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Samstag, 26. September 2015

Imaginierte Zukünfte. Fiktionale Erwartungen und kapitalistische Dynamik (Jens Beckert)

Von Ralf Keuper

Nach Ansicht des Wirtschaftssoziologen Jens Beckert wird die Rolle von Erwartungen bei der Bewertung wirtschaftlichen Handelns unterbewertet. Anders als die Sozialwissenschaften, die sich bei der Erklärung der Gegenwart auf die Vergangenheit stützen, orientiert sich die Ökonomie an der Zukunft, indem sie diese diskontiert bzw. in ihre Kalkulationen/Annahmen einbezieht.  Auf diese Weise schafft die Ökonomie eine Parallelwelt, eine weitere Realität. Ökonomen erzählen demnach Geschichten. Wettbewerb vollzieht sich in erster Linie durch Manipulation von Erwartungen. Ein erfolgreicher Unternehmer ist nach Schumpeter derjenige, der sich veränderte Faktorkombinationen vorstellen kann, noch bevor sie Realität sind. 
Der Finanzmarkt lebt von narrativen Zukunftserwartungen, ja er erzeugt sie. Auf ihm werden vorwiegend kommunikativ konstruierte Werte gehandelt. Werte entstehen aus Erzählungen, von denen die meisten sich langfristig als wahre Fiktion erweisen. Ökonomen betreiben in gewisser Weise Erwartungsmanagement. Die Ökonomie orientiert sich nach wie vor an der Hermeneutik, d.h. im Vordergrund steht, anders als in den Naturwissenschaften, die Interpretation der "Wirklichkeit".



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Montag, 21. September 2015

Lob der Disharmonie

Von Ralf Keuper

Das Streben nach Harmonie kann, so löblich es ist, dazu führen, dass Konflikte im Untergrund schwelen und die Stimmung trüben. Insofern kann ein reinigendes Gewitter, in dem die Fronten aufeinanderprallen und geklärt werden, durchaus von Vorteil sein. Sicherlich gibt es auch hier ein Maß, das nicht überschritten werden sollte, d.h. Dauerkonflikte, Problematisierungen um ihrer selbst willen, erweisen sich irgendwann als ebenso kontraproduktiv wie verordnete Harmonie. Darauf verweist Niklas Luhmann in seinem postum erschienenen Aufsatz Ebenen der Systembildung - Ebenendifferenzierung

Brand eins widmete dem Thema Harmonie im Jahr 2004 einen Schwerpunkt. In seinem Beitrag beschrieb Reinhard K. Sprenger, dass Einigkeit im Sinne von Konfliktvermeidung auch starrsinnig machen kann. 

In den 1950er Jahren sorgte der Soziologe Helmut Schelsky mit seiner These der Nivellierten Mittelstandsgesellschaft, als einer quasi-harmonischen Einheit der Gesellschaft ohne Spaltung in Klassen oder Subgruppen, für ebenso viel Aufsehen wie Widerspruch, letzteres vor allem von Ralf Dahrendorf.

In seinem Hauptwerk Gesellschaft und Demokratie in Deutschland schrieb Dahrendorf: 
Implizit wohnt den Institutionen der parlamentarischen Demokratie eine Einstellung zu Interessenkonflikten inne, wie sie aus der unterschiedlichen Stellung von Menschen in sozialen Zusammenhängen erwachsen, eine Einstellung, die sich auch auf andere institutionelle Bereiche übertragen lässt. Reduziert man diese Einstellung auf ihren abstrakten Kern, so gehört zu ihr erstens die Anerkennung von Divergenzen der Meinungen und Interessen als unvermeidlich; zweitens die auf dieser Einsicht beruhende Konzentration auf die Formen und nicht die Ursache von Konflikten; drittens die Errichtung von Institutionen, die den gegensätzlichen Gruppen verbindliche Normen des Ausdrucks bieten; viertens die Entwicklung von Spielregeln, an die sich die Konfliktparteien halten können, ohne dass eine von ihnen dadurch bevorzugt oder benachteiligt würde. ...

