das chinesische Reich wird oft so gesehen, als hätte es auf arrogante Weise andere ausgeschlossen, als ein Reich, dessen Stärke in dem Gefühl der Überlegenheit und dessen Schwäche in seinem Mangel an Offenheit und der Abwehr äußerer Einflüsse gelegen habe. Diese Sichtweise lässt die Bedeutung, die Ausländer in der Geschichte Chinas spielten, völlig unberücksichtigt: Während große Zeitspannen seiner Vergangenheit wurde China entweder von Kaisern oder Generälen regiert, die in die Kultur der nördlichen Steppe verliebt waren - Kavallerie, Jurte, Tuniken, Polo - , oder aber von nördlichen Stämmen und ihren Nachfahren. Die Grenzen und Linien, entlang derer Mauern entstanden, änderten sich mit jeder Dynastie: Viele nicht-chinesische Herrscher Chinas bauten, sobald sie das Land unter Kontrolle und die chinesische Mentalität angenommen hatten, Befestigungsanlagen zum Schutz vor anderen Völkern des Nordens. 
Im Grunde genommen kommt Lovell in ihrem Buch immer wieder auf diese Ausgangsthese zurück - bis in die Gegenwart. 

Trotz ihrer beeindrucken Ausmaße war der militärische Effekt der Großen Mauer marginal. Von größerer Bedeutung ist die Große Mauer jedoch für das Zusammengehörigkeitsgefühl des Reiches, als Symbol für seine technische wie überhaupt kulturelle Leistungsfähigkeit. 

Dass der chinesische Sonderweg, der durch die Große Mauer repräsentiert wird, keineswegs an sein Ende gekommen ist, davon ist Lovell fest überzeugt:
Mit diesem Buch habe ich versucht, eine Geschichte des chinesischen Weltbildes zu zeichnen, Chinas Erfolge und Fehlschläge aufzuzeigen und seine Einstellung zur Außenwelt zu erklären. Sie mag verwirrend und widersprüchlich erscheinen .., und trotz Globalisierung, dem Internet und Amerikas Kreuzzug für Freiheit und Demokratie ist eine Veränderung nicht in Sicht. Selbst wenn die Volksrepublik China sich in den nächsten Jahrzehnten nach dem liberalen Modell des Westens .. in eine Demokratie verwandeln sollte, hat das chinesische Reich doch eine zu lange Geschichte und ein zu starkes Geschichtsbewusstsein, um seine jahrtausendealten Marotten aufzugeben. Es wird den Glauben an seine kulturelle und politische Einzigartigkeit sowie das Bedürfnis nach Abgrenzung und rigorosen Grenzkontrollen nicht verlieren und wie in der Vergangenheit weiterhin den stetigen Strom von Besuchern, bewundernden Tributbringern, hoffnungsvollen Händlern und grünäugigen Investoren akribisch kontrollieren. China wird, wie es aussieht, immer eine Große Mauer haben. 

Samstag, 8. August 2015

Noch ein weiter Weg nach Eurotopia

Von Ralf Keuper

Als ich vor ca. drei Jahren in dem Beitrag Aufbruch nach Eurotopia? mögliche Szenarien der Vereinigten Staaten von Europa durchspielte, war die Lage in Griechenland zwar angespannt, aber nicht so verfahren wie heute. Seitdem ist das Lager der Euroap-Skeptiker, nach meinem Eindruck jedenfalls, gewachsen. 

So viel lässt sich festhalten: Einfacher ist es nicht geworden.

Trotzdem gibt es noch immer Stimmen, die in dem heillosen Durcheinander Funken der Hoffnung erblicken, wie der Politologe Stathis Kalyvas, für den Griechenland eine "Erfolgsgeschichte" ist. 

