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Samstag, 31. Oktober 2015

Das Falkenbuch Friedrichs II. von Hohenstaufen

Von Ralf Keuper

Friedrich II von Hohenstaufen ist für viele Historiker, darunter Jacob Burckhardt, eine der herausragendsten Gestalten des Mittelalters. Er versetzte seine Mitwelt ins Staunen. Dabei war Friedrich der II. mehr als nur der mächtigste Herrscher Europas zu jener Zeit, sondern auch ein ungewöhnlich gebildeteter und vielseitig interessierter Mann, der eigene Forschungen betrieb, deren herausragendstes Beispiel das Falkenbuch ist. Viele sehen darin einen Vorläufer der modernen Wissenschaft, weil Friedrich II anhand eigener Beobachtungen und Versuchsanordnungen logische Schlussfolgerungen anstellte, die noch Jahrhunderte nach der Niederschrift des Falkenbuches bestätigt wurden. 


Georgina Masson schreibt über das Falkenbuch:
Für das Mittelalter war jedoch De Arte Venandi cum Avibus in vieler Hinsicht etwas ganz Neues. Vor dem gesammelten Schriftum der Zeit zeichnet das Werk sich aus durch wissenschaftliche Behandlung des Themas und die klare Anordnung, durch bewusstes Ausscheiden aller Tatsachen, die nicht durch Beobachtungen des Verfasser oder zuverlässiger Mitarbeiter erhärtet waren, sowie durch den einfachen und klaren Stil. Zweifellos verdankte es vieles der Zoologie des Aristoteles, die von Michael Scotus zu Beginn des Jahrhunderts übersetzt worden war; aber Friedrich zeigt sich mehrfach mit der Beschreibung, die Aristoteles von den Vögeln und ihren Gewohnheiten gibt, nicht einverstanden: "Wir sind dem Aristoteles gefolgt, wenn es sich schickte, aber in vielen Fällen, und besonders, wenn er von der Natur einiger Vögel schreibt, scheint er von der Wahrheit abgewichen zu sein. So konnten Wir Uns dem Fürsten der Philosophen nicht immer anschließen, da er ja selten oder nie Jagd betrieben hat, die Wir seit jeher geliebt und geübt haben". (in: Das Staunen der Welt. Friedrich II. von Hohenstaufen).
Scheinbar galt für Friedrich II. bereits das Postulat von Kant: Sapere Aude!

Samstag, 24. Oktober 2015

Mythisches Venedig (Michelangelo Muraro)

Die natürliche Umwelt Venedigs, das Wasser, sagt Goethe, war so stark, dass sie einen Menschentypus für sich schuf, verschieden von allen anderen. Auf diesen fast verlassenen Inseln war der Mensch Alleinherrscher. Venedig ist wie ein einziges großes Haus, worin man sich frei bewegt; eine Stadt, so sehr auf ihre Umwelt und ihr Lebensgefühl zugeschnitten, dass auch die heutige Zeit sie nicht grundlegend verändern konnte. In dieser Welt wird der Mensch nicht zu abstraktem Denken verleitet, sondern erwirbt sich, angesichts der drängenden Kräfte der Natur, des alles beherrschenden Wassers, der Unbilden der Witterung und des Windes, der sein Schiff treibt, einen Sinn für das Konkrete, Reale, sei es in seinen Beziehungen zu den Dingen oder zur Gesellschaft; er lernt das Leben und seine vielfältigen Gaben schätzen, bewahrt alles Vergangene und bewertet das Gegenwärtige, Gute, ist voll Aufschwung und Vertrauen, bereit, sein ganzes Wesen einzusetzen. Diese Liebe zur Wirklichkeit erklärt die beiden anderen Grundgegebenheiten der Seele Venedigs: die Achtung vor der Vergangenheit und den weltoffenen Charakter der ganzen Stadt.
Instinktiv folgt der Kaufmann nicht einem festen Schema, oder vorgefassten Ideen, sondern wählt das Gute da, wo er es findet. Er stellt nicht die Gegenwart kritisch der Vergangenheit gegenüber, noch verneint er die eine oder die andere. Deshalb sieht man in Venedig alte Traditionen weiterleben, während es sich gleichzeitig neuen und fortschrittlichen Ideen öffnet. Seine Geschichte ist die eines dauernden Wachstums, und so gut wie man niemals ein altes Gesetz aufhob, so gut wurden Denkmäler und Kunstwerke nicht ersetzt, nur weil sie der Vergangenheit angehörten. Venedig ist die Stadt des verständnisvollen Zusammenlebens und der unvorgesehensten Nachbarschaften, von welcher Berengo schreiben konnte: "Das Gesicht Venedigs ist das einer Stadt, die an der Grenze zwischen Europäern und Türken, Armeniern und Griechen, Katholiken und Protestanten, orthodoxen Juden und Muselmanen liegt". Die dauernde Gegenwart einer so lebendigen Vergangenheit ermöglichte jederzeit unvermutete, wertvolle Begegnungen, ahnungsvolle Blick in die Zukunft.
Quelle: Venedig und seine Kunstschätze 