Wo immer es menschliches Leben in Gesellschaft gibt, gibt es auch Konflikt. Gesellschaften unterscheiden sich nicht darin, dass es in einigen Konflikte gibt und in anderen nicht; Gesellschaften und soziale Einheiten unterscheiden sich in der Gewaltsamkeit und der Intensität von Konflikten. Aber während dieses soziologische Gesetz - wenn es ein solches gibt - den Schluss nahelegen würde, die skizzierte liberale Haltung zu Konflikten als die einzig realistische, vielleicht sogar (wie Bertrand Russell sagen würde) die einzige "wissenschaftliche" zu bezeichnen, hat die Geschichte der Menschheit dieses Gesetz sehr viel häufiger verletzt als anerkannt gesehen. 
Anders Karl Jaspers in dem Kapitel Kommunikative Situationen aus seinem Buch Existenzerhellung: 
Würde die Form politischen Umgangs die allein herrschende, so wäre die Möglichkeit existenzieller Kommunikation vernichtet. Existenz berührt Existenz erst, wo der Verkehr der Menschen als Kampf der um ihr Dasein gegeneinander kämpfenden "Feinde" durchbrochen wird. Aber die Verabsolutierung der Formen des politischen Umgangs bis in die Kleinigkeiten des Alltags, ja bis zum Umgang mit sich selbst ist die Verführung, ein Zusammenleben in relativer Ruhe zu ermöglichen, in dem nichts offen zu wirklicher Entscheidung gebracht wird. Die Entscheidungen sind dann hinterrrücks die stillen Vorgänge, in denen sich nicht mehr Existenz mit Existenz berührt. Politischer Umgang zur Lebensform gemacht, lässt hinter seinem Schleier mögliche Existenz verschwinden. Es bleiben die vitalen Daseinsantriebe unter der Decke des beruhigten und geordneten Daseins. Jeder gilt auf Gegenseitigkeit, nicht als er selbst. .. Im Grunde herrscht Selbstverachtung und im Geheimen die Verachtung aller Anderen. Respekt besteht nur vor Macht, Geltung in öffentlicher Meinung, vor Geld und Erfolg. Empörung bricht aus, wo die Ruhe der gegenseitigen Täuschung in der allgemeinen Befriedigung gestört wird, wo jemand sagt, was ist, und die Dinge bei ihrem unheiligen Namen nennt. 

Samstag, 19. September 2015

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #19

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Dienstag, 15. September 2015

Kritische Kartographie

Von Ralf Keuper

Dass man die Macht der Karten nicht unterschätzen sollte, war auf diesem Blog in Die Macht der Karten ("Mapping the World") bereits ein Thema. Zu dem Zeitpunkt kannte ich allerdings noch nicht die Disziplin der Kritischen Kartografie, wie sie in Deutschland vor allem in Person von Georg Glasze gelehrt wird. Zum Einstieg in die Thematik eignen sich der Artikel Kritische Kartografie sowie der Radiobeitrag Georg Glasze über "kritische Kartografie".