In einem Interview mit dem österreichischen Standard versuch Kalyvas seinen Standpunkt zu begründen:
Griechenland ist im Vergleich mit ähnlichen Ländern, die aus dem Osmanischen Reich entstanden sind, das wirtschaftlich und politisch erfolgreichste. Das Land war eines der ersten Länder, die nicht zum Kern Westeuropas gehören, das Teil der europäischen Modernisierung wurde. Das ist natürlich noch bei weitem nicht abgeschlossen. Der Prozess ist so kompliziert, dass ein Scheitern in vielen Aspekten dazugehört. Die knapp 200 Jahre seit der Unabhängigkeit sind aber eine überraschende Erfolgsgeschichte.
Die Lage in Griechenland sei nicht nur auf eigene Versäumnisse zurückzuführen:
Griechenland hat in den vergangenen 30 Jahren unter einer sehr schlechten heimischen Politik gelitten, die wurde aber von der EU mit Geldtransfers für schwache Regionen unterstützt, die Verwendung der Gelder wurde nicht gut überwacht. Sonst wäre das nie so lange gutgegangen. Man kann die wirtschaftliche Lage mit jener in Ex-Sowjetländern vergleichen. Diese sind auch sehr geschlossen. Aber im Gegensatz zu vielen Menschen in diesen Ländern verbinden viele Griechen die Jahre der Misswirtschaft mit Wohlstand. Das ist der Grund, warum sich viele gegen Veränderung wehren. Die Krise hat nun die Realität gezeigt.
Klingt zunächst mal einigermaßen plausibel. Jetzt ließe sich noch ein Vergleich mit dem byzantischen Reich und dessen Erbe für das moderne Griechenland anfügen, was den Eindruck relativieren würde. Zusätzlich könnten man Statements von Literaten bringen, die Griechenland - bei aller Sympathie - in einigen Punkten durchaus kritisch sehen, wie Patrick Leigh Fermor

Damit würden wir jedoch den Fehler begehen, Europas Zukunft allein an Griechenland festzumachen, was bei aller Wertschätzung dann doch übertrieben wäre.

Für den Historiker Jörn Leonhard und den Publizisten Wolfgang Michal hat die Kontroverse um Europas Zukunft etwas Gutes.

Leonhard wird mit den Worten zitiert:
Über Europa ist lange nicht so intensiv gesprochen und nachgedacht worden: über die Leistungen - und über die Probleme. Das ist belastend, aber auch hilfreich, wenn daraus die Erkenntnis erwächst, dass wir nicht weitermachen können wie bisher." Vor allem das Europäische Parlament hat nach seiner Ansicht "ein enormes Potenzial".
Parallel dazu wird Jürgen Habermas nicht müde, eine Stärkung des Europäischen Parlamentes und eine europäische Verfassung zu fordern. 

Etwas bescheidener klingen da die Forderungen nach einem europäischen Medienfonds oder nach einem gemeinsamen Fernsehsender für die europäische Öffentlichkeit.  

Die Frage bleibt, ob und inwieweit sich ein Kontinent, dessen Erfolge zu weiten Teilen auf seine Dezentralität zurückgeführt werden können, zentralisieren lässt. Jedenfalls ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Europa der Dezentralisierung einiges zu verdanken hat, wie aus dem Beitrag Wie die Dezentralisierung Europa zum Handels- und Produktionszentrum der Welt machte hervorgeht. 

Sicher: Ganz auf zentralistische Elemente kann auf Dauer kein Staatswesen verzichten. Nur, wo ist richtige Balance für einen Kontinent der Staaten mit unterschiedlicher Kultur, Geschichte und Mentalität vereinen will, die sich nicht so einfach aufheben lassen, auch nicht durch die Etablierung einer europäischen Öffentlichkeit, die sich an dem Prinzip der Diskurstheorie orientiert - von einer funktionierenden gemeinsamen Währung ganz zu schweigen.  

Donnerstag, 6. August 2015

Varoufakis' erstaunliche Wissenslücken in Wirtschaftsgeschichte

Von Ralf Keuper

Der ehemalige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Buch, in dem er seiner Tochter die Wirtschaft auf verständliche Weise erklären wollte. Mittlerweile liegt die deutsche Übersetzung vor. Was dort dem fachkundigen Leser entgegentritt, dürfte wohl nicht nur Ulrike Herrmann stellenweise die Sprache verschlagen. Wie Herrmann in Varoufakis‘ Buch über Wirtschaft. Selbst simple Fakten stimmen nicht feststellt, gehört das Buch in die Rubrik Märchenbücher und nicht in die der Sachbücher für Kinder.

Trotzdem, so Herrmann, sollte man den Text nicht überbewerten, da Varoufakis als Finanzminster wichtig war und die deutsche Haltung treffend kritisiert habe. 

Eher scheint hier der Satz zu gelten:
Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
Das bedeutet also, dass ein Wirtschaftsprofessor und ehemaliger Finanzminister, der bei nahezu jeder sich bietenden Gelegenheit historische Vergleiche bemüht, um seine Position zu stärken, wie in Der globale Minotaurus (Der Deutschlandfunk bezeichnete das Werk als "eine bemerkenswerte und inspirierende Interpretation globaler Finanzkrisen") und die der Gegenseite zu schwächen, ruhig bei den historischen Fakten komplett daneben liegen darf, solange seine Kritik in die richtige politische Richtung geht - ernsthaft?