Weitere Informationen:

Wenn Venedig stirbt. Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte

Dienstag, 20. Oktober 2015

Der deutsche Ingenieur - ein Auslaufmodell?

Von Ralf Keuper

Zugegeben: In letzter Zeit drängte sich einem häufiger der Eindruck auf, dass die deutsche Ingenieurskunst ihren Zenit überschritten hat. Vorläufiger Höhepunkt ist sicherlich der VW-Skandal, der - je nach Sichtweise - einmal mehr unter Beweis gestellt hat, wozu deutsche Ingenieure in der Lage sind. 

Dennoch erscheint es mir zu früh, den Abgesang auf den deutschen Ingenieur anzustimmen, wie in dem lesenswerten Beitrag Deutschlands Problem ist der deutsche Ingenieur. Das bedeutet nicht, dass das German (Over-)Engineering keine Generalüberholung benötigt. Es ist weitgehend zutreffend, dass deutsche Ingenieure mittlerweile vorwiegend in der Optimierung des Bestehenden brillieren und weniger in der Konstruktion von Produkten und Lösungen, die vielleicht nicht ganz perfekt sind, den Ansprüchen der Kunden aber genügen, ja sogar von ihnen weiterentwickelt werden. Was früher einmal als Bonmot in der Softwareentwicklung kursierte: Die Banane reift beim Kunden, ist heute an vielen Stellen Standard. 

Vor einigen Wochen schrieb ich in Deutsche Industrie: Auch digital "unkaputtbar" ?
Bisher basierte das deutsche Modell auf vergleichsweise langen Innovationszyklen, die genügend Zeit für die schrittweise Verbesserung, für German (Over-) Engineering ließen. Im digitalen Zeitalter gilt das häufig nicht mehr. Die Zyklen werden kürzer, die Produkte nicht selten nach der Auslieferung weiter bearbeitet. Ein Modus, den die Deutschen bisher nicht wirklich beherrschen. Hier gilt noch immer: Unsere Produkte sind, allein schon wegen ihrer hohen Qualität, selbsterklärend. Falls es doch mal Probleme gibt, rückt der Kundenservice aus - oder der Kunde muss in die Werkstatt. Was aber, wenn die Produkte im ersten Wurf gar nicht so perfekt sein und vielleicht auch gar nicht mehr diese Perfektionsgrad erreichen müssen, da ihre Lebensdauer ohnehin begrenzt ist? Stattdessen handelt es sich künftig um einen kontinuierlichen Formwandel. Die Gefahr besteht, dass sich die deutsche Industrie mit ihrem Hang zum Over Engineering in eine Komplexitätsfalle begibt, wie sie Jürgen Kluge u.a. in Wachstum durch Verzicht. Schneller Wandel zur Weltklasse: Vorbild Elektronikindustrie thematisiert haben
Noch vor wenigen Jahren waren mahnende Stimmen aus den Reihen einiger Wirtschaftsjournalisten zu vernehmen, wonach die wachsende Zahl von Finanzleuten an der Spitze einst von Ingenieuren geführter Unternehmen ein Abfall von alten bewährten Tugenden sei. Viele sehen in der Tatsache, dass Finanzprofis den Ton in vielen DAX-Unternehmen angeben, eine akute Gefahr für die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Bei der Gelegenheit macht auch häufig das Wort vom Managerismus die Runde. 