Zu Beginn seines erstgenannten Beitrag schreibt Glasze über den Stand der Forschung:
In den Lehrbüchern zur Kartographie inklusive der neueren Lehrbücher zur computergestützten Kartographie und zu Geographischen Informationssystemen überwiegt ein technischer Zugang zur Kartographie (bspw. Wilhelmy et al. 2002, Kraak/Ormeling 2003, Slocum et al. 2009). Die gesellschaftlichen und diskursiven Rahmenbedingungen der Herstellung von Karten werden ebenso wenig thematisiert wie die sozialen Effekte der Kartographie. Andererseits ist auffällig, dass auch in einigen neueren Lehr- und Handbüchern der Kultur- und Sozialgeographie, welche auf die Gemachtheit von Geographien abheben, keine Auseinandersetzung mit dieser „Säule“ geographischen Wissens erfolgt (Gebhardt et al. 2003, Gebhardt et al. 2007, Weichha2008). Fast scheint es, als würden Karten allein dem Feld der angewandten Kartographie und der GIS-Studien überlassen und als meide die neuere Kultur- und Sozialgeographie die Auseinandersetzung mit diesem Medium. 
An einem Beispiel aus der Praxis zeigen Holger Lehmeier und Gregor Glötzl, wie wichtig die kritische Auseinandersetzung mit der Kartographie in politischen Diskussionen ist, wie in Auf die falsche Karte gesetzt –ein kritisch-kartographischer Blick auf die Debatteum den Bericht des Bayerischen Zukunftsrats
Darin wird die Arbeit des Bayerischen Zukunftsrats kritisch beleuchtet, dessen Karte über die Großstadtregionen und Leistungszentren sowie Regionen ohne Anbindung an Leistungszentren Auslöser hitziger Debatten, auch unter CSU-Politikern in den vermeintlichen Randregionen, war. Die Karte genügte, wie die Autoren zeigen, in keiner Weise den gängigen Kriterien der wissenschaftlichen Kartographie. 

Resümierend halten die Autoren fest:
Die Karten dienten nicht etwa nur zur Visualisierung von Argumenten, sondern fanden auch als Beweisstücke zum Beleg der Absichten des Rates, als Mittel zur Anheizung emotionaler Diskussionspunkte oder als Medium scherzhafter Repliken Verwendung. In vielerlei Hinsicht machte die skizzenhafte und mit vielen Ungenauigkeiten („Konjunktive“) behaftete Ausführung der Originalkarte die aufgeheizte Diskussion dabei erst möglich. Die Steuerung der Debatte durch die Autoren der Studie war aufgrund der asymmetrischen Kommunikationssituation, in der sich der Zukunftsrat befand, nicht möglich. Die durch die Karte transportierten, subtextualen Aussagen (beispielsweise die Interpretation „Wer nichts leistet gehört nicht zu Bayern“) führten zur Entwicklung eines argumentativen Eigenlebens. Bald wurde erzürnt darüber diskutiert, dass „der Zukunftsrat“ oder die (vermeintlich dahinter stehende) Regierung den ländlichen Raum zurücklassen wolle. Der umfangreiche und sicherlich in Inhalt und Form fragwürdige Bericht wurde so auf einige wenige Aussagen komprimiert, die sich an der Karte festmachen ließen.
Sicherlich verlief die Debatte nicht im Sinne der Mitglieder des Rates oder ihrer Auftraggeber. Es zeigte sich vielmehr, dass das machtvolle Instrument „Karte“ durch seinen unsachgemäßen und unzureichend reflektierten Gebrauch zu Diskussionen führte, die weder von ihren Verfassern intendiert noch für ihre Zwecke nützlich waren. Karten können daher offenbar nicht nur wirkmächtige, sondern auch potenziell kontraproduktive Werkzeuge im öffentlichen Diskurs sein.
Interessanterweise erwähnt Hans-Jörg Sandkühler die Kartografie in seiner Kritik der Repräsentation an keiner Stelle. 

Samstag, 12. September 2015

Das Wort "Katastrophe" verbirgt das Eintretende (Ernst Jünger)