Wie logisch, wie konsequent, wie glaubwürdig ist das denn?

Nachtrag

Über twitter erreicht mich der Hinweis bzw. die Kritik, dass die Beurteilung geschichtlicher Ereignisse letztlich in das Ermessen des Betrachters falle, sie sozial konstruiert seien, weshalb die Kritik Herrmanns substanzlos sei.

So sehr ich der Ansicht zustimme, dass viele historische Fakten und Belege konstruiert, d.h. im Sinne einer bestimmten Fraktion dargestellt werden, so bleibt doch festzuhalten, dass die historische Forschung z.B. mittels Quellenkritik in bestimmten Bereichen zu gesicherten Erkenntnissen gelangt ist. 

Die Einschätzung von Herrmann, die Wissenslücken von Varoufakis, den Aufstieg der britischen Wirtschaft betreffend, wird durch folgende Beiträge, Veröffentlichungen gestützt:
Was die Rolle bzw. die Entstehungsgechichte der Banken betrifft, sei neben den Medici, Bardi, Datini und Peruzzi auch das erzkatholische Haus der Fugger erwähnt:

Sonntag, 2. August 2015

Die Revolution von 1848/49 in europäischer Perspektive (Wolfgang J. Mommsen)

Von Ralf Keuper

Das Scheitern der bürgerlichen Revolution von 1848/49 wird von vielen Historikern für die späte Einführung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland verantwortlich gemacht. Die Tatsache, dass die Einigung Deutschlands, die ein erklärtes Ziel der Revolutionäre war, auf militärischem Weg erreicht wurde, bereitete dem Militarismus der Wilhelminischen Gesellschaft den Weg, der im 1. Weltkrieg mündete. Häufig ist von einem historischen Versagen des deutschen Bürgertums die Rede. 
Wolfgang J. Mommsen zeigt in seinem Buch 1848. Die ungewollte Revolution, dass dies ungerecht ist. 

Die revolutionären Gruppierungen, die 1848 die Vorrechte des Adels wie überhaupt der Ständegesellschaft bei der politischen Willensbildung in den verschiedenen Ländern des damaligen Deutschen Bundes abbauen oder ganz abschaffen wollten, bildeten keinen einheitlichen Block. Unter ihnen gab es radikale Demokraten, welche die Vorrechte des Adels abschaffen wollten und auch der Monarchie insgesamt ablehnend gegenüberstanden, ebenso wie Liberale, denen es in erster Linie um die Anerkennung der wirtschaftlichen Leistung des gehobenen Bürgertums ging, den Konservativ-national Gesinnten, die eine starke Nation wollten, bis hin zum Zentrum (Rechtes Zentrum, Linkes Zentrum), das eine Postion zwischen den Extremen einnahm. 
Landesteile, mit dem größten revolutionären Elan jener Zeit waren Baden, Württemberg, die westlichen Gebiete Preußens (Westfalen und Rheinland), Sachsen und Bayern. 

Von großer Bedeutung während der Beratungen der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche war die Frage der Verfassung. Wichtigster Baustein waren schon damals die Grundrechte:
Die "Grundrechte" erstreckten sich nicht nur auf die Sicherstellung der persönlichen Freiheitsrechte des Bürgers und einer rechtsstaatlichen öffentlichen Ordnung, sondern zielten darüber hinaus darauf ab, die Gesellschaft von traditionellen Fesselungen feudalen oder obrigkeitlchen Ursprungs zu befreien. 
Erst die Weimarer Verfassung sollte daran anknüpfen.

Anders, als häufig angenommen, handelte es sich bei der Frankfurter Nationalversammlung um kein Professorenparlament:
Die Frankfurter Nationalversammlung war keineswegs, wie man vielfach gesagt hat, ein Professorenparlament, obschon Professoren in ihr ungewöhnlich zahlreich vertreten waren, wohl aber ein Parlament, in der die akademisch gebildeten Schichten ein absolutes Übergewicht besaßen. Die übergroße Mehrheit der Abgeordneten verfügte über ein abgeschlossenes Universitätsstudium und war direkt oder indirekt in Berufen tätig, die eine akademische Qualifikation erforderten, als Beamte, Richter, Staatsanwälte, Professoren, Lehrer und andere im Staatsdienst tätige Personen. Insoweit war die Paulskirche in der Tat mehrheitlich ein Intellektuellenparlament. Aber andererseits fehlten gerade jene freischwebenden Intellektuellen, die man im Auge hat, wenn man von Intellektuellen spricht; nur 2,5 Prozent der Abgeordneten waren Schriftsteller und Journalisten. 
Ein Wendepunkt, der den Anfang vom Ende der Revolution markierte, trat ein, als Friedrich Wilhelm IV. die von der Nationalversammlung ausgearbeitete Verfassung zurückwies. Daran vermochte auch die Andienung der Kaiserwürde durch die Abgeordneten nichts zu ändern. Friedrich Wilhelm IV. beschied den Delegierten, die Kaiserwürde, wenn überhaupt, nur aus den Händen der Fürsten entgegenzunehmen. Die Stunde der konservativen Konterrevolution hatte geschlagen. 

Ein Schlag ins Gesicht der Nationalversammlung, die nach langwierigen Verhandlungen einen ihrer Ansicht tragfähigen und für alle Seiten akzeptablen Kompromiss glaubte gefunden zu haben:
Die Liberalen hatten der radikalen Demokratie in zähen Verhandlungen eine Verfassung abgetrotzt, die monarchistische und demokratische Herrschaftsformen auf der Basis eines differenziert ausgelegten Systems von Grundrechten miteinander kombinierte, unter anderem mit dem Ziel, dadurch die Revolution definitiv zu einem Ende zu bringen. Jetzt standen sie vor einem Scherbenhaufen. Im Unterschied zur radikalen Demokratie, die nun zum Volksaufstand gegen die Regierungen aufrief, wollten sie den Boden der Legalität nicht verlassen, um der "ungewollten Revolution" doch noch zum Siege zu verhelfen. Der große Versuch, der deutschen Staatenwelt eine fortschrittliche Gestalt zu geben und die deutsche Gesellschaft den Erfordernissen des sich entfaltenden industriellen Systems anzupassen, ohne doch radikal mit der Tradition zu brechen, war gescheitert.
Eine große Stütze der bürgerlichen Revolution in den Jahren 1848/49 waren die sog. unterbürgerlichen Schichten. 
In mancher Hinsicht wird man die Rolle der unterbürgerlichen Schichten während der Revolution 1848/49 tatsächlich tragisch nennen können, wenn man dies viel mißbrauchte Wort überhaupt verwenden will: Sie waren es, welche die Barrikaden besetzten, welche mit ihren Aktionen die Monarchen zwangen, in konstitutionelle Reformen und die Wahl einer Nationalversammlung einzuwilligen; sie waren es, die bei den revolutionären Aufständen unter den Folgen der zahlreichen Kriege gelitten hatten; aber an ihrer bedrängten Lage änderte sich so gut wie nichts. 
Mommsen erkennt in der Revolution von 1848/49 einen Vorläufer eines Vereinten Europas, wenngleich die direkte Folge der in den verschiedenen Ländern jener Zeit verlaufenden Revolutionen ein erstarkender Nationalismus war:
Es sollte daran erinnert werden, dass die Idee eines vereinten Europas demokratischer Nationen erstmals wieder von den Frauen und Männer der Résistance während des Zweiten Weltkriegs zur Diskussion gestellt worden ist, als dem einzig aussichtsreichen Weg, um die nationalsozialistische Herrschaft über den europäischen Kontinent abzuschütteln und eine stabile freiheitliche Ordnung Europas zu begründen. Die Begründung eines vereinten Europas stellt sich aus dieser Sicht als endgültige Einlösung der großen Vision einer freiheitlichen Neuordnung Europas dar, für welche die Männer und Frauen der Revolution von 1848/49 vergeblich gekämpft haben. 
Trotz der Niederlage waren die Bemühungen der Revolutionäre von 1848/49 nicht vergebens, wie Mommsen unter Berufung auf die Historiker Wilhelm Mommsen und Otto Voßler feststellt:
Die Historiker waren sich (im Jahr 1948) nunmehr darin einig, dass der Fehlschlag der Revolution von 1848/49 für das Schicksal der Deutschen verhängnisvolle Folgen gehabt habe. Durch das Scheitern der Bemühungen der Paulskirche, die deutsche Einheit mit friedlichen Mitteln zu erringen, seien die Deutschen auf die Bahn einer mißverstandenen Realpolitik gedrängt und in eine Bismarck gegenüber unkritische Haltung getrieben worden, und ebenso sei der zu diesem Zeitpunkt noch mögliche Anschluss Deutschlands an die liberalen Traditionen Westeuropas verpasst worden. Andererseits bestehe der eigentlich bleibende Erfolg der Revolution von 1848/49 darin, dass die Deutschen damals von "einem neuen Freiheitsglauben" erfasst worden seien, welcher nicht wieder völlig verlorengegangen sei und auf dem man nun (nach dem Zweiten Weltkrieg) wieder aufbauen müsse. 
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