Wer mit Mitarbeitern sog. Hidden Champions spricht, bekommt häufig zu hören, dass die wachsende Zahl der Controller das eigentliche Problem ist. Dazu passt die Abrechnung von Bob Lutz, einem der führenden Automobilmanager der letzten Jahrzehnte, in seinem Buch Car Guys vs Bean Counters: The Battle For The Soul Of American Business. Legendär ist der Einfluss der Controller bei Bertelsmann. Den ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma veranlasste die hohe Zahl von Contollern bei Bertelsmann einmal zu der Bemerkung: 
In Gütersloh sitzt auf jedem Baum ein Controller.
Nicht wenige führen die Tatsache, dass Bertelsmann in den letzten Jahren den Anschluss an die Weltspitze in der Medienbranche verloren hat, auf den Einfluss der Controller zurück. Optimierung, Verbesserung des Bestehenden, risikoadverses Verhalten, geringe Investitionen in neue, dafür um so mehr in laufende Geschäftsmodelle sind die Folge. Clayton Christensen machte in seinem Buch The Innovator's Dilemma diese Haltung, die Bevorzugung vermeintlich sicherer Geschäftsfelder, dafür verantwortlich, dass neue Chancen übersehen werden und Investitionen in neue Geschäftszweige unterbleiben, bis es irgendwann zu spät ist. 

James Utterback erklärte das Verhalten einst erfolgreicher Unternehmen, die sich gegen Innovationen stemmen, wie folgt:    
Ein wiederkehrendes Muster der Fälle in dieser Studie liegt in der Häufigkeit, mit der sich mächtige Wettbewerber nicht nur gegen innovative Bedrohungen stemmen, sondern auch gegen alle Versuche, diese zu verstehen. Lieber gehen sie in Deckung und verschanzen sich mit ihren älteren Produkten. Das führt dann zu einem gewaltigen Anstieg von Produktivität und Leistungen, mit der die alte Technologie unter Umständen einen noch nie dagewesenen Aufschwung erlebt. Aber in den meisten Fällen ist das nur das letzte Aufbäumen für dem endgültigen Tod (in: Mastering the Dynamics of Innovation).
Ein besonders gutes Beispiel für diese Haltung ist derzeit die deutsche Automobilindustrie. 

Andererseits gilt für Utterback aber auch:
Established firms also carry the burden of large investments in people, equipment, plant, materials, and knowledge, all of which are closely linked to the established technology. It takes a rare kind of leaderhip to shift resources away from areas where one currently enjoys success to an area that is new and unproven (ebd.).
Sofern nicht einer oder mehrere Personen an der Spitze das Ruder herum reißen, kann die beste Ingenieurskunst, ob deutschen oder amerikanischen Ursprungs, daran nichts ändern. Der Vorteil von Unternehmen wie Amazon, Google und Apple besteht eben darin, dass hier wenige Personen die nötigen Befugnisse haben, um einen rechtzeitigen Kurswechsel vornehmen zu können. Dass es sich dabei um die Eigentümer handelt, ist kein Zufall. Ein angestellter Manager wird dieses Risiko nicht eingehen. Der Aufsichtsrat würde es kaum goutieren. 

Insofern führt die Zuspitzung auf den Berufsstand des Ingenieurs, so berechtigt die Kritik in einigen Punkten auch ist, am eigentlichen Problem vorbei.

Die Hypothesen der Forscher .. (Rudolf Eucken)

Die Hypothesen der Forscher wie die Spekulationen der Denker, die Erneuerungen in Moral und Religion, die umwälzenden Erfindungen der Technik, sie alle entsprangen in der Region freischaffender Tätigkeit, nicht in der Breite des vorgefundenen Daseins. 
Quelle: Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt

Sonntag, 18. Oktober 2015

Der Eindruck, welchen der Anblick der Natur in uns zurücklässt ( Alexander von Humboldt)

Der Eindruck, welchen der Anblick der Natur in uns zurücklässt, wird minder durch die Eigentümlichkeit der Gegend als durch die Beleuchtung bestimmt, unter der Berg und Flur, bald bei ätherischer Himmelsbläue, bald im Schatten tiefschwebenden Gewölkes, erscheinen. Auf gleiche Weise wirken Naturschilderungen stärker oder schwächer auf uns ein, je nachdem sie mit den Bedürfnissen unserer Empfindung mehr oder minder in Einklang stehen. Denn in dem innersten, empfänglichsten Sinne spiegelt lebendig und wahr sich die physische Welt. Was den Charakter einer Landschaft bezeichnet: Umriss der Gebirge, die in duftiger Ferne den Horizont begrenzen, das Dunkel der Tannenwälder, der Waldstrom, welcher tobend zwischen überhangende Klippen hinstürzt: alles steht in altem, geheimnisvollem Verkehr mit dem gemütlichen Leben des Menschen.
Quelle: Ansichten der Natur

Samstag, 17. Oktober 2015

A Course of Study in Analytical Thinking (Stephen Few)

Von Ralf Keuper

Stephen Few ist mit Edward Tufte einer der Pioniere der Datenvisualisierung. In seinen Veröffentlichungen und Vorträgen in aller Welt versucht Few die Menschen für die Möglichkeiten aber auch Fallstricke der verschiedenen Darstellungsformen großer Datenmengen zu sensibilisieren. Besonders argwöhnisch betrachtet Few den Hype um Big Data. Ohne entsprechendes methodisches Rüstzeug, so Few, bleiben auch die Anwendung der ausgefeiltesten Algorithmen weitgehend wirkungslos; ja sie können sogar ein schiefes Bild liefern. Insbesondere Visualisierungstechniken können das Dilemma noch verschärfen. 

Aus diesem Grund hat Few in dem Paper A Course of Study in Analytical Thinking die Methoden näher beschrieben, die er für unabkömmlich hält, um die technologischen und analytischen Werkzeuge zur Datenrepräsentation auf verantwortliche Weise einsetzen zu können, darunter:
  1. Whole Brain Thinking
  2. Critical Thinking
  3. Logical Thinking
  4. Scientific Thinking
  5. Statistical Thinking
  6. Systems Thinking
  7. Visual Thinking
  8. Ethical Thinking
  9. Data Sensemaking 

Sonntag, 11. Oktober 2015

Inwiefern die Maschine demütigt (Friedrich Nietzsche)

Die Maschine ist unpersönlich, sie entzieht dem Stück Arbeit seinen Stolz, sein individuell Gutes und Fehlerhaftes, was an jeder Nicht-Maschinenarbeit klebt, - also sein bisschen Humanität. Früher war alles Kaufen von Handwerkern ein Auszeichnen von Personen, mit deren Abzeichen man sich umgab: der Hausrat und die Kleidung wurde dergestalt zur Symbolik gegenseitiger Wertschätzung und persönlicher Zusammengehörigkeit, während wir jetzt nur inmitten anonymen und unpersönlichen Sklaventums zu leben scheinen - Man muss die Erleichterung der Arbeit nicht zu teuer kaufen. 
Quelle: Menschliches, Allzumenschliches 

Einige interessante Beiträge der letzten Zeit aus Philosophie und Wissenschaft #20

Von Ralf Keuper

Wiederum eine kurze Aufstellung von Beiträgen aus den Bereichen Philosophie und Wissenschaft, die mir in den vergangenen Tagen/Wochen aufgefallen sind:

Wie viel Wissenschaft steckt im Wein?

Samstag, 10. Oktober 2015

Zum Begriff "Weg" im Rahmen der japanischen Künste (Horst Hammitzsch)

Von Ralf Keuper

Horst Hammitzsch zählte in Deutschland zu den besten Kennern der japanischen Kulturgeschichte. Zu seinen schönsten Werken gehört ZEN in der Kunst des Tee-Weges. In seinem Aufsatz Zum Begriff "Weg" im Rahmen der japanischen Künste beschreibt Hammitzsch die verschiedenen Stadien der japanischen Kultur anhand der Stellung, welche die Lehre vom Weg darin einnahm: 
Auffällig ist hierbei, daß wir zunächst den Begriff nur im Sinne einer handwerklichen oder geistigen Kunstfertigkeit und deren Entwicklung verwendet finden. Wenn zum Beispiel die Gelehrten die Wissenschaft „zum Wege machen”, so bedeutet dies zunächst nur, daß sie die Wissenschaft ausüben. Ein Bewußtsein bestimmter ethischer oder moralischer Werte läßt sich noch nicht feststellen. Aber das Bild ändert sich bald. Der festländische Einfluß wird stärker, die Beschäftigung mit den chinesischen Geistesgütern intensiver. So erfahren auch die bereits vorhandenen WEGE eine geistige Unterbauung, die Gedanken mannigfachster Prägung aufzuzeigen beginnt. Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus haben hieran eben-so einen Anteil wie die Lehre vom Yin und Yang. Die Lehre von den fünf menschlichen Beziehungen, von den fünf Kardinaltugenden, vom himmlischen Auftrag, vom Wege der Weisen und Heiligen, von der Ordnung des Universums — sie alle tragen mit bei, dem Begriff WEG einen für den Japaner neuen Inhalt zu geben. 
Ein wichtiger Entwicklungsschritt war die Heian-Zeit, in der die Kunst des Weges neue Gebiete erschloss:
Hier hatte der staatlich-politische Wesenszug dem kulturellen Platz gemacht. Alle Studien und Künste werden jetzt als WEG bezeichnet. Der WEG erlebt also eine Differenzierung in der Art, daß eine jede Kunstfertigkeit nach einem ihren Zielen ureigenen WEG strebt, der für das Praktizieren der jeweiligen Kunst wie auch für das Theoretisieren über diese gilt. Man hat den Begriff WEG jetzt als einen festen Bestandteil des praktischen und geistigen Wirkens zu werten. Daneben finden wir, die Gesamtheit der Künste einschließend, Ausdrücke wie „alle Wege insgesamt” (shodô [6], yorozu no michi).
Um die Lehre vom Weg von Generation zu Generation weiterzugeben gewann die Traditionspflege an Bedeutung. 
Der Tradition eines WEGES oder der jeweilige Weg als Tradition weist seine eigene Form auf, die von den Formen anderer WEGE verschieden ist. Tradition im japanischen Sinne ist nicht das Weitergeben der erreichten Ergebnisse eines Meisters und das Weiterbauen auf diesen Ergebnissen. Tradieren heißt, den Meister in seiner Ganzheit weitergeben. Und diese Ganzheit muß „nachgelebt” werden. Was also tradiert wird, das ist nicht allein das bereits Ausgereifte eines WEGES, auch das Nicht-Reife, das noch Wachsende ist es. Denn dieses ist für die Ganzheit des WEGES von gleicher Wichtigkeit, weil sonst der Schüler, der Lernende, der selbst die Reife noch nicht besitzt, die Stufen, welche zu dieser hinanführen, nicht finden kann.
Während seiner Lehrzeit gibt der Schüler jeglichen Anspruch auf eigene Schöpfung, auf Freiheit des Ausdrucks auf:
Ein Schüler muß sich also zunächst streng an die Tradition halten. Es wird ihm auf diesem Wege keine, aber auch nicht die kleinste Freiheit gestattet. Seine Aufgabe besteht darin, das Überlieferte in seiner Ganzheit zu erfassen. Er wird gezwungen, sich jeglicher Willkür bei seiner Arbeit zu enthalten. Nur auf diese Weise ist es ihm möglich, auf seinem jeweiligen Studiengebiet schließlich zu eigenen Leistungen zu gelangen. Hat der Schüler auf dem WEGE seine Willkür bezwungen, sein Selbst geschult, dann kommt er schließlich dahin, daß er an eigne Schöpfungen denken kann. Er besitzt dann die Sicherheit, zu entscheiden, ob diese einen Ewigkeitswert (makoto) haben. Kann er eine solche Unterscheidung fällen, dann wird sich sein Künstlertum von selbst in den rechten Bahnen entfalten, dann hat er die Reife eines Meisters. Jetzt ist es soweit, daß er auch reif ist für die letzten Feinheiten des WEGES, und diese dann als mündliche Lehre (kuden) oder als Geheimlehre (hidenr[7]) überliefert erhält. 
Erst wenn der Schüler die Lehre verinnerlicht hat, kann er dazu übergehen, selbst schöpferisch zu werden:
So erhält der WEG von der Kamakura-Zeit an immer mehr die Aufgabe, die Erfahrungswelt gegenwärtiger und verstorbener Meister in ihrer letzten Essenz zu wahren und im Sinne eines ishin-denshin weiterzugeben und dabei die Tradition frei zu halten von allem Unechten, Verfälschten durch eine nach einer jeden Seite hin eindeutig festgelegte Form des Praktizierens. Er nimmt denjenigen, der auf ihn dahinschreiten möchte, im Anfang jegliche Freiheit und fordert strengste Selbstzucht bis das Ziel handwerklichen Könnens der jeweiligen Kunst, welches die Voraussetzung jedweder schöpferischer Gestaltung ist, erreicht worden ist. Dann läßt er dem nun auch geistig Gereiften die letzten Lehren empfangen und gibt ihm eine Freiheit zurück, die größer ist als die der kleinen persönlichen Willkür, die Freiheit vom Ich. 
So weit das Ideal.

An dieser Stelle sollen die Risiken der ZEN-Lehre, d.h. die vollständige Aufgabe des Ich, nicht unerwähnt bleiben. Wie die Beispiele von Hammitzsch, Herrigel, Dürckheim und Suzuki zeigen, macht diese Haltung empfänglich für totalitäre Ideologien, ein Punkt, auf den Ludger Lütkehaus in Krieg ist mitfühlendes Töten und Victor & Victoria Trimondi in Wie Zen den Faschismus veränderte – Zu den Zen-Vorträgen von Willigis Jäger und Michael von Brück zu Recht hinweisen. 

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Mainstreaming, oder: Die Universalierung des Meinungshaften (Joseph Vogl)

Vielleicht ist aber in den letzten 30 Jahren eine weitere Form von Vereinfachung hinzugetreten, die sehr stark mit den westlichen Wettbewerbsgesellschaften zusammenhängt: Das Mainstreaming, also die Tendenz, alle Bereiche des sozialen Lebens, der Kultur, der Politik mit Wettbewerbsszenarien und ihrem Anpassungsdruck in Verbindung zu bringen: die Universalierung des Meinungshaften.
Quelle: "Universalierung des Meinungshaften" Joseph Vogl über das Verhältnis von Wissen, Philosophie und Wissenschaft

Die (unterschätze) Macht der Technostruktur (John Kenneth Galbraith)

Die Macht im Geschäftsleben und die gesellschaftliche Macht liegen nicht mehr bei Einzelpersonen, sondern sind auf Organisationen übergegangen. Und die moderne Wirtschaftsgesellschaft kann man überhaupt nur als einen im ganzen erfolgreichen Versuch verstehen, auf dem Wege der Organisation eine künstliche Gruppenpersönlichkeit zu schaffen, die für ihre Zwecke einer natürlichen Person weit überlegen ist und zudem noch den Vorzug der Unsterblichkeit genießt. ...
Die wirkliche Errungenschaft der modernen Wissenschaft und Technologie besteht darin, dass man ganz normale Menschen nimmt, sie auf einem eng begrenzten Sachgebiet gründlich schult und dann durch entsprechende organisatorische Vorkehrungen dafür sorgt, dass ihr Wissen mit dem anderer, ebenso gründlich geschulter Spezialisten - und ebenso normaler Menschen - vereint wird. Auf diese Weise wird Genie entbehrlich. ..
Wenn von einer Gruppe Macht ausgeübt wird, dann geht die Macht unwiderruflich auf diese Organisation über. ..
Sowohl aus der Tendenz einer Verlagerung der Entscheidungsgewalt auf untere Ebenen der Firmenorganisation wie auch aus der Notwendigkeit, die Autonomie der Gruppe zu wahren, folgert, dass die rein formell ranghöchsten Angehörigen einer Organisation - zum Beispiel der Präsident von General Motors oder General Electric - nur eine bescheidene effektive Entscheidungsgewalt ausüben. Das bedeutet nicht, dass sie ohne Macht sind. Nur ist diese Macht auf jeden Fall geringer als der allgemeine Eindruck, die Firmenpropaganda oder gelegentlich auch die persönliche Eitelkeit zu erwecken versuchen. .. Das nominelle Haupt einer großen Kapitalgesellschaft ist eine sichtbare, greifbare und verständliche Größe, auch wenn es nur mit geringfügiger Macht ausgestattet ist und sich vielleicht schon im ersten Stadium der Pensionierung befindet. Es ist verlockend und für das Firmen-Image vielleicht sogar wertvoll, ihm eine Entscheidungsgewalt zuzuschreiben, die tatsächlich von einem langweiligen, schwer zu begreifenden Kollektiv ausgeübt wird. ...
Stets tragen die Menschen entweder die Organisation oder werden von ihr getragen. .. Wer aufgrund seiner Organisation Ansehen genießt, wird fast unweigerlich diese Verdienste der eigenen Persönlichkeit zuschreiben. Hierfür gibt es einen unfehlbaren Test: Man muss nur beobachten, was aus dem einzelnen wird, wenn er aus der Organisation ausscheidet. ... Doch für niemanden ist der Übergang so drastisch wie für den Wirtschaftsführer. .. Nach seinem letzten Flug im firmeneigenen Privat-Jet bleibt ihm nur noch ein Ehrenamt im Aufsichtsrat und manchmal nicht einmal das. Niemand interessiert sich für seine Memoiren; Wohltätigkeitsgesellschaften verlangen nach einem Mann, der noch mit beiden Beinen im Wirtschaftsleben steht; nur in der Kirche kann er noch eine öffentliche Aufgabe erfüllen, erst am Tag nach seinem Ableben wird sein Name wieder in den Zeitungen stehen. 
Quelle: Die moderne Industriegesellschaft 

Weitere Informationen:

Technostruktur

Konfiguration von Mintzberg

Der tiefe Fall der hochmütigen Manager 

Sonntag, 4. Oktober 2015

Auf der Suche nach dem Master Algorithmus

Von Ralf Keuper

Es ist mal wieder so weit: Die Erlösung von monotoner geistiger und körperlicher Arbeit ist zum Greifen nah. Diesmal heisst das Allheilmittel Master Algorithm

In seinem Buch The Master Algorithm. How the Quest for the Ultimate Learning Machine Will Remake Our World erläutert Pedro Domingo, dass besonders leistungsfähige Algorithmen dabei sind, die Kontrolle über weite Teile unseres Alltags zu übernehmen. 

In einem Interview stellte Domingo die These seines Buches vor:
My thesis is that there is a learning algorithm that can discover any knowledge from data. All the knowledge that human beings have, acquired by experience and evolution, and all the future knowledge that we have yet to acquire like curing cancer — all of this can be learned by an algorithm. There are reasons for and against this idea, and I discuss them in the book. But at the end of the day, we’re only going to find out if I’m right by trying.
David Auerbach bezeichnet die Gedanken Domingos in seiner Besprechung The Programs That Become the Programmers als die erste allgemeine Theorie des Maschinellen Lernens (Machine Learning). 

Seine Überlegenheit bezieht der Master Algorithmus laut Domingo aus ständigem Feedback, was dazu führt, dass über kurz oder lang falsche Angaben oder Fehler erkannt werden und Lernen sich einstellen kann. 

Die Idee des Master Algorithm hat große Ähnlichkeit mit dem End of Theory von Chris Anderson. Im Grunde läuft das auf einen Datenpositivismus hinaus (Vgl. dazu: Machen Daten uns frei?). Daten wären demnach neutral und eindeutig. Tiefergehende Analysen, Interpretationen durch Menschen sind überflüssig bzw. kontraproduktiv. Letztendlich strebt der Master Algorithmus die Überwindung des Gödelschen Theorems an. 

Ein recht ambitioniertes Unterfangen ;-)

Netter Versuch. 

Samstag, 3. Oktober 2015

Das Automobil - vom Abstieg eines Superstars #2

Von Ralf Keuper

Das Automobil und mit ihm die klassischen Automobilhersteller gehen schweren Zeiten entgegen. Das ist die wichtigste Lehre aus dem Abgasskandal von VW. Nicht deshalb, da dieser Skandal zu einem radikalen Umdenken führen wird oder das Unternehmen VW seine Existenz kosten könnte - keines von beiden. Ein echter Kulturwandel ist bei VW, man schaue sich allein die Wahl des neuen Vorstandschefs an, ebenso wenig in Aussicht, wie die zu erwartenden Strafzahlungen nicht den Ruin von VW bedeuten werden. Ebenso wie in der Bankenbranche gilt auch hier, dass kein Skandal, sei er auch noch so groß, die Existenz eines führenden Unternehmens oder gar der Branche insgesamt gefährden kann.

Gefährlich wird die Situation dann, wenn Alternativen zur Verfügung stehen, sich das Mobilitätsverhalten der Menschen, ihre Beziehung zum Auto, gravierend wandeln. Dieser Fall ist inzwischen eingetreten. Mit Apple, Google und Tesla stehen jetzt oder schon bald Alternativen bereit. Derweil versuchen die Automobilhersteller mit verschiedenen Maßnahmen, u.a. über ihre politischen Verbindungen, die Lebensdauer ihres Geschäftsmodells zu verlängern. Schon heute werden die meisten Autos der sog. Premiumhersteller auf Pump, meistens über Leasing als Firmenwagen, verkauft. Der Staat subventioniert mit der steuerlichen Sonderbehandlung von Firmenwagen bereits schon jetzt die Automobilindustrie. 

Zu lange hat die Automobilindustrie auf ihre Systemrelevanz vertraut. Die Quittung kommt auf unterschiedliche Weise. 

Weitere Informationen:

Das Automobil - vom Abstieg eines Superstars

Hat Deutschland noch das richtige "Geschäftsmodell"?



VW in den Medien

Wie sich etablierte Branchen gegen Innovationen stemmen (James Utterback)

Freitag, 2. Oktober 2015

Deutschland ist zu monothematisch

Von Ralf Keuper

Es gibt nicht wenige, die Deutschland eine bzw. die zentrale Rolle in Europa zuschreiben. Sollte das zutreffend sein, worüber man durchaus streiten kann, dann decken sich Anspruch und Wirklichkeit nur sehr rudimentär. 

In Wahrheit ist es so, dass wohl kaum ein Land Europas so monothematisch aufgestellt ist, wie Deutschland. Beispielhaft dafür ist für mich der Rummel um die Sportart Fussball und hier insbesondere um die 1. Fussballbundesliga mit dem fast schon "ewigen Meister" Bayern München und seinen Verfolgern. Wie gut, dass nächstes Jahr wieder eine EM ist. Andere Sportarten, vor allem der Breitensport, tauchen in den Berichterstattungen nur am Rande auf. 

Ähnlich sieht es in der Wirtschaft aus. Wenn der Abgasskandal bei VW eines gezeigt hat, dann, wie die Automobilbranche gehätschelt wurde und wird. Eine Analyse der Berichterstattung zum Thema Verkehr, kam zu dem nicht ganz überraschenden Ergebnis, dass darin zu 97% von Autos die Rede ist. Andere Verkehrsmittel oder Konzepte kommen kaum zur Sprache. 

Es kommt wohl nicht ungefähr, dass Automobilkonzerne zu den Hauptsponsoren im Profifussball zählen, allen voran VW mit seinem Engagement bei Bayern München, dem VfL Wolfsburg und dem FC Ingolstadt. 

Das ist schlicht zu wenig Diversität, wie sie sich in dieser Form eine Wirtschafts- und Kulturnation wie Deutschland nicht leisten kann, wenn sie in Zukunft eine relevante Rolle in Europa und der Welt spielen will.