Das Wort "Katastrophe" verbirgt bereits eine Unterstellung insofern, als der Mensch sich durch jene Seite der Lebensveränderung, die ihm als Tod und Untergang erscheint, weit stärker betroffen fühlt als durch ihr Äquivalent: das Eintretende.
Aber auch hier gilt das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Wahrscheinlich ist das Eintreten neuer Typen und ihre Ausbreitung immer mit mehr oder minder sichtbaren Katastrophen verknüpf, die ihnen die Tür öffneten. .. Die Stammbäume, die heute in der Zoologie und Anthropologie entworfen werden, gleichen, .. , nicht mehr wie früher einem System von Linien, sondern man sieht die Äste sich zuweilen jäh ausbauchen und dann wieder verschmälern oder auch absterben. Die Schemata erinnern an jene Buchbäume, die vom Gärtner auf groteske Weise zurechtgestutzt sind. Sie deuten auf Einschnitte.  
Diese, oft explosionsartige, Ausdehnung und Beschneidung ist schwer denkbar ohne geologische Einrahmung. Der struggle of life bleibt ihr gegenüber sekundär, ja reines Symptom. Ein Positionsgewinn geht ihm voraus. Wenn etwa die Durchschnittstemperatur um wenige Grade stiege, so dass in Norwegen und im Feuerland die Palmen und an den Polen die Mandelbäume blühten, so würde das nicht nur botanische, sondern auch zoologische und ethnische Invasionen zeitigen. Nicht nur eine Summe von Veränderungen, sondern eine neue Harmonie, ein neuer Weltstil würde die Folge sein. .. 
Es ist anzunehmen, dass das Leben selbst auf Extreme noch eine Antwort, noch Reserven hat. Wir finden es in den Wüsten, in kochenden Quellen, an Eisrändern. Natürlich könnte auch die Vernichtung seiner organischen Formen das Leben nicht beeinträchtigen. Das Universum lebt. 
Quelle: An der Zeitmauer

Samstag, 5. September 2015

Ist die technische Zivilisation zum Verfall bestimmt? (Jan Patočka)

Zwar ist es wahr, dass diese Zivilisation das große innere Problem des Menschen - und zugleich ihr eigenes Problem - nicht gelöst hat, nämlich das Problem, nicht bloß zu leben, sondern echt menschlich zu leben, wie es die Geschichte mehr als einmal als Möglichkeit aufgezeigt hat. Die technische Zivilisation hat die Lösung dieses Problems sogar noch erschwert, denn in ihr ist die Möglichkeit einer Beziehung des Menschen zu sich selbst und damit zugleich zur Welt insgesamt und ihrem wesentlichen Geheimnis nicht vorgesehen. Ihre Konzepte verflachen das Denken, sie gewöhnen das Denken im tiefen, grundsätzlichen Sinne ab. Die technische Zivilisation bietet da Surrogate, wo wird des Echten bedürfen. .. Sie erschafft das Konzept einer Kraft, die allbherrschend ist, sie mobilisiert die gesamte Wirklichkeit zur Freisetzung der gebundenen Kräfte, zu einer sich in Konflikten von planetarischem Ausmaßen verwirklichenden Herrschaft der "Kraft". Der Mensch ist so äußerlich zugrunde gerichtet und innerlich verelendet, er ist um sein "Selbst" gebracht, um sein durch nichts ersetzbares Ich, er wird identifiziert mit der Rolle, die er spielt.
Auf der anderen Seite ist es aber ebenso wahr, dass diese Zivilisation ermöglicht, was keine vor ihr bieten konnte: ein Leben ohne Gewalt und in weitgehender Chancengleichheit. Nicht dass diese Zielstellung je ganz eingelöst worden wäre. Doch erst die technische Wissenschaft hat dem Menschen die Mittel an die Hand gegeben, die äußere Not zu bekämpfen. Nicht dass sich dieser Kampf gegen die äußere Not auf gesellschaftlichem Wege und mit den Mitteln, welche die technische Zivilisation zur Verfügung stellt, gewinnen ließe. Auch der Kampf gegen die "äußere" Not ist ein "innerer" Kampf. Aber die entscheidende Chance, die sich mit unserer Zivilisation eröffnet, besteht in der sich erstmals in der Geschichte bietenden "Möglichkeit", die Herrschaft der Kontingenz abzulösen durch die Herrschaft derer, die verstehen, worum es in der Geschichte geht.
Quelle: Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte